Xi in Ägypten: Wird China zunehmend die USA auch „sicherheitspolitisch“ ersetzen?

4. September 2026von 5,9 Minuten Lesezeit

Xi in Kairo: Chinas Werben um eine neue Sicherheitsordnung im Nahen Osten. Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt ist Xi Jinping wieder nach Ägypten gereist. Im globalen Süden wurde jeder Schritt aufmerksam verfolgt, und man fragte sich, ob China endlich seine relative geopolitische Zurückhaltung was die Sicherheitspolitik angeht, aufgeben wird.

Der Besuch, der am 1. September begann und Teil einer größeren Reise war, die auch den SOZ-Gipfel in Bischkek einschloss, fällt in eine Phase, in der die Region nach Monaten des von den USA und Israel geführten Kriegs gegen den Iran neu sortiert wird. Genau in diesem Vakuum positioniert sich Peking – und zwar deutlich offensiver, als man es von China gewohnt ist.

Was Xi tatsächlich gesagt hat

Bei seinem Empfang in Kairo, den Präsident Abdel Fattah al-Sisi mit militärischen Ehren zelebrierte, wurde Xi laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua über Reuters deutlich: Die Länder der Region sollten „Herren ihres eigenen Schicksals“ sein und über eine neue regionale „Sicherheitsarchitektur“ nachdenken. Er rief die Staaten des Nahen Ostens explizit dazu auf, sich gegen „externe Einmischung“ zu stellen – eine Formulierung, die sich zwanglos gegen die fortgesetzte US-Militärpräsenz in der Region lesen lässt, ohne dass Xi die Vereinigten Staaten namentlich nennen musste.

Der Verdacht kommt auf, dass China der geheime Vermittler zwischen den Staaten war, die in Westasien vor kurzem die „muslimische Nato“ vereinbart hatten, und angeblich sogar dem Iran den Beitritt anboten.

Zur Frage, ob China konkret „Sicherheit angeboten“ hat: Ja, aber in einem sehr spezifischen, funktionalen Sinn. Peking erklärte sich bereit, gemeinsam mit den Ländern der Region den Schutz der Schifffahrtsrouten zu gewährleisten – ein Thema, das seit den Störungen im Golf von Hormus und im Bab al-Mandab an Brisanz gewonnen hat. Xi und al-Sisi einigten sich zudem auf eine Vertiefung der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit und Koordination bei der Terrorismusbekämpfung. Das ist kein Verteidigungsbündnis im NATO-Sinn, aber es ist mehr als reine Symbolik: Es ist ein Angebot, dort maritime Stabilität mitzugarantieren, wo Washingtons Kriegsführung gegen Teheran gerade selbst zur Quelle der Unsicherheit geworden ist.

Über die Sicherheitsfrage hinaus wurde in einer gemeinsamen Erklärung eine Ausweitung der Kooperation bei Rechenzentren, Halbleitern und kritischen Metallen sowie eine verstärkte Nutzung der jeweils eigenen Währungen im bilateralen Handel vereinbart – ein weiterer kleiner Baustein in der schrittweisen Entdollarisierung des Handels zwischen China und seinen Partnern im Globalen Süden.

Eine Beziehung mit langem Vorlauf

Der Besuch wirkt spektakulär, ist aber eigentlich die Fortsetzung einer seit 2014 gepflegten „umfassenden strategischen Partnerschaft„. Ägypten hat sich seither zu einem der zentralen Drehkreuze für chinesische Investitionen im Nahen Osten und in Nordafrika entwickelt, nicht zuletzt wegen seiner Kontrolle über den Suezkanal. Der bilaterale Handel überstieg 2024 die Marke von 17 Milliarden US-Dollar, und die China-Egypt TEDA-Wirtschaftszone am Suezkanal beherbergt inzwischen 185 Unternehmen. Auch bei Großprojekten wie dem zentralen Geschäftsviertel der neuen Verwaltungshauptstadt oder dem Ausbau der Suezkanal-Wirtschaftszone ist chinesisches Kapital tief verankert – laut Branchendaten stehen chinesische Investitionen dort für rund 40 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen der vergangenen zwei Jahre.

Bemerkenswert ist, dass Kairo diese Vertiefung der Beziehungen zu Peking explizit als Ausdruck einer „unabhängigen Außenpolitik“ darstellt – eine Formulierung, die zeigt, wie sehr sich das Selbstverständnis eines der wichtigsten US-Verbündeten in der Region verändert hat. Ägypten bleibt zwar mit rund 1,3 Milliarden Dollar jährlich der zweitgrößte Empfänger US-amerikanischer Militärhilfe, gleichzeitig aber baut es wirtschaftliche und militärische Kooperation mit Peking kontinuierlich aus. Das ist kein Bruch mit Washington, sondern eine bewusste Diversifizierung – ein Muster, das man derzeit bei mehreren traditionellen US-Partnern in der Region beobachten kann. Und offensichtlich reicht die Drohung, diese Militärhilfe zu streichen, nicht mehr aus, um Ägypten von einer engeren Beziehung mit China abzuhalten. Und das, obwohl der Finanzminister eben wieder einmal „für uns oder gegen uns“ beschworen hatte.

Wie Washington das sieht

Aus amerikanischer Warte ist der Besuch ein Warnsignal. Beobachter wie Amr Hamzawy vom Carnegie Middle East Program bringen es pointiert auf den Punkt: China baue seine „soft power“ gezielt aus, während die USA ihr eigenes Ansehen in der Region durch ihre militärische Verstrickung selbst beschädigten – der monatelange Krieg gegen den Iran ist dafür nur das jüngste Beispiel. Xi wiederum inszeniert sich bewusst als Gegenentwurf: als „Stabilisator„, während Washington seit Jahrzehnten militärisch in der Region gebunden ist.

Dass sich US-Partner neu orientieren, ist kein Einzelfall. Erst kürzlich haben Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei mit dem eben erwähnten Mekka-Abkommen zur gemeinsamen Abschreckung einen eigenen Verteidigungspakt geschlossen – ein weiteres Indiz dafür, dass sich traditionelle US-Alliierte im Nahen Osten strategisch breiter aufstellen, statt sich ausschließlich auf Washingtons Sicherheitsgarantien zu verlassen.

Bedeutung für den Globalen Süden

Für Länder des Globalen Südens ist die Botschaft aus Kairo mehrschichtig. Erstens signalisiert China, dass wirtschaftliche Partnerschaft – Häfen, Handelszonen, Infrastruktur, Halbleiter, Rechenzentren – zunehmend mit einem sicherheitspolitischen Angebot verknüpft wird, das ausdrücklich ohne die politischen Bedingungen westlicher Institutionen auskommt. Frühere chinesische Diplomaten haben das Modell stets als Kooperation „ohne politische Auflagen“ beworben, im Gegensatz zum „Washington Consensus“ mit seinen Strukturanpassungsprogrammen.

Zweitens bietet die Formel von der „eigenen Sicherheitsarchitektur“ Ländern, die sich von einseitiger US-Dominanz distanzieren wollen, ein rhetorisches Gerüst, das sich leicht auf andere Regionen übertragen lässt – von Afrika bis Südostasien. Ob daraus tatsächlich belastbare Sicherheitsstrukturen erwachsen oder ob es bei symbolischer Rückendeckung bleibt, ist eine andere Frage. Aber die Erzählung selbst – dass Staaten des Südens nicht zwischen amerikanischer Hegemonie und Isolation wählen müssen, sondern eine dritte Option haben – gewinnt an Zugkraft, gerade weil die USA in mehreren Regionen gleichzeitig militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch überdehnt wirken.

Zusammenfassung

Während die USA, und in ihrem Fahrwasser die EU, Außen- und Sicherheitspolitik als Unterwerfung ausbilden, erzeugt China Selbstbewusstsein und Eigenverantwortungsbewusstsein in den sich entwickelnden Regionen. Die Entwicklung, die zum ersten Mal öffentlich geworden war, durch die Vermittlung eines Friedens zwischen dem Iran und Saudi-Arabien bis zur Reise nach Ägypten und der Unterstützung des Mekka-Abkommens wird immer deutlicher, dass China eine Alternative nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sicherheitspolitisch anzubieten hat, das immer häufiger gerne angenommen wird. Und in den Hauptstädten des Westens rauchen die Köpfe.

Zu erwarten ist, dass mit immer schwierigerer Finanzierung der EU-Softpower der Einfluss in Afrika und anderen Regionen der sich gerade entwickelnden Märkte noch drastischer zurückgehen wird, als in den letzten Jahren. Analysten verweisen auf die Handelsbeziehungen, welche sich in den letzten Jahren bereits drastisch veränderten und erklären, dass das Gleiche auf politischer Ebene zu erwarten ist.

Bild: Screenshot von Video über den Besuch von Xi in Ägypten aus westlicher Sicht

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