Traditionelle Heilkunst Asiens – die Kraft der Myrobalanen

24. Mai 2026von 7,5 Minuten Lesezeit

Weltweit werden fast ausschließlich Chemie- und Gentechnik gegen jetzt angeblich so bedrohliche, ständig durch Viren ausgelöste Infektionskrankheiten ins Treffen geführt. Was dabei stark vernachlässigt wird, sind die Möglichkeiten der Phytotherapie, also der Pflanzenwelt. Sie künftig nicht stärker zu nutzen, wäre pure Ignoranz.

Wie es immer schon Viren und andere Mikroorganismen gab, da sie zur Entwicklung allen Lebens auf diesem Planeten notwendig dazugehören, so waren und sind auf allen Kontinenten natürliche, besonders pflanzliche Heil- und Vorbeugemittel zu finden. Alle Völker der Erde besitzen ihr eigenes traditionelles Wissen über Gesundheit und Krankheit. Dieses haben sie über Jahrtausende gepflegt und angewendet, während unsere moderne Medizin auf der Uhr quasi erst ein paar Sekunden vor zwölf erschienen ist, sich aber heute – selbst bei chronischen Krankheiten – zum Maß aller Dinge erklären möchte. Doch das ist sie nicht.

Die Myrobalane – fast ein pflanzliches Wunder

In Asien kommt eine der wohl geheimnisvollsten Heilpflanzen vor, der Myrobalanenbaum. Seine Frucht spielt in der traditionellen Medizin Indiens, dem Ayurveda, eine ebenso große Rolle, wie in der Traditionellen Tibetischen Medizin (TTM), wo sie A-ru-ra genannt wird. Medizinisch werden vor allem drei Arten von Myrobalanen am häufigsten genutzt: Chebulische (Terminalia chebula), Belerische (Terminalia bellirica) und die Amla-Myrobalane (Emblica officinalis).

Myrobalanenfrüchte sind in sehr vielen Pflanzenmischungen Teil einer genau überlegten Basisformulierung – u. a. in den in Europa erhältlichen pflanzlichen Vielstoffgemischen nach original-tibetischem Vorbild („Padma“). Myrobalanen selektiv oder als Bestandteil einer Kräuterformel eingesetzt, fördern die Zellentgiftung, schützen deren „Kraftwerke“, die Mitochondrien, helfen, den Fett- und Cholesterinstoffwechsel zu regulieren, stärken und stabilisieren das Immunsystem.

Die Myrobalane wurde im alten Tibet geradezu als heilig verehrt, da ihre Arten alle sechs so genannten Geschmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, scharf, bitter und zusammenziehend) sowie „17 Qualitäten“ in einem perfekt ausgeglichenen Verhältnis enthalten. Diese braucht jeder Organismus, um gesund zu werden, denn Heilung bedeutet immer Wiederherstellung der körperlich-seelischen Harmonie. Wer krank ist, muss sein Gleichgewicht neu finden und Myrobalanen helfen dabei auf allen Ebenen. Sie enthalten primär diverse Polyphenole (u. a. Flavonoide), Tannine (Gerbsäuren) und Saponine, wodurch insbesondere auf eine starke entzündungshemmende, antimikrobielle und antivirale Wirkung zu schließen ist.

Vor allem liefern Myrobalanen Ellagtannine für den Umbau zu Urolithin A im Darm, einem Stoff, der sich laut neuer Forschungen als zellschützend, krebsvorbeugend und verjüngend erwiesen hat. Rezepturen, die Myrobalanen enthalten, sind aus traditioneller tibetischer Sicht deshalb so heilkräftig, weil sie im Körper starke Impulslenkungsqualitäten entfalten. Es werden gleichsam die übrigen Bestandteile einer Pflanzenmischung durch die Myrobalanen in ihrer Wirkung noch potenziert und „in die richtigen Kanäle“ geleitet. Die Denkweise tibetischer Medizinexperten war und ist immer ganzheitlich und äußerst präzise, wie schon hier oder hier ausführlicher beschrieben.

Terminalia chebula wächst nicht nur in China oder Indien, sondern auch in Pakistan oder dem Iran. Ihre Früchte werden händisch von Samen befreit und getrocknet. Sie enthält u. a. Gerbstoffe, Chebulasäure, Tannin- und Betulinsäure, Terchebin, Harze und weitere Ölsäuren. Im Sanskrit wird sie Haritaki genannt. Zusammen mit Medizinalrhabarber schätzt man sie traditionell in Asien, wo Ruhr und Durchfallkrankheiten sehr verbreitet sind, als hoch wirksames Leberentgiftungs- und Darmpflegemittel. Weitere Anwendungsbereiche sind Herz und Kreislauf bzw. die „Reinhaltung“ der Blutgefäße und auf Wunden gestreut, wirkt das Pflanzenpulver desinfizierend.

Terminalia bellirica hat ähnliche Inhaltsstoffe und Säuren sowie Kampferol, ist schleimlösend, hilft also neben der Verdauung bei Atemwegsleiden (Husten, Heiserkeit), Immundefekten, aber auch weiblichen Zyklusbeschwerden. In Indien heißt diese Art in Sanskrit Bibitaki. Eine Sonderstellung nimmt schließlich die Amla oder Emblica-Myrobalane ein. In Indien, wo sie reichlich wächst, heißt sie in Sanskrit Amalaki und sie ist auch im Westen mittlerweile als breitenwirksames Adaptogen ziemlich bekannt.

Amla – eine Multitasking-Frucht

Adaptogene (von lat.: adaptare – anpassen) sind Pflanzen, die den Körper gleichsam dort abholen, wo er sich zustandsmäßig gerade befindet: Überschüssiges wird gedämpft und Defizite werden sanft ausgeglichen. Adaptogene erweisen sich als wichtige Helfer gegen die gerade jetzt so häufigen Erschöpfungszustände von Körper und Seele. Traditionell gilt die Amla als kühlend, schmerzlindernd, verdauungsfördernd, aber auch entwässernd und leicht fiebersenkend. Aktuellen Studien zufolge ist sie jedenfalls blutfett- und blutzuckersenkend, antiviral und antioxidativ, damit vorbeugend gegen Tumorwachstum. Laut pubmed.de befassten sich bisher 400 Studien mit den Eigenschaften und Wirkungen von Amla, die in Indien auch Lebensmitteln zugesetzt wird.

Die Amla wird in Indien so hoch verehrt, dass man einen eigenen Ehrentag für sie feiert. Der Geschmack frischer Amla-Frucht ist sauer, aber auch bitter und feinherb-süß. Sie enthält u. a. viel Vitamin C und B-Vitamine. Sie stillt Erbrechen und lindert Übelkeit, die sehr häufig mit Leberstörungen einhergeht. Insgesamt wirkt sie regenerierend nach schwerer Krankheit. Amla-Myrobalanen in Verbindung mit Zinnkraut und Brennnessel sollen die Heilung von Knochenbrüchen und die Zahngesundheit fördern. Amla ist auch venenstärkend und hält die feinen Kapillargefäße offen.

Chyavanprash und Triphala

Ein in Indien sehr bekanntes Tonikum (Ayurveda-Fruchtmus), dessen Rezept sich einem indischen Weisen im Traum offenbart haben soll, nennt sich „Chyavanprash“. Dieses Elixier besteht aus Amla-Frucht unter Zugabe von weiteren Adaptogenen, Kräutern und Gewürzen (darunter Ashwagandha, Shatavari, Guduchi, Safran, Langpfeffer und Kardamom) sowie Honig, Ghee und Bambuszucker (hier Vorsicht bei Diabetes). Es soll gleichermaßen die Nerven wie das Immunsystem und alle Körpergewebe stärken, Herz, Leber, Verdauung und Atemwege schützen. Aber vor allem gilt es als Aphrodisiakum. Heute darf man wohl „Superfood“ dazu sagen.

Eine Mischung von gleichen Anteilen aller drei Myrobalanen ist in der indisch-ayurvedischen Medizin seit Jahrtausenden als „Triphala“ bekannt. Im Ayurveda zählt Triphala zu den wichtigsten Heilmitteln überhaupt. Es wirkt gegen unterschiedlichste Leiden und soll, regelmäßig genommen, zudem eine verjüngende Wirkung haben. Um welches Magen- oder Darmproblem es sich handeln mag, etwa viele Nahrungsmittelunverträglichkeiten – diese Mischung kann harmonisierend eingreifen (auch in Ergänzung anderer Therapien – bei der Einnahme Abstand von einer Stunde einhalten). Triphala reduziert überdies Stress und wirkt antioxidativ – also mutmaßlich krebsvorbeugend.

Myrobalanen in der Tibetischen Medizin

Die Traditionelle Tibetische Medizin kennt ebenfalls eine Kräutermischung (tibetisch „Bras bu 3“), welche aus allen drei beschriebenen Myrobalanen besteht (in westlicher Nennung „HepaTib“ bzw. „Padma Hepaten“) und die der Mischung „Triphala“ entspricht – ergänzt durch Cholin. Es eignet sich bereits vorbeugend zur Erhaltung der normalen Leberfunktion und eines gesunden Fettstoffwechsels.

Zusätzlich existiert eine bitter-herbe Kräutermischung zur Verbesserung der Gallenfunktion (tibetisch „Garnag“), welche ebenfalls zwei Arten von Myrobalanen enthält (ergänzt unter anderem durch weitere Pflanzen wie Granatapfel, Artischocken oder Löwenzahn sowie Zinkoxid). Beide Mittel ergeben eine sich ergänzende Aufbau- und Entgiftungskur, die besonders im Frühjahr sehr nutzbringend ist.

Die Chebulische Myrobalane ist ein zentraler Bestandteil der u. a. hier beschriebenen traditionellen, wissenschaftlich sehr gut untersuchten, komplexen Kräuterformel „gabur 25“ (bekannt als „Padma 28“ – marktbedingt in unterschiedlichen Bezeichnungen und Versionen verfügbar). Sie entspricht den Originalangaben des 28. Rezepts auf einer alten Liste tibetischer Kräuterrezepturen, die über Russland und Polen schließlich bis in die Schweiz gelangte, wo ein nun seit mehr als 50 Jahren tätiges Unternehmen, diese Kräutermischungen für den Westen in hochqualitativer Form herstellt, denn Originalmischungen aus Asien fänden in Europa leider keine offizielle Zulassung.

Es waren recht große Schwierigkeiten zu meistern, bevor dies möglich wurde, wie in meinen beiden Büchern über Tibetische Medizin im Westen und auch hier beschrieben. Die Rezeptur hat sich einer Metastudie zufolge als wirksames Therapeutikum bei Durchblutungsstörungen erwiesen, daraus zu schließen ist eine schützende und harmonisierende Wirkung auf das Immunsystem– wie umfangreich und sicher diese sein kann, wurde von mir hier beschrieben.

Wie immer man zur Phytotherapie stehen mag, die ja auch in Europa durch altes Pflanzenwissen eine lange, leider immer mehr vernachlässigte Tradition hat, so gibt es in jedem Kulturkreis besonders herausragende Pflanzen, die zur Entwicklung einer jeweiligen hochwirksamen „Volksmedizin“ geführt haben. Solchem über viele Jahrhunderte gewachsenen Wissen die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, ist gerade in der heutigen Zeit nicht nur eine Option, sondern geradezu ein Muss.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇

Bild von Bishnu Sarangi auf Pixabay

Literatur und Infos:

Gabriele Feyerer: Padma. Die Kraft tibetischer Pflanzenmedizin. Heilkunst für ein neues Jahrtausend. Synergia Verlag 2021

Gabriele Feyerer: Padma 28 – Tibetische Naturmedizin für Körper und Geist. 9. aktualisierte Auflage 2018. Windpferd / nun bacopa Verlag (Grundlagenwerk zur „Gabur 25-Formel) Aktuelles Adressenverzeichnis zur TM als Download unter bacopa.at

Padma.ch / de / at


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

© Dr. Gabriele Feyerer, freie Autorin / Journalistin.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Volksheilkunde einst und jetzt, hier und anderswo – Teil 1

Aus ganz alten Büchern lernen: Tibetische Medizin

Die Hausapotheken der Welt – wie bleiben Menschen gesund?

Plädoyer für eine integrative Medizin und mehr Selbstverantwortung

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge