Tibetische Kräuterformeln – wie und warum sie wirken

24. November 2025von 9,2 Minuten Lesezeit

Komplexe tibetische Kräuterformeln nach westlichen Kriterien auf ihre biochemischen Effekte zu untersuchen, stieß anfangs auf große Vorbehalte, doch es ist möglich. Die pflanzlich-mineralischen Vielstoffgemische müssen hier als Ganzes anhand ihrer offensichtlichen „multi-target“-Wirkung analysiert und bewertet werden, wie speziell an einer Rezeptur ausgiebig gezeigt wurde.

Tibetische Kräuterformeln im Westen enthalten mindestens 3 bis 5, teilweise bis zu 21 natürliche Komponenten pflanzlichen, zum Teil auch mineralischen Ursprungs. Somit sind darin tausende unterschiedliche, pharmakologisch aktive Moleküle enthalten und diese Komplexität führt zum Schluss, dass der zugrunde liegende pleiotrope, d. h. vielfältige Wirkmechanismus auf einem „multi-target-Prinzip („auf viele Punkte hinzielend“) beruht, weshalb die Formulierungen als „Netzwerkmedizin“ agieren und immer als Ganzes zu betrachten sind. Analysen zeigen die enorme biochemische Aktivität tibetischer Rezepturen und wie zu erwarten, spielen so genannte „sekundäre Inhaltstoffe“ der Pflanzenwelt dabei eine tragende Rolle – allen voran sichtlich die Flavonoide. Was nämlich eine Pflanze schützen kann, entfaltet auch im menschlichen Organismus erstaunliche Wirkungen.

Die unterschätzte Kraft der Flavonoide – einige Streiflichter

Ende 2024 war im Pressetext u. a. eine Meldung zu finden, wonach die University of Missouri in Colombia (Mizzou), herausgefunden hat, dass violetter Mais „trotz Farbe“ am gesündesten ist. Ähnliches trifft auf blaue und rote Sorten zu. Wobei die Wortwahl ziemlich fehl am Platz war, denn dieser „Maiz Morado“ ist eben nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Farbe ein wahrer Gesundheitsbooster. Die äußere Schicht der Körner enthält mehr krebsvorbeugende Antioxidantien als etwa Blaubeeren, die als Star unter den gesunden Früchten gelten. Es geht in diesem Fall um so genannte Anthocyane, natürliche pflanzliche Farbstoffe, die zu den Flavonoiden zählen, welche wiederum den Polyphenolen angehören.

In ganz ähnlicher Weise ist auch die Effektivität pflanzlicher Vielstoffgemische aus der Tibetischen Medizin zu sehen, wobei die Gruppe der Polyphenole besonders hervorsticht.

Flavonoide schützen ein Gewächs vor negativen Umwelteinflüssen wie UV-Strahlung oder Tierfraß. Es handelt sich um wasserlösliche, natürliche Farbstoffe, die in unzähligen Pflanzen (inklusive Bäume), aber ebenso in Moosen oder Farnen vor. Sie befinden sich in den oberirdischen Teilen (primär Schale, Blätter) und werden mit den Phenolsäuren zur Gruppe der Polyphenole zusammengefasst. Viele Flavonoide liegen als Glykoside vor und sind an Zuckermoleküle wie Glukose gebunden. Der Begriff Flavonoide leitet sich von lat. „flavus“ (gelb) ab, doch weisen diese Substanzen auch orange-rote bis blaue Farben auf. Sie kommen besonders reichlich in buntem Obst und Gemüse vor, z. B. in Zitrusfrüchten, Weintrauben, Heidelbeeren, Tomaten, Roter Bete, Rotkohl oder Äpfeln, aber genauso in Kakao, Teeblättern oder Getreidepflanzen. Es sind bisher rund 8000 Flavonoide näher beschrieben worden.

Die Wissenschaft unterteilt Flavonoide in sieben Gruppen: Flavonole, Flavone, Flavonone, Flavanoide, Isoflavonoide und Anthocyane bzw. Anthocyanidine, wie sie auch im oben genannten Maiz Morado vorkommen. Betrachtet man die Effekte, so sind Flavonglykoside etwa toxisch für Insekten, nicht aber prinzipiell für Wirbeltiere bzw. den Menschen. Maximal sind einige Flavonoide in großen Mengen schwer verdaulich (daher wohl auch diverse Empfindlichkeiten auf Getreidesorten, etwa Weizen, je nach Mikrobiom des Essenden), aber grundsätzlich können sie unseren Organismus aktiv gegen Viren, Bakterien und Pilze schützen. So kam etwa das u. a. in Zwiebeln oder Brokkoli enthaltene Querzetin als starke natürliche Waffe gegen Covid ins Gespräch, aber auch z. B. Kiefernnadeltee durch seinen hohen Gehalt an Kaempferol. Ähnliches gilt für Flavanole als pflanzliche Bitterstoffe (Proanthocyanidine), deren antioxidatives Potenzial sich um ein Vielfaches stärker erwies, als Vitamin C und zugleich die Wirkung von Provitamin A und Vitamin E im Körper verstärkt. Es besteht absolut kein Grund, darüber zu spotten, wenn jemand sich traut, Bitterstoffe als Hilfe bei Infektionen zu empfehlen, denn selbstverständlich stärken auch sie die Abwehr!

Flavonoide – antientzündliche Herz- und Gefäßmedizin

Aus bisherigen Untersuchungen hat sich herauskristallisiert, dass sehr viele Flavonoide sowohl stark entzündungswidrig, als auch gefäßschützend wirken. Dies geschieht auf unterschiedlichste Art, etwa indem sie eine Reihe von Enzymen beeinflussen oder Zellen aktivieren, wodurch die Immunabwehr „anspringt“. Einige helfen Schmerzen zu lindern, hemmen unkontrolliertes Zellwachstum und wirken der übermäßigen Bildung freier Radikale entgegen. Damit wird Entzündungen vorgebeugt bzw. werden diese gemindert, falls sie bereits chronisch oder „still“ geworden sind. Besonders Anthocyane helfen, die DNA gegen oxidativen Stress zu schützen, die Insulinreaktion auszugleichen und Zellschäden zu vermeiden. Interessant ist, dass „anthos kyanos“ im Griechischen „blaue Blume“ bedeutet und es in unserer Märchenwelt sehr oft darum geht, dass jemand sich aufmacht, eine sagenhafte „blaue Blume“ zu suchen, um damit die Krankheit eines Menschen zu heilen. Jedenfalls isolierte man diesen blauen Farbstoff 1849. 1913 wurde er aus der Kornblume analysiert und man wählte Anthocyane als Fachbegriff für diese Untergruppe sekundärer Pflanzenstoffe.

In Bezug auf Herz und Kreislauf wirken Flavonoide auf die Blutgerinnung, regulieren die Bildung von LDL-Lipoproteinen (angeblich „böses“ Cholesterin, was gänzlich falsch ist, wie etwa hier erklärt – Cholesterin ist lebensnotwenig, solange es nicht übermäßig oxidiert) und sie stärken die Innenwände der Blut- und Lymphgefäße. Ebenso können Flavonoide eine überschießende Aktvierung von Lymphozyten bremsen, wie sie bei dem durch Corona so viel beschworenen „Zytokinsturm“ häufig vorkam. Bei Bluthochdruck helfen Flavonoide auf sinnvolle Weise, verkrampfte Gefäße zu weiten – etwas, das Medikamente nur auf brachiale Art können. (u. a. auch hier ausgeführt). Zugleich ist wichtig, dass Flavonoide die Vielfalt schützender Darmbakterien vergrößern, weil sie natürlich im Darm verstoffwechselt und damit optimal vom Körper genutzt werden, was sich in der Folge positiv auf Blutdruck, Gefäße und Immunsystem auswirkt.

Ständige Infektionen lassen nicht zuletzt auf einen Mangel an Flavonoiden im Körper schließen – in aller Regel durch falsche Ernährung mit zu wenig Gemüse, Obst, hochwertigen Kohlenhydraten und Eiweiß, inklusive bekannter Schadeinflüsse aus der Umwelt (Pestizide im Essen, Genussmittel, Toxine in der Luft, Strahlenbelastung, Medikamente, Impf-Adjuvantien etc.). Es zeigt sich dann u.a. häufiges Zahnfleischbluten oder die allzu rasche Bildung von Blutergüssen („blauen Flecken“). Natürlich und „bunt“ zu essen ist also der primäre Ratschlag, doch der Einsatz von klug zusammengestellten, völlig naturbelassenen Kräutermitteln, wie sie etwa seit Jahrtausenden in der Tibetischen Medizin Anwendung finden, bietet zusätzliche Möglichkeiten, die Gesundheit – vor allem in Krisenzeiten – durch eine Zufuhr schützender Polyphenole bzw. Flavonoide zu erhalten oder wiederzuerlangen.

Gabur 25 – eine Rezepturfamilie offenbart ihr Potenzial

Inwiefern die Jahrtausende alte Tibetische Medizin nach und nach im Westen angekommen ist und wie sie zu Entzündungen in Beziehung steht, wurde schon hier und hier beschrieben.

Gemäß den gesetzlichen Rahmenbedingungen eines Landes sowie faktischen Gegebenheiten (etwa geminderte Verfügbarkeit wegen klimatischer Veränderung oder logistisch-technische Probleme) muss eine tibetische Rezeptur oftmals angepasst werden, um auf dem europäischen Markt überhaupt zulässig zu sein und dauerhaft bestehen zu können. Immer wieder hat sich bisher diese Hoffnung für sehr vielversprechende Formeln aus einer zugrunde liegenden überlieferten Rezepturenliste (deren 28. Rezept „Gabur 25“ bzw. „Padma 28“ ist, daher der Name – Padma steht im Tibetischen für Lotosblüte) leider nicht erfüllt. Betreffend „Gabur 25“ ist dieses Originalrezept in leicht unterschiedlichen Varianten, aber mit gleichbleibender Wirksamkeit, in DACH frei verfügbar (genaue Inhaltsangaben zu finden unter padma.de, padma.at und padma.ch).

Die enthaltenen, getrockneten, sonst aber völlig naturbelassenen Kräuterbestandteile, welche immer nur in kleinen Mengen vorliegen, werden von tibetischen Medizingelehrten seit jeher nach genauen Kriterien dieser uralten Heilkunde namens „Sowa Rigpa“ zusammengestellt und wurden über Jahrtausende erfolgreich angewendet – seit über 50 Jahren von einem einzigen Unternehmen auch in Europa. Die Mittel zeichnen sich aus biochemischer Sicht durch ihren hohen Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen aus – allen voran die Polyphenole bzw. Flavonoide, aber auch Tannine (pflanzliche Gerbstoffe) und unzählige weitere Substanzen, darunter Alkaloide oder Saponine, die erst in ihrer Gesamtheit (Synergie) nachhaltig aktiv werden. In einer westlichen Welt, die immer stärker geprägt ist von Patienten mit multiplen Krankheitsbildern (welche allzu oft schädliche chemische Polypharmazie nach sich zieht), scheint diese, zugleich an vielen Wirkorten im Körper angreifende pflanzliche „Netzwerkmedizin“ eine ziemlich ideale Lösung für viele komplexe Symptombilder anzubieten, speziell in den Bereichen Verdauung, Herz/Kreislauf- und Immunsystem, aber auch Lungenerkrankungen.

Die Kunst zielgenauer Komposition

Wie wertvoll die botanische Plastizität und Robustheit pflanzlicher Vielstoffpräparate aus der tibetischen Kräutermedizin sein kann, wurde hier am Beispiel „Gabur 25“ bzw. „Padma 28“ dargelegt (Volltext auch in: Sowa Rigpa Journal. 2019; S1:27-34). Den Pflanzendrogen bzw. ihren Zubereitungen wird aufgrund sensorischer Eigenschaften ein Wirkprofil zugeordnet, das i.d.R. von mehreren Pflanzenspezies erfüllt wird. Es war auch in Tibet immer wieder nötig, Formulierungen anzupassen. Ein Beispiel dafür ist „ut pal“, wo meist Meconopsis sp., genannt wird. Es handelt sich dabei um den „Scheinmohn“, eine Pflanzengattung mit rund 55 Arten aus dem Himalaya, die auch „Blauer Mohn“ heißt. Aufgrund seiner Charakteristika könnte in einem Rezept aber genauso gut die Akelei oder der Weißdorn (Crataegus sp.) zum Einsatz kommen. Es können für nötige Rezepturvarianten auch Wirkstoffe hinzugefügt oder weggelassen werden, ohne den Grundcharakter und das Wirkprofil zu verändern – wodurch man z. B. schwer erhältliche Pflanzen künftig auch in Europa anbauen kann, was etwa im Fall der Akelei oder des Goldfingerkrauts bereits geschieht. Die Diskussion unter Ärzten über Rezepturvarianten war in der Tibetischen Medizin seit jeher üblich und ihre Plastizität ist ein wesentlicher Beitrag zur Zukunftsfähigkeit dieser Phytotherapie, wie auch hier gezeigt wird. Sie versetzt uns damit in die Lage, einerseits Biodiversität zu erhalten und gleichzeitig den Schatz an etablierten Pflanzenmitteln zu bewahren und zum Teil sogar zu erweitern.

Da pflanzliche Vielstoffgemische (engl. „Multicompounds“) der Tibetischen Medizin im metabolischen Netzwerk unseres Organismus synergistisch an vielen Funktionskreisen und Ebenen gleichzeitig ansetzen, sind die therapeutischen Möglichkeiten äußerst vielfältig. Die Anwendungspalette wäre traditionell und historisch gesehen noch viel breiter, als dies bisher durch Studien untermauert werden konnte. „Padma“-Rezepturen sind sicher und werden unter höchsten Qualitätsanforderungen produziert. Somit scheint es fast vermessen, diesem bewährten alten Medizinsystem nicht in Wissenschaft und Praxis weiterhin die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Literatur und Infos:

Gabriele Feyerer: Padma 28 – Tibetische Naturmedizin für Körper und Geist. 9. aktualisierte Auflage 2018. Windpferd / nun bacopa Verlag (Grundlagenwerk zur „Gabur 25-Formel) mit Adressenverzeichnis zur TM als Download (nicht im Buch enthalten!)

Gabriele Feyerer: Padma. Die Kraft tibetischer Pflanzenmedizin. Heilkunst für ein neues Jahrtausend. Synergia Verlag 2021 (Folgewerk zu Padma 28 – Infos zu allen Mitteln – auch als e-book)..

Padma.ch / de / at


Die in diesImage by hiko matsudah from Pixabayem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

© Dr. Gabriele Feyerer, freie Autorin / Journalistin


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3 Kommentare

  1. maxstirner 24. November 2025 um 19:37 Uhr - Antworten

    „Somit scheint es fast vermessen….“

    Eigentlich vollkommen Vermessen, wenn man das sonstige Angebot und deren Ergebnisse in Betracht zieht.

    • Gabriele 24. November 2025 um 19:41 Uhr - Antworten

      Sie haben Recht…ich versuche nur, mich in Fachartikeln „emotional“ soweit zurückzunehmen, dass das „Wahrheitsministerium“ gleich wieder Gift und Galle spucken muss, um „die“ Medizin zu verteidigen und mich als ausgemachte Schwurblerin zu diffamieren – passiert ohnehin oft genug.

      • Gabriele 24. November 2025 um 19:45 Uhr

        „nicht gleich wieder“ sollte es natürlich heißen.
        Wie auch immer – mir ist wichtig, dass so viele Interessierte wie möglich etwas über die Möglichkeiten der Tibetischen Medizin erfahren, denn der Mainstream wird es ihnen jedenfalls nicht sagen. TM hat leider so gut wie keine Lobby – im Gegensatz zur TCM.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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