Kriege in Westasien gehen weiter – Washington planlos

4. August 2026von 5,7 Minuten Lesezeit

Was als „begrenzte Militäroperation“ begann, ist mittlerweile ein fünfmonatiger Krieg, der die gesamte Region in Flammen hält und die Energiepreise in schwindelerregende Höhen treibt. Die am 28. Februar gestartete US-israelische Offensive gegen Iran hat sich zu einem klebrigen Sumpf entwickelt — und das Pentagon weiß offenbar selbst nicht mehr weiter.

Dass die Planer in Washington keine Exit-Strategie hatten, wird jetzt durch einen bemerkenswerten CNN-Bericht bestätigt: Das US-Militär verschickt E-Mails an Militärexperten und fragt nach der „besten Methode, den Iran zu bestrafen“. Ein Offizier des Centcom-Geheimdienstes formulierte es letzte Woche so: „We are looking for new creative and unconventional ways to pressure and punish Iran.“ Crowdsourcing für Kriegsstrategie — das ist der Stand der Dinge im mächtigsten Militärapparat der Welt.

Ein Centcom-Sprecher nannte dies „nicht ungewöhnlich“ und verwies auf eine „lange Geschichte innovativen Denkens“. Wer’s glaubt. Die Realität ist: Man hat keinen Plan B, und Plan A — schnelle militärische Dominanz — ist schon vor Monaten krachend gescheitert.

Die Hormuz-Blockade: Ein Schuss ins eigene Knie

Die vielleicht folgenschwerste Entwicklung: Iran hat die Straße von Hormuz geschlossen. Die US-Marineblockade iranischer Häfen wird von Teheran mit aller Härte beantwortet. Mohsen Rezaei, oberster Militärberater von Mojtaba Khamenei, warnte am Montag unmissverständlich:

„Wenn die Blockade fortgesetzt wird, werden amerikanische Schiffe und Kräfte ernsthafte Risiken und Verluste erleiden. Die USA müssen ihr Verhalten ändern — oder wir werden dies nicht tolerieren. Wir werden niemals die Öffnung eines zweiten Korridors in der Straße von Hormuz erlauben.“

Dass diese Drohung ernst zu nehmen ist, zeigte sich bereits am Montag, als ein Frachtschiff in der Straße von Hormuz von einem „unbekannten Projektil“ getroffen wurde — 20 Seemeilen nordöstlich von Al Khasab im Oman. Die UKMTO bestätigte den Vorfall.

Die Energiepreise explodieren, und die wirtschaftlichen Folgen treffen genau die Wählerschaft, die Trump ins Weiße Haus gebracht hat. Kein Wunder, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman am Sonntag mit Trump telefonierte und „die Notwendigkeit betonte, dem Dialog Vorrang einzuräumen, um die Spannungen zu deeskalieren.“ Riad spürt den Druck — und die Angst vor einem Flächenbrand, der die gesamte Golfregion erfasst.

Trumps „letzte Chance“: Verhandlungen, die keine sind

Die diplomatische Lage ist chaotisch. Trump behauptet, .Gespräche mit Iran hätten begonnen und seien Teherans „letzte Chance“ für einen Deal Doch Irans Außenministeriumssprecher Esmaeil Baghaei dementierte umgehend: Es gebe keine Verhandlungen, keine geplanten Treffen — lediglich Oman-vermittelte Gespräche über das Management der Hormuz-Straße.

Das ist das klassische Muster: Washington verkauft der eigenen Bevölkerung Verhandlungserfolge, die auf der Gegenseite gar nicht existieren. Währenddessen macht Irans Wirtschaftsminister Ali Madanizadeh klar,  dass das Land einen „wirtschaftlichen Resilienzplan für mindestens die nächsten zwei Jahre“ hat. Die Botschaft: Sanktionen und Blockade werden Iran nicht in die Knie zwingen.

Gaza: Netanyahu torpediert den Waffenstillstand und mordet weiter Frauen und Kinder

Während aller Augen auf Iran gerichtet sind, eskaliert Israel in Gaza. Qatar, Ägypten und die Türkei verurteilten am Montag die „Intensivierung der israelischen Angriffe“ als „eklatante Verletzung des Völkerrechts“. Die drei Vermittlerstaaten verweisen auf Angriffe gegen Gesundheitseinrichtungen und zivile Opfer, darunter Frauen und Kinder.

Netanyahu selbst gibt zu, dass es „Meinungsverschiedenheiten mit Präsident Trump bezüglich des kürzlich geschlossenen Abkommens mit der Hamas“ gibt. Seine Forderung: „Die Hamas muss entwaffnet und der Gazastreifen demilitarisiert werden, bevor wir zur Wiederaufbauphase übergehen.“ Übersetzt: Kein Waffenstillstand, solange nicht die völlige Kapitulation erreicht ist — ein Rezept für endlosen Krieg.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil Fahmy, spricht von einem „klaren israelischen Versuch, die Roadmap zu sabotieren“, die am Freitag für den israelischen Abzug aus Gaza als Teil der zweiten Phase des Waffenstillstands angekündigt wurde.

Die Realität vor Ort bestätigt dies: Ein israelischer Drohnenangriff auf ein ziviles Fahrzeug südwestlich von Gaza-Stadt tötete am Montagabend zwei Palästinenser und verletzte mehrere weitere. Die israelische Armee hat zudem ihre Notfallmobilisierung um zwei Monate verlängert.

Westjordanland: Siedlergewalt unter militärischem Schutz

Auch das Westjordanland eskaliert. Israelische Siedler griffen am Montagabend Palästinenser südlich von Nablus an, setzten landwirtschaftliche Flächen in Beita in Brand und attackierten Fahrzeuge mit Steinen nahe Burin — unter dem Schutz der israelischen Armee.

Bei einem Armeeeinsatz zur Sicherung eines Siedler-Überfalls auf das Josefsgrab im Osten von Nablus wurden drei Palästinenser verletzt: ein 18-Jähriger mit Schussverletzung am Fuß, ein 54-jähriger Lagerbewohner durch körperliche Übergriffe, und eine 56-jährige Frau, die auf der Flucht stürzte.

Libanon: Phosphorbomben und Raketen

Israelische Streitkräfte haben am Montag Raketen und Phosphorbomben auf den Südlibanon abgeworfen. Phosphorbomben — eine Waffe, deren Einsatz gegen zivile Gebiete nach internationalem Recht höchst problematisch ist. Die Hisbollah-Front ist damit wieder voll aktiv, und eine Ausweitung des Krieges auf den Libanon scheint nur eine Frage der Zeit.

Jemen: Die stille Front

Die Houthis im Jemen bleiben ein kritischer Faktor, auch wenn sie in den aktuellen Live-Berichten weniger prominent erscheinen. Der geleakte E-Mail-Verkehr zwischen Elbit Systems und den VAE zeigt, wie sehr der Houthi-Angriff auf Abu Dhabi 2022 die Golfstaaten aufgeschreckt hat. Der initiale Drohnendeal über 154 Millionen zeigt, wie die Houthis die sicherheitspolitische Landschaft der gesamten Region verändert haben. Die von der Hacking-Gruppe Handala veröffentlichten und von Haaretz sowie Drop Site News verifizierten E-Mails belegen die Dringlichkeit: Der Drohnenverkauf wurde nach dem Houthi-Angriff als „urgent“ eingestuft.

Irak: Die vergessene Front

Der Irak bleibt ein Brennpunkt, auch wenn die aktuellen Berichte weniger Details liefern. Die Präsenz US-amerikanischer und iranischer Stellvertreterkräfte macht das Land zu einem potenziellen Schlachtfeld, das jederzeit eskalieren kann. Die schiitischen irakischen Milizen im Irak haben seit Kriegsbeginn mehrfach US-Stützpunkte angegriffen.

Das Gesamtbild: Ein Imperium ohne Strategie

Was sich hier abzeichnet, ist eine militärische Supermacht, die einen Krieg beginnt, ohne zu wissen, wie sie ihn beenden soll. Die diplomatische Isolation der USA wächst — Saudi-Arabien drängt auf Deeskalation, die Vermittlerstaaten Qatar, Ägypten und Türkei verurteilen Israel, und selbst die eigene Militärbürokratie greift zum Crowdsourcing, weil ihr die Ideen ausgehen.

Trumps „letzte Chance“-Rhetorik erinnert fatal an Afghanistan und Irak: große Worte, keine Strategie, und am Ende zahlen die einfachen Menschen den Preis — an der Zapfsäule, an der Supermarktkasse und mit dem Blut ihrer Söhne und Töchter, die in einen Krieg geschickt werden, den ihre eigenen Generäle nicht zu gewinnen wissen.

Die Straße von Hormuz bleibt geschlossen. Die Energiepreise steigen weiter. Und das Pentagon schreibt E-Mails.

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4 Kommentare

  1. Jurgen 4. August 2026 um 14:44 Uhr - Antworten

    Dabei wäre es so einfach! Die USA müssten nur Israel besetzen und am weiteren Krieg hindern… also mal in echt Weltpolizia spielen…

  2. Jan 4. August 2026 um 13:35 Uhr - Antworten

    Die USA sperren Hormus ein zweites Mal, nur unter dem Radar der Öffentlichkeit. Hormus ist zweifach geschlossen. Dies hat mehrere Folgen:

    Iran kann weder die Exporte seiner Nachbarn besteuern noch islamischen Freunden oder China Ausnahmen gestatten.

    Die Golfmonarchien werden über Schulden in die Zusammenarbeit mit den USA und Israel getrieben.

    China verliert nicht nur iranisches, sondern auch saudisches Öl, was das Wachstum auf gesunde 1% begrenzt, der asiatische Tiger wird gezähmt.

    Europa erleidet nach den Milliardenzahlungen an den Pipelinesprenger und dem Versagen des Green Deals einen weiteren harten Schlag. Vor Hormus ist die deutsche Industrieproduktion um 24% eingebrochen, durch Hormus wird sich das Minus vergrößern. Dies wird über die Monate zu einem deutlichen politischen Richtungswechsel in Trumps Sinne führen.

    Israel entwickelt sich zu einem Apartheidsstaat, um die religiöse Rechte zufrieden zu stellen, die hinter Bibi steht. Daran haben etliche Staaten ein Interesse: Wenn Israel mit seiner Vertreibungspolitik durchkommt, können China, die USA und Europa mit ihren Minderheiten ebenso verfahren. Israel verbreitet real Angst und Schrecken und wird dadurch zur militärischen Macht aufsteigen.

    In Syrien sitzen mit dem IS und in der Türkei und im Irak mit den Kurden amerikanische Proxies, die durch Iran einen Vorwand bekommen, die Region neu aufzuteilen.

    Das Mittelmeer ist zweifellos die Wiege Europas bis zum Zagros-Gebirge. Die EU wird sich dort engagieren und mit Pipelines Hormus umgehen.

    Die USA sind durch Fracking Selbstversorger, allerdings gibt es Probleme beim Diesel, dazu müssen sie in Venezuela investieren. Sie importieren bereits aus Kanada, große Möglichkeiten zur Versorgung Europas sehe ich nicht, aber Selbstversorgung geht.

    Durch diese Schachzüge bleibt der Dollar bis auf Weiteres ölgedeckt.

    Die Araber werden als Kollateralschaden geschlachtet – fürchterlich! Aber: sie verscherzen es sich mit den Nachbarn, mit der EU, mit den USA und mit China – und haben keine Möglichkeit mehr zu fliehen. Weder Iran noch Ägypten oder Pakistan wollen sie aufnehmen. Das muss einem erst einmal passieren! Die Amis verhandeln mit den Sudan, die Tür wird sich statt Richtung Mercedes in die Wüste öffnen, die EU wird dies unterstützen, um die Migrationsprobleme zu entspannen.

    • Fritz Madersbacher 4. August 2026 um 17:13 Uhr - Antworten

      @Jan
      4. August 2026 um 13:35 Uhr
      „Die USA sperren Hormus ein zweites Mal … Hormus ist zweifach geschlossen. Dies hat mehrere Folgen …“

      Sie entwerfen ein für den Fortbestand der westlichen Hegemonie sehr rosiges Szenario, das allerdings nur noch von den eingefleischtesten Zweckoptimisten geteilt wird.
      Der frühere Präsidentschaftskandidat Ron Paul etwa sieht das völlig anders:
      „Der Krieg, der eigentlich nur ein paar Wochen dauern und sich selbst finanzieren sollte, geht nun in den sechsten Monat, und die Kosten belaufen sich bisher auf über 100 Milliarden Dollar … Die Lage ist so prekär, dass der für das US-Europakommando zuständige General laut der Washington Post hochrangigen Pentagon-Beamten mitteilte, er sei ohne einen weiteren Zerstörer der Marine gezwungen, die Verteidigung des amerikanischen Kernlandes der Verteidigung Israels vorzuziehen …
      Der US-Angriff auf den Iran ist die unbeliebteste große Militäroperation der USA in der Geschichte und verliert täglich an Popularität. Die Umfragewerte von Präsident Trump sind durch den Konflikt auf unter 30 Prozent gefallen …
      Präsident Trump gehen in seinem selbstgewählten Krieg gegen den Iran rapide die Optionen aus. Es gibt keinen Weg zum Sieg in diesem Krieg. Es geht nur noch darum, mit der Niederlage umzugehen …
      Raus jetzt! Komplett raus! Dieser törichte Krieg gegen den Iran muss beendet werden!“
      (erschienen am 3. August 2025 auf > Ron Paul Institute for Peace and Prosperity >, deutsche Übersetzung auf „Antikrieg.com“, 03/08/2026)

  3. Varus 4. August 2026 um 8:24 Uhr - Antworten

    Qatar, Ägypten und die Türkei verurteilten am Montag die „Intensivierung der israelischen Angriffe“ als „eklatante Verletzung des Völkerrechts“.

    Leider hindert es die Isr-Bewohner nicht, durch Meucheln Glückseligkeit anzustreben, wie ein TKP-Artikel mit Haaretz-Zitaten kürzlich diese kaputten Seelen beschrieb. Irgendwann muss etwas wirksameres geschehen.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

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