Daniele Ganser über den historischen Zorn des Iran: Sechs vom Westen vergessene US-Angriffe

13. Juli 2026von 5,9 Minuten Lesezeit

Der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser hat in einem vielbeachteten Video sechs massive Angriffe der USA auf den Iran dokumentiert — eine Chronologie, die im westlichen Diskurs konsequent ausgeblendet wird.

Die mediale Berichterstattung über den aktuellen Konflikt setzt fast durchwegs beim 28. Februar 2026 ein, als Trump und Netanyahu ihren gemeinsamen Angriff auf den Iran starteten. Was davor geschah, wird schlichtweg nicht thematisiert. Ähnliches passiert in der Ukraine, in Gaza, in Syrien, im Libanon und vor allem in Palästina. Die Ursachen der Kriege und Konflikte und vor allem die historischen Verursacher werden ausgeblendet, ignoriert und verschwiegen. Man kann nur wiederholen, was  Österreichs früherer Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky einmal zu einem Journalisten sagte: „Lernen’s Geschichte Herr Redakteur!“

Dabei ist genau diese Vorgeschichte der Schlüssel zum Verständnis der iranischen Perspektive. Die Iraner haben sie nicht vergessen.

Der Putsch von 1953: Operation Ajax

Am 19. August 1953 stürzten CIA und der britische MI6 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh. Sein Vergehen: Er hatte das iranische Erdöl verstaatlicht — und damit die Interessen der britischen und amerikanischen Ölkonzerne verletzt.

Die Operation trug den treffenden Namen Ajax. Die CIA bestach Politiker, Offiziere und Geistliche, mobilisierte bezahlte Schlägertrupps auf den Straßen Teherans und installierte den Schah als gefügigen Vasallen. In den westlichen Zeitungen las man damals: „Mossadegh overthrown by Iranian army coup“ — von einer CIA-Operation keine Spur.

Erst Jahrzehnte später gab Präsident Obama 2009 in Kairo zu: „Im Kalten Krieg haben die USA die demokratisch gewählte Regierung des Irans gestürzt.“ Auch Madeleine Albright räumte ein, es sei „einfach zu verstehen, dass viele Iraner diese amerikanische Intervention missbilligen.“

Die CIA selbst veröffentlichte 2013 — sechzig Jahre nach dem Putsch — detaillierte Dokumente zur Operation Ajax. Ein klassischer Fall von too little, too late.

Fazit: Es ging nie um Demokratieförderung. Es ging um Öl, Kontrolle und Macht. Die Iraner wissen das.

1980: Saddam Husseins Angriff — made by CIA

Am 22. September 1980 marschierte Saddam Hussein in den Iran ein. Acht Jahre Krieg, Hunderttausende Tote. Ein klarer Verstoß gegen das UNO-Gewaltverbot.

Was im Westen kaum jemand weiß: Die CIA hatte Saddam Hussein an die Macht gebracht. James Critchfield, späterer CIA-Stationschef in Bagdad, bestätigte, dass die CIA Saddam „im Grunde genommen erschaffen“ hat. Der berühmte Handschlag von Donald Rumsfeld mit Saddam Hussein 1983 — Rumsfeld war damals Sondergesandter Reagans — dokumentiert die Zusammenarbeit auf höchster Ebene.

Die USA führten einen Stellvertreterkrieg. Man wollte den Iran nach dem Verlust des Schahs schwächen und setzte auf Saddam als regionalen Gegenspieler. Dass dieser mit äußerster Brutalität vorging, störte in Washington niemanden — bis er zehn Jahre später in Kuwait einmarschierte und plötzlich vom Verbündeten zum Feind wurde.

1988: Deutsches Giftgas unter amerikanischer Aufsicht

Der 2017 verstorbene deutsche Journalist Udo Ulfkotte, damals Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, war 1988 an der Front zwischen Irak und Iran. Was er dort sah, wollte in Deutschland niemand drucken.

Im Gespräch mit Ken Jebsen (heute Kaiwan Sufisirva) am 4. Dezember 2014 berichtete Ulfkotte:

„Anfang Juli 1988 war ich an der Front im Krieg zwischen Irak und Iran. Da wurde ich Augenzeuge, wie unter amerikanischer Aufsicht mit deutschem Giftgas — es war Senfgas — wie die Iraker die Iraner vergast haben.“

Das Giftgas kam aus Deutschland, offiziell als Pestizide deklariert. Die Amerikaner beaufsichtigten den Einsatz. Ulfkotte fotografierte die Gräuel, erkrankte durch den Gaskontakt selbst an Krebs. Seine Fotos durfte er weder in der FAZ noch im Stern veröffentlichen — ihm wurde mit Entlassung gedroht.

Seine Frage ist bis heute unbeantwortet: Warum hat sich Deutschland nur in Israel entschuldigt, nicht aber im Iran? Sind Iraner Menschen zweiter Klasse?

3. Juli 1988: Abschuss von Iran Air 655

Im selben Jahr, in dem Giftgas gegen iranische Soldaten und Zivilisten eingesetzt wurde, geschah das Unfassbare: Das US-Kriegsschiff USS Vincennes schoss über der Straße von Hormus den zivilen Airbus A300 der Iran-Air-Flug 655 ab.

290 Tote — alles Zivilisten, darunter 66 Kinder. Keine Überlebenden.

Das Aegis-Kampfsystem der Vincennes hatte die Passagiermaschine fälschlich als feindliche F-4 Tomcat identifiziert. David Carlson, Kommandant eines weiteren US-Kriegsschiffs in der Nähe, wunderte sich damals, dass die Vincennes ein Flugzeug angreifen wollte, bei dem es sich „eindeutig um eine zivile Linienmaschine handelte.“ Der zuständige Unteroffizier meldete zudem falsch, das Flugzeug sei „schnell tiefer gehend“ und auf Abfangkurs — die späteren Datenaufzeichnungen belegten eindeutig, dass der Jet die ganze Zeit im Steigflug war.

Kapitän Rogers entschied, ohne Überprüfung dieser Meldung zwei SM-2-Raketen abzufeuern.

Die USA sprachen von einem tragischen Fehler. Der Iran spricht von einem Kriegsverbrechen. Eine Entschuldigung gab es nie. Stattdessen erhielt die Besatzung der Vincennes Auszeichnungen. Im Iran gibt es bis heute Briefmarken, die an das Massaker erinnern.

Juni 2025: Der Zwölf-Tage-Krieg

Im Juni 2025 griff Israel unter Netanyahu den Iran an — Trump zog wenig später nach. Der Krieg dauerte nur zwölf Tage, war aber ein klar illegaler Angriffskrieg. Die Bombardierungen brachten dem iranischen Regime keine entscheidende Niederlage, aber sie vertieften den Hass auf die USA und Israel in der Bevölkerung.

Die westlichen Medien berichteten darüber — aber wieder ohne die Vorgeschichte. Als ob der Juni 2025 aus dem Nichts gekommen wäre.

28. Februar 2026: Der aktuelle Angriff

Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel ihren zweiten gemeinsamen Angriff auf den Iran innerhalb von acht Monaten. Der iranische Botschafter Amir Irawani erklärte vor dem UNO-Sicherheitsrat:

„Das Regime der Vereinigten Staaten hat heute Morgen, gemeinsam und in Abstimmung mit dem israelischen Regime, zum zweiten Mal in den letzten Monaten eine unprovozierte und im Voraus geplante Aggression gegen die Islamische Republik Iran begonnen.“

Die militärische Infrastruktur dafür ist gewaltig. US-Militärstützpunkte umzingeln den Iran: Irak, Kuwait, Bahrain, Katar, die Emirate, Oman, Saudi-Arabien, Syrien, Jordanien, Türkei — und natürlich Israel. Von der deutschen Air Base Ramstein aus wurden amerikanische Flugzeuge zunächst nach Europa gebracht, dann weiter auf die Prince Sultan Air Base in Saudi-Arabien verlegt.

Das große Schweigen

Ganser fasst zusammen: „So funktioniert Kriegspropaganda. Nicht, dass man etwas völlig falsch darstellt, sondern dass man einfach etwas weglässt.“

Was weggelassen wird:

  1. Der CIA-Putsch 1953
  2. Die CIA-Unterstützung für Saddam Husseins Angriff 1980
  3. Der Giftgaseinsatz 1988 unter amerikanisch-deutscher Beteiligung
  4. Der Abschuss von Iran Air 655
  5. Der Angriff im Juni 2025
  6. Die Einkreisung des Iran durch Dutzende US-Militärbasen

Wer heute die Frage stellt, „Warum gibt der Iran nicht einfach auf?“, hat diese Geschichte nicht verstanden. Der Iran kämpft nicht für ein Mullah-Regime — er kämpft gegen eine seit 73 Jahren andauernde Kette von Demütigungen, illegalen Angriffen und kolonialer Ausbeutung.

Die Frage ist nicht, warum der Iran so verbissen kämpft. Die Frage ist, warum der Westen immer noch glaubt, mit denselben Methoden diesmal ein anderes Ergebnis zu erzielen.

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8 Kommentare

  1. enkidugilgamesh 14. Juli 2026 um 11:21 Uhr - Antworten

    Jeder sollte sich der Tatsache bewusst werden, dass sowohl Israel, als auch die USA taktische und sub-taktische Atombomben gegen Gaza, Libanon, Jemen und Iran einsetzen.

    Die Spitzfindigkeit besteht darin, dass diese Atombomben nicht auf der Oberfläche, in der Luft oder im Orbit gesprengt werden, also nicht die „Nuclear Test-Ban Treaty“ brechen. Die einzelnen Sprengsätze sind i.d.R. deutlich unter 10KTN, somit schwächer als die Hiroschima-Bombe. Diese Bomben werden als „Munition“ betrachtet.

    Die USA und Israel schießen die Atombomben erst in den Untergrund und sprengen sie dann, was fadenscheinig durch „Peaceful Nuclear Explosions Treaty“ (PNET) ausdrücklich erlaubt ist, aber nur für zivile Zwecke. So kann eine kleine Atombombe verwendet werden, um nur ein Mehrfamilienhaus zu pulverisieren.

    Die Pulverisierung entsteht, indem hochfrequente Schallwellen der nuklearen Explosion alle harten Materialen unmittelbar über dem „Ground-Zero“ mikroskopisch zerbrechen. Im Ergebnis fällt das Gebäude innerhalb von Sekunden als pulverisierter Schutthaufen in sich zusammen. Die radioaktiven Materialien bleiben fast komplett im Untergrund und werden mit dem Schutt überdeckt. Vorwiegend Radon und dessen Zerfallsprodukte erhöhen die Radioaktivität der Umgebung um das Fünffache über dem Normalwert.

    Die Sprengung unter PNET wird sehr intensiv zum unterirdischen Bergbau von Erdöl, Erdgas und Edelmetallen weltweit eingesetzt und mit der Falschbezeichnung „Hydraulic Fracking“ verschleiert. Die korrekte Bezeichnung müsste „Nuclear Fracking & Hydraulic Pressing“ heißen.

    Hier ist der offizielle Text von PNET.

    Treaty Between The United States of America and The Union of Soviet Socialist Republics on Underground Nuclear Explosions For Peaceful Purposes (and Protocol Thereto) (PNE Treaty)
    https://2009-2017.state.gov/t/isn/5182.htm

    Und hier ist eine zusammenfassende Erläuterung der wesentlichen Regeln auf Deutsch:

    Erläuterung zum PNET und den Merkmalen der Erdbeben durch Atombomben-Explosionen im Untergrund.
    https://geoarchitektur.blogspot.com/p/erlauterung-zum-pnet-und-den-merkmalen.html

  2. alter Mann 13. Juli 2026 um 21:31 Uhr - Antworten

    Eine sehr gute Kurzzusammenfassung von Herrn Ganser (wie fast immer) für die nicht so alte Generation wie mich. Ich kannte noch Herrn Ulfkotte persönlich und hatte mermals Kontakt zu verschiedenen Themen. Kann mich auch rühmen, durch meinen technischen Job Saddam bei einem Empfang persönlich kennengelernt zu haben (wie auch andere „Verstorbene“). Eben alter Mann in der Restzeit.

  3. K Kaefer 13. Juli 2026 um 9:55 Uhr - Antworten

    Die Frage ist, warum der Westen immer noch glaubt, mit denselben Methoden diesmal ein anderes Ergebnis zu erzielen

    Definition von Wahnsinn, wird Einstein – wohl fälschlicherweise – in den Mund gelegt.

    Wen die Götter zerstören wollen machen sie wahnsinnig – mein Reden.

    Hoffentlich treffen sie dann auch mal die richtigen. Die sitzen in der City of London, bewacht von 14 Drachen mit dem Spruch „Domine dirige nos“ – Herr führe uns.
    Welcher Herr das ist bedarf wohl keiner weiteren Fantasie.

  4. OMS 13. Juli 2026 um 8:51 Uhr - Antworten

    Abschuss von Iran Air 655 war kein Versehen, sondern eine Drohung gegen den Iran!

  5. Jakob 13. Juli 2026 um 8:20 Uhr - Antworten

    „Die Frage ist nicht, warum der Iran so verbissen kämpft. Die Frage ist, warum der Westen immer noch glaubt, mit denselben Methoden diesmal ein anderes Ergebnis zu erzielen.“

    Nein!
    Die Frage ist, warum der Westen sich anmaßt die Welt beherrschen zu wollen; warum der Westen sich anmaßt andere Staaten angreifen zu dürfen; warum der Westen sich anmaßt zu bestimmen was richtig und was falsch ist.

  6. federkiel 13. Juli 2026 um 7:39 Uhr - Antworten

    „Im Gespräch mit Ken Jebsen (heute Kaiwan Sufisirva) am 4. Dezember 2014 berichtete Ulfkotte:“

    Da ist das falsche Video verlinkt.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

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