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Politik

Kosovo: Vom „Angriffskrieg“ zum Kriegsverbrecher-Urteil

5 Kommentare 17. September 2026 8 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Ein Urteil vom 16. September zeigt auf: Wie eine als NATO-Bodentruppe genutzte Guerilla, deren Verbrechen jahrelang als Propaganda abgetan wurden, am Ende doch vor Gericht landete — während der Krieg, der sie groß machte, bis heute als „humanitäre Intervention“ verklärt wird.

Am 16. September 2026 hat das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag, die Kosovo Specialist Chambers, den früheren kosovarischen Präsidenten Hashim Thaçi wegen Mordes, Folter, grausamer Behandlung und willkürlicher Inhaftierung zu 25 Jahren Haft verurteilt. Mitangeklagt und ebenfalls verurteilt wurden drei weitere Spitzenfunktionäre der einstigen Befreiungsarmee Kosovo (UÇK): Jakup Krasniqi (Sprecher, 25 Jahre), Kadri Veseli (Geheimdienstchef, 18 Jahre) und Rexhep Selimi (Kommandeur der Operationseinheit, 13 Jahre).

Die Vorwürfe betreffen den Zeitraum 1998/99 — also exakt jene Monate, in denen die UÇK im Westen als heroische Befreiungsbewegung präsentiert wurde und die NATO unter deutscher Regierungsbeteiligung Jugoslawien bombardierte. Vom Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden die vier Angeklagten freigesprochen, weil die Richter eine systematische Verfolgungskampagne gegen Zivilisten als „nicht zweifelsfrei erwiesen“ ansahen — verurteilt wurden sie jedoch für schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts wie politische Morde, Folter und die Inhaftierung von Menschen, die als serbische Kollaborateure oder innerkosovarische Rivalen galten. Laut Berichten sah es das Gericht in 96 Fällen als erwiesen an, dass Thaçi für politische Morde verantwortlich war. Man kann davon ausgehen, dass vor Gericht nur die Spitze des Eisberges verhandelt wurde.

Der Krieg begann mit einer Lüge

Am 24. März 1999 wandte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder mit einer Fernsehansprache an die deutsche Bevölkerung, um zu erklären, warum deutsche Soldaten erstmals seit 1945 wieder in einen Krieg zogen. Ein UN-Mandat gab es nicht — der Sicherheitsrat hatte es verweigert, UN-Generalsekretär Kofi Annan gehörte zu den Kritikern einer NATO-Intervention. Außenminister Joschka Fischer rechtfertigte den Kriegseintritt mit dem Verweis auf Auschwitz, während Schröder gleichzeitig behauptete, man führe „keinen Krieg“, sondern setze eine friedliche Lösung „auch mit militärischen Mitteln“ durch — eine Formulierung, die schon damals als sprachliche Verrenkung auffiel.

(Bildquelle: x.com, verschiedene Posts)

Angriffskrieg Deutschlands mit Kriegsverbrechern als Bodentruppen

Dass es sich um einen Angriffskrieg handelte, ist keine nachträgliche Zuschreibung von Kritikern, sondern deutsche Rechtsprechung: Sowohl das Amtsgericht Tiergarten (2000) als auch das Landgericht Berlin (2001) stellten fest, dass die deutsche Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien völkerrechtswidrig war — die erste deutsche Kriegsbeteiligung dieser Art seit dem Zweiten Weltkrieg, wie eine Bundestags-Drucksache festhält. 2014 räumte Schröder selbst öffentlich ein, dass die Bundesrepublik damals völkerrechtswidrig gehandelt habe, und bezeichnete das Vorgehen im Kosovo sogar als „Blaupause“ für Russlands späteres Vorgehen auf der Krim — ein bemerkenswertes Eingeständnis, das im öffentlichen Gedächtnis der Bundesrepublik erstaunlich wenig Spuren hinterlassen hat.

Die Nachkriegsordnung passt zu diesem Befund: Die serbische Provinz wurde nach dem Waffenstillstand faktisch zum NATO-Protektorat, 2008 einseitig für unabhängig erklärt — bis heute ohne UN-Mitgliedschaft und ohne Anerkennung durch mehrere EU-Staaten. Für das größere Bild lohnt der Blick auf die Zeitachse: Die Zerschlagung Jugoslawiens fiel zusammen mit der ersten großen NATO-Osterweiterungsrunde 1999 (Polen, Tschechien, Ungarn) und ebnete den Weg für die spätere EU-Erweiterung auf dem Balkan — ein geostrategisches Motiv, das in der zeitgenössischen Berichterstattung über „humanitäre Intervention“ kaum vorkam.

Bodentruppen am Boden, Bomben aus der Luft

Die NATO führte den Krieg fast ausschließlich aus der Luft; am Boden übernahm die UÇK die Rolle der Infanterie. Diese Arbeitsteilung war kein Nebeneffekt, sondern Grundlage der Strategie: Während die UÇK serbische Einheiten band und provozierte, bombardierte die NATO mit der Zeit immer weniger militärische und immer mehr zivile und Dual-Use-Ziele.

Die Liste ist lang und gut dokumentiert: Am 12. April 1999 trafen zwei NATO-Raketen einen internationalen Passagierzug auf einer Brücke bei Grdelica — mindestens 20, nach anderen Zählungen deutlich mehr Zivilisten starben. Am 30. Mai 1999 traf ein Angriff die Brücke von Varvarin mitten am helllichten Tag, während Marktbesucher sie überquerten. Hinzu kamen die Bombardierung des serbischen Staatsfernsehens RTS mit 16 toten Zivilangestellten, der Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad und wiederholte Angriffe auf die Stromversorgung, die weite Teile des Landes zeitweise ohne Trinkwasser und medizinische Versorgung ließen. Human Rights Watch zählte am Ende rund 500 getötete Zivilisten in NATO-Luftangriffen — eine Zahl, die von NATO-Sprechern seinerzeit unter dem Begriff „Kollateralschäden“ verbucht wurde.

Von der „Verschwörungstheorie“ zum Gerichtsurteil

Hinweise auf schwere Verbrechen der UÇK gab es nicht erst seit gestern. Bereits 2010/2011 legte der Schweizer Europaratsberichterstatter Dick Marty einen Bericht vor, der UÇK-Führungskadern rund um Thaçi vorwarf, serbische und albanische Gefangene in geheimen Lagern in Nordalbanien misshandelt, verschwinden lassen und in mindestens einem dokumentierten Fall Organe zu Handelszwecken entnommen zu haben. Thaçis Partei PDK wies die Vorwürfe als „Lügen“ und erfundene Anschuldigungen zurück, die westliche Berichterstattung reagierte überwiegend zurückhaltend bis abwehrend, und in weiten Teilen der veröffentlichten Meinung galt, wer die UÇK-Rolle kritisch hinterfragte, als Werkzeug serbischer beziehungsweise russischer Propaganda.

Die logische Folge der Machtübernahme einer Organisation, deren Führer nun wegen dieser Kriegsverbrechen verurteilt wurden:

Dann wurde der Kosovo für einige Zeit „das Zentrum der europäischen Mafia“

Diese Einschätzung gab es über viele Jahre hinweg in Berichten internationaler Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste. Insbesondere in den späten 1990er-Jahren und nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 2008 bezeichneten Ermittler das Kosovo sowie den gesamten Westbalkan häufig als eine der zentralen europäischen Drehscheiben für die organisierte Kriminalität. Verschiedene Institutionen kamen in der Vergangenheit zu folgenden Bewertungen:

  • Bundesnachrichtendienst (BND)In vertraulichen Berichten des BND, die unter anderem um 2005 und 2008 an die Öffentlichkeit gelangten, wurde das Kosovo als wichtiger Umschlagplatz für den Schmuggel von Heroin, Waffen und für den Menschenhandel beschrieben. Die Analysten warnten damals vor einer Verflechtung von organisierten kriminellen Strukturen mit führenden Kreisen aus der Politik.
  • EuropolDie europäische Polizeibehörde wies in ihren Bedrohungsanalysen (wie den Organised Crime Threat Assessments, OCTA) wiederholt darauf hin, dass die Westbalkanroute die Hauptader für den illegalen Rauschgifthandel nach Westeuropa darstellt. Kosovo-albanische Netzwerke wurden dabei aufgrund ihrer straffen, oft auf Familienclans basierenden Strukturen als besonders effektiv und einflussreich eingestuft.
  • EuroparatFür internationales Aufsehen sorgte 2010 ein Bericht des Sonderermittlers Dick Marty für den Europarat. Darin wurden ehemaligen Spitzenfunktionären der Befreiungsarmee UÇK, darunter dem späteren Ministerpräsidenten und Präsidenten Hashim Thaçi, Verbindungen zu mafiaähnlichen Strukturen sowie Beteiligungen an schwersten Verbrechen wie dem illegalen Organhandel vorgeworfen (Thaçi wies die Vorwürfe stets zurück, trat jedoch nach einer Anklage vor dem Kosovo-Sondergericht in Den Haag zurück und wurde im September 2026 erstinstanzlich verurteilt).
  • Sogar Wikipedia berichtet darüber, obwohl die politische Ausrichtung durch investigative Berichte bekannt sein dürfte.

Es brauchte danach noch mehr als ein Jahrzehnt, eine eigens für diesen Zweck geschaffene Sonderkammer und einen dreijährigen Prozess, bis aus Indizien ein Urteil wurde. Bezeichnend ist, was der Vorsitzende Richter laut Presseberichten ausdrücklich betonte: Im Verfahren sei es nicht um die politischen Ziele oder die Vorgehensweise der UÇK als Organisation gegangen, sondern ausschließlich um die individuelle strafrechtliche Schuld der vier Angeklagten. Der Unterschied zwischen „die Befreiungsbewegung war legitim“ und „ihre Führung hat schwere Kriegsverbrechen begangen“ wird damit juristisch festgeschrieben — nachdem er politisch jahrelang als unzulässige Gleichsetzung galt.

Was das Urteil vermeidet

Redlicherweise gehört zur Einordnung, dass das Urteil selbst begrenzt ist: Es befasst sich nicht mit der völkerrechtlichen Bewertung des NATO-Kriegs, nicht mit der deutschen Kriegsbeteiligung und nicht mit der Frage, ob und in welchem Umfang der Westen die geschilderten UÇK-Verbrechen kannte, tolerierte oder aktiv deckte, um seinen Bodentruppen-Partner nicht zu beschädigen. Das wäre dann wohl zu viel an Transparenz und Rechtsstaatlichkeit verlangt gewesen.

Auch bleibt festzuhalten, dass die Angeklagten Rechtsmittel einlegen können und das Urteil erstinstanzlich ist; Zehntausende Menschen im Kosovo sehen in der Verurteilung weiterhin eine Kriminalisierung ihres Unabhängigkeitskampfes und gingen dagegen auf die Straße.

Was bei der Nachricht über das Urteil vergessen wird

Der Krieg von 1999 wird bis heute in Deutschland vor allem als Ausnahme von der eigenen Nachkriegs-Zurückhaltung erinnert — begründet mit der Verhinderung eines angeblich unmittelbar bevorstehenden Völkermords. Diese Begründung war schon zeitgenössisch umstritten und ist es aus heutiger historischer Sicht noch mehr, seit sowohl die massiv überhöhten Opferzahlen der Vorkriegsmonate als auch der instrumentelle Umgang mit dem Massaker von Račak als Kriegsvorwand vielfach dokumentiert sind. Dass ausgerechnet die als Bodentruppe genutzte und seinerzeit gegen Kritik in Schutz genommene UÇK-Führung nun selbst wegen der Verbrechen verurteilt wird, die man ihr über Jahre als Propaganda austrieb, wirft ein Licht auf die Mechanik solcher Interventionserzählungen — und darauf, wie lange es dauert, bis sie juristisch eingeholt werden.

Und der Verstoß gegen das deutsche Grundgesetz und den damals noch gültigen §80StGB wurde dank des Konsenses der deutschen politischen Parteien niemals verhandelt. Der Kosovo-Krieg war der Sündenfall Nachkriegsdeutschlands. Danach waren alle Schleusen gebrochen. Und nun beginnt langsam die Aufarbeitung, ohne dass es maßgeblich in der neuen Normalität noch jemanden interessiert.

Bild: Screenshot von Video über das Urteil

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5 Kommentare

  1. Hello
    Antworten

    Ich kann mich an die Fernsehsendung erinnern, wo Gerhard Schröder erklärte, auch Deutschland habe eine völkerrechtswidrigen Krieg geführt – gegen Serbien. Ich weiß nicht mehr, wer ihn interviewt hat, aber ich kann mich an das ungläubiges Grinsen des Interviewers erinnern, als ob Schröder einen Scherz gemacht hätte. Schröder musste darauf insistieren, dass es ein völkerrechtswidriger Krieg war. Aber, so fügte er schließlich hinzu, es war wegen einer humanitären Notlage – und schon war wieder alles in Ordnung, das Renomme Deutschlands gerettet. Keine weitere Fragen mehr. Deshalb wurde der Völkerrechtsbruch in der Bevölkerung auch nicht besonders wahrgenommen, glaube ich. Humanitär – dann ist alles wieder gut, Deutschland ist wieder gut, man kann zur Tagesordnung übergehen.

  2. Andreas_Sch.
    Antworten

    Oh, da sind noch andere Rechnungen offen, gerade im Bezug auf Jugoland. Noch mag es so sein, dass dies in der „Neuen Normalität“ niemanden „interessiert“ hier in BRDistan. In Serbien et al. sieht das anders aus! Warte, warte nur ein Weilchen… lalala

  3. Jurgen
    Antworten

    Da der Bund seit 1990 keinerlei Hoheitsrechte mehr innehat, kann man von einer durch die Lobby gekauften Kriegsbeteiligung gegen Jugoslawien ausgehen. Das Problem vom Fiat-Schuldgeld ist eben, dass man immer weiter ausweiten muss, um den Status Quo zu erhalten. Darauf basiert die gesamte Kolonialpolitik. Eine Balance ist in einem verzerrten System mit Zinsen niemals zu erreichen… Der Kriegstreiber ist das Geldsystem!

  4. sisp01
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    Botschaft aus dem US-amerikanischen Kongress: Möglicher Zerfall Bosnien und Herzegowinas

    „Ich glaube, dass Bosnien und Herzegowina auf dem Weg zum Zerfall ist. Der Zerfall dieses Landes ist wahrscheinlich nicht ausgeschlossen, insbesondere angesichts der Positionen der Republika Srpska“, sagte der Vorsitzende des Unterausschusses für Europa des Repräsentantenhauses des US-Kongresses, Kit Self.

  5. 1150
    Antworten

    bei karadzic oder milosevic hat die westliche gesinnungsjustiz viel schneller funktioniert

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