Die USA haben nun also eine Weltraumwaffe, lautet die aktuelle Meldung. Wenn eine Technik als Waffe eingesetzt werden kann, wird sie es auch. Das ist die Schlussfolgerung, die man aus der Geschichte von Technologie ziehen muss. Erst wenn daraus Katastrophen entstanden, überlegt man, ob und wie man sie einschränken kann.
Die USA haben in diesen Tagen unmissverständlich klargemacht, dass sie den Weltraum als militärisches Einsatzgebiet betrachten und dort über eigene Waffensysteme verfügen. Gleichzeitig richtet sich der mediale Blick vieler großer Leitmedien vor allem auf China und Russland ‒ als jene Akteure, die angeblich zuerst gerüstet hätten. Ein Vergleich mit der Berichterstattung von vor zwei Jahren zeigt ein bemerkenswertes Muster: Die Bedrohung wurde bei China und Russland verortet, während die eigene Aufrüstung als Reaktion dargestellt wurde. Zwei Jahre später ist es die USA, die offen von einsatzbereiten Waffen im Orbit spricht.
USA bewaffnen den Weltraum ‒ und die New York Times zeigt auf China und Russland
Im Mai 2024 titelte die New York Times in einem Artikel des Reporters Eric Lipton: „Pentagon eilt, Bedrohungen in der Umlaufbahn zu kontern“. Der Text beschrieb, wie das Pentagon seine Fähigkeiten zur Kriegführung im Weltraum ausbaue ‒ „überzeugt, dass rasche Fortschritte Chinas und Russlands bei weltraumgestützten Operationen eine wachsende Bedrohung für US-Truppen und andere militärische Ziele am Boden sowie für US-Satelliten im Orbit darstellen“, wie es dort heißt.
Zitiert wurde General Stephen Whiting, Chef des US Space Command, mit den Worten, die Fähigkeit sei „jetzt nicht mehr theoretisch. Es ist real, es ist eingesetzt, draußen in der Umwelt“. Der Ton des Artikels legte nahe, Washington reagiere lediglich auf chinesische und russische Vorstöße.
Genau derselbe General Whiting hat inzwischen öffentlich einen anderen Akzent gesetzt. Beim Space Symposium 2025 erklärte er wörtlich, es sei an der Zeit, „klar zu sagen, dass wir Weltraumfeuerkraft und Waffensysteme brauchen. Wir brauchen Orbitalabfangjäger. Und wie nennen wir das? Wir nennen das Waffen“. Im August 2026 wiederholte Whiting beim Space and Missile Defense Symposium in Huntsville die Forderung nach „glaubwürdigen, anerkannten, kinetischen und nicht-kinetischen Feuerkräften“, um „Weltraumüberlegenheit“ herzustellen.
Was Mainstreamartikel unterschlagen
Der NYT-Artikel von 2024 stellte die amerikanische Aufrüstung als Antwort auf fremde Bedrohungen dar. Was in dieser Rahmung untergeht: Die eigenen Streitkräfte sprechen inzwischen selbst unverblümt von Waffen, die sie im Orbit stationieren wollen und teils schon stationiert haben ‒ nicht als Verteidigungsreflex, sondern als erklärtes strategisches Ziel. Die Sprache der letzten zwei Jahre hat sich dabei sichtbar verschoben: von der vorsichtigen Umschreibung „Counterspace-Fähigkeiten“ hin zum offenen Begriff „Waffen“.
Auch beim Blick auf die Vereinten Nationen lohnt eine genauere Betrachtung. Im April 2024 brachten die USA und Japan im UN-Sicherheitsrat eine Resolution ein, die generell zur Vermeidung eines Wettrüstens im All aufrief und an den Weltraumvertrag von 1967 erinnerte. Russland legte gegen diese Resolution sein Veto ein, China enthielt sich.
Vor dieser Abstimmung hatten Russland und China einen Änderungsantrag eingebracht, der weiter ging als der US-japanische Text: Er sollte alle Staaten dazu verpflichten, „für alle Zeit die Stationierung von Waffen jeder Art im Weltraum sowie die Androhung oder Anwendung von Gewalt im Weltraum zu verhindern“ ‒ und nicht nur nukleare Massenvernichtungswaffen, wie es der US-Entwurf vorsah. Dieser Änderungsantrag scheiterte mit sieben Stimmen dafür, sieben dagegen und einer Enthaltung, weil die nötigen neun Stimmen nicht erreicht wurden.
Es waren also beide Vorstöße gescheitert: die engere US-japanische Resolution am russischen Veto, die weiterreichende chinesisch-russische Ergänzung an fehlenden Stimmen im Sicherheitsrat. Ein einseitiges Bild ‒ hier die vorsichtigen Blockierer, dort der verantwortungsvolle Antragsteller ‒ wird der Aktenlage in keine Richtung gerecht. Wer sich ausschließlich auf die Wiedergabe der einen oder der anderen Version verlässt, bekommt nur die Hälfte der Geschichte.
Und wieder bleiben Fragen ungeklärt
- Warum wurde 2024 die Bedrohungslage fast ausschließlich von China und Russland aus erzählt, obwohl das Pentagon zeitgleich sein eigenes offensives Programm vorantrieb?
- Wie verträgt sich die damalige Defensiv-Rhetorik mit den heutigen, offen offensiv formulierten Forderungen nach eigenen Orbitalwaffen?
- Welche Rolle spielt es, dass beide UN-Vorstöße von 2024 ‒ der US-japanische wie der chinesisch-russische ‒ am Ende scheiterten, wenn öffentlich meist nur einer davon erinnert wird?
- Wer profitiert redaktionell davon, eine komplexe, mehrseitige Aufrüstungsdynamik im All auf eine einfache Freund-Feind-Erzählung zu verkürzen?
Und dann kommt man zur Grundsatzkritik der Nachrichten
Der eigentliche Vorwurf den man der Berichterstattung machen muss liegt nicht in einzelnen falschen Fakten, sondern in der Erzählperspektive: Berichte wie jener der New York Times von 2024 ordnen Rüstungsdynamiken im Weltraum von vornherein entlang der Kategorien „Bedrohung“ (China, Russland) und „Reaktion“ (USA). Damit wird eine Aufrüstung, die längst von amerikanischen Militärs selbst offen als eigenständiges strategisches Ziel benannt wird, sprachlich in die Defensive gerückt ‒ obwohl sie es, gemessen an den zitierten Aussagen ranghoher US-Offiziere, faktisch nicht ist. Wer geopolitische Berichterstattung über Rüstung im Weltraum verfolgt, tut daher gut daran, Zuschreibungen von Schuld und Verteidigung nicht unbesehen zu übernehmen ‒ unabhängig davon, welche Seite gerade als Aggressor benannt wird.
Zusammenfassung
Zwei Jahre nach der New-York-Times-Meldung über angebliche chinesisch-russische Vorreiterrolle im Weltraum sprechen ranghohe US-Militärs selbst unverhohlen von eigenen Waffensystemen im Orbit. Die Quellenlage zu den UN-Abstimmungen vom April 2024 zeigt, dass beide damaligen Initiativen ‒ die amerikanisch-japanische wie die chinesisch-russische ‒ scheiterten, was in vereinfachten Darstellungen häufig unterschlagen wird. Für Leser bedeutet das: Bei geopolitischer Berichterstattung über Weltraumrüstung lohnt sich der Blick auf die Primärquellen ‒ NYT-Artikel, Pentagon-Zitate und UN-Protokolle eingeschlossen ‒, bevor man sich auf ein der vorgefertigtes Narrativ festlegt.
Bild: Screenshot von Video zu dem Thema
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