Das nordkoreanische Wirtschaftswunder: Real, begrenzt – und blutig erkauft

29. Juni 2026von 7,2 Minuten Lesezeit

Jahrelang galt die Volkswirtschaft der Demokratischen Volksrepublik Korea als wirtschaftliches Schlusslicht: sanktioniert, isoliert, permanent am Rande des Hungers. Nun sorgen Zahlen der südkoreanischen Zentralbank für Erstaunen: Nordkoreas Bruttoinlandsprodukt ist 2023 um 3,1 Prozent und 2024 um 3,7 Prozent gewachsen – das schnellste Tempo seit acht Jahren. Wir schauen nach den Gründen.

Die Industrieproduktion Nordkoreas legte 2023 um 4,9 Prozent zu, die Baubranche gar um 8,2 Prozent. Findet in dem abgeschotteten Staat tatsächlich ein Wirtschaftswunder statt? Die Antwort ist differenziert: Das Wachstum ist real, seine Grundlagen sind jedoch fragwürdig und kriegsbedingt. Und ähnlich wie im Westen profitieren nicht alle von dem Boom.

Datenlage: Was wir wissen – und was nicht

Nordkorea veröffentlicht keine eigenen Wirtschaftsstatistiken. Sämtliche Zahlen stammen von der Bank of Korea (BOK), der südkoreanischen Zentralbank, die seit 1991 Schätzungen auf Basis von Geheimdienstdaten, Handelsinformationen der Nachbarländer und Angaben des Vereinigungsministeriums erstellt. Die Methodik ist international anerkannt, die Zahlen sind aber Schätzungen – mit erheblicher Unsicherheitsmarge. Das nominale Bruttonationaleinkommen pro Kopf lag 2024 bei rund 1.239 US-Dollar, also nur 3,4 Prozent des südkoreanischen Vergleichswertes von etwa 36.000 Dollar. Das Wachstum startet von einer extrem niedrigen Basis.

Zum Vergleich: In den Pandemiejahren 2020 bis 2022 war die Wirtschaft um insgesamt rund zehn Prozent geschrumpft, nachdem Kim Jong Un die Grenzen des Landes hermetisch abriegelte. Das aktuelle Wachstum erklärt sich also auch als Aufholeffekt nach einem selbst verschuldeten Einbruch.

Der Ukraine-Krieg als Konjunkturprogramm

Nordkorea realisierte, was die deutsche Regierung nun nachmachen will. Kriege nutzen, zur Ankurbelung der Wirtschaft. Nur eben auf der anderen Seite der Front.

Der entscheidende Wachstumstreiber ist eindeutig: die militärische Partnerschaft mit Russland. Laut Südkoreas Nationalem Institut für Sicherheitsstrategie hat Nordkorea durch Waffen-, Munitions- und Truppenlieferungen an Russland seit Kriegsbeginn bis zu 14,4 Milliarden US-Dollar eingenommen – eine Summe, die etwa der Hälfte des gesamten jährlichen BIP entspricht. Eine andere Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung schätzt den Wert gelieferter Waffen und Soldaten auf immerhin 9,8 Milliarden Dollar, was mehr als einem Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

Die Lieferungen umfassen nach Schätzungen des ukrainischen Militärgeheimdienstes und westlicher Analysten bis zu sechs Millionen Artilleriegranaten, ballistische Raketen vom Typ KN-23/24, Mehrfachraketenwerfer sowie über 15.000 Soldaten. Die Nachrichtenagentur Reuters und das britische Open Source Centre verfolgten 64 Transporte mit rund 16.000 Containern zwischen September 2023 und März 2025.

Im Gegenzug erhält Pjöngjang Erdöl, Lebensmittelhilfe und – dem Partnerschaftsvertrag vom Juni 2024 zufolge – Zusammenarbeit in den Bereichen Kerntechnik sowie Satelliten- und Weltraumraketentechnologie. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) weist darauf hin, dass Nordkorea dabei gezielt seine modernen Systeme exportiert, um im Gegenzug aus deren Kampfeinsatz zu lernen – ein Technologietransfer in beide Richtungen.

Welche Sektoren wachsen – und warum

Die Zahlen der Bank of Korea zeigen: 2024 wuchs der Bergbausektor um 8,8 Prozent – der größte Zuwachs seit 1999. Die Schwer- und Chemieindustrie legte im Jahresvergleich um 10,7 Prozent zu. Rund 20 Munitionsfabriken sollen laut der Analyseplattform 38 North an der Produktion für Russland beteiligt sein; Anlagen wurden 2023 und 2024 erheblich modernisiert. Die Rüstungsproduktion läuft nach Berichten westlicher Geheimdienste rund um die Uhr.

Die Exporte stiegen 2024 um 10,8 Prozent auf rund 360 Millionen US-Dollar. Auf den ersten Blick absurd erscheint, womit: Demnach sind Perücken und Uhren die führenden Ausfuhrartikel. Dahinter steckt ein klassisches Sanktionsumgehungsmuster: Waren, die nicht explizit verboten sind, werden über Drittländer – hauptsächlich China – exportiert. Das Gesamthandelsvolumen blieb mit 2,7 Milliarden Dollar aber unter dem Vor-Pandemie-Niveau.

Was die Zahlen verbergen: Die Schattenseiten

Das Wachstum kommt bei der Bevölkerung nur bedingt an. Laut einer Studie der irankritischen Friedrich-Naumann-Stiftung werden erzielte Gewinne aus dem Russlandgeschäft faktisch im russischen Finanzsystem blockiert, weil Zahlungen über sanktionierte Banken und intransparente Finanzvehikel laufen. Frei verfügbare Devisen, die Importe von Konsumgütern oder Nahrungsmitteln ermöglichen würden, würden der breiten Bevölkerung fehlen.

Schwer verständlich, weil alleine das Wachstum der Bauindustrie muss sich für Nordkoreaner positiv ausgewirkt haben. Selbst wenn es überwiegend in Fabrikneubauten ging und weniger in Wohnraum. Aber lassen wir es so stehen.

Human Rights Watch, ebenfalls ein erklärter Nordkorea-Kritiker, mit Drehtür-Beamten aus dem US-Außenministerium, dokumentierte 2024, wie die Grenze zu China seit 2020 massiv aufgerüstet wurde – mit einer 20-fachen Zunahme von Sicherheitsvorkehrungen in untersuchten Gebieten, Doppelzäunen und dem Schießbefehl bei unerlaubter Grenzüberquerung. Schmuggel von Lebensmitteln und Grundgütern – für viele Familien lange eine Überlebensstrategie – wurde angeblich eingeschränkt.

Amnesty International berichtet, dass Zwangsarbeit, Ernährungsunsicherheit und unzureichende Gesundheitsversorgung 2023 weiterhin weit verbreitet seien. Auf den inoffiziellen Märkten, den Jangmadang, konnten weniger Lebensmittel angeboten werden als in den Jahren vor der Pandemie. Ein nordkoreanischer Flüchtling beschreibt es gegenüber dem ZDF pointiert: „Allein mit Arbeit für den Staat kann man nicht leben.“

Hinzu kommt allerdings: Der nordkoreanische Won verlor seit Januar 2024 massiv an Wert, die Inflation stieg stark an. Das makroökonomische Wachstum, so westliche Analysten, stehe damit in direktem Widerspruch zur Kaufkraftrealittät der meisten Nordkoraner. Das ist schwer nachprüfbar, weil Nordkorea eine Black-Box für westliche Journalisten ist.

Strategische Konsequenzen: Ein neues Gleichgewicht

Die wirtschaftliche Entwicklung hat jedenfalls eine geopolitische Dimension, die über Pjöngjang hinausgeht. Das westliche Sanktionsregime gegen Nordkorea ist faktisch ausgehebelt: Seit Russland im Mai 2024 sein Veto im UN-Sicherheitsrat gegen eine Verlängerung des Sanktionsexpertenkomitees einlegte, ist – so die Einschätzung der SWP – eine systematische internationale Berichterstattung über „Sanktionsbrüche“ nicht mehr möglich.

Nordkorea hat die Umkehrung seiner Abhängigkeit von Russland genutzt: Hatte Moskau früher Pjöngjangs Rüstungspolitik indirekt subventioniert, liefert Nordkorea nun entscheidende Waffen – und kann Gegenleistungen einfordern. Laut Analyseplattform IPG Journal ist das oberste Ziel unverändert der Regimerhalt: Nukleare Abschreckung, wirtschaftliche Autarkie und politische Isolation sollen das Kim-Regime unangreifbar machen.

Ramon Pacheco Pardo vom King’s College London urteilt: Die Partnerschaft mit Russland verschaffe Pjöngjang sowohl wirtschaftlichen Spielraum als auch Technologiezugang, der seine Raketen- und Satellitenprogramme verbessern könnte. Das sei für den Westen insbesondere, eine langfristige Sicherheitsbedrohung, die weit über die Koreanische Halbinsel hinausreiche. Man ahnt, worauf es hinausläuft.

Fazit: Wachstum ohne Wohlstand

In Nordkorea findet ein gemessenes Wirtschaftswachstum statt – das stärkste seit acht Jahren. Aber es ist kein Wirtschaftswunder im klassischen Sinne. Es ist ein kriegsindustrielles Aufbauprogramm, das auf dem Elend der Menschen in den östlichen Gebieten der Ukraine aufbaut, denen keine Selbstbestimmung gegönnt wird. Das BIP pro Kopf liegt bei 1.239 Dollar – ein Dreiunddreißigzigstel des deutschen Wertes. Aber das ist das klassische westliche Argument des BIP, das die Kaufkraft nicht berücksichtig, und vor allen Dingen was überhaupt gekauft werden muss!

Das PPP-Problem bei Nordkorea ist fundamental

Das CIA World Factbook beziffert Nordkoreas BIP (PPP) auf rund 40 Milliarden Dollar – eine Zahl, die auf einer OECD-Studie von Angus Maddison basiert, deren Ausgangswert 1999 war und dann einfach hochgerechnet wurde. Aktuell, belastbar oder methodisch robust ist das nicht. Das Berichtet IndexMundi.

Selbst auf dieser veralteten Basis landet Nordkorea beim BIP pro Kopf (PPP) bei rund 1.700 Dollar – Rang 193 von 197 Ländern weltweit. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei etwa 63.000 Dollar (PPP).

Warum PPP für Nordkorea trotzdem fast nutzlos ist:

Erstens gibt es keine verlässlichen Preisdaten aus dem Land selbst. Die Bank of Korea bewertet alle Angaben zu den nordkoreanischen Wirtschaftsindikatoren auf Grundlage südkoreanischer Preise und Wertschöpfung – was nicht wirklich Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Ländern bietet. Das ist methodisch der entscheidende Knackpunkt: Ein PPP-Wert, der mit südkoreanischen Preisen berechnet wird, misst nicht die tatsächliche nordkoreanische Kaufkraft.

Zweitens existiert eine riesige Schattenwirtschaft, die in keiner dieser Zahlen auftaucht. Strukturierte Befragungen nordkoreanischer Überläufer haben ergeben, dass informelle Märkte rund 70 Prozent des Haushaltseinkommens ausmachen. Satellitendaten zur Nachtbeleuchtung legen zudem Wachstumsmuster nahe, die von den offiziellen BOK-Schätzungen deutlich abweichen – vermutlich weil die Ausweitung des Informalsektors nicht erfasst wird.

Nordkoreas Wirtschaft leidet akut unter steigenden Verbraucherpreisen, wird im Westen berichtet, ebenso wie Währungsabwertung und zunehmender Unsicherheit. Inflation erodiert die realen Haushaltseinkommen und untergräbt zugleich die Jangmadang-Märkte, die seit dem Zusammenbruch des staatlichen Verteilungssystems in den 1990ern die Lebensgrundlage der meisten Menschen bilden. Aber alle Informationen kommen zu uns durch einen westlichen Filter.

Was sich geändert hat

Nordkoreas strategische Position. Das Land ist keine isolierte Paria-Nation mehr, sondern ein geopolitischer Akteur mit Hebeln – und mit einem Verbündeten, der die westliche Sanktionsarchitektur aktiv unterläuft. Gefahr aus sich der alten Kolonialmächte, Hoffnung für den Globalen Süden.

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4 Kommentare

  1. Patient Null 30. Juni 2026 um 11:07 Uhr - Antworten

    Ein nordkoreanischer Flüchtling beschreibt es gegenüber dem ZDF pointiert: „Allein mit Arbeit für den Staat kann man nicht leben.“

    Ein deutscher Rentner sagte dem NK TV „Allein von der deutschen Grundrente kann man nicht leben. Ich bessere mit Flaschen sammeln auf.“
    (nur eine Satire)

  2. Mediator 29. Juni 2026 um 12:45 Uhr - Antworten

    Tolle „Quellen“: Südkoreanische Zentralbank (gestützt auf „Geheimdienstberichte“), Naumann-Stiftung, Amnesty International, HRW, CIA… fehlen eigentlich nur noch ARD und ZDF – Glückwunsch, Herr Mitschka! Waren Sie eigentlich schon einmal in der KDVR? Ich schon, ganz ohne CIA und Co.

    • 1150 29. Juni 2026 um 15:50 Uhr - Antworten

      es fehlen z.b. noch ärzte ohne grenzen, caritas, rotes kreuz, osservatore romano, diakonie,
      omas gegen rechts, adorno stiftung, bertelsmann stiftung, george cloony mit adnexe
      und unzählige andere ngo garanten der reinen wahrheit …

  3. cwsuisse 29. Juni 2026 um 9:52 Uhr - Antworten

    Es hat mir den Anschein als würden im Artikel BIP und PPP (Purchase Power Parity) durcheinandergewürfelt. Für die Wohlstandsentwicklung ist das PPP entscheidend und natürlich staatliche Transferleistungen, die sowohl in der Bundesrepublik Migrantenland als auch in Nordkorea eine zentrale Rolle spielen.

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