Der größte Öl-Deal der Menschheitsgeschichte?

3. September 2026von 7,1 Minuten Lesezeit

Nach der Ermordung von ein paar dutzend Leibwächtern der Präsidentenfamilie Venezuelas und der Entführung derselben in die USA brüstet sich Trump immer wieder mit diesem Angriffskrieg und seinen dadurch erreichten Erfolgen, einem größten, schönsten Öl-Deal, den es je gab. Schauen wir uns das genauer an.

Die US-Regierung hat die Details eines Ölabkommens veröffentlicht, das nach eigener Darstellung den chinesischen und russischen Einfluss im venezolanischen Energiesektor systematisch zurückdrängen soll. Ein von Washington unterstütztes privates Unternehmen übernimmt Förderrechte an Ölfeldern, die zuvor von fünf chinesischen und einem russischen Unternehmen betrieben wurden. Das Weiße Haus feiert dies als historisches Geschäft, Kritiker und Branchenanalysten sehen dagegen vor allem eines: ein politisches Signal, dessen wirtschaftliche Substanz frühestens in einem Jahrzehnt überprüfbar sein wird.

Das Weiße Haus bestätigte am 31. August die Einzelheiten eines Joint Ventures mit North American Blue Energy Partners (NABEP), das nach eigenen Angaben bereits vor dem neuen Abkommen der zweitgrößte private Ölförderer Venezuelas hinter Chevron war. Kontrolliert wird NABEP vom venezolanischen Geschäftsmann Alejandro Betancourt.

Venezuelas amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez hat NABEP 100-jährige Förderrechte an 17 Ölfeldern mit rund 65 Milliarden Barrel nachgewiesener Reserven eingeräumt – etwa ein Fünftel der gesamten venezolanischen Reserven. 14 dieser Förderverträge sind neu vergeben; fünf davon waren zuvor an chinesische Unternehmen gebunden (China National Petroleum Corp., Sinopec sowie zweimal die bereits 2019 wegen Iran-Geschäften sanktionierte China Concord Resources), ein weiteres an das russische Unternehmen Roszarubezhneft. Ob 100 Jahre als Trick Venezuelas gewählt wurden, weil man normalerweise höchstens Verträge mit 99 Jahren staatsrechtlich abschließt (wir erinnern uns z.B. an Hongkong), dazu kommen wir später.

Finanziell und strukturell sieht die Vereinbarung vor, dass das Pentagon über sein Office of Strategic Capital eine 35-prozentige Beteiligung an der NABEP-Muttergesellschaft erhält, strukturiert über sogenannte penny warrants, die eine Beteiligung ohne größeren Kapitaleinsatz ermöglichen. Also im Prinzip ähnlich wie auch die Mafia agiert, wenn sie nach Erpressungen Beteiligungen an Unternehmen erwirbt.

Das US-Außenministerium erhält das Recht, 20 Prozent der Produktion zum Selbstkostenpreis zu beziehen, sowie ein Vorkaufsrecht auf die restlichen 80 Prozent. NABEP verpflichtet sich zu Investitionen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur und soll über 25 Jahre rund 200 Milliarden US-Dollar an Lizenzgebühren und Steuern an Venezuela zahlen. Wobei noch unklar ist, woher das Geld kommen soll.

Rechtlich stützt sich Washington auf die Erklärung, dass die unter Maduro geschlossenen Langfristverträge mit China und Russland verfassungswidrig gewesen seien, da sie nie von der Nationalversammlung 2015 genehmigt wurden.  Parallel dazu vermittelt die US-Regierung Gespräche zwischen Vertretern dieser Nationalversammlung von 2015 und den venezolanischen Übergangsbehörden – ein Prozess, dem laut Reuters bereits Justizreformen und die Freilassung politischer Gefangener zugeschrieben werden.

Die Reaktion aus Peking und Moskau

Chinas Außenamtssprecher Guo Jiakun reagierte umgehend: Die legitimen Rechte und Interessen Chinas in Venezuela müssten geschützt werden, die Kooperation zwischen Peking und Caracas sei durch internationales Recht sowie durch die Gesetze beider Länder geschützt. Die South China Morning Post zitiert den Pekinger Hochschullehrer Cui Shoujun mit der Einschätzung, die Ölentwicklung in Venezuela liege nun faktisch in US-amerikanischer Hand, wodurch sich Chinas Aussichten auf die Rückzahlung seiner Kredite verschlechtert hätten. Venezuela ist demnach der größte Empfänger chinesischer Staatskredite in Lateinamerika und hat seit dem Jahr 2000 mehr als 100 Milliarden US-Dollar von chinesischer Seite erhalten, überwiegend in Form ölbesicherter Kredite – Kredite, deren Bedienung an Öllieferungen an chinesische Staatsabnehmer gekoppelt war.

Was sie nicht sagt: die technische Realität

Venezolanisches Rohöl ist überwiegend extraschweres Öl, das sich grundlegend von dem in US-Raffinerien üblicherweise verarbeiteten Leichtöl unterscheidet. Ein Columbia-Energieexperte erklärte gegenüber CBS News, dieses Öl entspreche nicht den Spezifikationen dessen, was in der strategischen US-Erdölreserve gelagert wird, und ein Ingenieur der Texas A&M University bezeichnete es als chemisch und physikalisch unvereinbar mit deren Betriebsauslegung. Ein ehemaliger Erdölgeologe der University of Washington verwies zudem auf jahrzehntelang unterlassene Wartung an Förderanlagen, Pipelines und Pumpstationen, die massive Korrosionsschäden verursacht habe.

Die aktuelle venezolanische Förderung liegt bei rund einer Million Barrel pro Tag – gegenüber einem historischen Höchststand von etwa 3,2 bis 3,5 Millionen Barrel in den 1970er-Jahren. Das Analysehaus Rystad Energy beziffert laut ZeroHedge die notwendigen Investitionen auf rund 110 Milliarden US-Dollar allein zur Verdopplung der Förderung bis 2030 und auf etwa 185 Milliarden US-Dollar, um wieder in die Nähe des Förderniveaus von rund dem Jahr 2000 zu gelangen. Mehrere Branchenanalysten – von Gulf Oil bis GasBuddy – gehen davon aus, dass spürbare Effekte auf die US-Spritpreise, wenn überhaupt, erst in vier bis fünfzehn Jahren eintreten würden.

Selbst Präsident Trump räumte ein, dass sich an den Preisen (auf X: „it could be a little bit“) kurzfristig wenig ändern werde, während frühere Energieberater der Regierung ausdrücklich vor politischem Risiko warnten: Sowohl künftige US-Regierungen als auch künftige venezolanische Regierungen könnten das Abkommen infrage stellen.

Der politische Hintergrund dieses Zeitdrucks: Trumps Zustimmungswerte sind zuletzt in mehreren unabhängigen Umfragen auf 33 Prozent gefallen, ein Wert, den auch das Economist/YouGov-Institut bestätigte – im Kontext des unpopulären Iran-Kriegs und wachsender Unzufriedenheit über die Lebenshaltungskosten.

Nun drängen sich einige Fragen auf

Mehrere Fragen bleiben in der offiziellen Darstellung unbeantwortet:

Das Zehn-Jahres-Risiko

Was in der aktuellen Berichterstattung außerdem kaum diskutiert wird, ist die Kombination zweier Zeithorizonte, die sich diametral entgegenstehen: Politisch wird das Abkommen als sofortiger geopolitischer Sieg verkauft, technisch benötigt seine Umsetzung nach übereinstimmender Einschätzung der zitierten Analysten fünf bis fünfzehn Jahre – im ungünstigen Fall sogar länger, wenn Rystads Zahlen zur vollen Kapazitätswiederherstellung zugrunde gelegt werden.

Genau in diesem Zeitfenster liegt das eigentliche Risiko für potenzielle Investoren. Sollte es tatsächlich ein Jahrzehnt dauern, bis nennenswerte zusätzliche Barrel aus den Orinoco- und Maracaibo-Feldern fließen, träfe die Auszahlung des Geschäfts auf eine geopolitische und innenpolitische Lage, die sich von der heutigen erheblich unterscheiden könnte.

Sollte sich die relative wirtschaftliche und militärische Position der USA in diesem Zeitraum – etwa durch fiskalische Erschöpfung, innenpolitische Verwerfungen oder eine veränderte globale Kräftekonstellation – abschwächen, während gleichzeitig in Venezuela selbst eine politische Neuausrichtung stattfindet, wäre ein erneuter Kurswechsel hin zu Verstaatlichung oder Neuverhandlung historisch keineswegs ungewöhnlich:

Venezuelas Ölindustrie wurde bereits 1976 komplett verstaatlicht und erlebte unter Chávez ab 2007 eine zweite Verstaatlichungswelle, die damals unter anderem ExxonMobil und ConocoPhillips aus dem Orinoco-Gürtel verdrängte.

China und Russland werden nicht einfach gehen

Für China und Russland ist die Angelegenheit zudem erkennbar nicht abgeschlossen, sondern nur verschoben:

Pekings Formulierung, seine „legitimen Rechte und Interessen“ müssten „geschützt“ werden, ist keine Rücktrittserklärung, sondern die diplomatische Ankündigung, Ansprüche offenzuhalten – sei es über internationale Schiedsverfahren, sei es über den fortbestehenden Anspruch auf Bedienung der ölbesicherten Kredite unabhängig davon, wer die Felder operativ betreibt.

Und der Staat Venezuela könnte in 10 Jahre danke sagen und verstaatlichen?

Ein US-Unternehmen, das heute in venezolanische Infrastruktur investiert, übernimmt damit nicht nur ein technisches und politisches, sondern auch ein latentes, langfristiges Rechtsrisiko: Es könnte in einigen Jahren zwischen den Ansprüchen einer neuen venezolanischen Regierung und denen chinesischer beziehungsweise russischer Gläubiger und vormaliger Konzessionsinhaber stehen. Dass die großen, kapitalstarken Ölkonzerne diesem Abkommen bislang öffentlich fernbleiben, lässt sich vor diesem Hintergrund auch als stille Risikoabwägung lesen – nicht nur wegen der schweren Ölqualität und der zerstörten Infrastruktur, sondern wegen eines Eigentumstitels, dessen Haltbarkeit über ein Jahrzehnt hinweg alles andere als gesichert ist.

Dann wird es in 10 Jahren möglicherweise heißen: Außer Spesen nichts gewesen…

Bild: Screenshot von Video über Trumps Venezuela Coup

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4 Kommentare

  1. Mausikatze 3. September 2026 um 23:42 Uhr - Antworten

    DIe Zurückhaltung amerikanischer Ölkonzerne dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass die neuen Verträge der USA mit chinesischen Ansprüchen kollidieren. Da kein global agierendes Unternehmen mehr an China vorbeikommt und im Reich der Mitte Zulieferer, Kunden und eigene Investitionen hat, kann es sich keiner der amerikanischen Ölkonzerne leisten, sich mit der chinesischen Regierung anzulegen, da diese im Gegenzug mit Sanktionen oder Zugriff auf Vermögenswerte der Unternehmen in China reagieren könnte.

  2. Fritz Madersbacher 3. September 2026 um 21:01 Uhr - Antworten

    „Dass die großen, kapitalstarken Ölkonzerne diesem Abkommen bislang öffentlich fernbleiben, lässt sich vor diesem Hintergrund auch als stille Risikoabwägung lesen – nicht nur wegen der schweren Ölqualität und der zerstörten Infrastruktur, sondern wegen eines Eigentumstitels, dessen Haltbarkeit über ein Jahrzehnt hinweg alles andere als gesichert ist“

    Die Haltbarkeit dieses Eigentumstitels wird ausschließlich durch die US-Army und venezolanische US-Marionetten „gesichert“. Die großen, kapitalstarken Ölkonzerne wie Exxon oder ConocoPhillips trauen der Sache nicht angesichts der jüngeren Geschichte Venezuelas und der internationalen Entwicklung. Diese Zurückhaltung spricht eine sehr deutliche Sprache bezüglich ihrer Risikoabwägung …

  3. Jochen Mitschka 3. September 2026 um 8:04 Uhr - Antworten

    Eine Verschwörungstheorie muss man einfach noch hinterher schieben. Vielleicht ist Trump voll in die Falle gegangen. Venezuela war ziemlich verzweifelt. Anlagen konnten nicht repariert werden, die schwierigen Förderkapazitäten nicht ausgebaut werden, wegen US-Sanktionen, China und Russland konnten nicht helfen, weil die Technologie komplett hätte geändert werden müssen, und dafür kein Wissen bestand, und kein Willen, im Hinterhof der USA zu provozieren. Da legte man einen Köder aus, der für Trump einfach zu verlockend war. Wusste, dass die großen Konzerne den Braten rochen und zu vorsichtig waren, ergo ein Unternehmen aus Venezuela die Führung übernehmen würde. … Den Rest kann man sich selbst überlegen.

    • peru3232 3. September 2026 um 9:47 Uhr - Antworten

      naja, da müsste aber zuvor dann geklärt werden, „wer“ denn dieses Venezuela sein soll? Denn Länder haben keine eigenen Strategien. Immer nur Personen oder Gruppen, die dahinter stehen mögen. Diese müssten zudm felsenfest davon überzeugt sein, dass auch sie jedenfalls direkt nach diesem ganzen Zeitraum direkt davon profitieren können… und ebenso genau wissen, wer denn der eigentliche Gegner ist: die „USA“ ist es ja ebenso wenig, sondern nur die exekutierendeMacht, die dafür gebraucht, bzw. auch missbraucht wird

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