
Die Übernahme medizinischer Fachzeitschriften durch Pharma-Konzerne
In den den vergangen Jahrzehnten ist eine schleichende Konzernübernahme der medizinischen Wissenschaft geschehen. Unter anderem daran zu illustrieren wie Fachzeitschriften zu Marketingvehikeln verkommen sind. Ein Blick hinter die Kulissen eines Systems, das sich längst selbst verkauft hat.
Stellen Sie sich vor, die Lebensmittelaufsicht würde zu 75 % von Nestlé, Unilever und Monsanto finanziert. Die Baupolizei ließe sich ihre Inspektionen von der Betonindustrie bezahlen. Die Verkehrssicherheitsbehörde hinge am Tropf der Autohersteller. Empörung? Selbstverständlich. Doch genau dieses Szenario ist im medizinischen Publikationswesen seit Jahrzehnten traurige Realität — nur dass sich kaum jemand darüber aufregt, weil die Verstrickungen so tief, so normalisiert und so geschickt verschleiert sind, dass selbst viele Ärzte sie nicht mehr wahrnehmen.
Jonathan Engler hat im Artikel „Inside the corporate takeover of medical journals“ Zitate von Wissenden gesammelt, die Zusammenhänge und die ganze Korruptheit der medizinischen Medienkonzerne offenlegen. Engler ist als Unternehmer im Gesundheitswesen ein Wissender.
Die medizinischen Fachzeitschriften, jene vermeintlichen Hüter wissenschaftlicher Integrität, sind zu dem geworden, was Richard Horton, Chefredakteur des Lancet, bereits 2004 in bemerkenswerter Klarheit formulierte: „Journals have devolved into information laundering operations for the pharmaceutical industry.“ — Fachzeitschriften sind zu Geldwäsche-Anlagen für Pharmakonzerne verkommen.
Horton ist kein Außenseiter. Er ist der Chefredakteur einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt. Wenn der so etwas sagt, sollte man hinhören.
Die Ökonomie der Korruption: Wie das Geschäftsmodell funktioniert
Das System ist ebenso einfach wie perfide. Es ruht auf drei Säulen:
1. Anzeigenverkauf — die offensichtlichste, aber harmloseste Abhängigkeit
Allein 2003 gaben Pharmakonzerne $448 Millionen für Anzeigen in medizinischen Fachzeitschriften aus, wie eine Untersuchung in PLOS Medicine (2006) dokumentierte. Der Return on Investment lag dabei zwischen $2,22 und $6,86 pro investiertem Dollar. Kein Wunder, dass Zeitschriften wie JAMA oder das New England Journal of Medicine (NEJM) wie bunte Werbeprospekte durchgeblättert werden.
Doch die Anzeigen sind noch das geringste Übel. Sie sind sichtbar, kritisierbar — jeder Leser weiß, dass es sich um bezahlte Werbung handelt. Die wirkliche Gefahr lauert tiefer.
2. Sonderdrucke — die Lizenz zum Gelddrucken
Hier wird es wirklich schmutzig. Wenn ein Pharmakonzern eine Studie in einer renommierten Zeitschrift platziert, kauft er anschließend tausende Sonderdrucke — sogenannte Reprints. Der Gewinn für den Verlag? Richard Smith, ehemaliger Chefredakteur des BMJ, bezifferte in seinem vernichtenden Essay in PLOS Medicine (2005) die Gewinnmargen auf bis zu 70 %.
Ein einzelner Reprint-Deal kann über $1 Million einbringen. Merck gab allein für die VIGOR-Studie (die später im Vioxx-Skandal eine zentrale Rolle spielte) $836.000 für Reprints im NEJM aus. Das sind Summen, bei denen jeder Vorstand eines Mediums ins Schwitzen gerät — denn er weiß: Wenn er eine industriefreundliche Studie ablehnt, riskiert er nicht nur den Reprint-Deal, sondern unter Umständen auch das Jahresbudget seiner Zeitschrift. Smith brachte es auf den Punkt: Ein Redakteur steht vor einem „frighteningly stark conflict of interest: publish a trial that will bring US$100,000 of profit or meet the end-of-year budget by firing an editor“ (Ein erschreckend krasser Interessenkonflikt: Entweder eine Studie veröffentlichen, die einen Gewinn von 100.000 US-Dollar einbringt, oder das Jahresbudget durch die Entlassung eines Redakteurs erfüllen.)
Die 2020 in PLOS ONE veröffentlichte Studie von Graham et al. — eine der umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Thema mit 128.781 Artikeln aus 159 Fachzeitschriften — fand einen klaren Zusammenhang: Zeitschriften, die Reprint-Gebühren akzeptieren, veröffentlichen mit 2,81-fach höherer Wahrscheinlichkeit Artikel mit Autoren-Interessenkonflikten (OR = 2,81; 95 % KI: 1,5–8,6; p = 0,0416). Die Annahme von Anzeigengeldern allein war weniger prädiktiv — es sind die Reprints, die den redaktionellen Kompass verbiegen.
3. Die „Supplement-Falle“ — Pseudowissenschaft im Edelmantel
Viele Fachzeitschriften publizieren regelmäßig Supplements — Sonderausgaben, die von einzelnen Pharmakonzernen gesponsert werden. Diese Supplements unterliegen oft einem deutlich laxeren Peer-Review oder gleich gar keinem. Wie Richard Smith in seinem BMJ-Beitrag (2003) trocken anmerkte: Je schlechter die wissenschaftliche Qualität und je industriefreundlicher der Inhalt, desto höher der Profit für die Zeitschrift.
Smith weiter: „Oft stammen diese Beiträge von bezahlten Industrie-Hacks und wurden bereits mehrfach anderswo veröffentlicht.“ Die Zeitschrift verkauft ihren guten Namen — der Pharmakonzern bekommt den wissenschaftlichen Heiligenschein für sein Marketingmaterial.
Der Elsevier-Skandal: Als ein Wissenschaftsverlag Fake-Journale produzierte
2009 flog auf, was CBC News dokumentierte: Der Wissenschaftsverlag Elsevier — einer der größten und mächtigsten Player der Branche — hatte jahrelang das Australasian Journal of Bone and Joint Medicine publiziert, ohne offenzulegen, dass es sich um ein vollständig von Merck gesponsertes Marketingvehikel handelte. Die Publikation sah aus wie eine echte Fachzeitschrift, trug stolz das Elsevier-Imprint — und enthielt ausschließlich Merck-freundliche Inhalte.
Elsevier gab zu, zwischen 2000 und 2005 insgesamt neun solcher Fake-Journal-Titel produziert zu haben. Die Reaktion des Konzerns war so vorhersehbar wie zynisch: Eine interne Untersuchung, neue „Guidelines“, die üblichen PR-Floskeln. Der CEO von Elsevier Health Sciences versicherte, die Integrität der „echten“ peer-reviewten Zeitschriften sei „in keiner Weise kompromittiert worden“.
Natürlich nicht.
Heute, Stand 2025, bewirbt Elsevier auf seiner Website ganz offen „Elsevier Pharma Solutions“ — einen Dienst, der Pharmakonzernen hilft, „gezielte Fachpublikums-Zeitschriften“ zu finden, um ihre Botschaften zu platzieren. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der gleiche Verlag, der vorgibt, neutrale wissenschaftliche Qualitätssicherung zu betreiben, bietet der Industrie gleichzeitig Marketing-Dienstleistungen an, um genau jene Zeitschriften als Werbeplattformen zu nutzen.
Interessenkonflikt? Welcher Interessenkonflikt?
Die Zahlen lügen …. systematisch
Die Datenlage ist erdrückend:
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Zwei Drittel bis drei Viertel aller randomisierten Studien in den großen Zeitschriften (Annals of Internal Medicine, JAMA, Lancet, NEJM) werden von der Pharmaindustrie finanziert, wie Richard Smith in PLOS Medicine (2005) festhielt.
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Die systematische Übersichtsarbeit von Schwedhelm et al., publiziert im Deutschen Ärzteblatt International (2010), bestätigte: Industriefinanzierte Studien liefern mit einer Odds Ratio von 3,6 (95 % KI: 2,6–4,9) häufiger positive Ergebnisse für das Produkt des Sponsors. Und die methodische Qualität ist nicht schlechter — was die Manipulation verschleiern hilft.
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Eine deutsche Studie von Becker et al., veröffentlicht im CMAJ (2011), untersuchte 11 ärztliche Fortbildungszeitschriften und fand: Gratis-Journale, die sich ausschließlich über Pharmaanzeigen finanzieren, empfehlen die beworbenen Medikamente signifikant häufiger als Zeitschriften mit Abo-Modell. Die „Free Journals“ — komplett industriefinanziert — waren die schlimmsten.
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Eine 2024 in JAMA publizierte Untersuchung von Nguyen et al. analysierte die Peer-Reviewer der drei führenden Journale (BMJ, Lancet, NEJM) für den Zeitraum 2020–2022. Ergebnis: Mehr als die Hälfte der US-amerikanischen Gutachter hatte Zahlungen von Pharma- oder Medizingeräteherstellern erhalten — insgesamt $1,06 Milliarden, davon $64,18 Millionen als persönliche „General Payments“ (Beratungshonorare, Vortragshonorare etc.). Der Median der persönlichen Zahlungen lag bei $7.614.
Das sind die Leute, die im Peer-Review darüber entscheiden, welche Studien „wissenschaftlich valide“ sind und welche nicht.
Der feine Unterschied: Wie Bias getarnt wird
Die Apologeten des Systems argumentieren gerne: „Die methodische Qualität industriefinanzierter Studien ist ja gar nicht schlechter als die unabhängiger Studien.“ Das stimmt sogar — und genau darin liegt die Verschleierung, wie Schwedhelm et al. im Deutschen Ärzteblatt (2010) detailliert darlegten.
Die Industrie produziert keine schlechten Studien im methodischen Sinne. Sie produziert gut gemachte Studien, die durch geschicktes Framing, Dosierungsvergleiche, Endpunkt-Wahl und selektive Publikation die gewünschten Ergebnisse liefern.
Ein Klassiker: Das Studienmedikament wird in therapeutischer Dosis getestet, das Vergleichspräparat in subtherapeutischer Dosis. Überraschung: Das Studienmedikament schneidet besser ab. Die Methodik ist einwandfrei — die Fragestellung ist korrupt.
Oder: Unerwünschte Ergebnisse verschwinden einfach in der Schublade. Studien mit negativen Ergebnissen werden seltener publiziert — ein Phänomen, das als Publication Bias seit Jahrzehnten dokumentiert ist, gegen das aber kein Kraut gewachsen scheint, solange die Journale vom Wohlwollen der Industrie abhängen.
Eine im BMJ Open (2015) veröffentlichte Analyse von Peer-Review-Kommentaren ergab zudem: Bei industriefinanzierten Studien monieren Gutachter signifikant seltener methodische Mängel (52,9 % vs. 69,7 %), unangemessene statistische Methoden (15,1 % vs. 28,3 %) oder fragwürdige Schlussfolgerungen als bei unabhängigen Studien. Die Schere im Kopf sitzt tief.
Dass eine 2025 in Research Integrity and Peer Review veröffentlichte Übersichtsarbeit zu dem Schluss kommt, die existierenden COI-Offenlegungsrichtlinien seien „nicht besonders effektiv, um Bias-Risiken zu mindern“, ist da nur noch die Pointe auf einem schlechten Witz.
Wer besitzt wen? Die Besitzverhältnisse
Die Eigentümerstruktur des wissenschaftlichen Publikationswesens ist ein oligopolistischer Albtraum:
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Elsevier (gehört zu RELX Group) kontrolliert über 2.500 Zeitschriften, darunter The Lancet und Cell
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Wiley besitzt über 1.600 Zeitschriften
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Taylor & Francis (Informa) hält über 2.700 Zeitschriften
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Springer Nature publiziert über 3.000 Zeitschriften, darunter das Prestigeobjekt Nature
Diese vier Konzerne kontrollieren schätzungsweise über 50 % des gesamten wissenschaftlichen Publikationsmarktes. Ihre Gewinnmargen liegen regelmäßig bei 30–40 % — Margen, von denen andere Branchen nur träumen können. Möglich wird das durch ein geniales Geschäftsmodell: Die Forschung wird mit Steuergeldern finanziert, die Wissenschaftler schreiben und begutachten die Artikel kostenlos, und dann verkaufen die Verlage die Ergebnisse für horrende Abo-Gebühren zurück an die öffentlichen Bibliotheken.
Und als wäre das nicht genug, finanzieren dieselben Verlage ihre Zeitschriften zusätzlich durch Pharmawerbung und Reprint-Deals. Der Artikel in PLOS Medicine (2006) dokumentierte, dass allein die American Medical Association (AMA) 2004 $40,7 Millionen aus Anzeigen in ihren Publikationen (darunter JAMA) einnahm — mehr als doppelt so viel wie aus Abonnements ($17,5 Millionen).
Die Konsequenzen: Tote Patienten sind der Kollateralschaden
Wenn medizinische Fachzeitschriften systematisch industriefreundliche Ergebnisse bevorzugen, sterben Menschen.
Der Vioxx-Skandal ist das Paradebeispiel: Merck wusste frühzeitig von den kardiovaskulären Risiken, manipulierte die Datenpräsentation, platzierte die VIGOR-Studie im NEJM — und kaufte anschließend für $836.000 Reprints, wie Richard Smith in PLOS Medicine (2005) dokumentierte. Schätzungsweise 60.000 bis 140.000 Amerikaner starben an Vioxx-bedingten Herzinfarkten und Schlaganfällen, bevor das Medikament 2004 vom Markt genommen wurde.
Die Fachzeitschriften waren nicht unbeteiligte Beobachter. Sie waren aktive Komplizen des Marketings.
Und Vioxx ist kein Einzelfall. Es ist das System.
Die Antidepressiva-Epidemie, die Opioid-Krise, die massenhafte Verschreibung von Statinen an Patienten ohne kardiovaskuläre Vorgeschichte, die Diabetes-Medikamente mit tödlichen Nebenwirkungen — hinter jeder dieser Katastrophen steht eine Flut von „peer-reviewten“ Studien in „renommierten“ Fachzeitschriften, die sämtlich das Narrativ der Hersteller stützten.
Was tun? Die strukturelle Lösung
Richard Smith, der ehemalige BMJ-Chefredakteur, machte in seinem PLOS Medicine-Essay (2005) einen radikalen, aber folgerichtigen Vorschlag: Fachzeitschriften sollten aufhören, klinische Studien zu veröffentlichen.
Stattdessen, so Smith, sollten Studienprotokolle und Ergebnisse auf regulierten, öffentlich zugänglichen Webseiten publiziert werden — ohne den Filter profitorientierter Verlage. Die Zeitschriften könnten sich dann auf das konzentrieren, was sie eigentlich tun sollten: kritische Einordnung und Kommentierung.
Das würde mehrere Probleme gleichzeitig lösen:
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Kein Publication Bias mehr — alle Ergebnisse würden registriert, nicht nur die positiven
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Keine Reprint-Korruption — ohne exklusive Publikation in einer Zeitschrift kein Monopol auf Sonderdrucke
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Volle Datentransparenz — Rohdaten müssten öffentlich zugänglich sein, nicht nur geschönte Zusammenfassungen
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Entkopplung von Werbeeinnahmen — die kritische Bewertung wäre nicht mehr durch Anzeigenkunden kompromittiert
Natürlich wird das nicht passieren. Dafür verdienen zu viele Player zu gut an der aktuellen Konstellation. Die Verlage, die Fachgesellschaften (deren Zeitschriften oft ihre Haupteinnahmequelle sind), die Pharmakonzerne, die Karriere-Wissenschaftler — sie alle haben ein vitales Interesse am Status quo.
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