Es ist eine der stillsten atlantischen Hurrikansaisonen seit Menschengedenken. Und sie ist gleichzeitig der beste Beweis dafür, dass die Atmosphäre sich nicht an die einfachen Narrative hält, die uns täglich serviert werden. Wer verstehen will, was diesen Sommer in Europa passiert ist, muss auf den Pazifik schauen.
Was hat das Ausbleiben der Hurrikane verursacht? Die nüchternen Zahlen zuerst, denn sie sprechen für sich:
- Laut dem North Atlantic Tropical Weather Summary des National Hurricane Center waren bis zum 23. September 2026 gerade einmal 6 benannte Stürme entstanden – und kein einziger Hurrikan. Die Accumulated Cyclone Energy (ACE), der Maßstab für tatsächliche Sturmaktivität, lag bei 6,3 Einheiten – ein Minus von 92 % gegenüber dem Mittel 1991–2020.
- Die NOAA hielt im August 2026 an ihrer Prognose von 75 % Wahrscheinlichkeit für eine unterdurchschnittliche Saison fest.
- Die Colorado State University (Klotzbach et al., August 2026) erwartete eine Saison mit etwa 40–45 % der normalen Aktivität – und benannte den Grund unmissverständlich.
Der Grund heißt El Niño. Ein ungewöhnlich starker, sich weiter intensivierender El Niño im tropischen Pazifik erzeugt über die Verschiebung der Walker- und Hadley-Zirkulation eine extreme vertikale Windscherung über dem tropischen Atlantik. Die FSU-Forscherin Wing fasst es zusammen: „Vertikale Windscherung ist schlecht für Hurrikane. Sie macht es schwerer, dass sie sich bilden, schwerer, dass sie sich intensivieren.“
Eine Analyse vom September 2026 bringt die Mechanik auf den Punkt: In der Region zwischen Afrika und Karibik lag die Windscherung rund 72 km/h über dem, was ein tropischer Zyklon überhaupt überstehen kann. Eine dreifache Wirkung – abschneidende Höhenwinde, trockene Luft, absinkende Luftmassen – erstickt jeden Ansatz im Keim.
Weitere hemmende Faktoren
- Sahara-Staub und trockene Luft aus Afrika: Zusätzliche Staub- und Trockenluftmassen behindern die Entwicklung.
- Schwächere tropische Wellen aus Afrika: Eine Dürre in Äthiopien hat die Bildung starker Gewittercluster und tropischer Wellen über Westafrika reduziert, die sonst oft die Keimzellen für atlantische Stürme bilden.
Hohe Ozeantemperaturen
Warmes Atlantikwasser – die Weltmeere waren 100 Tage lang auf Rekordtemperatur – ist normalerweise Treibstoff für Hurrikane. Und trotzdem: keine Hurrikane. Die Standarderzählung, wonach „warmes Wasser = mehr und stärkere Stürme“, ist zu simpel. Wie der MIT-Meteorologe Kerry Emanuel zeigt, zählt weniger die absolute Wassertemperatur als der Temperaturunterschied zwischen Ozean und Atmosphäre – und der war wegen El Niño klein.
Es ist ein Beleg dafür, dass das Klimasystem ein chaotisches, multi-faktorielles System ist, in dem natürliche Zyklen wie ENSO kurzfristig alles dominieren können.
Auswirkungen auf Sommer und Trockenheit in Mittel- und Westeuropa
Der entscheidende Mechanismus war eine hartnäckige Blockadelage, teils als Omega-Blockierung. Der CEDIM-Bericht des KIT zur Juni-Hitzewelle beschreibt: Die Westwindströmung wurde unterbrochen, subtropische Warmluft strömte wiederholt nach Europa. Es war also deutlich wärmer, die angeblichen Rekordtemperaturren waaren aber teils durch Messstationen in den sogenannten UHI – Urnane Hitze Inseln – bestimmt.
Die Dürre war regional unterschiedlich. Der UFZ-Dürremonitor zeigt eine klare Zweiteilung:
- Norden Deutschlands: nur leichte Dürrephasen
- Süden: langanhaltende, extreme Dürre über den gesamten Sommer
- Niederschlagsdefizite von über 60 % im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb
Dazu kamen Rekordniedrigwasserstände an Rhein, Donau, Po, Loire, Rhône und Seine – die stärksten seit Beginn der Erfassung 1992. Und die Waldbrandsaison in der EU war bis Anfang September fast doppelt so groß wie im Schnitt 2006–2025.
Und der El Niño-Zusammenhang?
Der Sommer über Europa wurde nicht direkt vom El Niño verursacht. Die dominante Ursache war die persistente Blockadelage über Westeuropa in Kombination mit rekordwarmen Meeren – Mittelmeer-Anomalien lokal bis zu 8 K über dem Mittel, wie der CEDIM-Bericht dokumentiert. Die wärmeren Meere lieferten Feuchtigkeit und verhinderten nächtliche Abkühlung.
El Niño wirkt auf Europa indirekt und zeitversetzt – vor allem über den Jetstream im Herbst und Winter. Der Sommer 2026 war primär ein europäisches Zirkulationsphänomen auf einem bereits aufgeheizten Grundzustand.
Was können wir für Herbst und Winter erwarten?
Die saisonalen Modelle zeichnen ein Bild, das Spannung verspricht – und jede Menge Unsicherheit.
Ein „Super-El-Niño“
Die WMO spricht inzwischen von einem sehr starken Ereignis mit nahezu 100 % Wahrscheinlichkeit, dass El Niño bis Februar 2027 bestehen bleibt. Das britische Met Office geht noch weiter und bezeichnet die Entwicklung als möglicherweise stärkstes Ereignis seit dem 19. Jahrhundert. Der Niño-3.4-Index lag Mitte August zeitweise bei +2,7 °C.
Grundtendenz: mild, nass, stürmisch
Die ersten saisonalen Berechnungen zeigen für Europa eine überdurchschnittliche Temperaturtendenz mit viel Atlantik-Einfluss. Meteorologe Jan Schenk erwartet laut Merkur einen stürmischen November und eine „sehr starke Westwindsaison“ – mild, nass, wenig Schnee im Flachland.
Das europäische ECMWF- und das britische UKMO-Modell stimmen überein: deutlich weniger Schnee als im Mittel, außer in Höhenlagen über 1.800–2.000 m.
Der große Unsicherheitsfaktor: der Polarwirbel
Einige Langfristberechnungen zeigen Hinweise auf einen zeitweise gestörten oder geschwächten Polarwirbel, besonders Richtung Januar. Wird er gespalten, kann sich die Zirkulation komplett umstellen und arktische Kaltluft weit nach Süden vorstoßen.
Dazu kommt ein warmes Mittelmeer – im westlichen Mittelmeer im August lokal bis zu 6 °C über dem Mittel. Das ist ein enormer Energiespeicher. Trifft Kaltluft auf dieses warme Wasser, kann eine explosive Tiefdruckentwicklung entstehen – mit heftigem Regen oder, im richtigen Setup, auch größeren Schneefällen.
Später im Winter 2026/27 besteht ein erhöhtes Risiko für einen Kälteeinbruch (besonders in Nordeuropa), was den Energiebedarf stark steigen lassen könnte – und das bei ohnehin angespannter Gaslage (Speicherstände unterdurchschnittlich).
Die drei Szenarien
- West-/Südwestwetterlage: mild bis warm, windig, niederschlagsreich – der „Supermildwinter“
- Meridionale Lage mit Blockade: wechselhaft, große Temperaturgegensätze, markante Kalt- und Warmluftvorstöße
- Persistente Blockade: längere kalte oder warme Phasen, je nach Position – mit Potenzial für echte Wintereinbrüche
Schaun mer mal, was der Atlantik entscheidet.
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3 Kommentare
Ein Bericht vor Ort:
Ich bin gerade in Chile an der Küste, höhe Santiago.
Der nasseste Winter seit langem, die Kühe freut es, alles schön grün.
Gleichzeitig ist das Tiefdruckgebiet das normalerweise beständig in der Höhe von Patagonien liegt mindestens 1000 km nach Norden verschoben. Das Wasser ist außergewöhlich warm, bestimmt 18°, ca. 14° sind in La Niña Jahren normal.
Der Humboldstrom macht seinen Job nicht und mit dem fehlenden kalten Wasser verschwinden auch die Fische an der Küste.
Die Fischer klagen sehr, aber sie wissen auch, es geht vorbei.
Die verschiebung der Tief und das warme Wasser lässt auch den kalten Südwind, der sonst hier in den Sommermonaten vorherscht verschwinden. Sehr zum Leidwesen der vielen Windsurfer und Kiter die jedes Jahr die Region um Navidad besuchen. Die Vermietung von Ferien Cabañas läuft entsprechend bescheiden.
Ja, El Niño ist real.
Aber „Der stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen“ bedeutet gar nichts.
Was denken wir größenwahnsinnigen Menschlein wer wir sind?
Mutter Erde macht was sie will und schert sich einen Dreck um unser Geschwätz.
Es ist Wetter und nach Regen kommt Sonne.
Nichts Genaues weiß man nicht. Aber das wissenschaftlich.
mmm, es liest sich eher wie ein Horoskop – irgendwas davon wird zumindest teilweise eintreten und so war die Prognose auch „richtig“
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