Israels doppelte Milizen-Strategie: Syrien und Gaza

30. August 2026von 6,5 Minuten Lesezeit

Zwei Enthüllungen innerhalb weniger Tage — von Waffenlieferungen an Drusen in Südsyrien bis zu bewaffneten Clans im israelisch kontrollierten Gazastreifen

Innerhalb weniger Tage sind zwei Enthüllungsberichte erschienen, die ein bemerkenswert ähnliches Muster offenlegen: Israel bewaffnet, finanziert und unterstützt logistisch bewaffnete Milizen in Nachbarländern und in besetzten Gebieten — mit dem erklärten oder aus Insiderangaben rekonstruierten Ziel, zentrale Autoritäten zu schwächen. Am 23. Dezember 2025 veröffentlichte die Washington Post eine Recherche zu israelischen Waffenlieferungen an drusische Milizen in Südsyrien. Nur Tage zuvor hatte eine Haaretz-Recherche das Ausmaß israelischer Unterstützung für bewaffnete Gruppen im von Israel kontrollierten Teil des Gazastreifens dokumentiert.

Syrien: Waffen und Gehälter für die Drusenmiliz „Militärrat

Die Washington Post beruft sich auf rund 20 Quellen — israelische und westliche Beamte, Regierungsberater sowie drusische Kommandeure in Syrien. Demnach begann Israel bereits am 17. Dezember 2024, neun Tage nach dem Sturz von Machthaber Bashar al-Assad, mit verdeckten Lieferungen: Per Hubschrauber wurden neben humanitären Gütern 500 Gewehre, Munition und Schutzwesten an die drusische Miliz Militärrat in der südsyrischen Provinz Sweida abgeworfen.

Den Höhepunkt erreichten die Lieferungen im April 2025, während Kämpfen zwischen drusischen Kräften und Truppen, die der neuen Führung unter Ahmed al-Sharaa loyal sind. Nach Angaben der Zeitung wurden dabei auch bei Hamas und Hisbollah erbeutete Waffen weitergegeben — Scharfschützengewehre, Nachtsichtgeräte, Maschinengewehrmunition. Zusätzlich zahlt Israel laut zwei drusischen Funktionären monatliche Gehälter zwischen 100 und 200 Dollar an rund 3.000 Kämpfer. Dieselbe Zahl hatte bereits Reuters im September 2025 unter Berufung auf zwei drusische Kommandeure und eine westliche Geheimdienstquelle gemeldet — konnte Waffenlieferungen und Zahlungen damals aber nicht unabhängig verifizieren.

Nach Angaben aktueller und ehemaliger israelischer Beamter dient die Unterstützung dem Ziel, die Bemühungen al-Sharaas um eine Vereinigung des Landes zu erschweren. Im August 2025 drosselte Israel die Lieferungen jedoch, als ernsthafte Verhandlungen über ein Sicherheitsabkommen mit Damaskus begannen — ein Abkommen, das bislang nicht zustande gekommen ist. Laut Times of Israel transferierte zudem ein israelisch-drusischer Sicherheitsbeamter 24.000 Dollar über die kurdisch geführten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) an einen Milizführer; die SDF selbst schickte später eine halbe Million Dollar nach und bildete drusische Kämpfer — auch Frauen — aus.

Innerhalb Israels ist die Strategie nicht unumstritten. Ein Regierungsberater warnte laut Washington Post, man habe „keine guten Erfahrungen im Südlibanon“ gemacht, wo Israel zwei Jahrzehnte lang die pro-israelische Südlibanesische Armee unterstützt hatte. Ziel sei kein unabhängiger drusischer Staat: „Wenn wir hier ein Interesse haben, dann nicht die Schaffung eines unabhängigen Druzistan.

Gaza: bewaffnete Clans als „operativer Arm“ von Armee und Shin Bet

Nur wenige Tage vor der Syrien-Enthüllung veröffentlichte Haaretz die oben verlinkte Recherche, gestützt auf Aussagen von IDF-Soldaten, Satellitenbilder, UN-Daten und eigene Erhebungen vor Ort. Der Ursprung reicht laut Haaretz bis in den Mai 2024 zurück, als im Zuge der israelischen Rafah-Offensive eine kleine bewaffnete Gruppe namens „Popular Forces“ in von Israel kontrollierten Gebieten Südgazas auftauchte.

Mittlerweile identifiziert Haaretz mindestens fünf, möglicherweise sechs solcher Gruppen, aktiv in Beit Hanoun, Shujaiyeh, Deir al-Balah, Khan Yunis und Rafah — teils mit hunderten Mitgliedern. Israel liefert Waffen und Bargeld und unterstützt Einsätze der Gruppen laut zitierten Soldaten mit Drohnen- und Artillerieunterstützung. Ein israelischer Luftwaffenoffizier wird mit den Worten zitiert, Armee und Shin Bet schickten „bewaffnete, ausgebildete Milizen los, um Kriegsverbrechen zu begehen“, während er selbst dafür zuständig sei, sie währenddessen per Drohne zu schützen.

Den Gruppen wird laut Haaretz sowie Berichten von Arab News und Middle East Eye unter anderem vorgeworfen, humanitäre Hilfskonvois entlang eines Korridors bei Kerem Shalom zu plündern — von Helfern selbst „Looters’ Alley“ genannt —, Passanten bei Rafah zu drangsalieren und zu erpressen, Häuser zu stürmen, auf Zivilisten zu schießen, Eigentum niederzubrennen und Familien aus ihren Unterkünften zu vertreiben. Haaretz beschreibt zudem eine finanzielle und logistische Verbindung dieser Milizen zur von den USA unterstützten „Gaza Humanitarian Foundation“, dem nach der Entmachtung des UN-geführten Hilfssystems eingerichteten Verteilmechanismus.

Die bekannteste dieser Gruppen ist die von Yasser Abu Shabab geführte Miliz aus dem Osten von Rafah, der Verbindungen zum sogenannten Islamischen Staat nachgesagt werden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bestätigte die Praxis im Juni 2025 öffentlich: Man habe laut Berichtenauf Anraten der Sicherheitsbehörden Clans in Gaza aktiviert, die sich gegen die Hamas stellen.“ Der frühere Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, ein politischer Rivale Netanyahus, kritisierte dies scharf: Israel verteile Gewehre an das Äquivalent von IS in Gaza und bewaffne „Verbrecherfamilien … auf Netanyahus Anordnung“. Die Hamas erklärte, die Enthüllung offenbare „eine ernste und unbestreitbare Wahrheit“.

Muster und offene Fragen

In beiden Fällen — Sweida und Gaza — folgt die dokumentierte Praxis einer ähnlichen Logik: Statt direkt militärisch zu intervenieren, stattet Israel lokale bewaffnete Gruppen mit eigenen, teils partikularen Interessen aus und nutzt sie, um zentrale Autoritäten zu schwächen — in Syrien die neue Führung unter al-Sharaa, in Gaza die Hamas.

Zur Einordnung gehört auch, was die Berichte selbst offenlassen: Reuters konnte Gehaltszahlungen und Waffenlieferungen an die Drusenmiliz nicht unabhängig verifizieren; Büros von Netanyahu und Strategieminister Ron Dermer beantworteten entsprechende Anfragen nicht. Die von Haaretz zitierten Vorwürfe zu Gaza — Plünderung, Erpressung, Vertreibung, Gewalt gegen Zivilisten — stammen von Palästinensern, Hilfsorganisationen, UN-Stellen und von israelischen Soldaten selbst, sind aber „nicht gerichtlich geprüft“, wie es so schön heißt.

Offen bleibt vor allem, wie tragfähig die strategische Logik längerfristig ist. In der Washington Post äußern israelische Sicherheitsvertreter selbst Zweifel, ob die Bindung an unberechenbare lokale Partner — mit eigenen, nicht notwendig deckungsgleichen Zielen — nicht dieselben Risiken birgt wie frühere Stellvertreter-Engagements, etwa jenes mit der Südlibanesischen Armee in den 1980er- und 1990er-Jahren.

Aber mindestens zum Sturz der säkularen Regierung Assad in Syrien hatte diese Politik, der Unterstützung von Terrorgruppen Früchte getragen. Also könnte es durchaus auch jetzt erfolgreich sein. Kritiker sagen, es sei Teil der Völkermordstrategie, oder wie Dan Steinbock es ausdrückt, der „Vernichtungs-Doktrin„.

Südafrika und die Völkermordklage

Südafrika hat am 25. August ein detailliertes Dossier dem Internationalen Gerichtshof (IGH) vorgelegt und Israel formell beschuldigt, drei rechtlich bindende vorläufige Maßnahmen aus dem Jahr 2024 zu missachten, die darauf abzielen, Genozid zu verhindern und wesentliche Hilfen in Gaza zu schützen. Pretoria erklärte: „Leider hat Israel die Befehle nicht befolgt“, und warnte, dass die anhaltende Nichteinhaltung durch Tel Aviv die Legitimität des Gerichts direkt bedrohe und die palästinensische Bevölkerung einer systematischen Zerstörung aussetze, bevor ein endgültiges Urteil gefällt werden kann.

Die Vorlage beschreibt eine erschütternde menschliche Bilanz und nennt mindestens 73.407 getötete Palästinenser und 174.335 Verletzte seit Oktober 2023 – was mehr als 10 Prozent der gesamten Bevölkerung Gazas ausmacht. Aber Schätzungen gehen von wesentlich höheren Zahlen aus, weil ein großer Teil der Opfer unter den Trümmern begraben wurde. Pretoria hob hervor, dass schwere Gräueltaten andauern, darunter willkürliche Inhaftierungen, weit verbreitete Folter, sexuelle Gewalt und ein dreifaches Ansteigen von Fehlgeburten bei schwangeren Frauen. Das Dokument stellt ferner fest, dass trotz eines nominellen Waffenstillstands die israelische Armee weiterhin im Durchschnitt täglich ein palästinensisches Kind tötet. 

Siehe auch:“Schutt, Straßen, Schweigen: Der Streit um Gazas Trümmer und die Frage nach den Toten darunter

Bild: Screenshot von Videobeitrag über einen der Anführer dieser Milizen

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