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Wissenschaft

Verkehrslärm verursacht Herzmuskelschäden wie Infraschall von Windrädern

3 Kommentare 12. Juli 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Eine neue Übersichtsarbeit zeigt: Verkehrslärm verursacht messbare Herzmuskelschäden. Die Risiken sind quantifiziert, die Mechanismen verstanden. Trotzdem fehlt das Thema in jeder kardiologischen Leitlinie. Ein Lehrstück über systemische Blindheit — und ein Seitenblick auf den Infraschall der Windkraft.

Kardiologen des Universitätsklinikums Mainz und des Danish Cancer Institute haben im Dezember 2025 eine Übersichtsarbeit im EXCLI Journal veröffentlicht.gehört zu den drei größten umweltbedingten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie von Thomas Münzel at al trägt den Titel „Transportation noise pollution as a cardiovascular risk factor: from epidemiological evidence to mechanistic insights“ (Verkehrslärm als kardiovaskulärer Risikofaktor: Von epidemiologischen Erkenntnissen zu mechanistischen Einblicken).

Die Dosis-Wirkungs-Beziehung ist bemerkenswert präzise — sie stützt sich auf eine gepoolte dänisch-schwedische Kohortenanalyse von Sørensen et al. im Journal of Exposure Science & Environmental Epidemiology:

  • Pro 10 dB mehr Straßenverkehrslärm steigt die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 5 % (HR 1,06; 95%-KI: 1,03–1,08)
  • Das Risiko für ischämische Herzkrankheiten klettert um 8 %
  • Das Schlaganfallrisiko erhöht sich um 14 %

Und das nach Bereinigung um Luftverschmutzung und andere Störfaktoren. Die zugrundeliegende HERMES-Studie von Raaschou-Nielsen et al. umfasste 2,6 Millionen Dänen und adjustierte für Feinstaub, Stickstoffdioxid, ultrafeine Partikel, elementaren Kohlenstoff sowie sozioökonomische Faktoren.

In den USA sind schätzungsweise 100 Millionen Menschen ungesunden Lärmpegeln ausgesetzt — rund 30 % der Bevölkerung. Die Environmental Protection Agency hatte bereits in den 1970er Jahren einen Grenzwert von 55 Dezibel im 24-Stunden-Mittel empfohlen. Seither: Funkstille.

Noch eindrücklicher: In Europa verursacht Verkehrslärm jährlich mindestens 66.000 vorzeitige Todesfälle und 50.000 neue kardiovaskuläre Erkrankungen — Zahlen der Europäischen Umweltagentur, zitiert in der Münzel-Übersichtsarbeit. Die WHO stufte bereits 2018 in ihren Environmental Noise Guidelines die Evidenz für den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und ischämischer Herzkrankheit als hoch ein.

Der Mechanismus: Stress, der nie aufhört

Was den Verkehrslärm so heimtückisch macht, ist der Wirkpfad, den die Mainzer Arbeitsgruppe um Münzel und Daiber detailliert beschreibt. Das Gehirn verarbeitet Geräusche auch im Schlaf — und reagiert mit einer klassischen Stressantwort. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, der Sympathikus feuert. Das Fatale: Der Sympathikus gewöhnt sich nicht an den Reiz.

Der Schlüsselbeleg stammt aus einer 2013 im European Heart Journal publizierten Feldstudie von Schmidt, Basner et al.. 75 gesunde Probanden wurden zuhause, verblindet, einer Nacht mit 60 Fluglärmereignissen ausgesetzt (durchschnittlicher Maximalpegel 60 dB(A), entsprechend einem äquivalenten Dauerschallpegel von 46,3 dB). Ergebnis: Die flussvermittelte Dilatation (FMD) — das Maß für Endothelfunktion — war signifikant verschlechtert (P=0.016P = 0.016). Der Effekt war dosisabhängig (P=0.020P = 0.020). Morgen-Adrenalin stieg von 28,3 auf 34,1 ng/L (P=0.0099P = 0.0099).

Und dann der entscheidende Befund: Gab man den Probanden Vitamin C, wurde die endotheliale Dysfunktion aufgehoben (P=0.0171P = 0.0171). Das beweist, dass oxidativer Stress — via NADPH-Oxidase-2-Aktivierung und NO-Synthase-Entkopplung — im Zentrum des pathophysiologischen Geschehens steht.

Dasselbe Team wiederholte das Experiment 2014 mit 60 Patienten, die entweder eine bestehende KHK oder einen hohen Framingham-Score aufwiesen. Gleiches Design, gleiches Ergebnis: FMD fiel von 9,6 % auf 7,9 % (P<0.001P < 0.001), systolischer Blutdruck stieg von 129,5 auf 133,6 mmHg (P=0.030P = 0.030). Wichtig: Der Effekt war unabhängig von subjektiver Schlafqualität und selbstberichteter Lärmempfindlichkeit. Das Gefäßsystem reagiert objektiv — egal ob man sich gestört fühlt oder nicht.

Die Schadensschwelle beginnt dabei erschreckend niedrig: bei 35 bis 40 dB — das entspricht etwa einem leisen Gespräch. Das ist kein Industriearbeitsplatz. Das ist das Grundrauschen des modernen Lebens.

Systemische Blindheit im Gesundheitswesen

Trotz dieser Evidenzlage: In keiner großen kardiovaskulären Präventionsleitlinie taucht Lärm als Risikofaktor auf. Die Mainzer Übersichtsarbeit spricht das explizit an — und fordert, Verkehrslärm als etablierten kardiovaskulären Risikofaktor mit gleicher Priorität in Leitlinien und Public-Health-Politik zu behandeln. Die biologischen Signalwege, die Lärm mit Rauchen, Diabetes und Bluthochdruck teilt, sind bestens dokumentiert — aber sie interessieren niemanden, der Leitlinien schreibt.

Umweltfaktoren, die nicht in das medizinisch-pharmazeutische Geschäftsmodell passen, werden systematisch ignoriert. Lärm lässt sich nicht patentieren. Gegen Lärm gibt es keine Pille, mit der sich Milliarden verdienen lassen. Also existiert er im klinischen Bewusstsein nicht.

Was man tun kann

Die Mainzer Forscher nennen in ihrer Übersichtsarbeit praktische Ansätze:

Schlaf schützen. Die nächtliche Exposition verursacht den größten Teil des kardiovaskulären Schadens. Akustisch isolierte Fenster, schwere Vorhänge, Doppelverglasung. Zur Not Ohrstöpsel oder ein White-Noise-Gerät, das unregelmäßige Lärmspitzen maskiert — gerade diese Spitzen sind es, die die Forschung als besonders schädlich identifiziert hat.

Antioxidative Unterstützung. Die Schmidt-Studie von 2013 zeigte, dass Vitamin C die lärmbedingte Gefäßschädigung direkt umkehren kann. Brokkolisprossen — reich an Sulforaphan — aktivieren den Nrf2-Signalweg, den körpereigenen Hauptabwehrmechanismus gegen oxidativen Stress. Brokkolisprossen schützen übrigens wegen ihres Sulforaphan-Gehalts auch gegen Krebs wie TKP früher schon berichtet hat.

Bewegung in ruhigen Grünflächen. Regelmäßige Bewegung reduziert die akute Lärmexposition und bringt gleichzeitig kardiovaskulären Nutzen — vorausgesetzt, sie findet nicht an einer sechsspurigen Straße statt.

Exkurs: Infraschall von Windkraftanlagen

Was beim Verkehrslärm seit Jahrzehnten dokumentiert ist, wiederholt sich beim Infraschall der Windkraftanlagen — nur mit dem Unterschied, dass hier die Evidenz noch aktiver unterdrückt wird. Über die entsprechenden Studien der Uni Mainz hat TKP bereits ausführlich berichtet.

Die Parallelen sind frappierend: Auch Infraschall wird unterhalb der bewussten Hörschwelle verarbeitet. Auch hier reagiert das autonome Nervensystem, ohne dass der Betroffene es merkt. Auch hier geht es um nächtliche Exposition, chronische Stressantwort, sympathische Aktivierung. Die Münzel-Arbeit beschreibt den zentralen „Noise Reaction Model“-Pfad — Aktivierung des Sympathikus und der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, Freisetzung von Katecholaminen und Cortisol, endotheliale Dysfunktion durch NADPH-Oxidase-2 und NO-Synthase-Entkopplung. Derselbe Mechanismus ist für tieffrequenten Schall plausibel.

Der entscheidende Unterschied: Beim Straßenverkehrslärm kann man immerhin Fenster schließen. Tieffrequenter Infraschall mit Wellenlängen im Bereich mehrerer hundert Meter bis zu 5 Kilometer durchdringt Wände, als wären sie nicht da. Wer im Einwirkungsbereich einer Windkraftanlage lebt, hat keine Rückzugsmöglichkeit.

Die Forschungslage zu Infraschall und Gesundheit ist dünner als beim Verkehrslärm — das liegt nicht an fehlender Relevanz, sondern an fehlendem Forschungsinteresse derjenigen, die Forschungsgelder vergeben. Die wenigen existierenden Studien zeigen jedoch ein konsistentes Bild: Schlafstörungen, Tinnitus, Konzentrationsprobleme, Herz-Kreislauf-Beschwerden. Alles Symptome, die man aus der Verkehrslärmforschung kennt. Der Mechanismus ist derselbe.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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3 Kommentare

  1. Glass Steagall Act
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    Die Politik will gar keinen Lärmschutz! Bestes Beispiel war Merkel vor ungefähr 15 Jahren in Deutschland, als es um mehr Lärmschutz für die Bürger ging. Was die wenigsten wissen, Merkel sprach sich klar dagegen aus! Aber was den Klimahype angeht, ja da sind die Politiker ganz vorn! Bei beiden Themen geht es ausschließlich um die Interessen des Geldes! Der Bürger ist irrelevant!

  2. Der alte Marxist
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    Das sind eben die wahren Umweltprobleme, die stiefmütterlich behandelt werden! Es wäre wesentlich vernünftiger, Geld für Lärmminderungsmaßnahmen auszugeben als für die Klima-Geisterbahnfahrt, die nur Schaden anrichtet. Man redet seit vielen Jahren von den schädlichen Wirkungen des Verkehrslärms, aber geschehen ist nur wenig. Die Anforderungen für das externe Rollgeräusch von Reifen hätte man zum Beispiel längst verschärfen können.

  3. Jurgen
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    Hat das Wohnen an der Autobahn ihnen geschadet? Nein, Nein, Nein, Nein, … (Hinweis: Kopf ruckt jedesmal von links nach rechts bei jedem Nein)

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