Wenn die Welt zum Börsencasino wird

19. Juli 2026von 3,5 Minuten Lesezeit

Das Bruttosozialprodukt stammt in der westlichen Welt immer weniger aus realer Wirtschaftsleistung. Geld wird erst aus dem Nichts und dann daraus weiteres Geld geschöpft. Die Logik der Finanzmärkte erfasst gerade die reale Welt. Mit fatalen Folgen.

Die Börse ist mit immer neuen Absurditäten zum Eldorado heutiger Glücksritter geworden. Dafür genügte es natürlich nicht, nur auf die Aktien zu setzen, die nachfolgend steigen. Für ständige Gewinne mussten Strategien gefunden werden, die auch bei fallenden Kursen in der Baisse reicher machen. Man fand dies in den sogenannten Leerverkäufen, also einem Verkauf von Wertpapieren, die man gar nicht besitzt, sondern sich nur ausleiht. Man verkauft bei einem Preis, von dem man erwartet, dass er fällt und hat die Zusage gegeben, zu einem niedrigeren Preis zu kaufen. Wer 10 Aktien „leer“ verkauft hat, kann 20 sein Eigen nennen, wenn sich der Kurs halbiert.

Wie es für die Spekulation auf steigende Kurse nötig ist, positive Nachrichten zu generieren, gilt dies bei Leerverkäufen für schlechte Meldungen zu den Zukunftsaussichten eines Wertpapiers. Schließlich soll der Kurs für den zugesagten Einkauf möglichst tief fallen. Den Gewinn macht man bekanntlich beim Einkauf. Bad News sind dann Good News für den Investor.

An den Börsen können dadurch zusammen mit anderen Kursmanipulationen wie Trendfolgemodellen starke Kursschwankungen nach oben und unten resultieren, die mit dem tatsächlichen Wert einer Firma oder Investition nichts zu tun haben. Je stärker die Volatilität des Marktes, desto höher sind die Chancen für hohe Gewinne bei steigenden und fallenden Kursen. Nichts ist für Börsianer schlimmer als ein vor sich hin dümpelnder Markt, der nur die langsamen Entwicklungen der realen Wirtschaft nachvollzieht. Für Kleinanleger erzeugen hohe Schwankungen dagegen Euphorie oder Panik, die zu Fehlentscheidungen führen. Die zu späten Verkäufe und zu frühen Käufe der Kleinanleger finanzieren dann die Gewinne der Großen.

Börsenrodeo in der realen Welt

Was an der Börse nur ein mehr oder weniger böses Spiel im virtuellen Raum ist, wird brandgefährlich, wenn die reale Welt zur Börse wird. Nach Jahrzehnten des zunächst realen und dann nur noch gefühlten Wirtschaftswachstums können jetzt nur noch Gewinne durch „Leerverkäufe“ realisiert werden, die einen möglichst tiefen Fall der Wirtschaftstätigkeit erfordern. Geht die Wertminderung von Staaten nicht schnell genug, kann man auch durch Anschläge oder Militäreinsätze nachhelfen. Hauptsache der Kurs fällt bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, wieder Investitionen geplant sind. Das ist auch ein Teil der Logik der überall scheinbar einfach so aufflammenden Konflikte.

Die Strategie hatte man 2020 schon angekündigt: „build back better“. Zu Deutsch: Zerstörung des Wirtschaftslebens und der Industrieproduktion. Erst wenn alles am Boden ist, lohnen sich wieder Käufe. Im Unterschied zu einem Kursverfall an der Börse ist jetzt allerdings die Existenz vieler Menschen gefährdet. Das macht aber nichts, da dies nur ein Problem für die Bevölkerungen, aber nicht die wenigen Großinvestoren ist. Im Gegenteil, am später möglichen Wachstum verdient es sich umso besser, je weniger Esser am Tisch sitzen.

Fazit

Die Umgestaltung der analogen Welt zu einem Börsencasino ist in vollem Gang, um eine Vermögensumverteilung von unten nach oben zu beschleunigen. Kriege werden dann zu einem notwendigen Teil der Politik, nur um billig einkaufen zu können. Schöne Neue Welt, die solche Eliten hervorgebracht hat.

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Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Radiologe, Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. Er hat eine reihe von Büchern veröffentlicht. Darunter „Heilung Nebensache. Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin“, „Hauptsache krank?“ und „300 Jahre Immunisierungsversuche„.


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6 Kommentare

  1. Jan 19. Juli 2026 um 19:58 Uhr - Antworten

    Ich möchte dieser Sicht eine alternative Perspektive entgegen setzen.

    Wenn man davon ausgeht, dass wir noch für 50 Jahre Öl und 60 Jahre Gas haben, um so weiter zu machen, wie bisher, dann ändert sich das Ergebnis der Analyse.

    Natürlich können wir nicht wissen, ob wir noch für 50 Jahre Öl haben, oder ob wir Irrtum oder Lügen aufsitzen, das ist eine der Problematiken unserer Zeit. Wir werden es aber garantiert nicht erfahren, indem wir uns gegenseitig beleidigen!

    Wenn wir davon ausgehen, dass Öl eine der Bedingungen industrieller Tätigkeit ist – die Industriegeschichte seit dem Mittelalter legt das nahe – und es ein Verhältnis gibt, zwischen dem Aufwand, Öl zu produzieren und dem Nutzen, Öl zu konsumieren, dann gibt es eine Balance von Aufwand und Nutzen, der es einer Volkswirtschaft oder allen Volkswirtschaften zusammen erlaubt, Öl zu fördern.

    Das lohnt sich, etwas näher anzuschauen: Wenn wir einen dieselbetriebenen Traktor einsetzen, können wir von zB 10 Landarbeitern 9 in die Stadt schicken, um sich gegenseitig Haare zu schneiden oder sich über die Wahrheit von Gender Issues zu belehren. Wird die Förderung aufwendiger, zB weil sie unter Eis oder im Orinoco-Gürtel oder trotz Krieg stattfindet, dann können von den 9 Friseuren nur noch 8 als Friseur arbeiten und der 9te muss helfen, Öl zu fördern – das BIP bleibt gleich, aber der Lebensstandard sinkt. Wenn wir 20 Ölarbeiter brauchen, um den Traktor zu betreiben, wäre es effizienter, die Landarbeit ohne Traktor zu betreiben.

    Wenn die Ölfirmen einen Preisaufschlag verlangen, ändern sich nur die Machtverhältnisse, das Geld hat dann ein anderer. Wenn der Aufwand real steigt, sinkt jedoch die Warenproduktion. Damit sinkt die Nachfrage nach Öl, bis sich schließlich die Ölförderung nicht mehr rentiert. Das Öl bleibt in der Erde.

    Dazu hat die OPEC+ in den letzten Jahrzehnten eine Menge Tests gefahren – auch wenn die Alltagsmedien das nicht berichtet haben – und es scheint, dass bestimmte Preiskorridore bestehen. Diese führen dazu, dass Ölfelder überaltern und nicht neu investiert wird.

    Es gibt jedoch einen Ausweg: man muss das Zahlungsziel für den steigenden Aufwand der Ölproduktion in die Zukunft verschieben. Das tut man, indem man Geld druckt, das erst in Zukunft eingelöst werden kann. Hjalmar Schacht hat mit dem Mefo-Wechsel bewiesen, dass dies funktioniert.

    Wenn man das Zahlungsziel nur weit genug in die Zukunft verschiebt, dann fällt nicht auf, dass den Werten gar keine Realproduktion gegenüber steht, dass man den Wert gar nicht einlösen kann. In dem Moment, indem alle Kreditgeber ihre Kredite einlösen wollten, wäre klar, dass das Gelddrucken (gleich Kreditvergabe) nur Inflation erzeugt hat. Wenn aber das Bedürfnis zum Einlösen nicht vorhanden ist, weil die Kreditgeber gar nicht in der Lage sind, soviel zu konsumieren, wie sie besitzen, geht das Pyramidenspiel weiter. Wären arme Leute die Kreditgeber, zB über einen Pensionsfonds, würden diese den Kredit, den sie der Ölförderung gegeben haben, zurückverlangen, um ihren Lebensabend zu verschönern. Wenn diese Bedürfnisse aber gesichert sind, investiert man in „symbolische Werte“, zB in steigende Immobilienwerte. Diese sind aber nur ein Versprechen auf Zahlung in der Zukunft und Versprechen kann man brechen.

    Aus dieser Logik heraus werden die Reichen reicher, damit die nicht mehr rentable Ölförderung nicht einbricht – und damit unsere Industrieproduktion auf ewig beendet.

  2. Varus 19. Juli 2026 um 19:21 Uhr - Antworten

    Schöne Neue Welt, die solche Eliten hervorgebracht hat.

    Der Sozialismus hat bereits bewiesen, keine Lösung zu sein. Für die Zukunft der Marktwirtschaft wird entscheidend sein, ob man die Spinnereien der Finanzoligarchie zähmen kann? Kürzlich habe ich woanders gelesen, dass in München gerade Hysterie ob des vermeintlichen „Wassermangels“ abgezogen wird – kürzlich hat WEF beschlossen, dass Wasser der Natur wie CO2 „bepreist“ werden sollte. Zusätzliche Zertifikate, mehr Umsatz für die Börsen und Spekulanten.

    • 1150 19. Juli 2026 um 19:34 Uhr - Antworten

      wenn die sofa’s weiterhin so stark mit leim getränkt sind,
      bekommt auch keiner so schnell den arsch hoch

    • 1150 19. Juli 2026 um 19:40 Uhr - Antworten

      übrigens, seit mai 2026 stellen die friedensparteien bündniss 90/die grünen den oberbürgermeister in münchen – man bekommt, wofür man sich entscheidet ……

  3. Glass Steagall Act 19. Juli 2026 um 16:35 Uhr - Antworten

    Leerverkäufe werden vor allem dazu benutzt, um Kurse zu manipulieren. Hier werden Verkaufsorder simuliert, die tatsächlich gar nicht stattfinden. So kann man Kurse in die gewünschte Richtung treiben! Besonders beliebt sind sie, wenn große Spieler Kurse drücken wollen, um unten wieder einzusteigen! Der Kleinanleger steigt meist erst dann ein, wenn der Kursverlauf schon ganz oben ist.

    Das neueste Trick der Politik ist, in Kurse zu investieren, die man anschließend durch Nachrichten, die man selbst ausgibt, um mit diesen Kursen richtig Kasse zu machen! Trump und sein Umfeld sind ein besonders aktuelles Beispiel von dem verbotenen Insider-Trading! Aber auch unsere Politik ist zum Beispiel in Firmen investiert, die mit dem Klimaschwindel Geld machen. Somit ist die Politik ganz scharf darauf, den Klimaschwindel durchzudrücken, weil dadurch ihre Aktien steigen.

  4. VerarmterAdel 19. Juli 2026 um 13:37 Uhr - Antworten

    In einer Welt, die zum Börsencasino gemacht wird, wird die Frage eines Experten, ob die Portfolios der Anleger einen 50-jährigen Bärenmarkt überleben könnten ( https://parallelsystems.substack.com/p/can-your-portfolio-handle-a-50-year ), naturgemäß ungern gehört.

    Zumal für die Politik, stets der Zeit voraus und immer mit dem Besten der Wähler:innen und ihrem Schutz beschäftigt, nun die Zeit gekommen zu sein scheint, auch das Sondervermögen Rente für die aktuellen und kommenden Generationen bombenfest zu machen nach dem Motto „Staatsanleihen out, AI und Bitcoin, the new gold, in“, zumal es ja bisher immer nur in eine Richtung ging an der Börse, und etwas anderes für die meisten auch fast gar nicht vorstellbar ist.

    Immer nur in eine Richtung dachten vermutlich auch die vielen Privatanleger, die Mitte/Ende 2025 noch schnell in „Physical Bitcoin ETFs“ zum Schnäppchenpreis investiert haben. Aber was sind schon 50 oder 100 Jahre, wenn man einen langen Anlagehorizont hat?

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