Wie real sind Irans Drohungen, Atomstaat zu werden?

5. Juni 2026von 5,1 Minuten Lesezeit

Was ist an dem Gerücht dran, das in den letzten Tagen im Internet kursierte, dass der Iran damit drohte, vom Atomwaffenschwellenstaat zum Atomwaffenstaat zu werden, wenn die USA und Israel nicht ihre Aggressionen an allen Fronten, d.h. Gaza, Libanon, Iran einstellten?

In Videointerviews hatte der in alternativen Kreisen sehr bekannte Auslandskorrespondent und Analyst Pepe Escobar behauptet, er habe Insiderinformationen, nach denen der Iran androhte, eine Atomwaffensprengung auf eigenem Territorium durchzuführen, als Zeichen, dass das Land nun ein Atomwaffenstaat sei, sollte die Aggression gegen das Land und seine Verbündeten nicht eingestellt werden. Gestern wartete Escobar noch auf eine offizielle Stellungnahme aus dem Iran, bevor er einen längeren Artikel mit den Hintergründen schreiben wollte.

Der für seine dezidiert anti-westliche und pro-iranische Haltung bekannte geopolitische Analyst hat am 3. Juni 2026 ein Video-Interview mit dem Titel „Pepe Escobar: Iran Issues FINAL Warning to US & Israel“ publiziert.

Escobars Kernargumente aus seinen jüngsten Beiträgen:

  • Die „Letzte Warnung“ (Final Warning): Escobar berichtet in seinen aktuellen Beiträgen über eine strategische Neuausrichtung Teherans. Er vertritt die These, dass der Iran den USA und Israel ein informelles, aber unmissverständliches Ultimatum gestellt hat. Demnach droht der Iran mit dem offiziellen Bau von Kernwaffen und dem Verlassen des Schwellenstatus, falls die Angriffe im Gaza-Streifen, im Libanon und auf iranischem Boden nicht gestoppt werden.
  • Wechsel zur Offensivstrategie: In einer weiteren Analyse aus dem Frühjahr („Iran’s Strategy of Attrition Warfare“) erklärte Escobar, dass der Iran seine Militärdoktrin fundamental von einer defensiven Abschreckung auf eine aktive Offensivstrategie umgestellt habe.
  • Nukleares Signal durch Demona: Escobar betont in seinen Analysen, der Iran habe bei vergangenen Raketenangriffen bewusst Ziele nahe des israelischen Atomreaktors in Demona ins Visier genommen. Damit sollte laut ihm die Botschaft übermittelt werden: „Wir können eure Nuklearanlagen jederzeit zerstören, wenn ihr unsere (wie Natanz) angreift.“

Einordnung der Quelle

Pepe Escobar gilt in der Medienlandschaft als stark polarisierender Analyst. Er schreibt regelmäßig für staatsnahe Medienplattformen (darunter russische und chinesische Formate wie CGTN) und pflegt enge Kontakte zu Kreisen, die der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) nahestehen. Dadurch verfügt er über Quellen, zu denen andere Journalisten keinen Zugang haben.

Das im Internet kursierende Gerücht basiert auf einem wahren Kern realer Drohungen und der aktuellen Kriegslage im Nahen Osten, vermischt sich jedoch möglicherweise mit spekulativer Übertreibung. Der Iran hat in den vergangenen Monaten tatsächlich mehrfach damit gedroht, seine Atom-Doktrin zu ändern und den Atomwaffensperrvertrag (NVV) zu verlassen, falls seine Existenz bedroht wird. Was man sogar in Wikipedia nachlesen kann.

Die konkrete Behauptung, Teheran habe ein aktuelles Ultimatum mit exakt diesen Bedingungen gestellt, wird im Westen als eine zugespitzte Interpretation der laufenden, sehr volatilen diplomatischen und militärischen Dynamiken heruntergespielt.

Die Fakten hinter dem Gerücht

  • Reale Drohungen zur Atom-Doktrin: Hochrangige iranische Offizielle und Berater des obersten Führers haben wiederholt erklärt, dass der Iran vom Status des Schwellenstaates zum Bau einer Atombombe übergehen könnte, wenn Israel oder die USA vitale iranische Interessen oder Atomanlagen massiv angreifen. Bisher verhinderte offiziell ein religiöses Dekret (Fatwa) den Bau von Massenvernichtungswaffen.
  • Kriegskontext 2026: Der Nahe Osten befindet sich in einem offenen regionalen Konflikt. Die USA und Israel führen militärische Aktionen gegen den Iran und dessen Verbündete (die „Achse des Widerstands“ in Gaza und im Libanon). Erst kürzlich scheiterte eine vereinbarte Waffenruhe im Libanon, weil Israel sich von Anfang an das Recht herausgenommen hat, diesen Waffenstillstand nicht auf sich anzuwenden. Während im Westen behauptet wird, die Hisbollah sei der Grund, warum Israel Angriffe wieder verstärkt habe.
  • Einschränkung der Atom-Inspektionen: Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) von Anfang Juni 2026 zeigen, dass der Iran seine Zusammenarbeit und die Inspektionen drastisch eingeschränkt hat, nachdem Atomanlagen im Konflikt getroffen wurden. Teheran argumentiert, man könne unter anhaltenden militärischen Angriffen nicht wie gewohnt kooperieren.

Der aktuelle Stand der Verhandlungen

Alles deutet darauf hin, dass genau passiert, was Kritiker der Anti-Iran-Aggression von Anfang an befürchtet hatten. Nämlich dass der Iran, der nie eine Atombombe bauen wollte, durch die Aggression, die Drohungen mit Vernichtung der ganzen Zivilisation, mit den zwei Kriegen gegen das Land und der Blockade und dem Wirtschaftskrieg, förmlich dazu gezwungen wird, zum Atomwaffenstaat zu werden. Nur durch dieses Abschreckungspotential scheint es möglich zu sein, Angriffe Israels und der USA zu verhindern.

Ein gefährliches Spiel

Damit spielt der Iran ein gefährliches Spiel. Denn einerseits sind Länder, welche über Atomwaffen verfügen ganz offensichtlich weniger von offenen militärischen Aktionen der USA bedroht. Andererseits könnte das Land nun den Vorwand liefern, es mit Atomwaffen anzugreifen, bevor es ein vollständiges Arsenal entwickelt hat. Obwohl zur Abschreckung gegenüber dem winzigen Staat Israel schon zwei Kernwaffensprengköpfe ausreichen würden.

Fazit

Der Iran hatte sich schon immer, auch unter dem Schah, für einen atomwaffenfreien Nahen Osten eingesetzt. Aber die jährlich neu gestarteten Initiativen waren stets am Widerstand Israels und der USA gescheitert. Nun wurde das Land offensichtlich durch den Krieg, welche die USA und auch Israel seit 1979 gegen das Land führen gezwungen, seine Haltung zu ändern. Wie so oft erzeugten Angriffskriege genau das, was sie behaupteten verhindern zu wollen.

Wir erinnern uns: Libyens Zerstörung für Menschenrechte, Syriens Zerstörung wegen eines angeblichen blutigen Diktators, der dann durch einen kopfabschneidenden Terroristen ersetzt wurde, oder Krieg gegen den Irak, weil der angeblich al Qaida unterstütze, was erst zum Aufblühen der Terrororganisation und in der Folge zu ISIS führte. Nun Krieg gegen den Iran, um „die Bombe“ zu verhindern, die der Iran nie wollte, erzeugt genau das, ein weiteres Land mit Atomwaffen. Sollte sich das Gerücht bestätigen und die Aggression Israels und der USA fortgesetzt werden.

Bild: Pepe Escobar bei Judge Napolitano

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Der Iran geht das Risiko eines Krieges ein

Iran und USA: Deal oder „Verwüstung“

Der Iran-Krieg markiert einen Neuanfang in der Weltgeopolitik

7 Kommentare

  1. lotus998dc2ac81f3 6. Juni 2026 um 4:14 Uhr - Antworten

    Nie vergessen: Es gibt eine Ebene darüber. Spätestens seit Covid sollte allen klar sein: Iran, China, Russland, USA- alle haben die selben Herren.

  2. Jochen Mitschka 5. Juni 2026 um 12:53 Uhr - Antworten

    Der endgültige Tod des siechenden Völkerrechts unter Trump hat viele Staaten zu der Überlegung gebracht, dass man sich eigentlich nur „auf die Bombe“ verlassen kann, „wenn es hart auf hart“ geht. Nächste Kandidat könnte Brasilien sein. https://forumgeopolitica.com/de/artikel/laut-lulas-diplomatischem-berater-muss-brasilien-eine-abschreckungsfhigkeit-aufbauen

  3. Kybernetic2 5. Juni 2026 um 10:58 Uhr - Antworten

    Mich wundert es nicht, zeigt aber deutlich auf, dass der Iran im Grunde genommen über viele Jahrzehnte inzwischen eine durchaus rationale, friedfertige Haltung eingenommen hat.

    Der Rest ist Westpropaganda. obwohl ich bestimmte Positionen – wie zB Todesstrafe – ablehne, aber ich messe in diesem Fall Saudi Arabien, die USA und Iran auf der gleichen Ebene.

    Welche Probleme hätte Nordkorea ohne seine Atombomben, frage ich mich schon seit Jahren.

  4. Daisy 5. Juni 2026 um 9:57 Uhr - Antworten

    Im Vergleich zu Trumps bisheriger maximalen Härte in seinen Drohungen („we will wipe them out“ – wir werden sie auslöschen –, oder „we kick their ass all over the place“) ist seine Rhetorik deutlich gemäßigter, ja sogar respektvoller geworden. Trump verblüffte vollends, als er jetzt sogar begann, iranische Standpunkte nachzuvollziehen und faktisch einzuräumen, dass die jüngsten iranischen Gegenangriffe eine Reaktion auf vorherige US-Maßnahmen gewesen seien: „They (Iran) were slightly provoked. They were reciprocating.“ („Sie wurden leicht provoziert. Sie haben darauf geantwortet.“) Rainer Rupp

    Tja, anscheinend hat der Iran schon eine A-Bombe…Das behauptet jedenfalls der ehemalige hochrangige CIA-Analyst Larry Johnson aufgrund einer neuen Nachrichtenlage.

    Und da höre ich das zum ersten Mal, was ich such vorgeschlagen hätte, Sicherheitsgarantien durch Russland und China. Dann könnte der Iran die Straße von H. freigeben.

  5. Varus 5. Juni 2026 um 9:29 Uhr - Antworten

    Demnach droht der Iran mit dem offiziellen Bau von Kernwaffen und dem Verlassen des Schwellenstatus, falls die Angriffe im Gaza-Streifen, im Libanon und auf iranischem Boden nicht gestoppt werden.

    Nicht drohen, sondern machen – welche Option hat der Iran sonst? Im anderen TKP-Artikel liest man, dass US-Milliardäre „auserwählter“ Abstammung jeden anderen Weg versperren.

  6. Jochen Mitschka 5. Juni 2026 um 8:52 Uhr - Antworten

    Finde nur ich es seltsam, dass man verhindern will, dass ein Land eine Atombombe baut, indem man denjenigen, zusammen mit Familienmitgliedern ermordet, der ein religiös-ethisches Verbot erlassen hatte, eine Atombombe zu bauen, wodurch der Weg für eine Neuentscheidung frei wurde?

    Bin ich der einzige, der es seltsam findet, einem Land mit der totalen Zerstörung zu drohen, mit der Vernichtung der Zivilisation, um es davon abzuhalten, eine Atombombe zu entwickeln, zu der das Land technologisch längst fähig gewesen wäre?

    • 1150 5. Juni 2026 um 9:34 Uhr - Antworten

      @,
      wahrlich, da muss man schon eine besondere pathologische realität und weltbild sein eigen nennen

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge