Die Pharmaindustrie hat ihre Methoden verfeinert. Was früher der Gratis-Kugelschreiber und das Werbegeschenk für den Arzt war, ist heute ein ausgeklügeltes System institutioneller Korruption – getarnt als Weiterbildung, als „unabhängige Forschung“ und als „Public-Private-Partnership“.
Die Ärztin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Maryanne Demasi hat diesen Wandel in ihrem jüngsten Beitrag „The Evolution of the Bribe“ nachgezeichnet. Der Titel ist Programm: Es geht nicht um das Ende der Bestechung, sondern um ihre Mutation. Die Geschichte ist gut dokumentiert. Bereits in der medizinischen Fachliteratur wurde offen darüber diskutiert, wie die Industrie Ärzte „einen nach dem anderen kauft“ – unter dem Deckmantel der medizinischen Fortbildung.
Eine Analyse im Permanente Journal beschreibt, wie die Pharmaindustrie ihre CME-Finanzierung (Continuing Medical Education) systematisch ausbaute, nachdem der politische Druck auf offene Geschenke gewachsen war. Die Industrie nutzt „zweckfreie Zuschüsse“ an zwischengeschaltete Firmen, um den Anschein einer unabhängigen Transaktion zu erwecken – während das eigentliche Ziel unverändert bleibt: Profit durch Verschreibungssteuerung.
Der Jurist Marc A. Rodwin von der Suffolk University Law School hat in seiner Arbeit über Pharmakorruption die OECD-Fallstudien ausgewerte: Zwischen 1999 und 2025 dokumentierten die OECD-Anti-Bestechungsanalysen 19 Pharmaunternehmen aus fünf Nationen, die in 29 Ländern Schmiergelder zahlten – und das sind nur die grenzüberschreitenden Fälle, die man zufällig entdeckt hat. Rodwin kommt zu dem Schluss, dass es sich nicht um „ein paar schwarze Schafe“ handelt, sondern um systemische Korruption, die trotz aller Compliance-Richtlinien fortbesteht.
Das kostenlose Mittagessen als Mittel
Dass das Gratis-Essen für Ärzte kein harmloser Nebenaspekt ist, sondern eine der effektivsten Verkaufstechniken überhaupt, belegt eine Analyse mit dem bezeichnenden Titel „The High Cost of Free Lunch“. Der ehemalige Pharmareferent und spätere Anthropologe Michael Oldani beschreibt darin die „pharmazeutische Geschenkökonomie“: Der Plastik-Kugelschreiber, das Mittagessen, die kleine Aufmerksamkeit – all das funktioniert, weil es „das Spiel des ökonomischen Interesses und der Berechnung verschleiert“. Die Ärzte selbst rechtfertigen ihre Teilnahme mit der Überzeugung, man könne sie für einen solch niedrigen Preis ohnehin nicht kaufen.
Der britische Arzt Peter Mansfield brachte es auf den Punkt: Die Wörterbuchdefinition von Bestechung lautet – „Geld oder ein Gefallen, gegeben oder versprochen, um das Urteil oder Verhalten einer Person in einer Vertrauensposition zu beeinflussen“. Es ist eine Bestechung. Punkt.
Die neue Form: Der Drehtür-Effekt
Was Demasi in ihrem Beitrag beschreibt, ist die logische Fortsetzung dieser Entwicklung. Die offene Bestechung ist zu riskant geworden – also hat man sie institutionell legitimiert. Die Wege führen heute über:
- Beiräte und Advisory Boards, auf denen Ärzte und Aufsichtsbeamte gegen Honorar die Produkte der Industrie bewerten
- Forschungsförderung, bei der die Industrie Studien finanziert, deren Fragestellung sie selbst bestimmt
- Patientenorganisationen, die von der Industrie gesponsert werden und dann „unabhängig“ für teure Therapien lobbyieren
- Regulierungsbehörden, deren Mitarbeiter später in gut bezahlte Industriejobs wechseln – der sprichwörtliche Drehtür-Effekt
Die Public Citizen Health Research Group hat in ihrer Analyse von Vergleichsvereinbarungen zwischen Pharmaunternehmen und Justizbehörden über Jahrzehnte hinweg ein Muster dokumentiert: Wiederholte Verstöße, immer neue Vergleiche, nie echte Konsequenzen. Die Milliardenstrafen – so spektakulär sie klingen – sind für die Konzerne schlicht Betriebskosten, einkalkuliert in den Preis der Korruption.
Die veränderten Wege der Beeinflussung durch Pharma-Konzerne
Die Korruption ist nicht verschwunden, sie ist unsichtbar geworden. Sie trägt heute Anzug und Krawatte, sitzt in Ethikkommissionen und unterschreibt Transparenzerklärungen. Sie hat gelernt, sich als „Partnerschaft“, „Innovationsförderung“ und „Wissenstransfer“ zu tarnen.
Die medizinische Fortbildung ist zu einem weiteren entscheidenden Einflusskanal geworden. Ärzte müssen sich fortlaufend weiterbilden, um ihre Zulassung zu behalten, doch ein Großteil davon wird von der Industrie finanziert.
Eine BMJ–Untersuchung ergab, dass 72 % der Führungskräfte in zehn großen medizinischen Fachverbänden finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie hatten: „Financial ties between leaders of influential US professional medical associations and industry: cross sectional study“ (Finanzielle Verbindungen zwischen Führungskräften einflussreicher US-amerikanischer medizinischer Fachverbände und der Industrie: eine Querschnittsstudie) – BMJ 2020;369:m1505.
Dazu ergänzt das BMJ mit einem Leitartikel „Financial relations between leaders of US medical societies and industry“ (Finanzielle Beziehungen zwischen Führungskräften US-amerikanischer medizinischer Fachgesellschaften und der Industrie“ und einer Stellungnahme „The world’s most influential medical leaders are still dining on pharma’s pizza“ (Die einflussreichsten medizinischen Führungskräfte der Welt essen immer noch die Pizza der Pharmaindustrie).
Hier ein Beispiel wie das in der Praxis funktioniert: Wie Pharma-Konzerne mit Ärztekammer-Segen die nächste Impfkampagne vorbereiten
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
4 Kommentare
Alles begann schon in den 70ern…. damals lachte man noch darüber und drehte über die Pfizer-Machenschaften Hollywoodfilme wie „Love and other drugs“ … man empfand sie als lustig. Und heute?
Nichts daran ist mehr lustig, sondern ins Extrem pervertiert. Den Film sollte sich jeder mal anschauen und ganz schnell ins Nachdenken kommen…. was man da alles sieht, ist heute garantiert nicht mehr „systemkonform“.
Die alte Geschichte, die unsichtbare Hand des Marktes verwandelt Eigennutz in Gemeinwohl (A Smith) oder auch nicht. Es kommt darauf an, den Markt so zu gestalten, daß er das leistet, das wäre der Job einer Regierung. Wenn die Regierung aber den Lobbys der Eigennützigsten gelenkt wird, klappt das nicht. Das ist es, was in China anders läuft.
Kugelschreiber kann die Pharmabranche immer noch.
Es gibt schon auch noch die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Auch die der Patienten – ob ein Arzt, eine Ärztin Pharmathemen folgt, sieht man doch!
Kants „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ wūrde man heute entgegen halten: Ich bin ein Manipulationsopfer! Falls man überhaupt denkt. Ja, meint da einer, vor Barnays habe es keine Manipulation gegeben?
Darüber hat Hans Weiss schon vor knapp 20 Jahren das Buch „Korrupte Medizin: Ärzte als Komplizen der Konzerne“ geschrieben. Ganze Abteilungen der Pharma-Konzerne widmen sich dem Einkauf der Mediziner. Da gibt es auch unterschiedliche Klassen, je nach Bedeutung. Für die ganz Wichtigen samt Familie gibt es einen gratis Aufenthalt im 5-Sterne Hotel in einer touristisch attraktiven Gegend – natürlich getarnt als wissenschaftlicher Kongress. Für den Vortrag gibt es dann noch einige tausend Euro/Dollar extra!
Aber der wichtigste Punkt fehlt im Artikel: die Medizin- bzw. Pharma-Professoren werden primär über Forschungsgelder kontrolliert. Wer Aufträge erhalten möchte, muss Big-Pharma aus der Hand fressen. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und natürlich müssen sie sich sich verpflichten, nur das zu publizieren, was dem Geldgeber gefällt….
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.