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Politik

Netanjahus Blitzbesuch in New York: Angst vor Mamdani, Panik im Untergrund – und der eigentliche Bruch zu Hause

0 Kommentare 25. September 2026 7 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Buhrufe und Pfiffe in der UN, Kontaktverbot von religiösen Juden mit der Regierung, aber die Fokussierung auf Netanjahu erfasst das Problem nicht.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist am Donnerstag, dem 24. September 2026, vor der UN-Generalversammlung in New York aufgetreten – nach Angaben israelischer Medien einer der kürzesten und sicherheitstechnisch aufwendigsten US-Besuche seiner Amtszeit. Während internationale Berichterstattung vor allem die Proteste, das öffentliche Zerwürfnis mit New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani und einen bizarren Kanalisationsvorfall in der Nähe seines Hotels in den Vordergrund stellt, spielt sich der für Netanjahus politisches Überleben eigentlich entscheidende Konflikt in Israel selbst ab: der offene Bruch mit dem einflussreichsten Rabbiner der litauisch-charedischen Welt, Dov Landau.

Netanjahu reiste laut i24NEWS erst nach längerem Zögern überhaupt nach New York. Sein Büro hatte einen Verzicht auf die UN-Reise offenbar erwogen. Nach israelischen Medienberichten, zusammengefasst von ynetnews, sollte seine Regierungsmaschine „Wing of Zion“ erstmals seit Jahrzehnten nicht auf dem John-F.-Kennedy-Airport landen – ein Privileg, das zuvor nur den Staatschefs Israels und Irans gewährt wurde. Grund war die Sorge, Bürgermeister Mamdani könnte veranlassen, dass die Maschine den Flughafen während Netanjahus Aufenthalt sofort wieder verlassen muss, statt dort geparkt zu bleiben. Als Ausweichziele wurden ein Militärflugplatz in New Jersey oder der Flughafen Newark gehandelt, wie unter anderem Middle East Monitor berichtete.

Mamdani selbst, der Netanjahu früher offen mit Verhaftung gedroht hatte, distanzierte sich laut Religion News Service kurz vor dem Besuch von eigenen Protestaufrufen, verteidigte aber ausdrücklich das Recht darauf. Netanjahu blieb dementsprechend nur wenige Stunden in der Stadt, übernachtete nicht und flog nach seiner Rede noch am selben Abend zurück nach Israel – ungewöhnlich kurz für einen UN-Auftritt, wie auch die Jerusalem Post feststellte, die zudem vermerkte, dass ein geplanter Abstecher nach Texas zu SpaceX und ein mögliches Treffen mit Elon Musk ersatzlos gestrichen wurden.

Bedrohung aus dem Untergrund?

Für zusätzliche Unruhe sorgte ein Vorfall nur einen Block von Netanjahus Hotel, dem Loews Regency an der Park Avenue: Laut JNS beobachteten Überwachungskameras in der Nacht auf Mittwoch drei bislang nicht identifizierte Männer, wie sie gegen 4:30 Uhr aus einem Kanalschacht an der Park Avenue/61. Straße stiegen und in zwei bereitstehenden Fahrzeugen nach Norden davonfuhren. Der NYPD zufolge, zitiert unter anderem von NBC News, handelt es sich mutmaßlich um dieselben „Urban Explorer“, die in den vergangenen Monaten wiederholt auf der Suche nach Schrott und Wertgegenständen durch das New Yorker Kanalsystem gezogen sind; ein Zusammenhang mit Netanjahus Besuch oder der UN-Generalversammlung sei bislang nicht erkennbar. Die Polizei räumte aber ein, wegen der „Sensibilität des Standorts“ zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet zu haben.

UN-Vertreter verlassen demonstrativ die Rede Netanjahus

Auch bei der diesjährigen UN-Generaldebatte am 24. September 2026 kam es erneut zu einem massiven, demonstrativen Auszug zahlreicher Delegierter, als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu das Rednerpult betrat.

 

Der Protest wiederholte die Szenen aus dem Vorjahr (September 2025). Sobald Netanjahu für seine Ansprache aufgerufen wurde, verließen Dutzende diplomatische Vertretungen – laut israelischen Medienberichten insgesamt 77 Delegationen, darunter der Großteil der arabischen, muslimischen sowie viele afrikanische und einige europäische Staaten – geschlossen den Saal.

Während die verbleibenden Unterstützer und die israelische Delegation Netanjahu mit Applaus empfingen, gab es gleichzeitig lautstarke Buhrufe und Pfeifen aus dem Raum. Die Sitzungsleitung musste mehrfach zur Ordnung rufen. Durch den koordinierten Protest sprach Netanjahu, wie schon im Vorjahr, vor einem in weiten Teilen fast leeren Plenarsaal. Der Protest richtete sich primär gegen das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen und im Westjordanland sowie gegen Netanjahus strikte Ablehnung einer Zweistaatenlösung. Im Vorfeld hatte die palästinensische Delegation die UN-Mitglieder explizit dazu aufgerufen, den Saal bei seinem Auftritt zu verlassen.

Gefahr an der Heimatfront

Der weitaus folgenreichere Konflikt liegt jedoch in Israel selbst. Rabbi Dov Landau, geistiges Oberhaupt der litauisch-charedischen Partei Degel HaTorah und Leiter der Slabodka-Jeschiwa in Bnei Brak, hatte bereits im Sommer die Auflösung der Knesset angeordnet. „Wir haben kein Vertrauen“ in Ministerpräsident Netanjahu, ließ Landau laut JNS verkünden, nachdem Netanjahu den charedischen Parteien mitgeteilt hatte, es gebe vor der Wahl keine Mehrheit mehr für das Gesetz zur Befreiung von Jeschiwa-Studenten vom Militärdienst. Die Koalition zerbrach daraufhin, Israel wählt nun am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament.

Landau ist für seine kompromisslose Haltung bekannt: Nach Angaben von Ynetnews lehnt er grundsätzlich jeden direkten Dialog mit Netanjahu oder hochrangigen Militärvertretern ab – er verweigert also nicht nur einzelne Gespräche, sondern jeden Kontakt mit Repräsentanten der staatlichen Autorität als solcher. Den Zionismus habe die Behauptung begleitet, er werde das jüdische Volk retten, so Landau laut derselben Quelle, in Wahrheit aber „Katastrophen – spirituelle und physische“ gebracht. In einem 2025 veröffentlichten Brief, dokumentiert von Calcalist, bezeichnete er die israelische Armee wörtlich als „unreine Armee“ (zava tame), in die charedische Jeschiwa-Studenten nicht geschickt werden dürften.

Wird Netanjahu zu einem Unantasbaren?

Die internationale Berichterstattung über Netanjahus New-York-Trip erzählt vor allem eine Geschichte von Protest, Sicherheitshysterie und diplomatischer Isolation – befeuert durch den seit November 2024 bestehenden Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazakrieg. Was in dieser Erzählung untergeht: Die Zahl der geplanten Gesprächstermine mit anderen Staatschefs am Rande der UN-Vollversammlung war laut den oben zitierten Berichten so klein wie selten zuvor – ein Indikator dafür, dass Netanjahus internationaler Handlungsspielraum bereits vor dieser Reise merklich geschrumpft war, nicht erst durch Mamdanis Auftreten.

Ebenso wenig wird der Zusammenhang zwischen Außen- und Innenpolitik deutlich gemacht: Der Bruch mit Landau fällt in dieselbe Woche, in der Netanjahu vor der Weltgemeinschaft auftritt – und er betrifft mit der charedischen Wählerschaft genau jenen Block, ohne den nach jahrzehntelanger politischer Praxis in Israel keine rechte Regierung koalitionsfähig war. Landaus Bruch ist damit kein Randnotiz-Konflikt unter Religionsgelehrten, sondern betrifft die strukturelle Basis von Netanjahus Macht.

Was offen bleibt

Erstens: Ist die Erzählung vom „isolierten Netanjahu in New York“ überhaupt die relevantere Geschichte – oder lenkt sie von der Frage ab, ob Netanjahu bis zum Wahltermin am 27. Oktober 2026 politisch überhaupt handlungsfähig bleibt?

Zweitens: Welche Konsequenzen hat es, wenn der einflussreichste Rabbiner eines tragenden Koalitionspartners jeden institutionellen Dialog mit der Staatsführung grundsätzlich ablehnt – ist das noch als innerreligiöser Meinungsstreit zu verstehen oder bereits als faktische Aufkündigung der Beteiligung am demokratischen Prozess?

Drittens: Was sagt es über das Sicherheitsklima rund um den Besuch, dass ein an sich banaler Kanalisationsvorfall – laut NYPD Teil eines länger bekannten Musters von Schrottsuchern – wegen der räumlichen Nähe zu Netanjahus Hotel bundesweite Schlagzeilen erzeugte?

Was unsere Medien nicht diskutieren

Der eigentliche blinde Fleck der Berichterstattung liegt darin, dass die spektakuläreren Elemente – Flugroute, Kanalschacht, Mamdanis Rhetorik – den strukturell schwerwiegenderen Bruch überdecken: Ein internationaler Haftbefehl beeinträchtigt Netanjahus Reisefreiheit, aber Rabbi Landaus öffentlich erklärtes Misstrauen und seine Weigerung, mit der Regierung überhaupt zu sprechen, bedroht seine reale Machtbasis im eigenen Land. Während New York also über Symbolpolitik streitet, entscheidet sich in Bnei Brak und in der Knesset die Frage, ob Netanjahu nach dem 27. Oktober überhaupt noch Ministerpräsident ist.

Allerdings ist nicht Netanjahu das Problem, das in der UN ausgegrenzt wurde, sondern das sitzt im Denken der israelischen Gesellschaft. Die Opposition kritisiert nicht sein Vorgehen gegen Palästinenser, Libanesen oder Iraner, sonder fordert teilweise sogar noch ein härteres Vorgehen.


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