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Politik

Wilkerson: Saudi-Arabien und Israel könnten von der Landkarte verschwinden

4 Kommentare 16. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Colonel Lawrence Wilkerson, ehemaliger Stabschef von US-Außenminister Colin Powell, hat erneut deutliche Worte gefunden. In einem aktuellen Interview vom 15. September 2026 warnt er vor dem möglichen Ende Saudi-Arabiens als Nationalstaat und sieht auch Israel in existenzieller Gefahr. Die Aussagen fügen sich nahtlos in frühere Prognosen des Offiziers ein, die TKP bereits dokumentiert hat.

Wilkerson hat saudische und jemenitische Offiziere in Fort Benning ausgebildet. Er kennt den Unterschied zwischen Süd- und Nordjemen. Die Stämme im Norden, heute Ansar Allah / Huthi, seien harte, disziplinierte Kämpfer mit hohem Zusammenhalt. Den Krieg gegen sie hat Mohammed bin Salman als Verteidigungsminister begonnen, um sich als Kronprinz zu beweisen. Ohne amerikanische Hilfe, sagt Wilkerson, hätten die Saudis das nicht durchgehalten: reichweitengestreckte F-15, JDAM, Geheimdienst – und Dinge, über die der Kongress nicht informiert worden sei. Trotzdem sei Riad nicht durchgekommen.

Fünfzig zu fünfzig für den saudischen Staat

Jetzt, so Wilkerson, zahle man den Preis. Die USA hätten in ihrer Südwestasien-Kampagne gegen den Iran vieles davon angelegt und die Saudis in die Lage manövriert, in der sie stecken. Seine Formulierung: Es bestehe eine 50:50-Chance, dass Saudi-Arabien als Nationalstaat verschwindet. Das hänge davon ab, ob Washington sie noch einmal aufrichtet – und ob jemand anderes, etwa China, einspringt. China erwarte er nicht. Die saudische Armee tauge kaum zum Bodenkrieg. „Die Houthis werden sie vernichten und sind gerade dabei, sie zu vernichten.“

Berichte über Explosionen in mehreren saudischen Städten, sogar Mekka, konnte er selbst nicht bestätigen. Falls es Schläge auf Mekka gegeben haben sollte, hält er zu 90 Prozent eine israelische False-Flag-Operation für wahrscheinlich – nicht die Huthi, die Mekka nicht angreifen würden. Das bleibt Spekulation, und er sagt das. Der Kern seiner Diagnose braucht die unbestätigte Mekka-Meldung nicht: Riad hat einen Gegner unterschätzt, den Washington jahrelang mitbomben ließ.

Israel: nicht nur Netanjahu, die Mehrheit

Zum Golf sagt Wilkerson dasselbe wie der omanische Außenminister auf Englisch: Das Problem in der Region sei nicht der Iran, es sei Israel. Ein regionales Abkommen über die Straße von Hormuz – Iran, Oman, Golfstaaten ohne Bahrain – sei genau deshalb giftig für Tel Aviv, weil es eine Verständigung der Anrainer ohne Washington und ohne Jerusalem andeutet. Bahrain sei ohnehin weitgehend zerstört, die Infrastruktur der 5. Flotte inklusive. Die VAE und die Royals in Manama hingen zeitweise an Israel; er glaubt nicht, dass das hält.

Innenpolitisch beschreibt er Israel als Staat, dem die Ablösung Netanjahus keine Kehrtwende brächte. Gesprächspartner in Israel – „eine Art trauernde Rabin-Zionisten“ – hätten ihm gesagt: 85 Prozent der jüdischen Israelis stünden hinter der Linie, und wenn sie kritisierten, dann weil es nicht schnell genug gehe. Netanjahu sei „toast“, lande wahrscheinlich im Gefängnis. Die Erleichterung danach sei falsch. Dieselben Ziele blieben: Westjordanland, Ostjerusalem, Hamas, Libanon. „Nothing’s going to change.“ Um sie davon abzubringen, brauche es den Vorschlaghammer – oder die Auflösung des jüdischen Staates Israel. Die halte er für absehbar.

Das ist dieselbe Linie wie im März. Damals schrieb TKP: Oberst Lawrence Wilkerson: Israel könnte aufhören zu existieren und einen Atomschlag starten. Schon dort: Netanjahu sei derjenige, der im ausweglosen Fall am ehesten Atomwaffen einsetzen würde; ein Schlag der USA oder Israels gegen den Iran riskiere den großen Krieg mit Russland und China.

Samson-Option gegen ein verwundbares Land

Im neuen Interview wird das konkreter. Der Iran könne Israel „mit einem Federstrich“ zerstören, wenn er genug ballistische Raketen mit entsprechender Nutzlast einsetze. Ob Teheran das tut, sei die offene Frage. Ob Netanjahu und Verteidigungsminister Katz die Nuklearwaffe zuvor oder unmittelbar danach zünden, die andere. Golda Meir habe der BBC auf die Samson-Frage ohne Zögern mit Ja geantwortet – damals vielleicht als Signal an Moskau und Washington. Heute glaubt Wilkerson, Netanjahu würde ein, zwei, drei Atomwaffen gegen den Iran einsetzen. Er ist überzeugt, der Iran habe selbst welche. Israel sei das verwundbarere Ziel: Tel Aviv und Haifa wären in einem Schlag weg. Der Iran habe die Fläche Westeuropas. Fünfzig Kernwaffen zerstörten den iranischen Staat nicht, Israel schon. „Bibi knows that.“

Die US-Reaktion? Elbridge Colby im Pentagon und Stimmen wie Joseph Pilger/Pollard (im Gespräch so genannt) hätten angedeutet: Ist die Katze aus dem Sack, könne Washington ein paar Atombomben auf den Iran werfen. Pete Hegseth fürchte er dabei mehr als Trump – das alttestamentliche Töten im Namen Gottes, vorgeführt mit Franklin Graham im Pentagon-Innenhof. Trump müsse nur noch Ja sagen: Wer A sagt, muss auch B sagen.

Colin Powell habe den INF-Vertrag für eine seiner wichtigsten Leistungen gehalten, weil Mittelstreckenwaffen die Klasse seien, die am ehesten zum Einsatz komme. Genau über diese Klasse rede man jetzt wieder, mit kleineren Sprengköpfen, „verwendbar“. Kein Imperium der letzten Jahrtausende, sagt Wilkerson, habe seinen Fall mit Atomwaffen aufhalten können. Dieses hier, so geführt, würde es versuchen.

Europa gekauft, der Nahe Osten angezündet

Drei Tage zuvor schrieb TKP über Wilkersons Geständnis: Die USA haben Europa gekauft. CIA, mit SIS/MI6 und später Mossad: Chefredakteure, Gewerkschafter, Abgeordnete, ganze Apparate. Stoltenberg und Rutte als Früchte. Diesen erinnert im neuen Gespräch an Wikileaks-Kabel aus Oslo: Raketenabwehr, Bündnis-Solidarität als Knüppel, wer russische Argumente wiederholt, unterstützt den Kreml. Wenige Monate später lag Norwegen auf Linie. Dieselben Methoden, anderer Schauplatz.

Am Golf sieht Wilkerson den Rückzug der USA als Tatsache: kaum noch Bodenkräfte, wenig Auftragnehmer, weil wenig Material übrigbleibe. China wolle kein amerikanisches Imperium. Die Anrainer suchten einen Modus vivendi mit Teheran, weil der Iran am Ende oben sitze. Die Fliege in der Suppe sei nicht in erster Linie Riad, sondern Tel Aviv, Jerusalem und Washington.

Ein regionales Hormuz-Abkommen, sagt er am Schluss, wäre möglich, wenn die USA wenigstens zu den Kernpunkten eines Memorandum of Understanding zurückkehrten und die Golfstaaten den Iran als Macht anerkennen, mit der man rechnen muss. Optimismus klingt anders. Hoffnung formuliert er trotzdem – und nennt sofort die Blockade.

Wilkerson redet als Mann, der saudische Offiziere ausgebildet, den Jemen-Krieg im Kongress stoppen wollte und die Lügen des Irak-Kriegs von innen gesehen hat. Seine Sätze über das Verschwinden von Staaten sind Prognosen, keine Urkunden. Sie hängen an Waffenlieferungen, an Mehrheiten in Israel, an der Frage, ob jemand die Nuklearschwelle überschreitet. Dass ein ehemaliger Stabschef des Außenministeriums sie öffentlich so setzt – Saudi-Arabien fünfzig zu fünfzig, Israel als Problem und als mögliches Endprodukt der eigenen Politik –, sagt mehr über die Lage als jede Siegesmeldung aus dem Weißen Haus. Das Gespräch ist vom 15. September.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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4 Kommentare

  1. Jan
    Antworten

    Das ist hübsch und lässt sich öffentlich sagen, berücksichtigt aber das strategische Interesse derjenigen nicht, die es sich leisten können:

    Da wäre einmal die Formierung einer islamischen Union mit bis zu 1,5 Mrd Menschen, also dreimal so groß wie die EU, die natürlich einen politischen Druck auf sämtliche Staaten mit muslimischen Minderheiten ausüben würden, woran allen voran China kein Interesse hat.

    Zweitens könnte eine solche Union sich überlegen, wem sie zu welchem Preis Öl und Gas verkaufen möchten, es gibt weltweit kein Ersatzangebot.

    Entgegen aller Unkenrufe und Jubelmeldungen sind weder die EU noch China energetisch autark. China bezieht etwa das Doppelte aus Saudi-Arabien wie aus Iran. Ich könnte mir schon vorstellen, dass China Interesse hat, aber man muss die Kosten eines Krieges gegen Iran auf den Ölpreis aufschlagen.

    Die USA haben genug Öl (in Kanada) und dürften in der Lage sein, Venezuela zu entwickeln. Die EU könnte Engpässe durch Braunkohle überbrücken, hat langfristig aber nicht genug Öl und Gas und kann nur kostengünstig über Pipelines aus Russland und Nahost beziehen. China äugt sicher nach Sibirien, was ein Risiko für Russland darstellt.

    Meine Prognose ist daher, dass die Weltmächte sich den Kuchen aufteilen werden, einschließlich EU. Ich vermute einmal, dass es Strategiepläne gibt, Iran zu enthaupten. Der Schutz Israels dürfte weniger eine Rolle spielen.

    Das Blöde ist, dass die dezentrale Organisationsstruktur des Iran jede vernüftige Pipeline und jeden größeren Tanker sprengen kann. Will man die islamische Union nicht, bleibt nichts anderes übrig als Iran daran zu hindern.

  2. VerarmterAdel
    Antworten

    Na, wenn da Saublödistan nicht die Freiheit des kleinen Dreckslandes im gesamten Universum verteidigt, wer dann?
    Im Gleichschritt…

  3. Jurgen
    Antworten

    Ob da nicht vorher die USA von der Landkarte verschwinden?

  4. therMOnukular
    Antworten

    Es ist schon eine „faszinierende“ Entwicklung:

    Da gründet sich eine „islamische Nato“ (eig. eine Beleidigung) und wenige Wochen später befindet sich eine Partei davon im Krieg – aber alle Vertragspartner weigern sich den Saudis zu helfen. Auch die Amis wollen den Houthies lieber nicht mehr ans Bein pinkeln. So hilft nun ausgerechnet Israhell aus (also eh die USA, aber halt feige inoffiziell).
    Auf der anderen Seite verging kürzlich der erste Tag seit ich weiß nicht wie vielen Jahrzehnten, an dem kein Saudischer Tanker in den USA ankam. Derzeit exportiert SA quasi gar nix und verliert die dazu nötige Infrastruktur – und dem Westen geht der Diesel aus, man ist auf Russland angewiesen (die EU bezieht Diesel aus den USA, den die USA über Indien & Co aus Russland kaufen – aber Russland sagt dazu jetzt eher njet).

    Es mag viele überraschen, aber die Erde ist eine Kugel. Egal in welche Richtung man das Hackl schmeißt, bei „genug Anstrengung“ trifft es einen ins eigene Kreuz.

    Möge auch diese Verantwortlichen die Lepra ereilen – oder die Houthies.

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