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Politik

Was erwartet die Welt beim UN-Theater 2026?

6 Kommentare 23. September 2026 9 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Was passiert dieses Jahr bei der UN in New York? Seit Montag tagt in New York zum 81. Mal die UN-Generalversammlung, offiziell unter dem Motto „Vertrauen wiederherstellen, Veränderung gestalten“ [Restoring Trust, Managing Transformation]. Wir schauen, was erwartet wird.

Vertrauen wäre in der Tat nötig: Während sich das Spitzenpersonal der Welt in den Fluren des Gebäudes am East River die Hände schüttelt, laufen im Hintergrund gleich zwei Kriege weiter, die die Tagesordnung bestimmen – jener in der Ukraine und jener, den die USA und Israel seit Ende Februar gegen den Iran führen. Ein Überblick der wichtigsten Linien.

Diesel-Diplomatie, ein ermordeter Staatschef und das Ritual der großen Reden.

Wolodymyr Selenskyj ist am 21. September in New York gelandet, im Gepäck rund 20 Gesprächstermine und die immer gleiche Bitte: mehr Flugabwehr, konkret US-Patriot-Abfangraketen sowie eine mögliche Lizenz, sie künftig in der Ukraine selbst zu produzieren. Trump bestätigte, darüber mit Selenskyj zu sprechen.

Der Hintergrund ist dramatisch: Ranghohe europäische Beamte rechnen laut Bloomberg mit dem härtesten Kriegswinter seit Beginn der Invasion – einem kritischen Mangel an Abfangraketen für die westlichen Systeme, während Russland seine ballistischen Raketen offenbar zurückhält, um sie gebündelt gegen Energie- und Wärmeinfrastruktur einzusetzen, sobald es kalt wird. Ein Scheitern in diesem Winter, so ein hochrangiger europäischer Beamter gegenüber Bloomberg, könnte über den Kriegsausgang mitentscheiden – die diplomatische Umschreibung für das, was Beobachter treffender als drohende Kapitulation bezeichnet, sollte die Energieversorgung kollabieren.

Kiew bittet um Abfangraketen – Washington bremst wegen des Diesels

Trump aber hat andere Sorgen. Seit Wochen fordert er Selenskyj öffentlich auf, die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen – konkret jene Anlagen, die Diesel produzieren. Er begründet das mit dem Dieselpreis in den USA, der erstmals über sechs Dollar je Gallone gestiegen ist. Zu diesem Preisschub tragen zwei vom Westen selbst mitverursachte Kriege bei: der von den USA begonnene Krieg gegen den Iran, der seit Ende Februar den Öltransport durch die Straße von Hormus einschränkt, und die ukrainischen Angriffe auf Russlands Raffinerien, auf die Moskau mit einem Dieselexportstopp reagiert hat.

„Es gibt genug andere Ziele. Rührt den Diesel nicht an, das schadet der Welt“,

zitieren mehrere US-Medien Trump. Selenskyj wiederum hofft, den Krieg noch vor dem Winter zu beenden, und zeigte sich bei den Gesprächen in New York offen für einen Energie-Waffenstillstand. Moskau hat für einen umfassenden Waffenstillstand bislang wenig Anreiz gezeigt: Die kriegsbedingten Angebotsausfälle treiben die Weltmarktpreise – und damit Russlands Erlöse aus den verbleibenden Exporten – nach oben, auch wenn Binnenmarkt und Exportkapazität selbst unter den ukrainischen Angriffen leiden.

Ein Randdetail, das in der westlichen Berichterstattung kaum auftaucht: Bereits im Sommer soll US-Vizepräsident JD Vance Selenskyj gebeten haben, auch Angriffe auf kasachische Öltanker im Schwarzen Meer zu unterlassen, weil sie US-Interessen schädigten – nachdem ein griechisch betriebener Tanker getroffen worden war, der zuvor ein von den USA mitfinanziertes Terminal angelaufen hatte. Ob dabei tatsächlich, wie kursierende Berichte nahelegen, auch ein Schiff „mit US-Interessen“ getroffen wurde, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht zweifelsfrei klären. Belegt ist hingegen, dass Washington inzwischen handfeste eigene wirtschaftliche Gründe hat, Kiews Angriffe auf die russische Öl-Infrastruktur zu begrenzen – ein Interesse, das sich nur schwer mit dem Bild eines uneigennützigen Unterstützers der ukrainischen Kriegsführung verträgt.

Der Military Summary Channel vermutet, dass Selenskyj, wenn die Abwehrraketen eingetroffen sind, aber Russland mit den großen Angriffen beginnt, sich nicht zurückhalten wird, weil solche Angriffe, welche der westlichen Welt mehr schaden als Russland, doch wieder aufnehmen wird.

Teheran reist mit dem Schatten der Ermordung Chameneis

Zeitgleich ist auch eine iranische Delegation um Präsident Massoud Peseschkian in New York eingetroffen. Dass er überhaupt kommt, ist alles andere als selbstverständlich: Der Iran befindet sich seit dem 28. Februar 2026 offiziell im Krieg mit den USA und Israel – jenem Tag, an dem der langjährige „Oberste Führer“ Ali Chamenei bei einem gemeinsamen israelisch-amerikanischen Luftschlag auf sein Büro in Teheran getötet wurde, gemeinsam mit mehreren Familienangehörigen und engen Beratern, wie NPR und Bloomberg berichteten. Trump selbst hatte die Tötung noch am selben Tag öffentlich bekanntgegeben und sich damit gebrüstet.

Sein Nachfolger ist inzwischen sein Sohn Mojtaba Chamenei, den der Expertenrat am 8. März zum dritten „Obersten Führer“ der Islamischen Republik bestimmte. Israel ließ unmittelbar danach verlauten, die Hand des Staates Israel werde auch jeden Nachfolger und jeden, der einen Nachfolger bestimme, weiter verfolgen – eine kaum verhohlene Drohung, weitere iranische Führungsfiguren zu töten. Vor diesem Hintergrund berichtete die iranische Nachrichtenagentur WANA, man betrachte Peseschkians Reise als hohes Sicherheitsrisiko und habe Szenarien von Sabotage bis zu einem groß angelegten Angriff während des Aufenthalts durchgespielt – Einschätzungen, die als Ausdruck des berechtigten tiefen iranischen Misstrauens zu lesen sind. Dass Washington der iranischen Delegation dennoch Einreise und Schutz gewährt, wie ein US-Außenministeriumssprecher bestätigte, gilt Beobachtern als Zeichen, dass auch Washington an einem Zwischenfall auf US-Boden kein Interesse hat. Allerdings hat Israel auf US-Wünsche schon des Öfteren keine Rücksicht genommen.

Der Fall des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro schwebt dabei unausgesprochen mit: Er sitzt, wie CNN notiert, nur wenige Kilometer von der UN-Zentrale entfernt in einem Gefängnis in Brooklyn, nachdem er von den USA entführt wurde, während seine Nachfolgerin Delcy Rodríguez in New York ihr UN-Debüt gibt – ein Bild, das die Bandbreite dessen zeigt, was ausländischen Staatschefs derzeit droht, die sich mit Washington überwerfen: von der gezielten Tötung bis zur Verschleppung vor ein US-Gericht.

Peseschkians Nuklear-Erklärung

In seiner Rede vor der Generalversammlung will Peseschkian, so Al Jazeera, das Leid der iranischen Bevölkerung und die gegen sie begangenen Verbrechen schildern, zugleich aber auch Wege aus dem Konflikt aufzeigen. Zentral bleibt dabei die schon in den Vorjahren wiederholte Position, der Iran strebe keine Atomwaffen an, weil die Entwicklung von Nuklearwaffen laut einer Fatwa des Obersten Führers religiös verboten sei. Diese Position hat der Iran seit Jahren öffentlich vertreten, ohne dass die Frage ihrer Belastbarkeit dadurch beantwortet wäre: Nach übereinstimmender Einschätzung westlicher wie iranischer Beobachter verfügt das Land technisch seit Langem über die Fähigkeiten, die es bräuchte, um eine Bombe zu bauen – dass es dies nicht getan hat, wird von Teheran als bewusste, ethisch begründete Entscheidung dargestellt, von westlichen Kritikern hingegen als taktisches Zugeständnis, das sich mit jeder weiteren Eskalation ändern könnte. Bezeichnend ist, dass gerade Mojtaba Chamenei von Analysten als der Entwicklung von Atomwaffen deutlich aufgeschlossener beschrieben wird als sein getöteter Vater.

Trumps eigene Bühne: Drohung und Wahlkalkül

Trump selbst nutzte seine Rede am Dienstag vor allem zur Verteidigung seines Kriegskurses gegen Teheran. Er drohte, den Iran „vernichten“ zu können, zeigte sich zugleich aber überzeugt, dass Teheran „gleich nach den Wahlen“ – gemeint sind die US-Zwischenwahlen im November – einem Abkommen zustimmen werde, weil man abwarten wolle, wie er bei den Midterms abschneide. Dass er selbst nicht zur Wahl stehe, betonte er dabei ausdrücklich, ebenso, dass die Wahl seinen Kurs gegenüber dem Iran nicht beeinflusse. Parallel bezeichnete er das iranische Regime als schwach und verzweifelt und stellte einen Nahost, gemeint ist Westasien, ohne „iranischen Terror“ in Aussicht. Dies ist eine Formulierung, die den seit sieben Monaten laufenden Krieg als Befreiungsakt rahmt und die getöteten Zivilisten, die zerstörte Infrastruktur und die Ermordung eines amtierenden Staatsoberhaupts in dieser Erzählung ausblendet.

Was am Rand der Bühne untergeht

Zwischen den Redepulten verschwimmt leicht, wie ungewöhnlich die diesjährige Konstellation eigentlich ist:

Ein Land, dessen Staatsoberhaupt vor sieben Monaten von den beiden Mächten getötet wurde, mit denen es sich weiterhin im offenen Krieg befindet, schickt dessen Nachfolgeregierung zur selben Generalversammlung, auf der der „siegreiche“ Angreifer seine nächste Drohung formuliert.

Und die Vereinten Nationen bieten dafür ganz selbstverständlich die Bühne. Die gezielte Tötung amtierender Staatsoberhäupter, lange als Tabu der internationalen Politik behandelt, ist damit faktisch zu einem regulären Instrument geworden, ohne dass die Generalversammlung selbst diese Zäsur zu einem eigenen Thema macht.

Ähnlich verschoben wirkt die Debatte um die Ukraine: Diskutiert wird vor allem, welche Waffen Kiew bekommen soll und welche Ziele es nicht mehr angreifen darf. Nicht diskutiert wird, dass ausgerechnet die drastisch gestiegenen US-Dieselpreise, ein Nebeneffekt des von Washington selbst begonnenen Kriegs gegen den Iran, nun mit über die Reichweite der ukrainischen Kriegsführung mitentscheiden. Aus der Perspektive des Globalen Südens, der beide Kriege vor allem als Preistreiber an der Tankstelle und auf dem Weltmarkt erlebt, dürfte diese Verquickung von amerikanischem Innenpolitik-Kalkül und ukrainischer Kriegsstrategie kaum überraschen. Sie bestätigt lediglich, dass militärische Unterstützung selten uneigennützig gewährt wird.

Zusammenfassung

Die UN-Generalversammlung ist das jährliche Treffen von Staatschefs mit der Möglichkeit, sich hinter verschlossenen Türen zu treffen, und ohne offizielle Reisen, die Medien neugierig machen, Themen zu besprechen. Hoffen wir, dass dieses Jahr diese Möglichkeiten genutzt werden, um die beiden, maßgeblich durch die USA befeuerten Kriege zum Ende zu bringen. Ansonsten bleibt nur das übliche Theater ohne Folgen, weil die eigentliche Macht vom Sicherheitsrat ausgeht. Und der wiederum wird immer noch durch die alten Kolonialmächte einschließlich den USA mit ihrem Vetorecht beherrscht.

Bild: Screenshot von Video einer Liveübertragung der UN-Generalversammlung

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6 Kommentare

  1. 1150
    Antworten

    die alte hofburgschändermarionette hat in new york der schneekönigmarionette kräftig die hand geschüttelt – da ist der abschaum unter sich

  2. alter Mann
    Antworten

    Stufe das „Kränzel“ als Show / Alibi ein. Wir haben so viel versucht um den Frieden zu retten aber die „Bösen“ wollen es nicht. Die Bösen sind natürlich Rußland, Iran und tangential China. Jetzt müssen wir leider mit Gewalt reagieren. Auslöser sind meines Kenntnisstandes bereits geschaffen / aufgebaut.

  3. Dideldum
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    Die mexikanische Drogenmafia wirkt im Vergleich zum US-Regime mittlerweile wie die Heilsarmee.
    Warum schafft es die „internationale Gemeinschaft“ eigentlich nicht, den Sitz ihrer Institutionen aus den USA weg zu verlegen. Am besten irgendwo nach Asien…

  4. VerarmterAdel
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    Allein dass diese Tusse da abhängt, sagt schon alles über dieser Sesselpuper.

  5. Jan
    Antworten

    Dass ein Land, das zwei Weltkriege gestartet hat, nicht ungestraft in der Lage ist, einen dritten zu beginnen – egal ob über einen Stellvertreter oder über eine deutsch geführte EU und auch wenn Russland „angefangen“ hat – scheint niemand zu bemerken. Selenskys Regime wäre längst pleite, seine gewaltvolle Rekrutierung von Soldaten, in Handschellen an die Front, wird nur durch deutsche Gelder ermöglicht.

    Gleichzeitig zahlt Deutschland für die Zerstörung der Energieinfrastruktur. Wie will man so einen Krieg gewinnen? Dadurch steigt der Ölpreis, Putin verkauft die Mindermengen also zum höheren Preis. Das Argument für die Zerstörung läuft ins Leere. Woher sollten die Gelder für eine Energiewende kommen? Geht es denen noch gut in Brüssel und Berlin?

    Der Irankrieg verschärft die irre Situation in Europa, „there is no alternative“ (Tina) aka Brandmauer funktioniert nicht mehr. Die aktuellen Regierungen wollen Krieg – aber wie lange kann dieser ohne Kapitulation laufen und wie wahrscheinlich ist ein westlicher Sieg?

    Angenommen Konservative und Sozialdemokraten führen Europa erfolgreich in einen Krieg gegen Russland, damit sie ihren Machtverlust wegen Covid kompensieren – werden sie nach dem Krieg noch eine Rolle spielen?

    Wie will man Russland unschädlich machen und aufteilen: St. Petersburg zu Deutschland und Jekaterinburg zu Frankreich? Zu Rumänien? Als Enklave Finnlands?

    Mit der Technologie der Kanadier, dem neuen EU-Partner? 80% der Kanadier leben südlich des 49. Breitengrades, ist denen das bewusst? Toronto liegt auf dem gleichen Breitengrad wie Nizza. Karlsruhe/Heidelberg liegen am 49. Breitengrad, Bordeaux, München, Prag, Wolgograd. Vancouver ist im Winter deutlich milder als Rostow am Don. Die Russen haben ihren Standortvorteil nicht nur in Stalingrad.

    Die Kabale versucht, die Massen in die Selbständigkeit zu bringen, was bereits Kant nicht gelang. Aber Ende bleibt nur eine riesige Depopulationsagenda ohne Ressourcen für einen Wiederaufbau.

    Das ist die Strafaktion eines Todeskultes, mehr nicht.

  6. Jochen Mitschka
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    Zitat:
    Der US-Präsident Donald Trump sagte der UN-Generalversammlung, dass er vor einer „großen Entscheidung“ stehe, zwischen der Wahl, den Iran schnell zu „vernichten“ oder einem Abkommen zuzustimmen, um den US-israelischen Krieg zu beenden. https://x.com/AJEnglish/status/2102417526000845271

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