Ein offizielles Dokument, das eine Verschwörungstheorie bestätigt

15. August 2026von 5 Minuten Lesezeit

Fünfzig Jahre lang wurde behauptet, Bevölkerungsprogramme seien Nächstenliebe. Ein freigegebenes Papier aus Washington sagt etwas anderes. Heuchelei der westlichen Politik ist also keineswegs eine neue Erscheinung.

Es gibt ein Dokument. Man muss es nicht glauben, man muss es nur lesen. National Security Study Memorandum 200, verfasst 1974 unter der Leitung von Henry Kissinger, vom Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten abgesegnet, bis 1989 unter Verschluss. Sein offizieller Titel: „Implications of Worldwide Population Growth for U.S. Security and Overseas Interests.“ Auf Deutsch: Was bedeutet es für die amerikanische Sicherheit, wenn wir mehr werden.

Das Papier nennt dreizehn Länder namentlich. Indien, Bangladesch, Pakistan, Nigeria, Mexiko, Indonesien, Brasilien, die Philippinen, Thailand, Ägypten, die Türkei, Äthiopien, Kolumbien. Fast jedes davon ein Land mit Öl, Mineralien, fruchtbarem Land oder allem zusammen. Fast jedes davon ein Land, das man heute als Teil des Globalen Südens bezeichnen würde. Das ist kein Zufall, das steht so im Text: Diese Staaten wurden ausgewählt, weil ihr Wachstum als strategisch relevant galt – nicht ihr Elend, ihre Ressourcen.

Die Logik, die man uns nie erklärt hat

Die offizielle Erzählung, die Generationen von Beamten in Lagos, Jakarta, Bogotá und Neu-Delhi vorgetragen wurde, lautete: Zu viele Menschen bedeuten zu wenig Nahrung, zu wenig Wasser, zu wenig Zukunft. Amerika helfe aus Mitgefühl. USAID, die Weltbank, internationale Organisationen finanzierten Familienplanung, weil Wachstum angeblich Armut bedeutet.

NSSM-200 sagt etwas anderes, und es sagt es nicht beiläufig, sondern als zentrales Argument. Das Problem war nicht, dass zu viele Menschen zu wenig hätten. Das Problem war, dass zu viele Menschen, jung und wachsend, in Ländern mit eigenen Rohstoffen irgendwann Regierungen wählen oder erzwingen würden, die diese Rohstoffe für die eigene Bevölkerung beanspruchen statt für den Export. Junge, wachsende Bevölkerungen erzeugen politischen Druck. Politischer Druck erzeugt Ressourcennationalismus. Ressourcennationalismus bedeutet: weniger Öl, weniger Mineralien, weniger Ackerland für die Vereinigten Staaten, zu den Bedingungen der Vereinigten Staaten.

Die Lösung, die das Papier vorschlägt, ist keine Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinn. Es ist eine strategische Intervention gegen genau jenen demografischen Druck, der Regierungen dazu bringen könnte, ihre eigene Bevölkerung ernster zu nehmen als ausländische Abnehmer. Finanziert werden sollten gezielt jene dreizehn Länder, über USAID und internationale Kanäle, sodass die Herkunft der Mittel und ihr eigentlicher Zweck nicht offensichtlich würden.

Was in Deutschland also z.B. den Wählern als „Förderung der eigenen Wirtschaft“ verkauft wird, wenn über „Entwicklungshilfe“ diskutiert wird, war in den USA „Entschärfung der demoskopischen Bombe„.

Was das für den Globalen Süden bedeutet.

Der Globale Süden wird derzeit unter Druck gesetzt, Russland zu sanktionieren, nicht mit China zu kooperieren, den Dollar zu würdigen und den Hegemon, die USA zu akzeptieren. Donald Trump und Israel haben den großen Verdienst, das wahre Gesicht des nackten und brutalen Imperialismus nicht mehr hinter heuchlerischen Aussagen zu verstecken, was aber die Führungen des Globalen Südens nun unter einen Entscheidungsdruck bringt, den sie bisher vermeiden konnten, dank eben jener Heuchelei des Westens.

Man kann darüber streiten, wie viel von dieser Logik der Bevölkerungsreduktion zur „Eindämmung“ des Globalen Südens tatsächlich in die Programme der folgenden fünfzig Jahre eingeflossen ist, wie viel Bürokratie sich verselbstständigte, wie viele Ärztinnen und Entwicklungshelfer in gutem Glauben handelten. Und man kann darüber streiten, ob Eindämmung des Bevölkerungswachstums Not verhinderte. Das nimmt dem Dokument nichts von seiner Bedeutung. Was zählt, ist, dass die Architekten der Politik, in einem Papier, das nie für unsere Augen bestimmt war, offen darlegten: Die Hilfe war real, aber der angegebene Zweck war es nicht. Man hat den Ländern nicht geholfen, weniger arm zu sein. Man hat versucht sicherzustellen, dass sie nie stark genug werden, ihre eigenen Bodenschätze zu unseren eigenen Bedingungen zu beanspruchen.

Das ist keine Randnotiz der Geschichte. Es ist eine Erklärung für etwas, das viele im Globalen Süden seit Jahrzehnten instinktiv gespürt, aber selten schriftlich vor sich liegen hatten: dass die Sorge um unsere Bevölkerungszahlen selten von Sorge um ihr Wohlergehen begleitet wurde, sondern von Sorge um Zugang. Zugang zu nigerianischem Öl. Zu brasilianischem Ackerland. Zu indonesischen und indischen Rohstoffen. Zu mexikanischen und kolumbianischen Ressourcen. Die Liste der dreizehn Länder liest sich nicht wie eine Liste humanitärer Prioritäten. Sie liest sich wie eine Liste von Lieferanten, deren Verhandlungsmacht man begrenzen wollte, bevor sie überhaupt entstehen konnte.

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein Dokument.

Das Bemerkenswerte an NSSM-200 ist, dass man hier nichts vermuten oder rekonstruieren muss. Es ist ein offizielles Dokument des amerikanischen Sicherheitsapparats, formuliert für den internen Gebrauch, ohne Rücksicht darauf, wie es später auf die Länder wirken würde, über die es sprach. Es wurde geschrieben, um ehrlich zu sein – gegenüber Washington, nicht gegenüber uns. Und genau deshalb ist es so aufschlussreich.

Zusammenfassung

Fünfzig Jahre amerikanisch mitfinanzierter Bevölkerungsprogramme im Globalen Süden lassen sich nun mit diesem Wissen neu lesen: Begrenzung des Bevölkerungswachstums sollte Entwicklungsländer eindämmen, Entwicklung verhindern, welche den Zugang zu Ressourcen der Länder erschwert hätte. Es war ein Versuch, den demografischen Hebel zu neutralisieren, mit dem arme, aber ressourcenreiche Nationen ihre Zukunft selbst hätten gestalten können. Die Hilfe kam an. Die Kliniken wurden gebaut, die Programme liefen. Aber der Zweck, den man uns nannte, war nicht der Zweck, der in Washington besprochen wurde. Das sagt nicht irgendein Kritiker. Das sagt das Dokument selbst.

Bild: Screenshot über Bevölkerungswachstumseinschränkung vs Wachstumsförderung

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12 Kommentare

  1. Jan 16. August 2026 um 12:15 Uhr - Antworten

    Die Idee, dass auf einem Quadratmeter Tiroler Ackerland 1 Mio Menschen leben könnten, weil Malthus ein Nazi war oder Wasser getrunken hat wie Adi, gehört ein wenig zurück gedrängt. Natürlich besteht ein Zusammenhang zwischen biologischer Tragfähigkeit und Bevölkerungsentwicklung. Es bestehen auch mannigfaltige Zusammenhänge zwischen letzterer und Wirtschaft.

    Es ist kein Zufall, dass die am stärksten kapitalisierten Unternehmen in den USA notiert sind. Natürlich nutzen diese ihre Macht für politischen Einfluss. Adam Smith hatte nicht umsonst eine Monopolkontrolle gefordert. Der Techsektor ist völlig überdimensioniert und hat volkswirtschaftlich nur begrenzten Wert. Er dient als außenpolitische Speerspitze – nicht umsonst wurde er von InQtec, also der CIA aufgebaut.

    Ich finde die Empörung seltsam, dass die Welt sich nicht an irgendwelche Moralvorstellungen aus einem Tiroler Dorf halten möchte. Auch wenn mir diese Moral durchaus nähersteht, finde ich die Fragestellung seltsam. Die Frage ist vielmehr, welche Entwicklungen können wir erkennen und wie wollen wir reagieren?

    Zu kreischen, dass man Trump nie geheiratet hätte, scheint mir nicht so relevant.

  2. lotus998dc2ac81f3 15. August 2026 um 17:47 Uhr - Antworten

    naja, schon etwas bizarr, den Verdienst des “ Kommunismus“ in seinem besonders gründlichen Scheitern zu sehen. Nützt denen nichts mehr, die Jahrzehnte lang unter ihm leiden mussten. So gesehen wäre der Nationalsozialismus ja noch großartiger gewesen. Natürlich wird der Kapitalismus auch scheitern- alle diese Ideologien sind offenkundig dumm. Aber für die dumme Menschheit halt nicht offensichtlich genug.

  3. Glass Steagall Act 15. August 2026 um 12:16 Uhr - Antworten

    Der Kissinger war schon immer ein gefährlicher Wasserträger der Machteliten. Er hat ja auch den Schwab entdeckt und gefördert und Deutschland immer unter Kontrolle gehalten! Aber alles in allem überheben sich die USA mit all ihren Vorhaben! Das Ende dieser Hegemonie wurde durch den Irankrieg eingeleitet! Den Rest erledigt der amerikanische Schuldenberg! Und während die US-Eliten das Land aussaugen, geht die Bevölkerung vor die Hunde. Dieses Land zeigt der Welt eindrucksvoll, wie man es nicht machen sollte! Das Schiff sinkt bereits unaufhörlich!

  4. triple-delta 15. August 2026 um 11:36 Uhr - Antworten

    Dass solche Dokumente in den USA zu finden sind, hat seine Ursache im dem Fakt, dass die USA durch eine Laune der Geschichte zum führenden kapitalistischen Land geworden sind. In dem ehemals führenden sozialistischen Land wird man solches nicht finden. Das ist auch einer der Gründe, warum gerade Russland im Globalen Süden so beliebt ist.

    • Hello 15. August 2026 um 11:45 Uhr - Antworten

      „In dem ehemals führenden sozialistischen Land wird man solches nicht finden.“
      Weil es zu gut versteckt ist oder vernichtet wurde?
      Das ist nicht ernst gemeint, aber Ihre ewige kritiklose Lobhudelei des Kommunismus in seiner tatsächlichen Ausprägung fordert das heraus (zumindest bei mir)

      • Jochen Mitschka 15. August 2026 um 13:07 Uhr

        „ewige kritiklose Lobhudelei des Kommunismus“ …. Man sollte natürlich vorsichtig sein damit, den früher real existierenden Kommunismus in zu blumigen Farben darzustellen. Was aber das Erstaunliche an diesem Einparteiensystem war, muss unbestritten bleiben: Es war in der Lage, sich selbst abzuschaffen, bzw. in China so drastisch zu verändern, ohne einen blutigen Konflikt auszulösen, wie es kein kapitalistisches Land seit dem 2. Weltkrieg geschafft hat. Dort gibt es politische Parteien, aber die Grundpolitik bleibt immer gleich, zeigt keine Anzeichen, der möglichen friedlichen Selbstveränderung. Im Gegenteil. Sobald, wie z.B. seienerzeit in Schweden, eine Tendenz besteht, passieren „Dinge“ und alls wird ins Gegenteil, zurück bewegt.

        China hat in seiner Geschichte mehrere Kehrtwendungen gemacht, die so extrem waren, wie es sie in keinem „Mehrparteiensystem“ gab. Und die Auflösung der Sowjetunion war ebenfalls unblutig, die jetzt zu beobachtenden Kriege sind fast ausschließlich auf Zündeleien des Westens und „teile und herrsche“ zurückzuführen.

        Mit anderen Worten: Der Kommunismus, zu beobachten in China, war in der Lage, das staatliche System so zu verändern, wie es der Zufriedenheit der Bevölkerung am dienlichsten war, und heute kann kein westliches Land mit den Zufriedenheitswerten Chinas mithalten. DAS ist der Hauptverdienst des Kommunismus.

      • Andreas_Sch. 15. August 2026 um 13:29 Uhr

        @ Jochen Mitschka
        15. August 2026 um 13:07 Uhr
        So ganz „unblutig“ war die „Auflösung“ der Sowjetunion ja nun auch wieder nicht …

      • Lutz Herzer 15. August 2026 um 13:38 Uhr

        @Jochen Mitschka

        „DAS ist der Hauptverdienst des Kommunismus.“

        Es ist der Konfuzianismus, in dem Chinas Stärke liegt. Deshalb konnte der Kommunismus nicht diese ideologische Dominanz und Nachhaltigkeit wie in der Sowjetunion entwickeln.

      • Jan 16. August 2026 um 12:18 Uhr

        @Jochen Mitschka Den blutigen Konflikt hats ja gegeben. Vielleicht waren die Chinesen danach so mürbe, dass sie den Weg der Vernunft gegangen sind? Eine Erfahrung, die Europa noch bevorsteht.

    • Andreas_Sch. 15. August 2026 um 12:12 Uhr - Antworten

      Keine „Laune der Geschichte“, vielmehr geschichtliche Folgerichtigkeit hat die USA zur führenden kapitalistischen Nation gemacht. Die selbe geschichtliche Folgerichtigkeit ist gerade dabei sich zu entfalten, um dieser Nation das Schicksal ausnahmslos aller Imperien zu bereiten.

      • Konrad Kugler 15. August 2026 um 20:43 Uhr

        Alle Staatssymbole sind freimaurerisch.
        Die Freimaurerei ist der Ungeist der United States, der die „Staaten“ zum Feind der Menschheit gemacht hat. Der Amerikaner ist konservativ und genau so dumm gehalten wie wir.

      • Jan 16. August 2026 um 12:21 Uhr

        @Konrad Kugler Etwa 50% der Bevölkerung haben eine Matura. Kant hat eine knackige Anleitung gegen die selbstverschuldete Unmündigkeit geschrieben, die leicht lesbar und verständlich ist. Wenn man dann Kalle Nebenwirkungsfrei zum Spiritus Rector macht, ist das nicht ohne Vorsatz.

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