Freimaurer-Leaks: Rituale, Seilschaften und ein Wiener Bürgermeister, der nichts weiß

4. September 2026von 3,4 Minuten Lesezeit

Zwei aktuelle Videos beleuchten eines der brisantesten Themen, über das besonders ungern berichtet wird: die österreichische Freimaurerei und ihre politischen Hintergründe.

Es sind zwei aktuelle Videos aus unterschiedlichen Ecken. Im Podcast „Die Dunkelkammer“ (#362) spricht Mainstream-Journalist Michael Nikbakhsh mit seinem Cousin, dem Journalisten und Freimaurer-Aussteiger Peter Gnaiger. Zugleich verarbeitet die Satiresendung „Alles Gute Österreich“ eines alternativmedialen Kanals das Thema.

Nikbakhsh führt ein ausführliches Interview mit dem Journalisten der Salzburger Nachrichten, der 15 Jahre Mitglied der regulären Loge Archimedes in Salzburg war und zum Hochgrad und sogar zum Meister vom Stuhl aufgestiegen ist. Nun erscheint im Herbst sein Buch „Unter Brüdern – Die Freimaurer Leaks“.

Gnaiger beschreibt den Bund ursprünglich als eine Idee der „menschlichen Veredelung“. Das ist bekannt. In derselben Epoche entstanden die USA. Mehrere Gründerväter – darunter Washington und Franklin – waren Freimaurer. Das ist belegt. Eine organisatorische Steuerung der Staatsgründung durch die Logen ist es nicht, darüber wird aber gerne spekuliert.

Heutzutage sei die Freimaurerei eine andere, beschreibt Gnaiger. Aus der Idee der „menschlichen Veredelung“ sei die „Veredelung von Gruppen“ geworden.

Besonders eindrücklich schildert er die Rituale. Auch diese sind für die interessierte Öffentlichkeit nicht unbekannt. Die interessierte Öffentlichkeit ist allerdings sehr klein, die Masse weiß kaum etwas darüber.

Bei der Initiation werde ein Kandidat symbolisch „getötet“ und in eine sargähnliche Kiste gelegt. Lachen sei verboten. Diese Praktiken formten die Mitglieder zu einer „homogenisierten Klasse, die sich selbst als Elite betrachtet“.

Gnaiger berichtet von Widersprüchen: Ehren-Großmeister mit NS-Verbindungen auf der einen Seite, strikte Verbote des Kontakts zu „irregulären“ liberalen Logen (die Frauen und Atheisten aufnehmen) auf der anderen. Sein eigener Konflikt begann, als er Frauen aus einer liberalen Loge traf. Daraufhin folgte ein „kafkaeskes Freimaurer-Gerichtsverfahren“ mit Besuchsverbot für österreichische Logen. Er verließ den Bund im Unfrieden.

Gnaiger kritisiert zudem fehlende Transparenz bei Interessenkonflikten. In Medien und Politik, etwa im ORF-Umfeld, würden Mitgliedschaften oft nicht offengelegt. Auch die tiefen Netzwerke der Freimaurer im ORF sind bekannt. Man sieht sie sowohl im früheren ORF-Logo (das Auge) als auch im Freimaurer-Museum in Niederösterreich.

Das zweite Video, die Sendung „Alles Gute Österreich“ (Folge 277) des Kanals 0punkt, verbindet das Thema mit der aktuellen Politik. Die Macher verweisen direkt auf die Dunkelkammer-Folge und fragen: „Freimaurer, geheime Logen, politische Seilschaften und ein Wiener Bürgermeister, der von nichts wissen will – BITTE WAS?“

Im Zentrum steht Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Im ORF-Sommergespräch wurde er auf mögliche Verbindungen angesprochen. Seine Antwort: Politik werde in der Loge nicht gemacht. Die Sendung kontert: Warum fragen Journalisten nicht einfach direkt, ob jemand Freimaurer ist?

Die Moderatoren diskutieren Männernetzwerke in Politik, Medien und Wirtschaft. Sie zeigen Ausschnitte und analysieren, dass Logen unter dem Siegel der Brüderlichkeit Politiker, Manager und Medienleute zusammenbringen. „Wir behaupten nicht, dass hinter jeder Logentür eine Verschwörung wartet. Aber wir finden: Fragen darf man ja noch.“

Die Sendung stellt die Kernfrage: Ist ein Verein, in dem Entscheidungsträger regelmäßig unter Verschwiegenheit zusammentreffen, ein harmloses Hobby – oder ein Netzwerk mit politischer Relevanz? Besonders Walter Ruck, ehemaliger Wirtschaftskammer-Präsident, und Verbindungen zur Loge Marc Aurel werden erwähnt. Ludwig soll seine Mitgliedschaft ruhend gestellt haben, Insider berichten jedoch von Ansprechpartnern im Rathaus.

Ludwig wäre aber nicht der erste Wiener Bürgermeister. Posthum gibt die Wiener Großloge manche Mitglieder bekannt. So kann man nachlesen, dass Helmut Zilk, Bürgermeister von Wien (1984-1994), ein Mitglied war. Auch SPÖ-Kanzler   Fred Sinowatz war Freimaurer.

Beide Videos ergänzen sich. Gnaiger liefert den Blick von innen: Rituale, Ausschluss von Frauen, interne Gerichtsbarkeit und Elitenbildung. Die 0punkt-Sendung übersetzt das in die tagespolitische Debatte um Transparenz. Genau jene Debatte, die wohl dringend zu führen wäre.


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