Wie unterscheiden sich China und die USA hinsichtlich Staatsverschuldung?

26. August 2026von 9,2 Minuten Lesezeit

In den letzten Tagen sind kritische Kommentare im Internet diskutiert worden, welche behaupten, dass die Staatsschulden Chinas seit 2008 explodiert seien, und diese nicht durch das Wachstum abgedeckt sind. Wir schauen uns das genauer an und vergleichen die Situation mit der in den USA.

Die Ausgangsbeobachtung stimmt: Seit der Finanzkrise 2008 ist Chinas Verschuldung so schnell gewachsen wie die keiner anderen großen Volkswirtschaft. Chinas Staatsschulden lagen 2008 bei rund 1,2 Billionen US-Dollar und erreichten 2025 laut IWF-Daten 18,7 Billionen Dollar – ein jährliches Wachstum von rund 17 Prozent, mit dem China die Verschuldung der gesamten EU überholt hat. Zum Vergleich: Die USA wuchsen im selben Zeitraum mit etwa 7,7 Prozent pro Jahr, die EU mit rund 3 Prozent.

Chinas Schuldenberg: Gefahr, Chance – und der Vergleich mit den USA

Noch aussagekräftiger ist die Gesamtverschuldung von Staat, Unternehmen und privaten Haushalten. Sie erreichte laut einer vielzitierten Berechnung im ersten Quartal 2024 rund 366 Prozent des BIP – seit der Finanzkrise 2008 hat sich die Quote mehr als verdoppelt. Die Denkfabrik Carnegie Endowment beziffert das gesamtwirtschaftliche Kreditvolumen („total social financing“) Mitte 2025 auf 430 Billionen Yuan, ein Plus von 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr – während die nominale Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum nur um 4,1 Prozent zulegte. Laut IWF entfällt inzwischen mehr als die Hälfte des weltweiten Anstiegs der Schuldenquote seit 2008 auf China allein.

Die offizielle Staatsschuldenquote wirkt mit rund 88 bis 99 Prozent des BIP moderat. Rechnet man aber die Kredite der Lokalregierungen über sogenannte Finanzierungsvehikel (LGFV) hinzu, die außerhalb des offiziellen Haushalts laufen, steigt die Quote des öffentlichen Sektors nach IWF-Schätzungen auf 120 bis 150 Prozent. Genau dieser verdeckte Teil der Schulden macht die Debatte so unübersichtlich – und so politisch brisant. Wobei die meisten Analysen von westlichen Instituten stammen, die man nicht unbedingt als neutral bezeichnen kann.

Die Gefahren-These

Allerdings ist der bekannteste Warner Michael Pettis, Finanzprofessor an der Guanghua School in Peking und Fellow des Carnegie Endowment. Sein Kernargument: Die Kreditintensität des chinesischen Wachstums steigt, weil die nominale Wirtschaftsleistung – bedingt durch die anhaltende Deflation – schneller schrumpft als das Kreditwachstum selbst. Damit braucht China für jede zusätzliche Einheit Wirtschaftsleistung immer mehr neue Schulden, obwohl das Kreditwachstum in absoluten Zahlen sogar leicht nachlässt.

Pettis ordnet China in eine historische Reihe staatlich gelenkter Investitionsmodelle ein, die er unter anderem mit der Sowjetunion der 1930er-Jahre und Japan der 1980er-Jahre vergleicht: In jedem Fall habe sich die Investitionsquote zunächst als Wachstumsmotor bewährt, sei dann aber immer unproduktiver geworden, weil die Kapitalrenditen sanken und die Schuldenlast entsprechend stieg. Sein Fazit ist nicht die Vorhersage eines Crashs, sondern einer langen Phase wachsender finanzieller Instabilität, die volkswirtschaftlich ähnlich schädlich sein könne wie eine offene Krise.

Die deutsche Bundesakademie für Sicherheitspolitik verweist auf einen strukturellen Bruch: Bis 2008 liefen Verschuldung und Wirtschaftswachstum in China weitgehend parallel, seither klafft eine wachsende Lücke. Peking stehe damit vor der Wahl, entweder schmerzhaft zu entschulden – mit dem Risiko einer scharfen Wachstumsdelle – oder die Verschuldung weiter anwachsen zu lassen, um eine offene Krise zu vermeiden. Aus Sicht der Autoren spricht die politische Logik der Legitimation durch Wachstum eindeutig für Letzteres, was die Gefahr einer künftigen Konfrontation mit den USA erhöhe.

Die Chance-These – und warum sie bestritten wird

Die Gegenposition stützt sich vor allem auf ein Argument: China verschuldet sich fast ausschließlich in eigener Währung und bei inländischen Sparern, nicht im Ausland. Ein plötzlicher Vertrauensverlust internationaler Gläubiger, oder Devisenmanipulationen wie man sie von Soros oder Bessent kennt, wie klassische Schuldenkrisen in Lateinamerika oder Asien, oder zuletzt im Iran ausgelöst wurden, ist damit strukturell kaum möglich. Das Carnegie Endowment bringt es auf den Punkt: Die Schuldenhöhe an sich sei nicht das Problem, gefährlich werde es erst, wenn ein Bruch auf der Passivseite der Bilanzen einen erzwungenen Ausverkauf auf der Aktivseite auslöse. Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil der scheinbaren Unternehmensschulden auf Staatsbetriebe entfällt und damit letztlich staatlich kontrolliert bleibt.

Genau dieses Argument wird aber zunehmend bestritten – mit Verweis auf die Wachstumsseite der Gleichung. Wenn, wie Pettis zeigt, jede neue Krediteinheit immer weniger zusätzliches Wachstum erzeugt, dann deckt die Wirtschaftsleistung die Schuldenlast eben nicht mehr ab, selbst wenn kein ausländischer Gläubiger die Nerven verliert … oder seinen Reibach machen will. Ein Kommentator bei Finanzmarktwelt bringt die Ambivalenz auf den Punkt: Chinas Schulden seien nicht zwangsläufig unproduktiv, solange Exporterlöse und Infrastrukturnutzen echten Gegenwert schaffen – kritisch werde es aber, sobald das Kreditwachstum weiterläuft, während Handelsüberschuss und Effizienz der Investitionen stagnieren.

Auch Flossbach von Storch weist darauf hin, dass sich Chinas Gesamtverschuldung binnen 15 Jahren nahezu verdreifacht hat und mittlerweile bei rund 300 Prozent des BIP liegt, wobei die Unternehmensschulden mit gut 140 Prozent des BIP zu den höchsten weltweit zählen. Die Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik ergänzt einen methodischen Kritikpunkt: Weil Investitionsverluste in der chinesischen Statistik oft nicht als solche verbucht werden, überzeichnet dies rechnerisch das ausgewiesene BIP-Wachstum – die tatsächliche Lücke zwischen Schulden- und Wachstumsdynamik dürfte damit noch größer sein, als die offiziellen Zahlen zeigen.

Der Vergleich mit den USA: zwei sehr unterschiedliche Schuldenpfade

Die USA verschulden sich in absoluten Zahlen weiterhin stärker als jedes andere Land. Die Bundesschuld überschritt am 18. August 2026 erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar, nur fünf Monate nachdem die 39-Billionen-Grenze gefallen war. Das Congressional Budget Office rechnet für das Haushaltsjahr 2026 mit einem Defizit von rund 1,9 bis 2,1 Billionen Dollar, das sind etwa 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, und geht davon aus, dass die Bundesschuld bis Ende 2036 auf rund 64 Billionen Dollar steigen wird.

Besonders aufschlussreich ist die Zinslast: Zwischen Oktober 2025 und März 2026 zahlte die US-Regierung nach vorläufigen Schätzungen rund 529 Milliarden Dollar an Zinsen – vergleichbar mit den addierten Ausgaben für Verteidigung und Bildung im selben Zeitraum. Im Fiskaljahr 2025 flossen 18 Cent jedes eingenommenen Steuerdollars in den Schuldendienst, ein Wert, den das CBO bis 2035 auf 25 Cent steigen sieht. Im Februar 2026 warnte die Behörde ausdrücklich, der fiskalische Kurs der USA sei nicht tragfähig.

Der entscheidende Unterschied zu China liegt aber nicht in der Höhe, sondern in der Art der Verschuldung und ihrer Finanzierung. Auch die USA verschulden sich überwiegend in eigener Währung, doch anders als China unterliegen sie einem funktionierenden, marktbasierten Anleihemarkt mit tatsächlicher Preisbildung:

Sorgen über Schuldenstand, Inflation und geopolitische Risiken trieben die Rendite 30-jähriger US-Anleihen zuletzt auf rund 5,34 Prozent, den höchsten Stand seit 2007.

China hingegen hält seine Anleihemärkte weitgehend abgeschottet, der Kapitalverkehr bleibt eng reguliert und der Yuan ist nicht frei handelbar. Chinas Schuldendynamik ist damit politisch steuerbar, aber auch weniger transparent – Marktsignale, die in den USA über Anleiherenditen sichtbar werden, fehlen in China weitgehend.

Die Systemfrage: Was, wenn der Dollar als Leitwährung an Boden verliert?

Hier verschiebt sich die Debatte von der reinen Schuldenhöhe zur Finanzierungsfähigkeit. Der Dollar-Anteil an den globalen Währungsreserven ist seit 2001 von rund 73 Prozent auf inzwischen etwa 54 bis 57 Prozent gesunken. Der Rückgang ist real, aber graduell: Der Atlantic Council stellt in seinem laufenden „Dollar Dominance Monitor“ fest, dass auf dem BRICS-Gipfel 2026 offene Entdollarisierungsrhetorik eher zurückhaltend ausfallen dürfte, während gleichzeitig an digitalen Zahlungssystemen und grenzüberschreitenden Abwicklungswegen in Landeswährungen gearbeitet wird – mit China als treibender Kraft, da der Yuan bereits einen Großteil des BRICS-internen Handels abwickelt.

Eine aktuelle Studie zu Reserveallokationen in BRICS-Staaten zeigt zudem, dass Länder mit positivem Wirtschaftswachstum ihre Goldreserven eher aufstocken als ihre Dollarbestände – ein empirischer Hinweis auf schleichende Entdollarisierung. Gleichzeitig betont die Studie, dass es weiterhin an einer glaubwürdigen Alternativwährung fehlt und der Dollar strukturell dominant bleibt. Der Anteil des Yuan an den Weltwährungsreserven liegt weiterhin deutlich unter 3 Prozent.

Für die Schuldenfrage hat dieser Trend zwei Seiten. Für die USA bedeutet ein schrumpfender Dollar-Anteil an den Reserven potenziell weniger automatische internationale Nachfrage nach US-Staatsanleihen – genau die Nachfrage, die es den USA bislang erlaubt hat, ihr „exorbitantes Privileg“ günstiger Finanzierung trotz hoher Schulden zu behalten. Die zuletzt gestiegenen Anleiherenditen deuten darauf hin, dass die Märkte diesen Zusammenhang zumindest teilweise bereits einpreisen. Für China wiederum ist die Internationalisierung des Yuan explizit auch sicherheitspolitisch motiviert: Die Stiftung Wissenschaft und Politik beschreibt, wie Peking die eigene Verwundbarkeit gegenüber westlichen Finanzsanktionen verringern und in einem digitalisierten Zahlungsverkehr eigene Gestaltungsmacht aufbauen will. Währungs- und Geldpolitik ist längst zu einer Waffe geworden, was gerade eben dem letzten klar wurde, der verfolgte, wie die USA praktisch die ganze Welt bedrohte, sollte sie mit Iran Geschäfte machen.

Ein automatischer Nutznießer eines Dollar-Rückzugs wäre China damit aber nicht zwangsläufig: Solange der Yuan nicht frei konvertierbar ist und Kapitalverkehrskontrollen bestehen bleiben, kann er die Rolle einer globalen Reservewährung kaum ausfüllen. Realistischer erscheint ein fragmentierteres, multipolareres Währungssystem, in dem der Dollar dominant, aber nicht mehr alternativlos bleibt – mit Gold, regionalen Zahlungssystemen wie mBridge oder BRICS Pay und einem wachsenden, aber weiterhin begrenzten Yuan-Anteil als Bausteinen.

Der Globale Süden hat aus dem Beispiel des Missbrauchs des US-Dollars als Leitwährung gelernt und will sich nicht erneut in eine solche Abhängigkeit begeben.

Einordnung: Zwei unterschiedliche Risiken, keine einfache Antwort

Nach nahezu allen zitierten Quellen sind beide Schuldenpfade in ihrer jetzigen Form nicht dauerhaft tragfähig – doch die Art des Risikos unterscheidet sich grundlegend. Chinas Verschuldung ist ein überwiegend internes, politisch gesteuertes Phänomen, dessen Gefahr weniger in einem plötzlichen Crash als in einer langen Phase sinkender Kapitalrenditen und wachsender Fehlallokation liegt – mit der Legitimation der Kommunistischen Partei durch fortgesetztes Wachstum als zusätzlichem politischen Zwang, das Problem eher zu verwalten als zu lösen.

Die Verschuldung der USA ist demgegenüber marktförmiger organisiert, transparenter bepreist – und damit empfindlicher gegenüber einem schleichenden Vertrauensverlust internationaler Gläubiger, gerade wenn die Dollar-Dominanz weiter erodiert. Und wesentlich gefährlicher für die Weltwirtschaft. US-Politik hat schon in der Vergangenheit Inflation auf andere Länder verlagert, was aber ein eigenes Thema ist.

Wenig beachtet wird in vielen Debattenbeiträgen der Zeithorizont: Ob Chinas Investitionsmodell noch rechtzeitig auf mehr Binnenkonsum umgestellt wird, bevor die Kreditintensität weiter steigt, und ob die USA ihre Defizite politisch überhaupt reduzieren können, bevor die Zinslast einen wachsenden Teil des Haushalts bindet, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht entscheiden – es sind politische, keine rein ökonomischen Fragen. Beobachtbar bleibt, ob die Anleiherenditen in den USA weiter steigen und ob sich die Entdollarisierung über Pilotprojekte hinaus beschleunigt. Beides sind die Frühindikatoren, an denen sich zeigen wird, welches der beiden Risiken zuerst wirksam wird.

Die große Gefahr

Schaut man in die Vergangenheit, wurden in Phasen von großen Schuldenkrisen oft Kriege geführt. Daher sind Schulden mehr als Kredite. Sie sind mögliche Zündschnüre.

Bild: Screenshot von Videobericht über US-Schulden

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