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Technologie

Überholt China die USA auch in Weltraumwettlauf?

4 Kommentare 11. Juli 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Am Freitag, dem 10. Juli 2026, ist China ein Kunststück gelungen, das bisher nur zwei Organisationen auf der Welt beherrschten: die kontrollierte Rückholung der Erststufe einer Orbitalrakete. Die Long March-10B startete vom Weltraumbahnhof Hainan, setzte einen Satelliten in die vorgesehene Umlaufbahn aus und brachte ihre Boosterstufe rund sechs Minuten nach der Stufentrennung sicher zu einem Bergungsschiff zurück – auf Anhieb, beim allerersten Flug des Systems.

Die westliche Berichterstattung feiert das Ereignis meist mit einem Unterton: China hole gegenüber SpaceX auf, liege aber noch zurück. Was in dieser Rahmung untergeht, ist ebenso aufschlussreich wie das Ereignis selbst. Wir beleuchten ein paar Fakten, welche in den Meldungen der Massenmedien meist nicht berücksichtigt werden.

Netz statt Landebeine

China nutzt ein technisch anderes Verfahren als SpaceX oder Blue Origin. Statt ausfahrbarer Landebeine fängt ein Netzsystem auf einem eigens gebauten Bergungsschiff, der „Linghangzhe“ (Pfadfinder), die Stufe ein. Ein Hakenmechanismus an der Rakete greift in gespannte Seile auf der Plattform, die die Aufprallenergie abfedern. Die staatliche Raumfahrtbehörde CASC erklärte, das Verfahren reduziere die Bordtechnik und das Gewicht der Stufe, weil auf Landebeine verzichtet werden kann.

Die 63 Meter hohe, zweistufige Rakete transportiert im wiederverwendbaren Modus bis zu 16 Tonnen in den niedrigen Erdorbit – weniger als die Falcon 9 von SpaceX mit rund 25 Tonnen. China hatte im Februar bereits einen ersten Test mit dem Vorgängermodell Long March-10A unternommen; die Bergungsplattform selbst war seit Dezember 2025 im Einsatz.

Die chinesische Staatsagentur CGTN bezeichnete den Vorgang als weltweit erste netzbasierte Rückholung einer Trägerrakete überhaupt. Nach Angaben von Global Times soll die geborgene Stufe noch in diesem Jahr erneut fliegen.

Internationale Fachmedien ordnen den Erfolg als bedeutend ein. SpaceNews verweist darauf, dass Chinas zwei andere Programme mit Landebeinen – Long March-12A und die private Zhuque-3 von Landspace – bei ihren bisherigen Versuchen an der Landung scheiterten, während die netzbasierte 10B im ersten Anlauf gelang. Auch Scientific American hebt hervor, dass noch niemandem sonst eine so präzise Erststufen-Bergung beim Jungfernflug einer Rakete gelungen ist – nicht einmal SpaceX, das 2015 erst nach mehreren gescheiterten Anläufen landete.

Was die Meldung nicht sagt

Deutschsprachige Medien wie aero.de und netzwelt.de übernehmen die Erfolgsmeldung, betten sie aber sofort in ein Aufhol-Narrativ ein: SpaceX habe schon vor zehn Jahren gelandet, komme auf über 600 Missionen mit Wiederverwendung, und Chinas Nutzlast bleibe geringer. Das ist technisch korrekt – aber es beantwortet nicht die eigentliche Frage, die die Meldung aufwirft: warum ausgerechnet das Verfahren, das China gewählt hat, in der Berichterstattung kaum eigenständig gewürdigt wird.

Die Netz-Lösung ist keine Verlegenheitslösung, sondern eine bewusste Systementscheidung. Sie verzichtet auf schwere, komplexe Landebeine und verlagert die technische Last auf die Bodeninfrastruktur – ein Ansatz, der laut CASC-Ingenieur Chen Muye gegenüber Xinhua auch bei Landeabweichungen mehr Toleranz bietet, weil das Fangfenster durch koordinierte Netzbewegung vergrößert werden kann. Ob das langfristig günstiger oder skalierbarer ist als das SpaceX-Verfahren, ist offen – aber es ist ein eigenständiger technologischer Weg, kein bloßes Kopieren. Selbst Elon Musk räumte in einem vielzitierten Beitrag ein, China kombiniere Elemente seiner eigenen Starship-Architektur – Edelstahl, Methan-Sauerstoff-Antrieb – mit einem Falcon-9-ähnlichen Aufbau und könnte diese damit übertreffen, wenn auch Starship insgesamt in einer anderen Liga bleibe.

Was man fragen sollte

Die eigentliche Bedeutung liegt nicht im technischen Wettrennen, sondern in dem, wofür die Wiederverwendbarkeit gebraucht wird. CASC nannte als Zweck ausdrücklich den Aufbau großer Satellitenkonstellationen.

China treibt mit dem staatlich gestützten Unternehmen Spacesail einen eigenen Gegenentwurf zu Starlink voran – bislang rund 200 Satelliten, weit hinter den geschätzt 10.000 aktiven Starlink-Satelliten von SpaceX, wie Business Insider berichtet. Ohne eigene, kostengünstige und wiederverwendbare Trägerrakete bliebe dieses Ziel unerreichbar.

Damit stellt sich die Frage, die in den meisten Meldungen fehlt: Geht es hier um ein Prestigeduell zweier Raumfahrtnationen – oder um die Infrastruktur für den nächsten Abschnitt der globalen Kommunikations- und Überwachungsarchitektur?

Die von der Hinrich Foundation und Visual Capitalist aufbereiteten Startzahlen zeigen die Dimension: 2025 kamen die USA auf 181 orbitale Starts gegenüber 93 in China – aber die 181 sind vor allem eine Zahl des privaten Unternehmens SpaceX, während Chinas 93 aus einem vollständig staatlich gelenkten, souveränen Startnetz von sieben inländischen Standorten stammen, wie die Grafik der Hinrich Foundation zeigt. Zählt man nach Standorten, dominieren die USA mit ihrem Bündnis-Archipel aus Frankreich, Japan, Südkorea, Israel und Neuseeland; China hingegen startet ausschließlich von eigenem Territorium – ohne Abhängigkeit von einem Gaststaat.

Was übersehen wird

Der eigentlich unbequeme Teil der Geschichte betrifft nicht die Startrampe, sondern die Rohstoffkette dahinter. Eine ergänzende Auswertung der Hinrich Foundation zu den Materialien hinter dem Weltraumwettbewerb zeigt:

  • China ist bei vier von acht kritischen Rohstoffen für Raumfahrttechnik der weltweit größte Produzent

– bei Gallium (99 Prozent, benötigt für Solarpaneele und Halbleiter), Graphit (78 Prozent, für Triebwerksbauteile und Batterien), Titan (70 Prozent, für leichte Luft- und Raumfahrtstrukturen) und Seltenen Erden (69 Prozent, für Satellitenmagnete). Chinas Vorsprung endet nicht bei der Förderung: Peking dominiert nach derselben Quelle auch die Weiterverarbeitung und Raffination vieler dieser Rohstoffe.

Das heißt konkret: Jede US-Rakete, die in Florida abhebt, ist am Ende eines Fertigungsprozesses, der an mehreren Stellen durch chinesische Lieferketten läuft. Washington feiert Startzahlen, die auf einer Rohstoffbasis stehen, die es nicht selbst kontrolliert – ausgerechnet während dieselbe Regierung seit Jahren versucht, Chinas Zugang zu fortschrittlicher Chiptechnologie zu beschränken. Über diesen Zusammenhang liest man in den aktuellen Meldungen zum Raketenstart praktisch nichts. Die Schlagzeilen handeln vom Wettlauf an der Startrampe; die strukturelle Abhängigkeit, die diesen Wettlauf erst ermöglicht, bleibt außen vor.

Was sich daraus erschließt

Der 10. Juli 2026 ist damit weniger ein Meilenstein im Duell zweier Raketentypen als ein weiteres Datenpünktchen in einem langfristigeren Trend: Die sichtbare Symbolik der Raumfahrt – Starts, Landungen, Livestreams – verdeckt die stille Verschiebung der industriellen Basis, auf der diese Symbolik überhaupt erst steht.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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4 Kommentare

  1. Jakob
    Antworten

    Der ganze Weltraum da oben gehört ordentlich durchgeputzt.
    All der Schrott der dort herumgeistert wird immer gefährlicher.
    Mein (naiver) Traum:
    Alle(!) Nationen beteiligen sich gleichberechtigt an einer friedlichen Nutzung dieses Raumes. Keine Spionage, keine Überwachung, keine sinnlose Konkurrenz. Schon gar keine Waffen.
    Ich weiß; naiv und unmöglich bei all den Psychopathen.

    1. Gabriele
      Antworten

      Es braucht einen kleinen Fingerzeig Gottes an seine hysterische Schafherde…. und der wird kommen.

    2. local.man
      Antworten

      Ja und die Kosten. Solche Projekte verschlingen gewaltige Mengen Ressourcen. Ich habe doch gestern erst auf AUF1 ein kurze Analyse dazu gesehen. Nur für den Bau von irgendwelchen Satelliten und deren Antriebe, also nur einen, kostet soviel wie 1700 Wäschen bei 60°… Für mich wären dass ca. 150 Jahre Wäsche waschen, mindestens, wahrscheinlich länger…
      Und da ist nur der Bau drin, nicht mal die Kosten das ins All zu ballern.. Die wollen 40 000+ da rumfliegen lassen, Lebenszeit ca. 7 Jahre, dann verglühen lassen, mit der Belastung der Umwelt und neue hinterher..

      Man erzeugt also auch noch Umweltprobleme und lastet es dem Bürger an oder der furzenden Kuh..

      Nicht das ich nicht den technologischen Fortschritt ablehne… Aber warum müssen soviele Dinger um die Erde kreisen, mit am besten KI da oben, die von uns nicht abgeschalten werden kann von hier unten..
      Das Internet kann auch anders überall verteilt werden.
      Hinter diesen Ideen der Besitzenden stecken sicherlich andere PLäne, als den letzten Winkel Afrikas, oder der Artkis mit Internet zu versorgen.. Die Führsorge-Floskel hat ausgedient…

      1. Gabriele

        Ja, diese Analyse meinte ich schon im vorigen Artikel – aber wer erfährt das schon? Keiner, der nicht sucht…oder wenigstens selber denkt.
        Noch dürfen wir es wissen – bald schon nicht mehr, dann enthalten sämtliche Medien nur noch erlaubten Orwell-Sprech.
        Und selbst wenn die Leute es hören oder lesen – die meisten schauen dann doch lieber Fußball….

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