Westjordanland-„Ultra-Apartheid“ – und das kollusive internationale Schweigen

1. September 2026von 6,6 Minuten Lesezeit

Dies ist eine Zusammenfassung des neuesten Artikels von Dr. Dan Steinbock. Er ist Autor von wichtigen Büchern zum Verständnis des derzeitigen Konflikts in Westasien. Seine Bücher „Die Auslöschungsdoktrin“ und „Der Untergang Israels“ sind aus dem Blickwinkel eines Wissenschaftlers geschrieben, der wichtige Protagonisten Israels und der PLO persönlich kannte, und die Geschichte Israels in einer Weise zusammenfasst, wie man sie sonst nicht findet.

Dan Steinbock beginnt mit einer These, die den gesamten Text trägt: Was in Gaza mit offener militärischer Gewalt geschah, vollzieht sich im Westjordanland schrittweise – aber mit demselben Endziel: der Vertreibung der Palästinenser. Siedlungsexpansion, Landraub, wirtschaftliche Erdrosselung, Siedlergewalt und erzwungene Vertreibung prägen den Alltag, begünstigt durch das Zusammenwirken von israelischem Militär und Polizei mit messianisch-rechtsextremen Siedlern, die ihre Gewalt gegen Palästinenser als göttlichen Auftrag zur „Endgültigen Erlösung“ verstehen.

Vertreibung wird zum System

Die von Steinbock zitierten UN-Zahlen für 2026 sind eindeutig: Bis zum 10. August wurden 76 getötete Palästinenser im Westjordanland registriert, darunter 18 Kinder. Rund 3.800 Menschen wurden durch Siedlergewalt, Abrisse und Räumungen vertrieben – fast die Hälfte davon Kinder. Mehr als 1.430 Übergriffe von Siedlern betrafen etwa 260 palästinensische Gemeinden. Entscheidend ist laut Steinbock nicht nur die Gewalt selbst, sondern ihre gezielte Stoßrichtung: Wohnhäuser, Ackerland, Vieh, Wasser- und Stromversorgung werden systematisch angegriffen.

Besonders scharf zitiert er den israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der in einem Podcast dazu aufgerufen habe, in Gaza jede Nacht „30 bis 40“ Palästinenser zu töten – eine Haltung, die er auch auf das Westjordanland überträgt. Solche Aussagen seien, so Steinbock, längst keine Randerscheinung mehr, sondern Ausdruck einer neuen Normalität: Laut OCHA lag die tägliche Vertreibungsrate 2026 im Schnitt bei 17 Personen – doppelt so hoch wie im Durchschnitt der drei Vorjahre. Seit 2023 seien 127 Gemeinden ganz oder teilweise von Vertreibung betroffen, 47 vollständig geräumt worden.

Die wirtschaftliche Dimension unterstreicht den demografischen Druck: Die UNCTAD beziffert den Rückgang des Westjordanland-BIP 2024 auf 17 Prozent; das kumulierte, durch die Besatzung verhinderte palästinensische BIP von 2000 bis 2024 summiere sich auf 170,8 Milliarden US-Dollar – etwa das 17-Fache des BIP von 2024. Die Siedlungsökonomie in Area C und Ost-Jerusalem habe dagegen 2024 rund 53 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet.

Die „große Konjunktur“

Steinbock verweist auf sein eigenes Buch The Fall of Israel (2024) – in Deutsch „Der Untergang Israels“, in dem er bereits vor dem 7. Oktober 2023 vor einer eskalierenden Krise gewarnt hatte. Sein Konzept der „großen Konjunktur“ beschreibt vier ineinandergreifende Strukturkräfte: die palästinensischen Vertreibungswellen seit den 1940er-Jahren, die aggressive Siedlungsexpansion durch den messianischen Rechtsextremismus, ein halbes Jahrhundert gescheiterter US-Diplomatik, die aus einer Partnerschaft eine regelrechte Symbiose gemacht habe, und schließlich Washingtons massive Militärhilfe, die Israels Sicherheitsapparat auf Kosten von Wirtschaft, Politik und Militär aufgebläht habe.

Seit dem 7. Oktober 2023 habe Washington mindestens 22 Milliarden US-Dollar an direkter Militärhilfe sowie bis zu 12 Milliarden US-Dollar für eigene Militäroperationen in der Region bereitgestellt. Steinbock verweist dabei auch auf Berichte über das, was er als Ökozid in Gaza und im Libanon bezeichnet, sowie auf die gezielte Tötung palästinensischer Kinder. Bemerkenswert sei, dass selbst der über Jahrzehnte stabile überparteiliche US-Konsens zur Unterstützung Israels inzwischen zerbrochen sei – allerdings erst, nachdem Gaza bereits verwüstet war.

Von ethnischer Säuberung zu „Ultra-Apartheid

Steinbock argumentiert, die Vertreibungslogik sei kein Zufallsprodukt, sondern seit dem Allon-Plan der Arbeiterpartei nach 1967 über die Likud-Ära bis zur messianischen Rechten ein durchgehendes politisches Instrument: Landnahme, Fragmentierung palästinensischen Raums, wirtschaftliche Zermürbung, im Zweifel Massaker, Ausweitung jüdischer Besiedlung und schließlich die Umwandlung der Besatzung in dauerhafte Souveränität. Er verweist auf Analysen zu Landraub und Siedlergewalt, die zeigten, wie materielle Interessen an Grundstücken, Subventionen und Immobilien eigene Interessengruppen an der Vertreibung schaffen.

Den Kern seiner Analyse bildet der Begriff „Ultra-Apartheid“. Das klassische südafrikanische Apartheidsystem sei brutal ausbeuterisch, aber letztlich auf Anpassung ausgelegt gewesen: Die schwarze Bevölkerung sollte wirtschaftlich nutzbar bleiben, ihr Einkommen im Verhältnis zur weißen Bevölkerung stieg zwischen 1948 und 1994 sogar von 8,6 auf 13,5 Prozent. Israels System gehe darüber hinaus: unterschiedliche Rechtssysteme, Militärherrschaft, Checkpoints, Gebietszersplitterung und eingeschränkte Bewegungsfreiheit für Palästinenser, während jüdische Siedler in denselben Gebieten dem zivilen israelischen Recht unterliegen. Der entscheidende Unterschied zum südafrikanischen Modell liege im Zweck: Während Apartheid auf dauerhafte Kontrolle und Ausbeutung zielte, sei das israelische System ein Übergangsinstrument zur Vertreibung und Enteignung.

Diese Fragmentierung, so Steinbock, sei kein bloßer Zustand, sondern der Mechanismus, mit dem territoriale Annexion politisch und physisch irreversibel gemacht werde – daher „Ultra-Apartheid“: Apartheid plus Vertreibungslogik. Ziel sei letztlich die ethnische Vertreibung, im Zweifel bis hin zu genozidalen Gewaltakten.

Smotrichs „Entscheidungsplan

Finanzminister Bezalel Smotrich kontrolliert laut Steinbock über die Zivilverwaltung, Landdeklarationen und Siedlungsgenehmigungen faktisch bereits die Annexion. Sein bereits 2017 in religiös-zionistischen Zirkeln vorgestellter „Entscheidungsplan“ lehnt jede Teilung und jede Form eines palästinensischen Staates ab und zielt auf einen einzigen jüdischen Staat „vom Fluss bis zum Meer“. Smotrich beruft sich dabei auf biblische Erzählungen – etwa die Aufforderung Josuas an die Bewohner des Landes, sich zu unterwerfen, zu fliehen oder zu kämpfen –, die er wörtlich, nicht als Allegorie versteht. Seit dem 7. Oktober treibe er eine „nicht ganz freiwillige“ Bevölkerungsverlagerung voran.

Die anstehende israelische Wahl im Oktober 2026 verschärft laut Steinbock die Dynamik: Vier von zehn jüdischen Israelis befürworten inzwischen die vollständige Annexion des Westjordanlands, 55 Prozent wollen alle Siedlungen unter israelischer Souveränität behalten – ein Ergebnis, das er direkt als Netanjahus Vermächtnis bezeichnet. Auch die politische Mitte bewege sich damit nicht auf eine Zwei-Staaten-Lösung zu, sondern weiter davon weg – gestützt durch anhaltende US-Unterstützung.

Drei Zukunftsszenarien

Steinbock skizziert abschließend drei mögliche Entwicklungspfade:

1. Beschleunigte Annexion und „stiller Transfer“ (wahrscheinlichstes Szenario): Der gegenwärtige Trend setzt sich fort – Siedlungen wachsen, Außenposten werden legalisiert, Area C wird schrittweise absorbiert, palästinensischer Bauwohnraum bleibt blockiert, Siedlergewalt bleibt weitgehend ungeahndet. Eine formelle Annexionserklärung wäre dabei gar nicht mehr nötig, da Fakten vor Ort dasselbe Ergebnis erzielen. Eine rechtslastige Regierungskoalition nach der Oktoberwahl würde diesen Pfad eher verstärken. Was aber langfristig zum Untergang des derzeitigen Regimes führen wird.

2. Verwaltete Eindämmung statt Frieden: Eine pragmatischere Koalition könnte unter internationalem Druck die Siedlungserweiterung bremsen und palästinensischen Wirtschaftszugang teilweise wiederherstellen, ohne jedoch die Siedlungsarchitektur abzubauen oder palästinensische Souveränität anzuerkennen – im Kern eine Neuauflage des Allon-Plan-/Bantustan-Modells, die das System nur vorübergehend stabilisiert.

3. Bruch und internationale Kehrtwende (unwahrscheinlichstes, aber einzig wirksames Szenario): Eine massive Eskalation – erneuter Aufstand, regionaler Krieg oder eine schwere politische Krise in Israel – könnte den Status quo untragbar machen und internationale Anerkennung palästinensischer Souveränität, Sanktionen und einen von außen auferlegten politischen Rahmen erzwingen.

Fazit

Steinbocks Kernthese: Gaza zeigt, wozu die Vertreibungslogik führt, wenn sie mit überwältigender militärischer Gewalt verfolgt wird. Das Westjordanland zeigt dieselbe Logik in gedämpfterer, aber ebenso zielgerichteter Form – durch Besiedlung, Fragmentierung, Zwang und wirtschaftlichen Druck. Die entscheidende Frage nach der Oktoberwahl sei daher nicht mehr, ob Israel das Westjordanland formell annektiert, sondern wie viel davon absorbiert und wie viele Palästinenser vertrieben oder in neuen Gewaltausbrüchen dezimiert werden können, bevor der Prozess unumkehrbar wird.

Zum Autor: Dr. Dan Steinbock ist Gründer der Difference Group und war u. a. am India, China and America Institute (USA), am Shanghai Institute for International Studies (China) sowie am EU Center (Singapur) tätig.

Der Originalkommentar erschien am 30. August 2026 bei Informed Comment (USA).


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4 Kommentare

  1. Fritz Madersbacher 1. September 2026 um 12:05 Uhr - Antworten

    „Westjordanland-„Ultra-Apartheid“ – und das kollusive internationale Schweigen“

    Der Titel trifft es leider recht (zu) gut. „Kollusiv“ kommt von lat. ‚colludere‘ – „zusammenspielen“, kollusives Zusammenwirken (Kollusion) bedeutet „Handeln zum Nachteil eines Dritten“, „kollusives Schweigen“ bedeutet Schweigen zum Nachteil eines Dritten.

    Es ist allerdings unübersehbar, dass das oftmals vorhandene offizielle Schweigen konterkariert wird von heftigen Protesten aus der Bevölkerung, nicht nur in muslimischen, sondern auch in den westlichen Ländern, getragen von einem hohen Anteil an jungen Menschen. Irgendwann wird dieses kollusive Schweigen durchbrochen und die dafür Verantwortlichen werden zur Rechenschaft gezogen werden.

    „Ein Land, dessen Völkermord und Apartheid fast allgemein anerkannt sind und gegen das bisher kaum wirksame Sanktionen verhängt wurden, bestraft die Welt. Der Angeklagte fungiert als Ankläger. Dies entspricht vollkommen der israelischen Denkweise. Die Welt trägt die Schuld (am Antisemitismus), also wird die Welt dafür bezahlen … Hier spielen Größenwahn und Blindheit eine entscheidende Rolle … Israel und der Rest der Welt entfernen sich immer weiter voneinander. Israel rühmt sich seiner Kriegsverbrechen; das ist ein Wahlkampfinstrument. Doch die Vorstellung, Israel könne weiterhin arrogant gegenüber der ganzen Welt auftreten und seinen Kurs beibehalten, ist die gefährlichste für seine Zukunft … Israel wird sich nicht ändern, schon gar nicht ausreichend, und die Welt wird ihre Haltung ihm gegenüber ändern müssen … Ein Land, das jahrzehntelang jede Resolution der internationalen Gemeinschaft ignoriert hat, wird nicht ungeschoren davonkommen. Eines Tages wird die Welt endlich in den Gazastreifen gelangen können. Nach dem Anblick der dortigen Gräueltaten wird es unmöglich sein, weiterhin zu Israel zu schweigen“
    (Gideon Levy, „Israels Vertreibungsdoktrin“, erschienen am 29. August 2026 auf „HAARETZ“; deutsche Übersetzung auf: „Antikrieg.com“, 31/08/2026)

  2. Jan 1. September 2026 um 10:33 Uhr - Antworten

    Wie will man ein Gebiet befrieden, das man dringend braucht, um Öl abzubauen oder Pipelines hindurchzulegen, wenn alles Materielle sofort zum Faustfand für fanatisch religiöse Kämpfe wird? Die über Jahrzehnte von außen getriggert wurden, aber nunmal da sind? In Rentiergesellschaften, die nichts produzieren, nicht zu verteilen haben und nichts zu verlieren?

    Richtig, durch Apartheid, Angst, Willkür und Vertreibung. Die dazu notwendige Rolle üben sich die Israelis gerade am Beispiel der Palästinenser ein. Und niemand sagt etwas, weil alle von der Stabilität profitieren werden!

    Weder Russen, noch Chinesen, noch Amis – die Europäer sind eine Ausnahme – wollen die Kämpfe des militanten Islam in ihren Regionen. Sie werden daher Nahost filettieren, aufteilen und ruhig stellen. Dazu brauchen sie nützliche Idioten, die dies aus Überzeugung tun.

    • Varus 1. September 2026 um 14:37 Uhr - Antworten

      Die dazu notwendige Rolle üben sich die Israelis gerade am Beispiel der Palästinenser ein.

      Die bringen doch keine Befriedung in die Region, sondern heftige Kriege.

  3. Varus 1. September 2026 um 10:03 Uhr - Antworten

    Beschleunigte Annexion und „stiller Transfer“ (wahrscheinlichstes Szenario)

    Oder doch nicht, wenn umliegende muslimische Länder dagegen koordiniert Widerstand leisten? Paul Craig Roberts am 30.08.2026: „Erhebt sich die muslimische Welt?“ – Wenn Iran dem Mekka-Bündnis beitritt: „… Diese Entwicklungen, wenn sie real und nicht nur Worte sind, signalisieren das Ende jeglicher Anmaßung amerikanischer Hegemonie und Israels Agenda für Großisrael. Israels Bevölkerung von 10 Millionen, von denen nur 7,8 Millionen Juden sind, wird von 448.700.000 Muslimen in den Schatten gestellt. Darüber hinaus würde der durch das Bündnis gebotene Schutz wahrscheinlich dazu führen, dass Ägypten, Jordanien, Libanon, Irak und Jemen beitreten und Washington den Krieg unter den Muslimen beendet. Syrien selbst könnte wiederhergestellt werden, und Israel könnte gezwungen werden, genug von Palästina zurückzugeben, damit eine Zwei-Staaten-Lösung möglich ist. …“

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