Der Fonds- und früher Hedgefonds-Mangager Alex Krainer ist einer der gebildetsten geopolitischen Analyten. Seine Beiträge erscheinen immer wieder auf Deutsch bei TKP. In einem Interview mit dem norwegischen Professor Glenn Diesen analysiert er die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systeme sowie ihr Vor- und Nachteile für die Menschen.
Ab etwa Minute 20 kommt Krainer auf das Thema der Wirtschaftssysteme zu sprechen. Er kritisiert die falsche Dichotomie und argumentiert, dass die traditionelle Debatte „Sozialismus vs. Kapitalismus“ eine grundlegendere Unterscheidung verschleiert. Das System des „freien Marktes“ (westliche Vorherrschaft) steht gegenüber dem „nationalen System der politischen Ökonomie“. Dieser Ansatz, der historisch von Staaten wie den USA (unter Alexander Hamilton), Deutschland, Japan, Russland (nach Putin) und China verfolgt wurde, lehnt den „Wettlauf nach unten“ ab. Er legt den Schwerpunkt darauf, den nationalen Reichtum und die Produktivität in die eigene Gesellschaft zu reinvestieren und damit das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und die Infrastruktur zu finanzieren.
Sozialismus für die Banken – Kapitalismus für die Bevölkerung
Das ist der vielleicht stärkste Punkt des Gesprächs. Krainer seziert die Scheindebatte zwischen „Sozialismus“ und „Kapitalismus“:
- Wer gegen „Sozialismus“ schäumt, empört sich über welfare queens und Menschen, die „etwas umsonst“ wollen.
- Dieselben Leute haben aber kein Problem damit, wenn Großbanken und Konzerne um ein Vielfaches mehr an staatlichen Subventionen, Rettungspaketen und „Stimulierungszahlungen“ kassieren.
„Was diese angeblich kapitalistischen Länder an Wohlfahrt für große Banken und Konzerne ausschütten, ist massiv im Vergleich zu den Krümeln, die sie den Menschen in der Sozialhilfe geben.“
Der entscheidende Mechanismus: Nach der Finanzkrise 2008 – als Hank Paulson in den USA noch auf Knien um 700 Milliarden Dollar betteln musste – hätten die Notenbanken die Spielregeln so umgeschrieben, dass sie Geld aus dem Nichts schöpfen können, ohne Legislative um Erlaubnis zu fragen. Das Ergebnis: Statt Bankenpleiten und Bank Runs gibt es eine schleichende Enteignung der Sparer durch Kaufkraftverlust.
Wer heute 4–5 % Nominalrendite auf Anleihen bekommt, verliert real trotzdem – weil die Geldentwertung die Rendite übersteigt. Die Verluste werden auf die Bevölkerung abgewälzt, die Schuldigen heißen dann Putin, Iran oder „der Feind des Tages“.
Freihandel britischer Art vs. nationale Ökonomie
Hier wird Krainer grundsätzlich. Die echte Dichotomie verläuft seiner Analyse zufolge nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen:
- Dem Freihandelssystem – das alle Barrieren für den Kapitalfluss zwischen Nationen beseitigt. Nationen müssen um das Kapital der Investorenklasse konkurrieren und dafür alles opfern: Pensionen, Löhne, Gesundheitssystem, Infrastruktur.
- Dem nationalen System der politischen Ökonomie – das Produktivität und Wohlstand im eigenen Land reinvestiert.
„Das Freihandelssystem ist im Grunde ein Wettlauf nach unten.“
Die intellektuelle Tradition, auf die Krainer sich beruft, ist bestens dokumentiert: Alexander Hamilton, Friedrich List, Henry Carey. Der Begriff „American System“ findet sich bereits 1787 in Hamiltons Federalist No. 11. List – der von 1825 bis 1835 in den USA lebte und dessen Outlines of American Political Economy 1827 in über 50 Zeitungen nachgedruckt wurden – formulierte das Gegenmodell zum „kosmopolitischen“ System von Adam Smith.
Die drei Säulen: Schutzzölle für die heimische Industrie, staatlicher Ausbau der Infrastruktur, eine Nationalbank. (Zur Vertiefung: die List-Biografie und Lists Hauptwerk Das nationale System der politischen Ökonomie.)
Krainers Pointe: Dieses System machte die USA, Deutschland, Japan, Südkorea und Singapur groß. Mit Vladimir Putin sei in Russland ein ähnlicher Aufstieg von Produktivität und Wohlstand zu beobachten. Der Westen toleriere diese Kontraste nicht – weil die eigene Bevölkerung sonst fragen würde, warum es in China Hochgeschwindigkeitszüge gibt, im Westen aber nicht.
- China: rund 50.000 km Hochgeschwindigkeitsstrecke, funktionierend, täglich von Millionen genutzt (TKP Erfahrungsbericht dazu: Chinas Eisenbahn-Infrastruktur: 48.000 km für pünktliche Züge mit 350 km/h)
- USA: seit den 1990er-Jahren angekündigt, bis heute ein Bruchstück – und laut Krainer Kosten von rund 300 Mio. Dollar pro Meile für Strecken, die nicht funktionieren
- China: etwa 30 Mio. Dollar pro Meile
Das ist der Kern des Systemvergleichs: dieselbe Technologie, ein Zehntel der Kosten, funktionierende Infrastruktur.
Kolonialismus, Ukraine und der Zerfall der EU
Der zweite große Bogen des Gesprächs: Die westlichen Finanzzentren leben von Cashflows aus kolonialen bzw. halbkolonialen Peripherien. Kredite an Saudi-Arabien, Katar, die Ukraine – finanziert gegen künftige Rohstoff- und Getreideexporte. Brechen diese Cashflows weg, werden die entsprechenden Finanzinstrumente zu notleidenden Aktiva, und die geretteten Banken (oft nur 5 % verlustabsorbierendes Eigenkapital) sind rechnerisch pleite.
Die USA haben laut Krainer noch Manövrierraum, weil sie militärische Macht einsetzen können:
- Venezuela: Der Präsident wurde faktisch entführt, Öl und Gold (aus London nach New York verbracht) dienen als Collateral für neue Kredite, die als frische Aktiva in den Wall-Street-Bilanzen landen.
- Grönland, Kuba, Kanada: ähnliche Logik der Einverleibung von Ressourcen als Bilanzmasse.
Europa und Großbritannien haben diese Option nicht. Für sie prognostiziert Krainer:
„Der europäische Finanzsektor, der britische, der japanische – sie alle blicken einer Zukunft entgegen, die wahrscheinlich dem Zusammenbruch der Weimarer Republik in den frühen 1920er-Jahren ähneln wird.“
Bei einer Niederlage in der Ukraine trocknen die erwarteten Cashflows endgültig aus. Die eingefrorenen russischen Vermögen – Krainer nennt einen Korridor von 200 bis 300 Mrd. Euro – sind eine endliche Größe und teils schon verplant. Die Notenbanken müssten Liquidität aus dem Nichts schöpfen, was in Inflation und letztlich Hyperinflation münde. Konsequenz: Kollaps der EU, Kollaps der NATO – und ein harter innenpolitischer Kampf um die Zukunft Europas, der nach Krainers düsterer Erwartung auch vor Terror und politischen Morden nicht haltmachen wird.
Die historische Parallele
Krainer erinnert an Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank, der als Berater von Helmut Kohl für ein deutsch-russisches Energie-Industrie-Bündnis eintrat – und 1989 ermordet wurde. Statt Partnerschaft folgte NATO-Expansion und der Krieg, an dessen Rand wir heute stehen.
Und er zitiert Halford Mackinder, den Vordenker britischer Geopolitik, der Russland und China als Albtraumszenario einer eurasischen Partnerschaft beschrieb – aber China für unfähig hielt, allein zu innovieren. Selbst die Harvard Business Review habe in den 1990ern ein Paper mit dem Titel veröffentlicht, warum China nicht innovieren könne.
„Sie haben sich selbst davon überzeugt, dass die Welt ohne sie nicht funktionieren kann.“
Das Haus aus Karten implodiere nun – und schaffe den Raum, in dem die Menschen von unten etwas anderes aufbauen könnten.
Fazit
Krainers Analyse ist keine Prognose im engeren Sinn, sondern eine Systemkritik mit historischer Tiefe. Drei Punkte sollte man mitnehmen:
- Die Bankenrettung ist der eigentliche Sozialismus – nur dass er nach oben umverteilt, während die Bevölkerung über Inflation enteignet wird.
- Freihandel ist nicht neutral, sondern eine Machttechnik, die Nationen zwingt, ihre eigene Basis zu zerstören, um Kapital anzulocken. Die Alternative heißt nationale politische Ökonomie – Hamilton, List, Carey.
- Der Kolonialismus kehrt zurück, weil er gebraucht wird – nicht aus Ideologie, sondern um Bilanzen zu füllen. Wer in Europa glaubt, dieser Mechanismus lasse sich ohne Zusammenbruch beenden, irrt.
Hier das Video beginnend mit diesen Themen ab Minute 20:
Und hier ein nur geringfügig editiertes und übersetztes Transkript der wichtigsten Aussagen von Alex Krainer: Auszug aus den Analysen von Alex Krainer-de
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
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2 Kommentare
Alex Krainer hat nicht verstanden, dass die ganze Welt von ein und demselben Krebsgeschwür beherrscht wird.
@,
stimmt, vom ebenbild gottes und der krönung der schöpfung ;-))
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