
Volksheilkunde einst und jetzt, hier und anderswo – Teil 1
Volksheilkunde ist ein viel benutzter Begriff, doch was bedeutet er wirklich? Wie wertvoll ist das traditionelle Wissen und warum lohnt es sich, dieses zu bewahren?
Seit Jahrtausenden suchten die Menschen in der Natur, vor allem bei den Pflanzen, Hilfe gegen Krankheit und Leiden. Eine geeignete „Volksmedizin“ hat sich auf allen Kontinenten selbständig entwickelt. Sicher lernte man ursprünglich durch Versuch und Irrtum, sowie genaue Beobachtungen der Tierwelt. Wildtiere fressen, wenn sie krank oder verletzt sind, instinktiv bestimmte Kräuter, Baumrinden und Wurzeln oder suchen heilende Quellen auf. Daran mögen die ersten Menschen sich orientiert haben, doch auch Geschmack und Geruch von Pflanzen sowie ihr Standort und das Aussehen wurden erforscht. Positive, wie negative Erfahrungen vermischten sich mit Aberglauben und religiösen Praktiken.
So entstanden Rituale und Beschwörungen, um Gesundheit zu bewahren und Krankheiten zu vertreiben. Letztere wurden oft als das Werk böser Geister und Dämonen bzw. als „Strafe Gottes“ angesehen. Dieses Konglomerat aus praktischer Anwendung und mystischer Umrahmung bildet jenes enorme Volkswissen über nützliche oder giftige Kräuter und naturgemäße Heilweisen, das die Zeiten überdauert und ab dem vorigen Jahrhundert in Europa erst einmal eine Wiederbelebung erfuhr.
Seit der Jahrtausendwende sieht es allerdings wieder traurig aus, denn mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, in Verbindung mit ausufernder Technik- und Chemiegläubigkeit, wird heute die Natur nicht mehr als Helfer, sondern vielmehr als Feind betrachtet, den man bekämpfen muss.
Angesichts des aktuellen Pandemie-Wahns mit seiner Virenpanik, gilt inzwischen alles Natürliche als hochgefährlich und das Verständnis für sinnvolle biologische Vorgänge scheint trotz „Wissenschaftlichkeit“ eher zu sinken, als zuzunehmen. Eine fatale Entwicklung, die sich in ihrer schlimmsten Form als Transhumanismus präsentiert. Der genetisch optimierte „Maschinenmensch“ wird – natürlich mittels KI – zu einem wünschenswerten Ideal hochstilisiert. Umso mehr gilt es jetzt, altes Volks- und Naturheilwissen zu bewahren und zu schützen. Es muss künftig als Weltkulturerbe anerkannt werden!
Quellen europäischer Volksheilkunde
Unsere Volksheilkunde, wie auch die moderne Medizin, haben ihre Wurzeln in der griechisch-römischen Kultur, welche wiederum durch altägyptische, und später byzantinische Quellen beeinflusst wurde. Die Heilkunst basierte auf der „Lehre von den Körpersäften“ des Hippokrates von Kos (um 300 v. Chr.), und wurde nach dem römischen Arzt Claudius Galenos „galenische Medizin“ genannt. Im 5. Jahrhundert nach Christus verschob sich das Zentrum der Medizinlehren nach Osten, um mit den Arabern im 11./12. Jahrhundert wieder nach Spanien zu gelangen. Der berühmte, streng galenisch orientierte „Canon Medicinae“ des Avicenna galt lange als wichtigstes Lehrbuch.
Alle Materie besteht demnach aus den 4 Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser. Hitze und Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit beeinflussen auch den Menschen, der nur gesund bleibt, solange seine vier Säfte „Blut“, „Schleim“, „gelbe und schwarze Galle“ ausgeglichen sind (Humoraltheorie). Pflanzen wurden reichlich benutzt, auch solche aus Afrika und Asien. Die Seelenwelt des Kranken spielte eine wichtige Rolle, viele Ärzte waren Priester. Aderlass, Einläufe, Schröpfen, Räuchern und „Diät“ waren üblich. Prinzipien und Methoden, die man bis heute in der traditionellen Medizin aller Kontinente finden kann.
Seit dem frühen Mittelalter übten Mönchsorden die Naturheilkunde aus, waren sie doch durch ihre italienischen Mutterklöster oder Missionsreisen bis nach Asien mit der Anwendung vieler Gewürz- und Heilpflanzen vertraut. Kaiser Karl der Große hatte 812 angeordnet, dass in Städten und Klöstern Bäume, Gemüse und Heilpflanzen zu ziehen seien. Mit dem Abschreiben und Studieren alter Kräuterfolianten und durch die Krankenpflege erwarben Mönche und Nonnen immer mehr Heilwissen.
Im 12. Jahrhundert war die Äbtissin Hildegard von Bingen durch ihre religiösen und medizinischen Schriften, welche sie angeblich direkt in „göttlicher Schau“ empfangen hatte, über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie legte sich sogar mit dem Papst an und wagte es, ihn zu kritisieren, was damals für eine Frau sehr gefährlich werden konnte. Schlussendlich aber anerkannte dieser ihre Aktivitäten als wohlmeinend. Die Visionen seien „nicht vom Teufel“, also durfte sie weitermachen und landete nicht vor einem Kirchengericht.
Paracelsus und seine Welt
Sehr wesentlich wurde die europäische (Volks)medizin durch Theophrastus Bombastus von Hohenheim (geb. 1493 in der Schweiz), besser bekannt als Paracelsus, geprägt. Er nannte die studierten Ärzte „Geldpfaffen“ und berief sich auf Hippokrates. Als Wanderarzt hielt er seine Vorlesungen in deutscher Sprache, seine Reisen führten ihn auch nach Graz und Wien. Gerade beim „gemeinen Volk“, so lehrte Paracelsus, müsse man nach Weisheit suchen.
Seine Lehre vereinte die Humoraltheorie samt mittelalterlicher Klostermedizin mit der Astrologie, und ebenso der damaligen Volksheilkunde. Durch „sympathisches“ Behandeln mit Kräutern erzielte Paracelsus seine größten Erfolge: Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt, oder Gleiches mit Gleichem (bittere Pflanzen für die Galle, solche mit nierenförmigen Blättern für Nierenleiden usw.). Diese (häufig durchaus zutreffende) „Signaturenlehre“ übernahm er aus der Volksmedizin, wo man sie zum Teil bis heute befolgt und bereits griechische Ärzte der Antike kannten sie. Noch heute werden Kliniken nach diesem berühmten Mann benannt.
Im 15. Jahrhundert führte die Entdeckung der Buchdruckerkunst zu einer umfassenden Verbreitung des Wissens über die Pflanzenheilkunde. Bücher über Heilpflanzen gehörten neben der Bibel zu den ersten „Bestsellern“. Ab dem 17. Jahrhundert gerieten im Zuge der Aufklärung und einer „wissenschaftlichen“ Vorgangsweise an den Universitäten die galenischen Theorien in Verruf.
Neue Arzneien enthielten meist anorganische Zutaten, wie etwa Quecksilber. Die Geheimrezeptur „Theriak“ oder Stücke ägyptischer Mumien (oft in der Tat mit Wirkung wegen ihres Gehalts an Gewürzen, Ölen und Kräutersubstanzen – nicht zu verwechseln mit „Mumijo“) galten als Gegengifte und Wundermittel. Todesfälle durch ärztliche Fehlbehandlung und echte Quacksalberei waren an der Tagesordnung (man denkt hier typischerweise das in Nordamerika von Quacksalbern verkaufte „Schlangenöl“).
Doch gab es schon immer „Zurück-zur-Natur-Bewegungen“, in denen die Heilkraft von Kräutern, Wasser, Sonne, Luft und Licht gepriesen wurden (wie das bei indigenen Völkern ohnehin der Lebenspraxis entsprach, in Europa jedoch lange verachtet wurde). „Weise Frauen“, Hebammen und Heiler, so sie den Hexenwahn, Pest und Hunger überlebt hatten, behielten künftig ihr Wissen lieber für sich und dienten im Untergrund weiter dem einfachen Volk. So sollte es lange bleiben, denn einen Arzt konnten nur reiche Leute bezahlen. Man hielt sich an bewährte, leider häufig wirkungslose Hausmittel, sowie Zauber- und Segenssprüche.
Historisch gesehen ist die europäische Volksheilkunde eine Mischung aus gelebter Erfahrung, Beobachtung, und magisch-religiöser Praktiken, die auch im täglichen Leben Halt und Stütze boten. Zwischen dieser „abergläubischen“ Volksmedizin und universitärer „Schulmedizin“ entstand rasch eine Kluft, die sich gerade heute wieder mehr und mehr auftut, obwohl es weit sinnvoller wäre, endlich zu einer echten Ganzheitsmedizin zu finden – inzwischen ergänzt um die Psycho-Neuro-Immunologie. Körper und Seele zu trennen, ist in Wahrheit unmöglich.
Die magisch-spirituelle Seite jeder Volksmedizin gibt Experten dennoch bis heute Rätsel auf, etwa, dass Warzen durch „Besprechen“ verschwinden und Heilungen oft durch ein Gebet, Handauflegen oder Meditation beschleunigt oder überhaupt erst möglich werden. Das Trinken aus „heiligen“ Quellen und der Besuch gesegneter Orte sind in der Volksfrömmigkeit bis heute weltweit anerkannt, man denke nur an Lourdes oder den Jakobsweg. Die Angst vor dem „bösen Blick“ war einst allgegenwärtig, und in anderen Erdteilen ist „Verwünschen“, ja sogar das Töten eines Menschen durch „Zauberei“ und böswillige Schwarzmagier etwas Reales, ebenso wie die Heilung durch magische Rituale von Schamanen, wie eine „Rückholung“ verlorener Seelenanteile.
Der weiterhin ungebremste Heilungstourismus zu den indigenen Völkern Amerikas oder nach Asien spricht eine eigene Sprache. Doch auch westliche Kräuterfrauen und „Wunderheiler“ wandten eine Form des „Gesundbetens“ an und tun es im Geheimen wohl bis heute. Sie zu finden, mag hierzulande nur schwieriger sein. Interessant ist, dass die Volksmedizin aller Kontinente auch „unheilbare“ Krankheiten kennt, was meist bedeutet, diese seien für den Betroffenen ein Lernprozess, der nicht geändert werden kann und soll – so etwa auch die Ansicht der Hildegard von Bingen.
Ein Streiflicht: Volksheilkunde in der Steiermark / Österreich
Leider wurde Natur- und Traditionswissen, von manchen Klöstern abgesehen, in unseren Breiten eher selten systematisch aufgezeichnet. Eigene Volksmedizinforschungen gab es etwa Ende des 19. Jahrhunderts durch den Grazer Arzt Viktor Fossel und sein Buch „Volksmedicin und medicinischer Aberglaube in Steiermark“.
Waggonweise brachte um 1900 der bis heute unvermindert als Touristenattraktion beliebte „Stainzer Flascherlzug“ Hilfesuchende mit ihren Urinfläschchen (daher der Name) zum „Höllerhansl“ nach Rachling. Dieser steirische Naturheiler stand im Ruf, durch „Urinschau“ Krankheiten erkennen und fast alles mit Kräutertees, Tinkturen und Salben heilen zu können.
Immer wieder traten hier besondere Heiler-Persönlichkeiten auf und heute sind es Apotheken, die solche Quellen aufgreifen und entsprechende Mittel selbst herstellen – wie etwa „Höller-Hansl-Tee“. Immer wieder tauchen auch persönliche Schriftzeugnisse aus Familienbesitz auf, die lange Zeit streng gehütet oder nicht beachtet wurden.
Dieses Wissen existiert aber meist im Verborgenen, denn als „Privatdoktor“ könnte man sich rasch durch den umstrittenen österreichischen „Kurpfuscher-Paragrafen“ einer Strafanzeige aussetzen. Andererseits wäre es dem Herrn Primarius Dr. med. XY wohl noch heute unangenehm, würde die Allgemeinheit erfahren, dass sogar er in der Not schon einmal Rat beim „einfachen Volk“ gesucht hat, wie Paracelsus einst so dringend empfahl.
Literatur zum Weiterlesen:
Gabriele Feyerer: Padma. Die Kraft tibetischer Pflanzenmedizin. Heilkunst für ein neues Jahrtausend. Synergia Verlag 2021
Gabriele Feyerer: 9 Kräuter-Essenz. Pflanzenkraft aus dem Schatz indianischer Heilkunst.
Jim Humble Verlag 2016
Gottfried Hertzka / Wighard Strehlow: Große Hildegard-Apotheke. Christiana-Verlag 2017
Karl-Heinz Peper: Klosterheilkunde nach Hildegard von Bingen und Anderen. mgo Fachverlage 2024
Wolf-Dieter Storl: Ur-Medizin: Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde. AT-Verlag
Johann Schleich: Kräuterweiber und Bauerndoktoren. Verlag Styria regional 2015
Bild: Amirh. absnd, CC0, via Wikimedia Commons
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
© Dr. Gabriele Feyerer, freie Autorin / Journalistin.
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.