
Smart Data Fusion – Wer mehr weiß und schneller reagiert, gewinnt
Was das US-Militär unter „Multi-Domain Operations“ versteht, klingt wie Science-Fiction — ist aber ein reales, mit Milliarden finanziertes Programm, das die komplette Vernetzung aller militärischer Sensoren ermöglichen soll. Die Entscheidungen sollen bereits auf einen Ebene nahe der Sensoren erfolgen, statt auf eine Kommandozentrale zu warten.
Ein 2018 vom Washington Security Forum veröffentlichtes Strategiepapier mit dem Titel „Smart Data Fusion Hubs for Multi-Domain Operations“ gibt einen seltenen Einblick in die militärische Datenfusionsmaschinerie, die derzeit entsteht. Die Autorin Rebecca Grant, eine etablierte Verteidigungsanalystin, beschreibt darin eine Technologie, die weit über das hinausgeht, was die Öffentlichkeit unter „Vernetzung“ versteht.
Was sind Smart Data Fusion Hubs?
Die Kurzfassung: Intelligente Datenfusions-Knotenpunkte, die an der vordersten taktischen Front des Gefechtsfelds Daten nicht nur weiterleiten, sondern in Echtzeit verarbeiten, sortieren, priorisieren und zu Entscheidungsvorlagen verdichten. Das Papier beschreibt sie als „eine neue Art von Box“ — softwaredefinierte Funktransceiver mit offener Systemarchitektur, die bestehende Datenlinks wie Link 16 und MADL zusammenbinden und gleichzeitig als autonome Verarbeitungseinheiten fungieren.
Die entscheidende Passage des Dokuments:
Anstatt immer mehr Daten zu übertragen, sind intelligente Datenfusionsknotenpunkte erforderlich, die Daten in Echtzeit verarbeiten, sortieren und aufbereiten, während die Operationen laufen. Intelligente Datenfusionsknotenpunkte ermöglichen eine effiziente und sichere Datenverarbeitung an der vordersten taktischen Front. Mit der Zeit eröffnen die Verbindungen und die Rechenleistung dieser Knotenpunkte zudem die Möglichkeit, komplexe Funktionen der künstlichen Intelligenz in die Gefechtsnetzwerke zu integrieren. [1, S. 2]
Übersetzt: Es geht nicht mehr um Datentransport. Es geht um Datenverarbeitung direkt am Sensor, im Flugzeug, auf dem Schiff — ohne den Umweg über Kommandozentralen. Und es geht um den Einbau künstlicher Intelligenz in diese Netzwerke.
Vergleichbar mit einer Reaktion aus dem Rückenmark um einen Sturz abzufangen, statt auf ein Kommando vom Gehirn zu warten.
Die Vorgeschichte: Wie das US-Militär netzabhängig wurde
Das Dokument zeichnet eine bemerkenswert offene Geschichte der militärischen Vernetzung nach. Nach 2001, in Afghanistan und im Irak, entstand ein Flickenteppich aus improvisierten Datenlinks. Die erste Generation dieser „Boxen“ — tragbare Funkgeräte und Datenverbindungen wie L3 Techs ROVER — verbanden Bodentruppen mit Drohnen, Kampfflugzeugen und Kommandozentralen.
Die Autorin beschreibt, wie ein JTAC (Joint Terminal Attack Controller) am Boden mit einem ROVER-Gerät einen Bereich auf seinem Bildschirm markieren konnte, und diese Markierung erschien in Echtzeit auf den Displays der Piloten im Cockpit. „Die Piloten können genau dorthin schauen, wo wir sie brauchen“, wird ein Sergeant zitiert [1, S. 5].
Bis 2018, auf dem Höhepunkt der Besetzung von Afghanistan, waren die US-NATO Truppen rund um die Uhr vernetzt. Volle Bewegtbildübertragung, Echtzeit-Aufklärung, Feuerunterstützung — ein zuverlässiges Gefechtsnetzwerk wurde so zentral wie das Smartphone für den Zivilisten. Troitzdem mussten sich die USA ziemlich schmachvoll zurückziehen.
Doch das Papier benennt zwei fundamentale Probleme:
- Die Netzwerke waren nie für einen Gegner mit elektronischen Kampfführungsfähigkeiten ausgelegt. In Afghanistan und im Irak gab es keine nennenswerte elektronische Gegenwehr.
- Russland und China haben genau zugesehen.
Der elektronische Krieg: Russland und China als Katalysatoren
Der Abschnitt über Bedrohungen ist der aufschlussreichste des gesamten Dokuments. Er beschreibt, wie russische Streitkräfte in der Ukraine ab 2014 elektronische Kriegsführung in einem Ausmaß einsetzten, das die US-Militärplaner aufschreckte:
„Ukrainische Kommandeure berichten, dass sie innerhalb weniger Minuten, nachdem sie sich über Funk gemeldet hatten, Ziel präziser Artillerieangriffe wurden.“ [1, S. 7]
Die Russen setzten gestaffelte elektronische Kampfsysteme ein, die FM, Satellitenkommunikation, Mobilfunk, GPS und andere Signale „über ein breites Spektrum hinweg abschalten“ konnten [1, S. 8]. Das Murmansk-System, ein Kettenfahrzeug mit 10-Meter-Antennen, kann im HF-Band bis zu 5.000 Kilometer weit stören. Dazu kamen Störsender für die von US-Kampfflugzeugen genutzten X- und Ku-Band-Frequenzen, GPS-Jamming über Mobilfunkmasten und gefälschte SMS-Nachrichten auf 3G- und 4G-Netze.
In Syrien testeten die Russen diese Ausrüstung unter Gefechtsbedingungen weiter. General Raymond Thomas, Chef des US Special Operations Command, bezeichnete Syrien 2018 als die „aggressivste Umgebung für elektronische Kriegsführung auf dem Planeten“ [1, S. 8].
China wiederum installierte elektronische Störsender auf seinen befestigten Stützpunkten im Südchinesischen Meer — Fiery Cross Reef und Mischief Reef — und führte 2018 ein großangelegtes Manöver mit 2.100 Teilnehmern an fünf Standorten durch. Das Pentagon warnte, dass China „Big Data, Internet der Dinge und Cloud Computing“ nutze, um „zuverlässige, automatisierte Plattformen“ zu schaffen [1, S. 8].
Multi-Domain Operations: Die Antwort des Pentagons
Aus dieser doppelten Erkenntnis — Netzabhängigkeit plus gegnerische Störfähigkeit — entstand das Konzept der Multi-Domain Operations. Es erhebt Weltraum, Cyber und elektronische Kriegsführung auf dieselbe Ebene wie Luft, Land und See. Die vier Kernelemente [1, S. 10]:
- Domänenübergreifende Verknüpfung: Ein Weltraumsensor sieht einen Raketenstart, gibt die Information an ein Flugzeug, dann an ein Schiff, das eine landgestützte Raketenabwehr auslöst.
- Gleichstellung der Informationsdomänen: Weltraum, Cyber und elektromagnetisches Spektrum sind keine Unterstützungsfunktionen mehr, sondern eigenständige Gefechtsfelder.
- Kontinuierlicher Informationsfluss: Für Überwachung, Feuerkoordination, Logistik und bemannt-unbemannte Teamführung.
- Gesicherte Informationsdominanz: Datenfusion an der vordersten Kante, auch unter feindlichem elektronischen Beschuss.
Das Dokument enthält ein konkretes Szenario, das die Vision illustriert:
„Stellen Sie sich vor, eine F-35 erfasst ein Ziel auf See – ein feindliches Schiff – und leitet die Positionsdaten über ein Führungs- und Leitsystem an jede potenzielle Militäreinheit weiter, die über die entsprechende Munition verfügt und sich in Reichweite des feindlichen Schiffes befindet. […] Der Paladin oder HIMARS vernichtet dieses feindliche Schiff dann vom Land aus.“ [1, S. 10]
Ein Navy-Kampfflugzeug ortet ein Schiff, leitet die Daten über ein Global-Hawk-Relais der Air Force an ein Artilleriesystem der Army — und das Schiff wird vom Land aus zerstört. Domänenübergreifende Kriegsführung in Reinkultur.
Die „Einstein Box“ und der Weg zur KI
Besonders bemerkenswert ist die Beschreibung existierender Prototypen. Eine U-2 flog 2017 während des Manövers Northern Edge in Alaska mit einer sogenannten „Einstein Box“ — einem Enterprise Mission Computer, der es älteren Flugzeugen ermöglicht, sicher mit Tarnkappenplattformen wie F-22 und F-35 zu kommunizieren [1, S. 12].
Die Chameleon-Wellenform wird als kognitive Software-Engine beschrieben, die „die Umgebung wahrnehmen und in Echtzeit intelligente Entscheidungen darüber treffen kann, wie das Funkgerät und das Netzwerk zu verwalten sind“ [1, S. 12].
Und dann der Sprung zur künstlichen Intelligenz:
„Mit der Zeit eröffnen die Verbindungen und die Rechenleistung intelligenter Datenfusionsknotenpunkte zudem die Möglichkeit, komplexe Funktionen der künstlichen Intelligenz in Gefechtsnetzwerke zu integrieren.“ [1, S. 2]
Konkret sollen neuronale Netze zur Mustererkennung eingesetzt werden — um feindliche Streitkräfte anhand von Bildern, Funksignalen und Cyber-Spuren zu identifizieren. Die Smart Hubs sollen „eine Bibliothek vorbestimmter Optionen“ enthalten, um gegnerische elektronische Kriegsführung oder Cyberangriffe automatisch zu kontern [1, S. 13].
Der Zwei-Jahres-Plan und was daraus wurde
Das Dokument schlägt einen konkreten Zeitplan vor: erste Tests auf Einzelplattformen, dann Installation auf Kommandoflugzeugen, dann Gefechtsfeld-Experimente — alles beginnend vor 2020. Der Kongress sollte spezielle Mittel für Smart-Hub-Experimente bereitstellen [1, S. 16].
Was aus diesem Plan geworden ist, erschließt sich aus dem Dokument selbst nicht — es stammt von 2018. Aber die Richtung ist klar. Das Pentagon hat im Juni 2018 ein Joint Artificial Intelligence Center (JAIC) eingerichtet. Die im Papier beschriebenen Technologien — offene Systemarchitekturen, softwaredefinierte Funkgeräte, kognitive Wellenformen, taktische Edge-Prozessoren — sind in den seither vergangenen Jahren mit Sicherheit weiterentwickelt worden.
Die zivile Dimension: Was das mit uns zu tun hat
Warum ist ein militärisches Strategiepapier für zivile Leser relevant? Aus mehreren Gründen:
Erstens zeigt es, dass Datenfusion und KI-gestützte Entscheidungsfindung keine Zukunftsmusik sind, sondern seit Jahren aktiv entwickelt werden. Die Technologien, die das Pentagon für die Gefechtsfeld-Vernetzung entwickelt — sichere Wellenformen, kognitive Software, Echtzeit-Datenverarbeitung am Sensor — sind dieselben, die in zivilen 5G- und IoT-Netzwerken zum Einsatz kommen. Die Grenze zwischen militärischer und ziviler Technologie ist längst verschwunden.
Zweitens offenbart das Dokument die Denkweise der Militärplaner: Totale Informationsdominanz ist das Ziel. Jeder Sensor, jede Plattform, jede Domäne soll in Echtzeit zu einem einzigen, nahtlosen „Schlachtbild“ fusioniert werden. Dass dieselbe Technologie auch zur Überwachung ziviler Bevölkerungen eingesetzt werden kann, versteht sich von selbst.
Drittens bestätigt das Papier, was Kritiker der Anwendung digitaler Technologien seit Jahren sagen: Die Abhängigkeit von vernetzten Systemen ist nicht nur eine Stärke, sondern eine fundamentale Verwundbarkeit. Wenn das US-Militär zugibt, dass seine Gefechtsnetzwerke durch russische und chinesische Störsysteme „nicht überlebensfähig“ sind [1, S. 8], dann gilt dasselbe für zivile Stromnetze, Kommunikationssysteme und Finanzinfrastrukturen.
Viertens — und das ist der beunruhigendste Punkt — beschreibt das Dokument eine Entwicklung hin zu autonomen Systemen, die ohne menschliche Entscheidungsschleifen operieren. Wenn Smart Data Fusion Hubs „autonom Daten verarbeiten, sortieren und verfeinern“ und „automatisierte Entscheidungsunterstützung“ leisten, dann ist der Mensch nicht mehr der Entscheider, sondern nur noch der Auslöser vorprogrammierter Optionen.
Ein Beispiel dafür hat TKP heute hier beschrieben: Innerhalb von Minuten soll die KI-Polizei Verdächtige finden. 155 Millionen Dollar hat der Staat dafür investiert. Police.AI heißt die neue Behörde, die KI umfassend in den Polizeikräften in England und Wales durchsetzen soll. Ihr Werbespruch: „Den Verdächtigen in Minuten schnappen. Aus einer wochenlangen Fahndung eine Kaffeepause machen.“
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
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Deshalb kann es am Ende nur ein System geben. Ist eigentlich nur eine Frage der Zeit bis V’ger eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem Schöpfer bekommt oder alles plattmacht.
Eine Technik sammelt Daten und trifft Entscheidungen, in sekundenschnelle ohne menschlichem Zutun.
Der Gegner arbeitet mit Techniken auf derselben physikalischen Basis.
Beiden Seiten arbeiten intensiv daran die andere Seite zu verwirren und auszutricksen.
Wird nicht lange dauern, werden diese Maschinen gegeneinander, völlig unmenschlich, rein der Spieltheorie folgend, Entscheidungen treffen wie beim Tic-Tac-Toe, aber nicht Kästchen markierend sondern Massenvernichtungswaffen steuernd.
Gratulation an alle Wissenschaftler und Techniker die diesen Wahnsinn ermöglichen.
Von durchgeknallten Politikern und Militärs ganz zu schweigen.