Der Bumerang-Effekt: Wie der US-Ausstieg aus Rüstungsbeschränkungen Washington schadet

31. August 2026von 6,4 Minuten Lesezeit

Da der Westen immer öfter davon redet, dass es bis 2030 zu einem Krieg gegen Russland kommen werde, könnte man meinen, dass dies durch den systematischen Ausstieg der USA aus Rüstungsbeschränkungs-Vereinbarungen vorbereitet wurde. Die Frage ist, ob der Westen letztlich davon profitierte.

Die USA stiegen im Laufe der letzten Jahre aus immer mehr Rüstungsbeschränkungsabkommen aus. Das fällt ihnen jetzt offensichtlich in der Ukraine auf die Füße. Die wahren Gründe, nicht die genannten, waren strittig, und man diskutierte einerseits den möglichen Willen, eine Erstschlagkapazität in Europa gegen Russland aufbauen zu können und eine Zweitschlagverhinderungskapazität, andererseits auch den Versuch, Russland in einen wirtschaftlich, das Land verheerenden Rüstungswettlauf zu zwingen. Was wurde daraus?

Ein aktueller Bericht des New Eastern Outlook (NEO) von Brian Berletic – auf X wegen Sperrung des Links vollständig zitiert – nimmt Meldungen über eine neue russische Raketenvariante, die „Iskander-1000“, zum Anlass, die Bilanz von sieben Jahren Rüstungskontroll-Ausstieg der USA zu ziehen. Die These: Washingtons systematischer Abbau der Abrüstungsarchitektur hat sich gegen die eigenen Interessen gerichtet – quantitativ wie qualitativ. Eine zweite, im Artikel nur unterschwellig mitschwingende Frage drängt sich auf: Wiederholt sich damit auch die ökonomische Erosion, die in den 1980er Jahren die Sowjetunion in die Rüstungswettlauf-Falle trieb – oder läuft es diesmal anders?

Was die Meldung sagt

Der NEO-Artikel rekonstruiert die Kausalkette seit 2019: Nach dem einseitigen US-Ausstieg aus dem INF-Vertrag unter der ersten Trump-Administration – dem bereits 2002 der Ausstieg aus dem ABM-Vertrag unter Bush vorausgegangen war – entfiel die bis dahin geltende 500-Kilometer-Reichweitengrenze für russische Iskander-Systeme. In der Folge bauten die USA nach Angaben des Artikels mehrere zuvor vertraglich verbotene Systeme auf: die Aegis-Ashore-Stationen in Rumänien und Polen, die auch offensiv einsetzbare Tomahawk-Marschflugkörper abfeuern können, das mobile Typhon-System sowie die Hyperschallwaffe Dark Eagle.

Russland reagierte laut Berletic mit einer eigenen Serie neuer Systeme: der Iskander-K, dem als „Oreshnik“ bekannten Mittelstreckensystem mit bis zu sechs unabhängig steuerbaren Sprengköpfen samt Submunition sowie bodengestützten Varianten der Kalibr- und Zircon-Marschflugkörper. Den eigentlichen Kern des Artikels bildet ein Produktionsvergleich: Den USA werden jährlich rund 230 Precision Strike Missiles (PrSM) und 60 bis 190 Tomahawks zugeschrieben – Russland dagegen etwa 800 Iskander sowie zusammengerechnet rund 520 bodengestützte Marschflugkörper des Typs Kalibr, Zircon und Iskander-K pro Jahr. Hinzu kommt laut Artikel die Lieferung nordkoreanischer KN-23-Raketen an Russland.

Was zum Artikel ergänzt werden sollte

Der Artikel konzentriert sich auf Stückzahlen und Reichweiten – er beantwortet aber nicht, zu welchem Preis diese Produktionsserie für Russland selbst erkauft wird. Die Frage ist nicht neu: Schon beim endgültigen Kollaps des INF-Vertrags 2019 warnte der damalige russische Vize-Außenminister Sergei Rjabkow, Washingtons Kurs werde sich „irgendwann gegen Washington selbst richten“, wie NPR damals berichtete – die Backfire-These ist also, anders als der NEO-Artikel suggeriert, keine neue Beobachtung, sondern seit Jahren Teil des russischen Deutungsangebots. Unerwähnt bleibt zudem, dass unabhängige Fachdienste wie Jamestown die genaue Reichweite und den Status der „Iskander-1000“ bis heute nicht bestätigen, sondern als ungeklärt behandeln.

Fragen die offen bleiben

Die interessantere Frage liegt eine Ebene tiefer, und sie hat einen historischen Bezugspunkt. In den 1980er Jahren verfolgte die Reagan-Administration bewusst die Strategie, die Sowjetunion über ein Rüstungswettlauf-Tempo in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben – die Strategic Defense Initiative („Star Wars“) war dabei weniger auf technische Umsetzbarkeit als auf die Erzwingung eines für Moskau nicht mehr finanzierbaren Gegenprogramms angelegt. Spätere sowjetische Funktionäre bestätigten laut Britannica rückblickend, dass die UdSSR für einen neuen Rüstungswettlauf „politisch unvorbereitet und wirtschaftlich unfähig“ gewesen sei. Die naheliegende Frage lautet: Versucht Washington mit Typhon, Dark Eagle und PrSM eine ähnliche Zermürbungsstrategie gegen Russland – und wenn ja, funktioniert sie diesmal genauso wenig, wie es der NEO-Artikel nahelegt, oder zeigt sich in Russlands Kriegswirtschaft doch nicht dieselbe Erosion, die am Ende der Sowjetunion stand?

Hier liegt das Unausgesprochene des Artikels

Genau hier liegt der eigentliche blinde Fleck des NEO-Artikels: Er feiert die russische Stückzahl-Überlegenheit, ohne zu fragen, ob sie die russische Volkswirtschaft in eine ähnliche Sackgasse führt wie einst die sowjetische. Die Zahlen dafür sind real und ernst zu nehmen: Nach SIPRI-Daten gab Russland 2025 rund 7,5 Prozent seines BIP für Militär aus – der höchste Anteil seit dem Ende der Sowjetunion –, der Sozialetat schrumpfte von 38 auf 25 Prozent der Bundesausgaben, und die Mehrwertsteuer wurde 2026 auf 22 Prozent angehoben. Das Wirtschaftswachstum ist von über vier Prozent (2023/24) auf etwa ein Prozent eingebrochen, während die Ölerlöse Ende 2025(!) um 34 Prozent einbrachen – eine Analyse zieht daraus explizit die Parallele zur „Petrostate-Falle“ der UdSSR von 1986, als der Ölpreis von 120 auf 24 Dollar fiel.

Trotzdem legen die verfügbaren Daten nahe, dass es sich nicht um eine bloße Wiederholung des sowjetischen Skripts handelt. Riddle Russia kommt trotz einer Verdreifachung der Militärausgaben seit 2022 zu dem – selbst als paradox bezeichneten – Befund, die russischen Bundeseinnahmen seien im gleichen Zeitraum von 27,8 auf 38,5 Billionen Rubel gestiegen, und der Krieg sei längst positionell und damit günstiger geführt gewesen.

Der entscheidende strukturelle Unterschied zur UdSSR der 1980er Jahre: Die Sowjetunion war durch das westliche Embargo weitgehend von Handel, Technologie und Kapital des Rests der Welt abgeschnitten, während Russland trotz Sanktionen Öl und Gas weiterhin nach Indien und China exportiert, industrielle Vorprodukte aus China bezieht und über BRICS und die fortschreitende Ent-Dollarisierung Umgehungswege zum westlichen Finanzsystem nutzt – Optionen, die es 1985 schlicht nicht gab. Ob das reicht, um die von NEST Centre beschriebene „erschöpfte“ Wachstumsdynamik dauerhaft abzufedern, ist damit nicht beantwortet – nur, dass der Vergleich mit dem sowjetischen Kollaps eine offene, aktiv umstrittene These ist und keine ausgemachte Sache, wie es sowohl NEO in die eine als auch manche westliche Kommentatoren in die andere Richtung suggerieren.

Ein weiterer Faktor spielt heute eine wichtige Rolle: Die Verschuldung der USA hat so rapide zugenommen, dass eine geringe Erhöhung der Zinsen für die Finanzierung des US-Haushaltes bereits deutliche Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der US-Regierung erzeugt. Während für Russland, die von den USA erzeugte Krise in Westasien unerwartete Gewinne in die Bilanzen spült, die geringe Verschuldung eine große Flexibilität ermöglicht.

Zusammenfassung

Die Kernaussage des NEO-Artikels – dass der US-Ausstieg aus dem INF-Vertrag eine Rüstungsdynamik freigesetzt hat, die Russland und China quantitativ stärker begünstigt als die USA selbst – hält der Überprüfung stand und wird durch die zitierten Produktionszahlen gestützt. Die implizite zweite These, wonach Russland dabei anders als die Sowjetunion nicht in die wirtschaftliche Erosion eines Wettrüstens hineingezogen wird, ist plausibler als ihr Fehlen im Artikel vermuten lässt – vor allem wegen der Handels- und Finanzoptionen außerhalb des westlichen Systems, die der UdSSR fehlten. Sie ist aber, anders als die reine Produktionszahlen-Bilanz, keine abgeschlossene Rechnung, sondern eine im Fluss befindliche Wette auf die Dauer des Krieges, den Ölpreis und die Kapazität Chinas, als wirtschaftliches Sicherheitsnetz zu fungieren. Aber die Zeichen stehen für Russland gut, dass die USA eher durch Verschuldung und „Dedollarisierung“ der Welt unter Druck gerät als Russland durch die Aufrüstung.

Ganz zu schweigen von Deutschland, das nur durch historische Schulden überhaupt in die Aufrüstung einsteigen konnte, und dem schon in wenigen Jahren die finanzielle Puste ausgehen dürfte. Was allerdings leider den Krieg sogar wahrscheinlicher macht.

Bild: Screenshot von Video über Iskander-1000

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Ein Kommentar

  1. therMOnukular 31. August 2026 um 13:57 Uhr - Antworten

    Wie der Zufall so will, habe ich gerade einen ausführlichen Beitrag über das F-35-Debakel gesehen, das noch viel weiter reicht, als bisher öffentlich diskutiert wurde.

    Idee ist nämlich, Nato-weit nur noch einen Flieger zu haben, der alles kann. Durch die Verwendung von nur noch einer einzelnen Modell-Kette erwartete man sich (laut Berichten & Dossiers der Rand Corporation) einen billigeren Betrieb und bessere Versorgung mit Ersatzteilen (abgesehen vom „totalen Gewinn“ durch Monopolstellung).
    Und weil dieses Ding alles können soll (und es keine Eier-legenden Wollmilch-Säue gibt) hat es sich zum Fehlerteufel „gemausert“, kostet mittlerweile im Betrieb mehr als das Doppelte wie veranschlagt und die vollständige Einsatzbereitschaft der (US-)Flotte ist auf 24% gefallen. Einige Abnehmerstaaten haben ihren „Fuhrpark“ daher bereits erweitert bzw verdoppelt, um die geplante Einsatzbereitschaft wieder zu erlangen.

    Wirklich ein absurd-bizarrer Reim der Geschichte, dass sich der Westen heute mit derselben „Strategie“ ins eigene Knie schießt, die schon den Ostblock lebensunfähig machte.

    Funfact: Berletic hat einen Beitrag über eine US-Munitionsfabrik auf Yuhutub gestellt: vor 2 Jahren neu gebaut, um die Produktion aufzuholen, die man Russland hinterherhinkt – bis heute „technische Probleme“ usw, keine einzige Granate produziert, über 50 Mio. versickert…(und da geht es um Artilleriegranaten, nicht um Raumfahrttechnik)

    Viel Erfolg beim Rüstungswettlauf!

    PS: Ein Unterschied, der bislang – von allen – übersehen wird: Russland produziert die Waffen heute, um sie „zweckdienlich“ einzusetzen – im kalten Krieg wurden sie produziert, um mehr davon zu haben.
    Der Faktor der Funktionalität sollte also nicht einfach so „vergessen“ werden, da es am Ende ebenfalls ein direkter Kostenfaktor ist, der damals nie zur Wirkung kam – und ein weiterer Faktor ist, der heute eindeutig für Russland spricht.

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