Chemische Sonnencremes gehen ins Blut – und niemand prüft die Folgen davon

9. Juli 2026von 5,7 Minuten Lesezeit

Die Behörde, die vor gefährlichen Produkten schützen soll, gibt seit Jahren zu: Die Wirkstoffe chemischer Sonnencremes werden in Mengen ins Blut aufgenommen, die über ihrem eigenen Sicherheitsschwellenwert liegen. Und dann? Weiterforschen aber in der Zwischenzeit weitercremen.

Es war 2020, als FDA-Wissenschaftler eine Studie veröffentlichten, die eigentlich hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie untersuchten sechs gängige chemische UV-Filter — Avobenzon, Oxybenzon, Octocrylen, Homosalat, Octisalat und Octinoxat — und kamen zu einem bemerkenswert klaren Ergebnis: Bereits eine einzige Anwendung von Lotion, Spray oder Pumpspray führte zu Blutspiegeln, die über dem von der FDA selbst festgelegten Sicherheitsschwellenwert lagen.

Die Studie erschien in JAMA, dem Flaggschiff-Journal der American Medical Association. Kein Nischenblatt. Kein „verschwörungstheoretisches“ Alternativmedium. Sie stammt von Murali K. Matta et al und hat den Titel „Effect of Sunscreen Application on Plasma Concentration of Sunscreen Active Ingredients – A Randomized Clinical Trial“ (Auswirkungen der Anwendung von Sonnenschutzmitteln auf die Plasmakonzentration der Wirkstoffe in Sonnenschutzmitteln – Eine randomisierte klinische Studie).

Die FDA kommentierte damals in einer Pressemitteilung mit einem Satz, der in die Annalen regulatorischer Verdrehungskunst eingehen sollte:

„Die Tatsache, dass ein Inhaltsstoff durch die Haut in den Körper aufgenommen wird, bedeutet nicht, dass der Inhaltsstoff unsicher ist.“

Technisch korrekt. Und gleichzeitig eine Bankrotterklärung des Vorsorgeprinzips. Die Logik: Wir wissen, dass es in Mengen reingeht, die wir selbst als bedenklich definiert haben. Aber wir tun so, als wäre das kein Problem, bis jemand das Gegenteil zweifelsfrei beweist.

Was die EWG seit Jahren dokumentiert

Die Environmental Working Group (EWG) — eine der wenigen Organisationen, die nicht vollständig von der Kosmetikindustrie gekapert wurde — führt seit über einem Jahrzehnt Buch über Sonnenschutzmittel. In ihrem jährlichen Sunscreen Report dokumentiert sie, was die FDA nur zögerlich einräumt:

  • Oxybenzon (auch als Benzophenon-3 oder BP-3 bezeichnet) ist ein bekannter endokriner Disruptor. Studien zeigen Wechselwirkungen mit Östrogenrezeptoren — in menschlichen Zellen und in Tiermodellen. Die Datenlage ist nicht „unklar“, sie ist unbequem. Eine Übersichtsarbeit von 2017 im Journal Reproductive Toxicology zeigt die hormonelle Aktivität von Oxybenzon eindeutig auf.

  • Chemische Sonnencremes sind die Hauptexpositionsquelle für Oxybenzon in der Bevölkerung — mehr noch als Körperlotionen oder Kunststoffe. Das zeigt eine Studie aus 2023 in Environment International.

  • Die FDA selbst hat 2021 in ihrem vorgeschlagenen Verwaltungsbeschluss eingeräumt, dass für 12 der 16 gängigen Sonnenschutz-Inhaltsstoffe nicht genügend Sicherheitsdaten vorliegen, um sie als „generally recognized as safe and effective“ (GRASE) einzustufen. Nur Zinkoxid und Titandioxid haben diesen Status.

Nochmal: Dreiviertel der Inhaltsstoffe in dem Zeug, das wir millionenfach täglich auf die Haut unserer Kinder schmieren, haben keine ausreichende Sicherheitsdokumentation. Nicht, weil sie sicher sind. Sondern weil nie jemand die Studien gemacht hat, die nötig wären.

Systemische Absorption: Der Elefant im Raum

Die JAMA-Studie von 2019/2020 war kein Ausreißer. Sie war die Bestätigung dessen, was jeder Toxikologe mit Grundverständnis von dermaler Absorption erwarten würde: Moleküle unter 500 Dalton gehen durch die Haut. Nach dieser empirischen Regel muss ein Molekül eine molare Masse von weniger als 500 Dalton (Da) aufweisen, um die Hornschicht überwinden zu können. Jenseits dieser Schwelle wird seine Diffusion durch die Haut stark eingeschränkt oder unter normalen Bedingungen sogar unmöglich. Die meisten chemischen UV-Filter liegen deutlich darunter.

Die FDA setzte den Schwellenwert für systemische Absorption, ab dem weitere toxikologische Tests erforderlich sind, bei 0,5 ng/mL im Blutplasma an. Die gemessenen Werte nach maximaler Anwendung — also exakt nach Packungsanleitung — lagen für alle sechs getesteten Substanzen weit darüber, teilweise um das Hundertfache.

Und was tat die Behörde? Sie forderte die Industrie auf, bis 2025 (später verlängert) zusätzliche Sicherheitsdaten einzureichen. Die Industrie, die ein Milliardengeschäft mit diesen Produkten macht, soll also die Studien finanzieren, die beweisen, dass ihre Produkte sicher sind. Den Rest kann man sich denken.

Der rhetorische Trick mit dem Hautkrebs

Hier kommt der argumentative Rückwärtssalto, den breastcancer.org in seinem Artikel über Sonnencreme-Risiken mustergültig vorführt:

  1. UV-Strahlung verursacht Hautkrebs.

  2. Sonnencreme blockt UV-Strahlung.

  3. Also: Ohne Sonnencreme kriegst du Krebs.

Der Fehlschluss liegt in Schritt 3. Es gibt mehr als zwei Optionen. Man kann:

  • Mineralische Sonnencreme verwenden (Zinkoxid, Titandioxid) — die nachweislich nicht durch die Haut gehen und von der FDA als GRASE eingestuft sind

  • Die Mittagssonne meiden (10–14 Uhr bzw. 11–15 Uhr Sommerzeit) wie das die Menschen in den warmen Zonen der Erde seit jeher tun

  • Einen Hut mit Krempe aufsetzen

  • Sich im Schatten aufhalten

Die Strategie, chemische Sonnencreme als einzige Alternative zum sicheren Hautkrebstod darzustellen, ist entweder naiv oder absichtlich irreführend.

Benzol – Gefahr für die Gesundheit

Zwischen 2021 und 2023 gab es mehrere Rückrufaktionen der FDA wegen Benzol-Kontamination in Aerosol-Sonnencremes. Benzol ist ein bekanntes Karzinogen, assoziiert mit Leukämie und anderen Bluterkrankungen. Es ist kein Inhaltsstoff — es gelangt als Verunreinigung aus dem Herstellungsprozess in die Produkte. Wir kennen das auch von den DNA-Verunreinigungen in den mRNA-Spritzen.

Der FDA-Kommentar dazu ist ein Meisterwerk bürokratischer Beruhigungssprache: Die gefundenen Mengen seien so gering, dass sie „nach allgemein anerkannten Expositionsmodellen keine gesundheitsschädlichen Folgen erwarten lassen.“ Die Rückrufe seien „aus einem Übermaß an Vorsicht“ erfolgt.

Aus einem Übermaß an Vorsicht. Bei einem Karzinogen. In einem Produkt für Kinder. Das ist nicht Vorsicht. Das ist Schadensbegrenzung.

Was tun?

Die Sonnenstrahlung ist grundsätzlich wichtig zur Verhinderung von Krebs und Vermeidung von Krankheiten. Das haben jede Menge Studien bestätigt – über einige davon sind unterhalb Links zu den entsprechenden TKP-Artikeln.

Vernünftige Verwendung von Sonnencreme ist simpler, als die veröffentlichte Verwirrung vermuten lässt. Mineralische Filter sitzen auf der Haut und reflektieren UV-Strahlung physikalisch. Sie werden nicht systemisch absorbiert. Keine endokrine Aktivität. Keine Blutspiegel über Sicherheitsschwellen. Keine Benzol-Verunreinigungen aus den Treibgasen der Sprays.

Die Haut ist kein geschlossenes System. Was wir auf sie auftragen, landet in uns. Wer das bestreitet, ignoriert die Grundlagen der Pharmakokinetik transdermaler Applikation. Wer es weiß und trotzdem chemische Filter empfiehlt, ohne auf die mineralischen Alternativen hinzuweisen, macht sich mitschuldig an einem der größten unkontrollierten Massenexperimente der Kosmetikgeschichte.

Abgesehen von Sonnencreme erhöht die Verwendung der industriellen Samenölen in der Ernährung das Hautkrebsrisiko erheblich. Die industriellen Samenöle wie Maisöl, Sonnenblumenöl und ähnliche in nahezu jedem verarbeiteten Lebensmittel programmieren unsere Haut von innen heraus zum Tumorbeschleuniger um. Sonnenlicht wirkt dabei als Katalysator. Mehr dazu in diesem Beitrag.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇

Bild von Sammy-Sander auf Pixabay

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5 Kommentare

  1. dr pony 9. Juli 2026 um 18:43 Uhr - Antworten

    in der badehose auf der terrasse ohne sonnnenmilch. :) gutes gefühl. lass mich atmen!

    https://davidnixon.substack.com/

    https://woodnstone820.substack.com/

  2. Der alte Marxist 9. Juli 2026 um 17:41 Uhr - Antworten

    Nein, die Studie der FDA ist keine Bombe. Die Überschreitung des von der FDA selbst festgelegten „Sicherheitsschwellenwertes“ bedeutet keineswegs, dass höchste Gefahr droht. Es ist kein toxikologisch begründeter Grenzwert. Es ist einfach nur ein praktischer Schwellwert, um weitere Studien anzufordern. Abgeleitet wurde dieser Schwellwert aus Überlegungen hinsichtlich der potentiell karzinogenen Wirkung von Stoffen (die in diesem konkreten Fall vermutlich irrelevant sind). Das Statement: „Die Tatsache, dass ein Inhaltsstoff durch die Haut in den Körper aufgenommen wird, bedeutet nicht, dass der Inhaltsstoff unsicher ist.“ ist absolut richtig. Alles andere wäre nur unsinniger Alarmismus! Aber der scheint heute sehr populär zu sein.

    Es ist völlig normal, dass existierenden Daten keine abschließende Risikobewertung zulassen, insbesondere hinsichtlich endokriner Wirkungen. Da gibt es einfach keine simplen Testbatterien und Grenzwerte zur Einstufung der Stoffe in dieser Kategorie – wie es sie für andere Gefahrenklassen seit langer Zeit gibt. Die EU hat gerade erst begonnen, die Kennzeichnung von endokrinen Stoffen gesetzlich vorzuschreiben. Es wäre ziemlich absurd, auf der Basis des Vorsorgeprinzip sofort allles zu verbieten, was potentiell gefährlich sein könnte, weil eine Warnstufe überschritten wurde. Im Übrigen hat auch Alkohol endokrine Wirkungen. Die erwähnten Stoffe sind übrigens auch in der EU zugelassen – geprüft vom wissenschaftlichen Ausschuss SCCS, der zumindest in der Vergangenheit sehr gut gearbeitet hat. Die endokrinen Wirkungen mehrerer Substanzen, die als UV-Filter verwendet werden, konnte er eben nicht abschließend beurteilen. Immerhin eine ehrliche Aussage.

  3. dr pony 9. Juli 2026 um 16:28 Uhr - Antworten

    Self assembling nanotechnology

    Siehe Ki, google

  4. Gabriele 9. Juli 2026 um 11:15 Uhr - Antworten

    Alles, was sich besonders Damen, jetzt sicher schon 5-jährige, noch an „Kosmetik“ auf die Haut schmieren muss dazugezählt werden – oder unter die Arme, wonach dann „zufällig“ in dem Bereich die Lymphknoten anschwellen und als Nächstes Brustkrebs auftritt….(am besten auch das Handy in den BH stecken).
    Es wird eine Menge an Studien jetzt bald folgen, die „beweisen“, dass alles ganz und gar harmlos ist und nur die Aluhutträger Gefahren darin sehen….
    Lustig auch, dass das übliche Hautkrebs-Screening sich als völlig nutzlos herausgestellt hat. Warum wohl?
    Da hantieren sie mit ihren Lupen an offen sichtbaren Muttermalen herum, während anderswo am Körper der Krebs schon wächst (in einem mir bekannten Fall auf der Fußsohle).

  5. Hello 9. Juli 2026 um 11:07 Uhr - Antworten

    „Die industriellen Samenöle wie Maisöl, Sonnenblumenöl und ähnliche in nahezu jedem verarbeiteten Lebensmittel programmieren unsere Haut von innen heraus zum Tumorbeschleuniger um. “

    Sehr geehrter Dr. Mayer,

    man kann seine Meinung ändern, man kann eines besseren belehrt werden, man kann seinen Irrtum eingestehen, aber so zu tun, als ob man nie für Sonnenblumenöl eingetreten wäre oder es zumindest zu verschweigen, obwohl schon ein paar Mal darauf hingewiesen wurde, das finde ich nicht gerade vertrauenswürdig.

    „Vitamin E wird in Pflanzen mit Hilfe von Sonnenlicht hergestellt. Am meisten finden wir in Weizenkeimöl, gefolgt von roten Palmöl und Sonnenblumenöl. Als Faustregel gilt: je mehr ungesättigte Fettsäuren das Öl enthält, desto mehr Vitamin E. (…) In den Ölen finden sich alle Bestandteile, die vermutlich für die höchste Wirksamkeit sorgen, da unser Organismus ja daran gewöhnt ist.“
    (https://tkp.at/2023/04/19/vitamin-e-oft-unterschaetzt-lebenswichtig-und-ein-jungbrunnen/)

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