
Die Dämonisierung der AfD, oder im Glashaus mit Steinen werfen
Die AfD soll eine „NAZI-Partei“ sein, heißt es ausgerechnet aus den Reihen jener Parteien, welche nach dem Krieg die meisten Nazis problemlos wieder integriert hatten. Dies ausgerechnet von jenen Parteien, welche nun, ganz in der Geschichte der NAZI-Diktatur die Vollmachten für Geheimdienste ausweiten. Schauen wir uns also die ganze Geschichte an.
Der klare Sieg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 hat die gewohnten Reflexe ausgelöst: Von einer „Zäsur“ ist die Rede, „Auschwitz-Überlebende“ äußern sich entsetzt, und in zahlreichen Kommentaren fällt das Wort „Nazi-Partei„. Der sachsen-anhaltinische AfD-Landesverband wird vom dortigen Verfassungsschutz tatsächlich bereits seit 2023 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft — das ist Fakt, keine Zuschreibung.
Braune Wurzeln der Bonner Republik: Was die Aufregung um Sachsen-Anhalt verschweigt
Wer aber mit dem moralischen Zeigefinger auf die AfD zeigt, sollte einen Blick in den eigenen Rückspiegel werfen. Denn die Geschichte der Bundesrepublik ist keine Geschichte des sauberen Bruchs mit dem Nationalsozialismus, sondern in weiten Teilen eine Geschichte der personellen Kontinuität. CDU, CSU und FDP verdankten ihren Aufbau in den 1950er Jahren maßgeblich Männern, die zuvor der NSDAP, der SA oder sogar der SS angehört hatten — bis hinauf ins Kanzleramt. Auch der Inlandsgeheimdienst, der heute über „Verfassungsfeinde“ wacht, wurde von ehemaligen Gestapo- und SS-Leuten mit aufgebaut.
Der Kanzler mit dem braunen Parteibuch
Das prominenteste Beispiel ist Kurt Georg Kiesinger. 1933 trat der Jurist der NSDAP bei, arbeitete während des Krieges als stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt und war damit unmittelbar an der NS-Auslandspropaganda beteiligt. Nach dem Krieg von einer Entnazifizierungskammer entlastet, machte er in der CDU Karriere: Ministerpräsident von Baden-Württemberg, dann von 1966 bis 1969 dritter Bundeskanzler der Bundesrepublik. Die Ohrfeige, die ihm die Publizistin Beate Klarsfeld 1968 auf offener Bühne verpasste, wurde zum Symbol für die Wut einer jüngeren Generation über genau diese Kontinuität — wie es der Historiker Andreas Mix treffend beschreibt: Kiesinger „verkörpert wie kaum ein anderer Politiker die Kontinuität zwischen NS-Regime und Bundesrepublik„.
Noch enger am Machtzentrum saß Hans Globke. Als Ministerialbeamter im Reichsinnenministerium hatte er 1936 den amtlichen Kommentar zu den antisemitischen Nürnberger Rassengesetzen mitverfasst. 1953 machte ihn Konrad Adenauer zum Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramts — de facto zum mächtigsten Beamten der jungen Republik. Wie das Magazin „Der Freitag“ dokumentiert, nutzte Globke seine Personalhoheit gezielt, um ehemalige NS-Beamte zu reaktivieren, allen voran im Auswärtigen Amt.
Zwei weitere CDU-Karrieren zeigen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte. Theodor Oberländer, ehemaliges NSDAP-Mitglied mit Verstrickungen in Kriegsverbrechen im Osten, wurde Bundesminister für Vertriebene. Und Hans Filbinger, im „Dritten Reich“ als Marinerichter an Todesurteilen gegen Deserteure beteiligt, regierte bis 1978 als Ministerpräsident Baden-Württembergs, ehe ihn genau diese Vergangenheit stürzte.
Die FDP: Fast eine „Nazi-Partei“ in Reinform
Noch drastischer fällt der Befund bei den Liberalen aus. Zwischen 1950 und 1953 versuchte der ehemalige Staatssekretär im NS-Propagandaministerium, Werner Naumann, gemeinsam mit einem Netzwerk aus früheren NSDAP-Funktionären, die nordrhein-westfälische FDP systematisch zu unterwandern und zur Machtbasis für ein politisches Comeback rechtsextremer Kräfte zu machen. Erst britische Geheimdienste beendeten den sogenannten „Naumann-Kreis“ mit einer Verhaftungswelle im Januar 1953 — FDP-Bundespräsident Theodor Heuss selbst sprach zu dieser Zeit von der Gefahr einer „Nazi-FDP„.
Die Zahlen dazu sind eindeutig: Von den im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien wiesen zwar CDU/CSU in absoluten Zahlen die meisten ehemaligen NSDAP-Mitglieder unter ihren Abgeordneten auf, doch relativ gesehen war es die FDP-Fraktion, die im dritten Bundestag (1957–1961) laut einschlägiger Forschung auf bis zu 56 Prozent ehemaliger NSDAP-Mitglieder kam. Ernst Achenbach etwa, von 1937 bis 1945 NSDAP-Mitglied und als Diplomat in die Deportation französischer Juden verstrickt, saß für die FDP von 1957 bis 1976 im Bundestag und später im Europaparlament.
Ein Geheimdienst mit brauner Startbesetzung
Auch die Sicherheitsbehörden der jungen Bundesrepublik waren keine Stunde-Null-Neugründungen. Der Bundesnachrichtendienst ging direkt aus der „Organisation Gehlen“ hervor, die unter Reinhard Gehlen, einem ehemaligen Wehrmachtsgeneral, zahlreiche frühere SS- und SD-Geheimdienstleute übernahm. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), 1950 unter alliierter Aufsicht gegründet, um genau solche Kontinuitäten zu verhindern, gelang dies nur unvollständig: Der Personalchef Richard Gerken, selbst ehemaliges NSDAP-Mitglied und im besetzten Norwegen an Todesurteilen gegen Widerstandskämpfer beteiligt, baute laut netzpolitik.org über Tarnfirmen und die Praxis der „Freien Mitarbeiter“ gezielt ein Netzwerk früherer SS- und Gestapo-Leute auf. 1955 wurde mit Hubert Schrübbers sogar ein ehemaliger SA-Mann und NS-Anklagevertreter Präsident der Behörde — er musste das Amt erst 1972 räumen.
Eine vom BfV selbst beauftragte Studie der Historiker Constantin Goschler und Michael Wala relativiert das Bild zwar in einem Punkt: Der Anteil ehemaliger Gestapo- oder SS-Angehöriger sei beim Verfassungsschutz geringer gewesen als etwa beim Bundeskriminalamt, dessen Führungsspitze in den 1950er Jahren zu mehr als zwei Dritteln aus früheren SS-Leuten bestand. Der Anteil einfacher NSDAP-Mitglieder unter dem BfV-Personal habe dagegen etwa dem Durchschnitt anderer Behörden und Parlamente entsprochen — was das Problem nicht kleiner macht, sondern zeigt, wie normal solche Karrieren in der jungen Bundesrepublik waren.
Eine notwendige Korrektur: die SPD gehört nicht in diese Reihe
So berechtigt der Blick auf CDU, CSU und FDP ist — die SPD in diese Kontinuitätslinie einzureihen, hält der historischen Prüfung nicht stand. Die Sozialdemokratie wurde 1933 als erste Partei verboten, ihre Funktionäre verfolgt, inhaftiert, ins Exil oder in den Tod getrieben. Unter den frühen Bundestagsfraktionen war der Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder bei der SPD verschwindend gering im Vergleich zu CDU/CSU und vor allem zur FDP. Umso trauriger ist die Entwicklung dieser Partei in den letzten 20 Jahren.
Was folgt daraus für die Gegenwart?
Die dokumentierte Personalkontinuität ist keine Randnotiz, sondern ein zentrales, von Historikern seit Jahrzehnten aufgearbeitetes Kapitel der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Sie zeigt: Der oft beschworene „Neuanfang“ von 1945 war in der Verwaltung, in den bürgerlichen Parteien und in den Sicherheitsbehörden vielerorts ein fließender Übergang, kein Bruch. Wer sich empört über AfD-Wähler äußert, sollte wissen, dass die Republik, in deren Namen diese Empörung geäußert wird, selbst über Jahrzehnte von Männern mitregiert und mitverwaltet wurde, die zuvor dem NS-Staat gedient hatten.
Zugleich verdient auch die Gegenposition Erwähnung, denn ein sauberer Vergleich hinkt an einer entscheidenden Stelle: Personelle Kontinuität einzelner Amtsträger ist etwas anderes als die programmatische Ausrichtung einer heutigen Partei. Historiker wie Goschler und Wala selbst warnen davor, aus der bloßen NSDAP-Mitgliedschaft automatisch auf eine prägende ideologische Kontinuität der jeweiligen Institution zu schließen — viele der genannten Politiker galten nach 1945 als überzeugte, wenn auch belastete Demokraten. Die Einstufung des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistisch“ beruht zudem nicht auf der biographischen Herkunft einzelner Mitglieder, sondern auf einer laufenden Bewertung aktueller Programmatik, Netzwerke und Aussagen ihrer heutigen Funktionäre durch den Verfassungsschutz — eine Einordnung, die von AfD-Vertretern selbst scharf zurückgewiesen wird und die Gerichte in Teilen noch zu prüfen haben. Beide Fragen — die historische Kontinuität der „staatstragenden“ Parteien und die aktuelle Einstufung der AfD — verdienen es, unabhängig voneinander und ohne Aufrechnung diskutiert zu werden.
Zusammenfassung
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die Geschichte der politischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland basiert maßgeblich auf der Mitarbeit von ehemaligen Nazimitgliedern, Funktionären und überzeugten Vertretern. Wenn man die derzeitige Politik, insbesondere in Hinsicht auf eine nicht zu verbergende Russophobie sieht, und die Familiengeschichten der entsprechenden politischen Akteure kennt, kommt nicht um den Verdacht herum, dass hier „haltet den Dieb“ gerufen wird, um eigene Neigungen zu vertuschen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass immer offener mit den politischen Mitteln jener Vergangenheit gearbeitet wird, um angeblich dieselbe Vergangenheit nicht wieder aufkommen zu lassen: Zensur, Verbote, Ausgrenzung, Dämonisierung.
Bild: Screenshot von Video zu dem Thema
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Und so schafft es der Bund doch noch, bis zum Ende seiner Abwicklung die Macht zu behalten… Ich hatte die Mitteldeutschen doch für etwas schlauer gehalten, aber die Intelligenz kann man am Prozentsatz der Nichtwähler deutlich und direkt ablesen…