Die Bombe der anderen: Nordkorea, NATOs Heuchelei und die Rückkehr der deutschen und japanischen Atomfantasien

17. Mai 2026von 10,2 Minuten Lesezeit

Nordkorea hatte einmal einen Vertrag mit den USA – und gab ihn auf, nachdem Washington ihn brach. Die NATO verstößt seit Jahrzehnten gegen den Atomwaffensperrvertrag, den sie zu verteidigen vorgibt. Russland kopierte das Modell mit Belarus. Und nun diskutieren ausgerechnet Deutschland und Japan laut über eigene Atomwaffen. Willkommen in der neuen nuklearen Unordnung.

Im ersten Teil dieser Serie haben wir die Entwicklung der amerikanischen Atomdoktrin nachgezeichnet. Im zweiten Teil haben wir die nuklearen Arsenale Großbritanniens, Frankreichs, Chinas, Russlands und Israels analysiert. Im dritten Teil haben wir gezeigt, wie die USA das Entstehen der indischen und pakistanischen Atombombe durch strategisches Wegschauen ermöglichten. Heute schließen wir den Kreis: mit Nordkorea, mit der strukturellen Heuchelei der NATO-Nuklearteilhabe, und mit der erschreckend offenen Debatte über Atomwaffen in Berlin und Tokio.

Nordkorea: Ein Vertrag, ein Vertragsbruch, eine Bombe

Erste Atomtests: 2006, 2009, 2013, 2016 (2×), 2017. Geschätzte Sprengköpfe heute: 40–50. Trägersysteme: ballistische Raketen kurzer, mittlerer und interkontinentaler Reichweite. Doktrin: explizit offensive Abschreckung, gesetzlich verankert.

Nordkorea ist in der westlichen Berichterstattung das Paradebeispiel des verantwortungslosen Atomstaates – ein „Schurkenstaat“, der internationale Normen missachtet und die Welt in Geiselhaft hält. Was in dieser Erzählung fast immer fehlt: Es gab einmal einen Vertrag. Und es waren die USA, die ihn brachen.

Das Agreed Framework von 1994

Im Oktober 1994 unterzeichneten die USA und Nordkorea das sogenannte „Agreed Framework – ein Abkommen, das heute als einer der bedeutendsten vergessenen Momente der Nichtverbreitungsgeschichte gilt. Pjöngjang verpflichtete sich darin, sein Plutonium-Programm einzufrieren und seine Nuklearanlagen unter IAEO-Aufsicht zu stellen. Im Gegenzug versprachen die USA:

erstens die Lieferung von zwei Leichtwasserreaktoren für die zivile Stromversorgung bis zum Jahr 2003; zweitens die Lieferung von jährlich 500.000 Tonnen Schweröl als Übergangslösung bis zur Fertigstellung der Reaktoren; und drittens – und das ist der oft vergessene Kernpunkt – formelle Garantien, Nordkorea nicht mit Atomwaffen zu bedrohen, und Schritte hin zur Normalisierung der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen.

Das Abkommen hielt. Nordkorea fror sein Programm ein. Die IAEO inspizierte. Und dann begann Washington, seinen Teil der Vereinbarung nicht zu erfüllen.

Wie Amerika den Vertrag brach

Die Öllieferungen kamen unregelmäßig und oft verspätet. Der Bau der Leichtwasserreaktoren verlief so schleppend, dass bis 2002 kaum Fortschritte erzielt worden waren. Die versprochene diplomatische Annäherung blieb aus. Als George W. Bush im Januar 2002 Nordkorea als Teil der „Achse des Bösen“ bezeichnete – gemeinsam mit Iran und Irak, von denen eines kurz darauf angegriffen wurde –, dürften Kims Berater eine eindeutige Schlussfolgerung gezogen haben: Ein Land ohne Atomwaffe ist verwundbar. Ein Land mit Atomwaffe ist unantastbar.

Im Oktober 2002 warf die Bush-Regierung Nordkorea vor, heimlich ein Urananreicherungsprogramm zu betreiben, und stellte die Öllieferungen ein. Nordkorea kündigte das Agreed Framework, wies die IAEO-Inspektoren aus und reaktivierte seinen Plutoniumreaktor in Yongbyon. Im Januar 2003 trat Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag aus – als erstes und bis heute einziges Land der Geschichte, das diesen Schritt vollzogen hat.

Im Oktober 2006 zündete Nordkorea seine erste Atombombe.

Wenn wir [auf Atomwaffen] verzichtet hätten, wären wir schon längst wie der Irak oder Libyen.“ — Nordkoreanischer Außenamtssprecher, 2011, nach dem Tod Muammar Gaddafis, der sein Atomwaffenprogramm 2003 freiwillig aufgegeben hatte

Es ist eine zynische, aber nicht widerlegbare Logik. Saddam Hussein hatte keine Atomwaffen – er wurde gestürzt und hingerichtet. Gaddafi gab sein Programm auf – er wurde gestürzt und gelyncht. Kim Jong-un beobachtete beides. Seine Schlussfolgerung ist für einen Machthaber in seiner Position geradezu rational.

Die nukleare Teilhabe: NATOs struktureller Vertragsbruch

Der Atomwaffensperrvertrag (NPT) verpflichtet in Artikel I die Atomwaffenstaaten, Kernwaffen oder die Kontrolle darüber „weder direkt noch indirekt“ an andere Staaten weiterzugeben. Artikel II verpflichtet Nicht-Atomwaffenstaaten, solche Waffen weder zu empfangen noch die Kontrolle darüber anzunehmen. Der Vertragstext ist eindeutig. Und er wird seit Jahrzehnten von der NATO systematisch gebrochen.

Was nukleare Teilhabe bedeutet

Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe (Nuclear Sharing) lagern die USA heute schätzungsweise 100 taktische Atomwaffen des Typs B61 auf europäischem Boden – in Belgien, den Niederlanden, Deutschland (Büchel), Italien und der Türkei. Diese Waffen sollen im Kriegsfall von Kampfpiloten der Gastländer auf ihren nationalen Flugzeugen transportiert und eingesetzt werden.

Das bedeutet konkret: Belgische, niederländische, deutsche und italienische Piloten trainieren regelmäßig für den Einsatz amerikanischer Atomwaffen. In Deutschland finden diese Übungen auf der Luftwaffenbasis Büchel mit Tornado-Kampfflugzeugen statt, die künftig durch F-35 ersetzt werden sollen – eigens für diesen Zweck beschafft.

Die nicht-nuklearen Vertragsstaaten Deutschland, Belgien, Niederlande, Italien und Türkei würden also im Kriegsfall die Kontrolle über Atomwaffen ausüben. Genau das verbietet der NPT in Artikel II.

Die offizielle Rechtsauffassung der NATO lautet: Im Frieden verbleibe die Kontrolle bei den USA, daher liege kein Vertragsbruch vor. Im Kriegsfall – wenn die Waffen tatsächlich übergeben würden – gelte der NPT nicht mehr. Diese Argumentation ist juristisch umstritten und wird von Abrüstungsexperten seit Jahrzehnten als offensichtliche Vertragsverletzung bezeichnet. Doch da die NATO-Mitglieder die Aufsicht über die eigene Vertragstreue führen, gibt es keine Instanz, die sie zur Rechenschaft zieht.

Der ehemalige IAEO-Generaldirektor Mohamed ElBaradei schrieb in seinen Memoiren, er habe die nukleare Teilhabe stets als rechtlich nicht haltbar betrachtet – sich aber aus politischen Gründen nie öffentlich dazu geäußert.

Belarus: Russland kopiert das Modell

Was Jahrzehnte lang als westliches Exklusivmodell galt, ist seit 2023 auch östlich der NATO-Grenzen angekommen.

Im Juni 2023 gab Russland bekannt, taktische Atomwaffen nach Belarus zu verlegen – erstmals seit dem Ende der Sowjetunion. Die Stationierung wurde im Sommer 2023 abgeschlossen. Präsident Lukaschenko bestätigte, dass Belarus nun über russische Kurzstreckenraketen und Bombenflugzeuge verfüge, die mit Nuklearwaffen bestückt werden könnten.

Moskau begründete den Schritt explizit und wiederholt mit Verweis auf die NATO-Nuklearteilhabe. Wenn westliche Länder amerikanische Atombombe auf ihrem Boden lagern und dafür trainieren, diese einzusetzen, so die russische Argumentation, sei das Modell der Stationierung von Atomwaffen bei einem Verbündeten kein Regelbruch, sondern etablierte Praxis.

Wir machen nichts, was der Westen nicht schon längst tut.“ — Wladimir Putin, Juni 2023, auf einer Pressekonferenz zur Belarus-Stationierung

Formell ist die Situation ähnlich wie bei der NATO: Russland behält nach eigenen Angaben die Kontrolle über die Waffen; Belarus-Piloten trainieren für den potenziellen Einsatz. Das westliche Entsetzen über diesen Schritt war umso schriller, als die strukturelle Analogie offensichtlich war – und die westlichen Regierungen eben jenes Argument, das sie selbst jahrzehntelang verwendet hatten, nun nicht mehr gelten lassen wollten.

Deutschland: Die Wiederkehr des Undenkbaren

Nun zum vielleicht beunruhigendsten Kapitel dieser Geschichte. In dem Land, das abgesehen von den Wünschen Roosevelts einen Krieg zu beginnen, als Täter des Zweiten Weltkriegs angesehen wird, das sich jahrzehntelang zum Nicht-Besitz von Atomwaffen bekannt hat und als Gastgeber amerikanischer Bomben allenfalls widerstrebend arrangierte, wird seit 2024 offen über eigene Atomwaffen diskutiert. Nicht in Hinterzimmern. Sondern in Talkshows, Leitartikeln und Parlamentsdebatten.

Auslöser war die zweite Amtszeit Donald Trumps und die damit verbundenen Zweifel an der Verlässlichkeit des amerikanischen Nuklearschirms. Wenn Washington seinen Artikel-5-Verpflichtungen nicht mehr bedingungslos nachkäme – so die Argumentation – müsse Europa für seine eigene Abschreckung sorgen.

Konservative Stimmen in der CDU, darunter der Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter, diskutierten öffentlich eine europäische Nuklearlösung, bei der entweder Frankreich seinen Schirm auf Partner ausweitet, oder – weitergehend – europäische Länder in ein gemeinsames Programm investieren. Kiesewetter sprach von einer „strategischen Debatte, die wir führen müssen.“

Selbst Friedrich Merz, als Bundeskanzler ohnehin sicherheitspolitisch auf Expansionskurs, lehnte entsprechende Fragen nicht kategorisch ab, sondern verwies auf „alle Optionen„, die Europa prüfen müsse.

Was dabei bemerkenswert ist: Deutschland ist nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990, der die Wiedervereinigung regelte, explizit auf den Verzicht auf atomare, biologische und chemische Waffen verpflichtet – über den NPT hinaus, in einem gesonderten Staatsvertrag. Ein deutsches Atomwaffenprogramm wäre also nicht nur eine NPT-Frage, sondern ein Bruch des Wiedervereinigungsvertrages mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs.

Die Ironie: Ausgerechnet das Land, das die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg institutionell verankert hat wie kein zweites, diskutiert nun, ob diese Institutionen noch zeitgemäß sind.

Japan: Pazifismus unter Druck

Noch bemerkenswerter ist, was sich parallel dazu in Japan abspielt. Japan ist das einzige Land der Welt, das Atomwaffenangriffe erlitten hat – Hiroshima und Nagasaki, August 1945. Die sogenannten „Drei Prinzipien“ – keine Herstellung, kein Besitz, keine Einbringung von Atomwaffen auf japanisches Territorium – galten seit den 1960er Jahren als sakrosankt. Japan ist NPT-Mitglied und hat den Atomwaffenverbotsvertrag zwar nicht unterzeichnet, aber stets zumindest symbolisch Abrüstungsappelle unterstützt.

Auch hier hat die Trump-Ära eine Verschiebung ausgelöst. Seit 2024 mehren sich in der Liberaldemokratischen Partei (LDP) Stimmen, die eine Debatte über die nukleare Option fordern – nicht notwendigerweise eigene Waffen, aber zumindest eine formalisierte nukleare Teilhabe mit den USA nach NATO-Modell, also die Stationierung amerikanischer Waffen auf japanischem Boden mit japanischer Beteiligung an der Einsatzplanung.

Tarou Kouno, ehemaliger Verteidigungsminister, und andere LDP-Politiker haben entsprechende Diskussionen angestoßen. Shinzo Abes Äußerung kurz vor seiner Ermordung 2022, Japan müsse die Stationierung amerikanischer Atomwaffen zumindest debattieren, gilt dabei als Startschuss für eine Enttabuisierung, die seitdem stetig voranschreitet.

Der Hintergrund: Nordkoreas wachsendes Arsenal, Chinas nukleare Aufrüstung und die Frage, ob ein zunehmend unberechenbares Washington im Ernstfall wirklich Tokio für seine Sicherheitsverpflichtungen riskieren würde.

Japan ist das einzige Land, das Atomwaffen erlitten hat. Gerade deshalb weiß Japan, was auf dem Spiel steht – und warum wir diese Debatte nicht länger vermeiden können.“ — Tarou Kouno, 2024

Die „Überlebenden von Hibakusha“ – wie die Atombombenüberlebenden in Japan genannt werden – reagierten mit Entsetzen. Ihre Organisationen, die seit 80 Jahren für nukleare Abrüstung eintreten und 2024 den Friedensnobelpreis erhielten, sehen in dieser Debatte einen Verrat an der einzigartigen historischen Erfahrung Japans.

Die Systemfrage: Wer darf, wer darf nicht?

Was verbindet all diese Geschichten? Es ist dieselbe Grundfrage, die sich durch die gesamte nukleare Geschichte der Nachkriegszeit zieht: Die Regeln des internationalen Nichtverbreitungsregimes werden nicht universell angewandt, sondern selektiv – nach Maßgabe der Mächtigen.

Nordkorea hat aus dem Verhalten der USA gegenüber Irak und Libyen die korrekte Lektion gezogen: Wer keine Bombe hat, ist schutzlos. Die NATO verstößt strukturell gegen einen Vertrag, dessen Einhaltung sie von anderen fordert. Russland hat diesen Widerspruch aufgegriffen und sich ein Modell geliehen, das der Westen nicht mehr ablehnen kann, ohne sich selbst zu widersprechen. Und Deutschland und Japan – die Länder, die nach 1945 am konsequentesten mit ihrer militaristischen Vergangenheit brachen – diskutieren nun laut, ob dieser Bruch noch zu halten ist.

Der Atomwaffensperrvertrag, 1968 in Kraft getreten mit dem Versprechen universeller Abrüstung, ist heute ein Regelwerk, das Schwache bindet und Mächtige entbindet. Die fünf offiziellen Nuklearstaaten (USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien) haben sich darin zur Abrüstung verpflichtet – und bauen stattdessen alle auf. Israel besitzt Bomben ohne je Vertragspartner gewesen zu sein. Indien und Pakistan wurden nach Jahrzehnten der Duldung durch Sonderabkommen faktisch legalisiert. Nordkorea trat aus und bekam die Bombe. Und nun wollen Deutschland und Japan debattieren, ob der Rahmen noch trägt.

Der Rahmen trägt nicht mehr. Aber niemand sagt es laut.

Fazit: Die Lektion, aus „erfolgreichen“ Angriffskriegen der Atommächte?

Die eigentliche Botschaft des nuklearen Zeitalters, destilliert aus sieben Jahrzehnten selektiver Regeldurchsetzung, lautet: Atomwaffen schützen ihre Besitzer. Wer sie hat, wird nicht angegriffen. Wer sie aufgibt, ist schutzlos. Nur der Iran hat gezeigt, dass im 21. Jahrhundert auch mit einer konsequenten Anti-Kernwaffen-Politik Verteidigung sogar gegen die größten Militärmächte möglich ist, aber das sei Thema eines anderen Artikels. Aber auch diese Standhaftigkeit bröckelt, angesichts der Drohungen von Atommächten mit der atomaren Vernichtung.

Die Alternative wäre eine ehrliche, universell angewandte Abrüstungspolitik – verbindlich für alle, nicht nur für die Schwachen. Doch dafür müssten die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien ernsthaft abrüsten, Israel sein Arsenal anerkennen, und das Modell der nuklearen Teilhabe beendet werden. Kein einziger dieser Schritte steht irgendwo auf der politischen Agenda.

Stattdessen diskutiert man in Berlin und Tokio über die Bombe. Und interessanterweise sind es „Demokratien„, welche „die Bombe“ wollen und sie einsetzten. Aber auch das ist ein eigenes Thema.

Bild: Wikipedia (Beschreibung im Link)

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