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Politik

Zwangsversetzt an die Ostfront, während die Umfragen schweigen: Die Kluft zwischen Elitenrhetorik und Bevölkerung

3 Kommentare 16. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Zwangsversetzt an die Ostfront ist die logische Folge einer fast gleichlautenden Rede von vor einigen Jahren, mit denen die deutsche Elite wieder „eine Rolle in der Welt“ spielen wollte, ohne die Bevölkerung zu fragen. Heute sind es gleichlautende Reden „Wenn Russland gewinnt, dann…“.

Verteidigungsminister Boris Pistorius rechnet für den Aufbau der Panzerbrigade 45 in Litauen inzwischen fest mit Pflichtversetzungen. Ende September sollen die ersten Soldatinnen und Soldaten verpflichtend an die NATO-Ostflanke geschickt werden, weil sich für bestimmte Fachfunktionen nicht genug Freiwillige finden. Fast zeitgleich häufen sich Wortmeldungen aus den Spitzen von EU und NATO, die das Ringen um Litauen, die Ukraine und die „Abschreckung“ insgesamt in zivilisatorische Kategorien fassen: von einer „existenziellen Bedrohung“ ist die Rede, von einem Europa, das aus einem „langen Schlaf“ erwachen müsse, von einer Wiederholung Münchens 1938. Nur: Die Bevölkerung, an die sich diese Sprache richtet, bewegt sich nicht im gewünschten Maß.

Was die Medien melden

Nach übereinstimmenden Berichten aus dem Verteidigungsausschuss ordnet Pistorius für die Litauen-Brigade erstmals Pflichtversetzungen an, weil freiwillige Meldungen nicht ausreichen. Betroffen ist ein „mittlerer dreistelliger“ Personenkreis, berichtet ein Fachdienst – vor allem Spezialisten für Logistik und Informationstechnik, die auch innerhalb der Bundeswehr knapp sind. Rund 80 Prozent der insgesamt für den vollständigen Aufbau vorgesehenen Dienstposten sind demnach mit Freiwilligen besetzt, für die bereits vor Ort stationierten Kräfte werden sogar 92 Prozent genannt. Die Brigade soll bis Ende 2027 auf rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 200 zivile Beschäftigte anwachsen.

Parallel dazu hat sich der Ton der politischen Führung in den vergangenen Jahren spürbar zugespitzt. Kommissionspräsidentin von der Leyen sprach auf der Münchner Sicherheitskonferenz von einem „schurkenhaften Russland“ an Europas Grenzen und davon, Europa müsse unabhängiger werden, weil es „keine andere Wahl“ gebe. Die estnische Ex-Regierungschefin und heutige EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas warnt seit Jahren, eine Bedrohung eines NATO-Staates durch Moskau bedrohe das Bündnis „als Ganzes„, und wirbt dafür, keine Kompromissangebote an Russland zu machen. Der polnische Regierungschef Tusk zog im Gespräch mit NATO-Generalsekretär Rutte die Parallele zur Appeasement-Politik von 1938. Und in einem vielzitierten Gastbeitrag im „Economist“ argumentierte die Politikwissenschaftlerin Nathalie Tocci,

Europäer müssten sich an den Gedanken eines möglichen Krieges gewöhnen.

Was die Medien nicht sagen

Was in diesen Wortmeldungen fehlt, ist der Blick auf die eigene Bevölkerung. Eine „What Worries the World“-Erhebung von Ipsos zeigt zwar, dass die Sorge vor einem militärischen Konflikt in Deutschland seit 2023 gestiegen ist – von rund 20 auf etwa 29 Prozent im Juli 2025. Das ist aber weit entfernt von einer Zustimmung zur Beteiligung an einem Krieg, und sagt auch nicht aus, von wem die Gefahr nach dem Empfinden der Bevölkerung überhaupt wirklich ausgeht.

Eine YouGov-Erhebung, zitiert bei Euronews, findet „russische Aggression“ zwar als eine der größten Bedrohungen wieder – bei 51 Prozent in Polen, 57 Prozent in Litauen, 62 Prozent in Dänemark. Gleichzeitig hält es Europa laut demselben Bericht selbst für „weder militärisch noch diplomatisch ausreichend vorbereitet„. Und eine Auswertung, dokumentiert im Friedensblog, geht noch weiter: Im Schnitt glauben 69 Prozent der Befragten, ihr Land könne sich gegen Russland gar nicht verteidigen – darunter 85 Prozent der Italiener und 69 Prozent der Deutschen. Bedrohungsgefühl und Verteidigungsbereitschaft laufen also auseinander, statt sich gegenseitig zu verstärken.

Auch die Zwangsversetzungen selbst sind ein Indiz dafür: Wären Appelle an die „Zeitenwende“ und an die Bedrohung durch Russland tatsächlich in dem Maß verfangen, wie es die Rhetorik der Spitzenpolitik suggeriert, bräuchte es keine Pflichtversetzung von einigen hundert Spezialisten. Dass selbst bei einer vergleichsweise kleinen Zahl von Dienstposten der Freiwilligenpool nicht ausreicht, passt eher zum Umfragebild als zur Dringlichkeit der offiziellen Sprache.

Was man fragen sollte

Die naheliegende Frage lautet: Steigt die Dramatik der Rhetorik, weil die reale Zustimmung sinkt oder stagniert – nicht obwohl? Wenn Warnungen vor dem „Weltuntergang im Falle einer russischen Niederlage der Ukraine“ bei gleichbleibender oder wachsender Bedrohungswahrnehmung nicht in eine höhere Bereitschaft zur Verteidigungsausgabe an der eigenen Biografie münden, liegt der Schluss nahe, dass die Botschaft ihr Publikum verfehlt, nicht dass sie zu schwach formuliert wäre.

Eine zweite Frage betrifft die Konsistenz der Erzählung: Warum wird die Bedrohung als so unmittelbar und existenziell beschrieben, dass sie das Schicksal „der Welt“ berührt, während zugleich Freiwilligenprogramme über Jahre hinweg genügen sollten, um eine einzige Brigade mit rund 5.000 Soldaten aufzustellen? Die zeitliche Kluft zwischen apokalyptischer Sprache und dem eher behäbigen Tempo des tatsächlichen Aufbaus wirft die Frage auf, wessen Dringlichkeit hier eigentlich formuliert wird – die einer unmittelbar bevorstehenden Konfrontation oder die einer politischen Klasse, die ihre eigene sicherheitspolitische Kurskorrektur rechtfertigen muss.

Was die politische Führung übersieht

Der eigentliche Knackpunkt, warum die Bevölkerungen nicht mitziehen, beschreibt die im Friedensblog veröffentlichte Analyse pointiert, nämlich in der Verwechslung zweier unterschiedlicher Größen: Bedrohungsempfinden, das teilweise gar nicht klar begründet wird, ist nicht dasselbe wie Mobilisierbarkeit. Sicherheitsstrategen lesen hohe Umfragewerte zur Russland-Angst häufig als Beleg für wachsende Kriegsbereitschaft. Eine Bevölkerung, die einen Krieg vor allem „hinter sich bringen“ möchte, ist aber gerade keine mobilisierbare Ressource, sondern eine erschöpfte. Bemerkenswert ist zugleich, dass diese Erschöpfung sich nicht in offenem Widerstand entlädt – es bildet sich, anders als etwa in der Bewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss in den achtziger Jahren, keine vergleichbare Massenbewegung gegen Aufrüstung und Sanktionspolitik. Das Ausbleiben von Protest wird von Teilen der politischen Führung offenbar als stillschweigende Zustimmung gedeutet – dabei lässt sich Resignation ebenso gut als Rückzug aus einer Debatte lesen, die als von oben entschieden wahrgenommen wird.

Die Zwangsversetzungen nach Litauen sind in dieser Lesart kein Randdetail der Personalplanung, sondern ein Messpunkt: Sie zeigen, dass zwischen der Sprache der Bedrohungsabwehr und der tatsächlichen Bereitschaft, dafür persönlich einzustehen, eine Lücke klafft – die weder durch schärfere Rhetorik noch durch höhere Verteidigungsbudgets von selbst verschwindet.

Zusammenfassung

Die Zwangsversetzung ist ein Signal an die politische Führung, dass sie noch wesentlich mehr Propaganda benötigen wird, um die Gesellschaft zum Krieg gegen Russland zu motivieren. Dieser stille Widerstand gegen Provokationen und Krieg ersetzt möglicherweise laute Demonstrationen von Antikriegsgegnern noch wirksamer. Aber man sollte nicht unterschätzen, mit welcher Dynamik und Ausdauer Politiker ihre Ziele verfolgen. Das hat Angela Merkel schon 2010 in einer Rede über das „Primat der Politik“ klar gemacht. Nicht der Willen der Bevölkerung zählt. Er dient nur dazu, die Menge an Überzeugungsarbeit, sprich Propaganda, zu definieren, welche notwendig ist, um politische Entscheidungen der Elite nachträglich zu bestätigen.

Bild: Screenshot von Werbevideo für die Ostfront

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3 Kommentare

  1. Daisy
    Antworten

    Schon unfassbar, dass ausgerechnet die Einheitspartei und Marionettenregierung Schlands, die dauernd vor der pösen AfD warnt und sie als „nadsi“ diffamiert (weil sie Frieden mit Russland und ein Ende der Suizidsanktionen anstrebt), in den Fußstapfen der Vorfahren marschiert. Das sind die „Nie-Wieder-Plärrer“, die Omas gegen Rechts, die Antifa, die SED…. sie alle blasen nun zum Krieg gegen Russland. Sie wollen schon wieder junge dt. Männer opfern und den dritten WK anzetteln.

    Reinhard Meys Lied „meine Söhne geb ich nicht“ wurde vom Staatsfunk als „Friedenskitsch“ verbannt. Ich glaub, ich spinn.

    Dennoch, wollen die Soldaten nicht an die Ostfront, soviel ich von den YTern gehört habe. Das wird sicher spannend, wieviele jetzt den Dienst quittieren. Es betrifft ja jetzt nur mal jene, die schon bei der Bundeswehr sind. Hoffentlich kündigen sie alle nach dem Motto, stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin! Zeigt einmal, dass ihr etwas gelernt habt aus der Geschichte!

    1. 1150
      Antworten

      @,
      ja und? bei den kommunalwahlen in niedersachsen hat die übliche biomasse und kanonenfutter
      zu ~ 65% die einheitsparteien wiedergewählt.
      weil man sich so vor rääächts fürchtet, lässt man sich gerne bald im osten verheizen.

      1. 1150

        zugleich bestätigt das ergebniss, dass die mehrheit der biomasse, sein leben und seine traditionen
        durch die einheitsparteien ungehemmt zu einer kloake und müllhalde umwandeln können.

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