Schon länger ist klar, dass, wenn der Westen von „der Welt“ sprach, eine immer kleinere Gemeinschaft meinte. Tatsächlich hat sich die Mehrheit der Weltbevölkerung längst in vielerlei Hinsicht von ihm entfernt. Kishore Mahubani vom Asia Research Institute der National University of Singpore verfasste einen Aufsehen erregenden Artikel, der im Globalen Süden viel Anklang fand.
Die Grundthese des Wissenschaftlers: Der Westen (eigentlich nur 12% der Weltbevölkerung) hält sich für die moralisch überlegene Zivilisation. Die restlichen 88% der Menschheit sehen dagegen eine gewaltbereite Macht, die mehr unschuldige Menschen in unnötigen Kriegen getötet hat als jede andere Zivilisation der jüngeren Geschichte. Mahbubani argumentiert, der Westen belüge sich selbst – und werde dafür einen hohen Preis zahlen.
Die außenpolitische Bilanz seit dem Kalten Krieg
Laut dem Cost-of-War-Project der Brown University starben zwischen 2001 und 2023 mindestens 940.000 Menschen direkt durch die Kriege nach dem 11. September, weitere 3,6–3,8 Millionen indirekt durch Krankheit und Hunger.
- Afghanistan: Zunächst völkerrechtlich legitimiert, wenn auch umstritten, aber ohne Ausstiegsstrategie – 20 Jahre Besatzung endeten damit, dass die Taliban wieder an die Macht zurückkehrten. Über 100.000 afghanische Zivilisten starben oder wurden verletzt; niemand wurde zur Verantwortung gezogen.
- Irak (2003): Von Kofi Annan als völkerrechtswidrig bezeichnet – wofür er von der Bush-Regierung angefeindet wurde. Auch hier: keinerlei Verantwortungsübernahme.
- Libyen: Nach Gaddafis Tod 2011 (Hillary Clintons zynisches „We came, we saw, he died“) stürzte das Land ab: Das BIP fiel von 75 Mrd. USD (2010) auf 47 Mrd. USD (2020), das Pro-Kopf-BIP von 11.600 auf 6.700 USD – vom reichsten Land Afrikas zum Trümmerstaat. Eine Entschuldigung gab es nie.
Doppelmoral bei Menschenrechten
Der Westen predigte jahrzehntelang die Ächtung von Folter (UN-Antifolterkonvention 1984), führte sie dann aber selbst in Guantánamo wieder ein – europäische Staaten halfen sogar aktiv über „Rendition“-Programme mit, statt zu protestieren.
Noch deutlicher wird der doppelte Maßstab beim Vergleich Ukraine–Gaza: Westliche Spitzenpolitiker (von der Leyen, Kallas, Biden, Starmer) verurteilten zivile Opfer in der Ukraine scharf als Kriegsverbrechen. Bei weit mehr toten Zivilisten in Gaza herrschte dagegen weitgehendes Schweigen. Mahbubani zitiert den indischen Autor Pankaj Mishra und die Booker-Preisträgerin Arundhati Roy, die beide sagen: Gaza habe der moralischen Glaubwürdigkeit westlicher und internationaler Institutionen mehr geschadet als jeder Konflikt zuvor.
Auch innenpolitisch bröckelt die Fassade
Josep Borrells berühmter Vergleich Europas mit einem „Garten“, umgeben vom „Dschungel“ der übrigen Welt, steht sinnbildlich für westliche Selbstzufriedenheit. Doch die Fakten sprechen dagegen:
- Eine Pew-Umfrage (Januar 2025) zeigt: Über 75% der Befragten in Europa, den USA und Kanada glauben, ihre Kinder werden es finanziell schlechter haben als sie selbst.
- Die Brookings Institution berichtete (Mai 2026), dass 2024 45,5% der US-Haushalte nicht genug verdienten, um über die Runden zu kommen – ein Muster, das seit 2014 anhält. Obwohl die US-Produktivität zwischen 1979 und 2025 fast verdoppelt wurde, stiegen die Stundenlöhne nur um 34% – der Gewinn floss vor allem an Kapitalbesitzer und Topverdiener.
- Angus Deaton und Anne Case dokumentierten in „Deaths of Despair“ eine dramatische Zunahme von Drogentoten, Suiziden und Alkoholtoten bei weißen US-Amerikanern mittleren Alters.
Mahbubani verbindet beides: Ressourcen, die in gescheiterte Militärinterventionen flossen, hätten der eigenen Bevölkerung zugutekommen können. Er zitiert Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, wonach ein Sechstel der Irakkriegskosten gereicht hätte, um das US-Sozialversicherungssystem für ein halbes Jahrhundert abzusichern.
Der Ukraine-Krieg aus globaler Perspektive
Mahbubani behauptet, dass die russische Invasion völkerrechtswidrig sei und Russland dafür verantwortlich ist. Doch er weist darauf hin, dass sich 85% der Weltbevölkerung den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht anschlossen – Brasilien, China, Indien, Indonesien und Südafrika etwa. Das bedeute keine Zustimmung zur Invasion, sondern eine Ablehnung der westlichen Erzählung, der Krieg sei völlig „unprovoziert“ gewesen. Zahlreiche westliche Staats- und Regierungschefs (Biden, Johnson, Trudeau, die G7 gemeinsam) verwendeten genau dieses Wort – was im Globalen Süden als Beleidigung der eigenen Urteilsfähigkeit wahrgenommen werde. Brasiliens Präsident Lula brachte eine differenziertere Position ein: Putin trage Schuld, aber auch die NATO-Erweiterungspolitik der USA und Europas habe zur Eskalation beigetragen.
Die Wahrnehmungslücke
Trotz globaler Vernetzung und Informationsflut leben Westen und Rest der Welt in unterschiedlichen Wahrnehmungswelten. Der indische Außenminister Jaishankar brachte es 2022 auf den Punkt: Europa müsse sich davon lösen, dass Europas Probleme automatisch Probleme der Welt seien, während umgekehrt die Probleme der Welt nicht als Europas Probleme gelten. Selbst der damalige deutsche Kanzler Olaf Scholz räumte später ein, dass dieser Punkt berechtigt sei.
Fazit
Auch wenn die USA und Europa trotz wachsender Differenzen gemeinsam versuchen, China einzudämmen, werde der Rest der Welt dabei nicht mitziehen – der Westen isoliere so am Ende sich selbst statt China. Mahbubanis Schlussfolgerung: Die Weigerung des Westens, den Verlust seiner globalen Unterstützung anzuerkennen, sei ein gewaltiger Selbstbetrug. Je länger diese Illusion anhalte, desto mehr werde der Westen als einsame, narzisstische Zivilisation wahrgenommen – selbstbezogen und blind dafür, wie ihn die Mehrheit der Menschheit tatsächlich sieht.
Bild: Screenshot von erwähntem Artikel
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6 Kommentare
Westlicher Kriegsnarzissmus könnte man sagen…? Ich war im Recht, ich kann nix dafür…. bla bla….
Ich wohne im Westen und ich sehe in diesem Artikel einen psychopathologischen Übergriff, die dem westlichen Bürger die Oligarcheninteressen des westlichen Öl- und Bankenkartells überstülpt, was so aber nicht existiert und auch nie existiert hat. Man darf kapitalistische Firmeninteressen und deren profitorientierte Produktangebote niemals mit den persönlichen Interessen der damit ausgebeuteten Bürgersklaven gleichsetzen!
Wie man es auch drehen möchte, Fußvölker des Westens lassen sich immer noch in Kriege hetzen gegen jeden, der der Oligarchie im Weg steht. Am Sonntag in Niedersachsen gab es nur minimale Verschiebungen – keine Abwahl der Politik, worauf die Oligarchie die Wahlen wie in Rumänien annullieren würde. Es wird 1:1 getan, was die Glotze ansagt.
Man kann die Politik des Bund nicht mitbestimmen. Wann wacht man endlich auf und hört auf zu wählen? Wohl erst ab 2030 wenn der Bund dann endlich aufgelöst wird?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass irgendwann – relativ bald – eine Zeit kommen wird, wo es läuft wie seinerzeit beim Tausendjährigen, im Vichy-Frankreich oder der DDR: Eigentlich waren ja alle im Widerstand (zit. n. de Gaulle).
Wieder der Versuch, Geschichte durch Pathopsychologie zu erklären! Dabei reichen die Ressourcen als Argument aus: Günstige Ressourcen gehen zurück, Komplexität steigt und der Grenznutzen fällt. Damit hat der Westen nicht mehr genug „Surplus“, um für Ordnung zu sorgen. Er setzt seinen Einfluss durch „gesteuertes Chaos“ durch. In Nahost lässt sich schön sehen, wie er das macht.
Die Industrialisierung ist gescheitert, der Kapitalismus war so effizient, dass er sich selbst gefressen hat. Asien, Afrika und Lateinamerika versuchen ausgerechnet dieses Modell jetzt zu implementieren. Man fügt ein digitales Zaumzeug hinzu, was kaum funktionieren dürfte.
Der große Wurf steht noch aus!
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