
Quo vadis, Venezuela?
Schnell nach dem Überfall der USA auf Venezuela verschwand das Land wieder aus dem medialen Rampenlicht. Doch der Umbau des bolivarischen Staates von einer sozialistischen Republik zu einer US-Rohstoffkolonie ist in vollem Gange. Ein Bericht aus Venezuela.
Was ist passiert, seit das US-Militär am 3. Januar 2026 den amtierenden Präsidenten und seine Ehefrau in einem nächtlichen Überfall entführt hat? Für Nicolás und Cilia sieht es nicht gut aus: Sie sitzen seit über fünf Monaten in Brooklyn im Gefängnis, und die New Yorker Staatsanwaltschaft konnte bisher keine Anklagepunkte vorlegen, geschweige denn den Beweis erbringen, dass Maduro kolumbianischer Staatsbürger ist, wie von der Opposition seit zwölf Jahren behauptet wird.
Das Volk wurde von Anfang an getäuscht – einerseits von den hehren Versprechen der Invasoren Trump & Rubio, andererseits von seiner eigenen politischen „chavistischen“ Führungsclique um Interimspräsidentin Delcy Rodríguez. Delcy organisierte eine zweiwöchige landesweite Pilgerreise vom 19. April bis zum 1. Mai gegen Sanktionen und für den Frieden. Wer könnte dagegen etwas einwenden – wäre es nicht pure Symbolpolitik und hätte es nicht den Beigeschmack von Verschwörung und Verrat aus den eigenen Reihen?
Fünf Monate nach diesem einschneidenden Ereignis für das Volk ist nichts besser geworden, aber vieles anders. Alle Anzeichen sagen, dass es so bleibt und sogar so gewollt ist. Das indexierte Mindesteinkommen wurde zwar auf 240 $ angehoben, aber auch die Preise sind gestiegen, und die Inflation setzt dem Konsumverhalten der Venezolaner weiterhin enge Grenzen.
Was bedeutet all dies im Kontext der US-Interessen für die Zukunft der großen Masse der Venezolaner? Ein paar Ausblicke meinerseits, die auch auf ein ähnliches Szenario zur Wendezeit in der DDR 1989/1990 beruhen:
- Die gesellschaftliche Spaltung hat sich besonders im chavistischen Lager zugespitzt, unter anderem wegen des Verrats aus den eigenen Reihen.
• Die US-Militärpräsenz in Venezuela wird nicht kritisch hinterfragt bzw. in breiter Front abgelehnt.
• Eine Koalition aus Exilopposition um María Corina Machado und US-Außenminister Marco Rubio fordert schnellstmögliche Neuwahlen, obwohl doch der angebliche Wahlsieger von 2024, Edmundo González, von den USA und der Opposition bis vor Kurzem noch hofiert wurde und bis Ende 2030 deren proklamierter Präsident ist. Internationale „Finanzinvestoren“ wie die Weltbank, der IWF u. a. zeigen großes Interesse daran, dem venezolanischen Volk zu „helfen“ und es aus der Schuldenfalle (geschätzte Staatsschulden: 170 Mrd. $) zu begleiten.
• Nach dem Wunsch Trumps und seiner Militärberater soll das vorwiegend aus Russland stammende venezolanische Waffenarsenal an die Ukraine übergeben werden. Venezuela erhält im Gegenzug neue Kampftechnik „Made in USA/Israel“. Damit wäre dann auch der Weg für die Errichtung von US-Militärbasen in Venezuela geebnet – zu Schulungszwecken natürlich.
• Schnellstmöglich konnte die seit 2019 geschlossene US-Botschaft in Caracas ihren Betrieb wieder aufnehmen und ist heute wieder ein Tummelplatz für Militär, CIA, DEA und andere Umsturz-Spezialisten, die den „3-Phasen-Plan des geordneten Übergangs“ (Stabilisierung – Erholung – Übergang) begleiten – oder genauer gesagt: anleiten sollen.
• Weiteres Ziel des US-Imperiums ist die Anerkennung Venezuelas als US-Protektorat. Dadurch könnte dann auch die geplante Dollarisierung Venezuelas umgesetzt werden (Pro-Kopf-Verschuldung USA: 105.000 $, Venezuela: 6.300 $). Unfreiwillig wäre das venezolanische Volk dann über Nacht Teilhaber an der jeweils größten Dollarblase seit 1971.
• Denkbar – und von einigen auch ein favorisierter Gedanke – ist der Anschluss an die USA als 51. Bundesstaat.
Was wird aus den Missionen?
Die zahlreichen Missionen, allen voran die Große Wohnungsbau-Mission (GMVV) mit über 5 Mio. erbauten Wohnungen in 15 Jahren, gefolgt von der Gesundheits-Mission „Barrio Adentro“ (2003 gegründet), wurden aus den Einnahmen der Erdölgesellschaft „PDVSA“ finanziert. Barrio Adentro stellt im Austausch mit Öllieferungen an Kuba 30.000 kubanische Gesundheitsspezialisten in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung. In Zahlen sind das über 10.000 hausärztliche Praxen (CMP), 572 Diagnosezentren (CDI), 580 Rehabilitationszentren (SRI) und 36 Hightech-Zentren. Kostenlose Augenoperationen (Misión Milagro) sowie Zahnbehandlungen und Prothetik (Misión Sonrisa) werden ebenfalls durchgeführt. Mit einer weiteren Finanzierung durch die von den USA kontrollierte PDVSA ist in Zukunft nicht mehr zu rechnen.
Was wird aus Venezuelas Rohstoffen?
Venezuela verfügt über die größten Erdölreserven der Welt, über reichlich Gas, Gold … um hier nur die wichtigsten zu nennen. Ein Schelm, der da denkt, den USA ginge es um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Ein so großer Schatz im Hinterhof weckt Begehrlichkeiten – vor allem, wenn er sich dank niedrigen Lohnniveaus und korrupter Politiker vor Ort leicht ausbeuten lässt. Zahlreiche Gesetze hat die Nationalversammlung seit Januar verabschiedet, die die Ausbeutung durch internationale Konzerne bei Erdöl, Gas und im Minensektor erleichtern sollen. Geplant ist ebenso die Privatisierung des Strom- und des Wassersektors. Sowohl Interimspräsidentin Rodríguez als auch María Corina Machado sehen darin eine Notwendigkeit. Letztere jedoch hat deutlich genauere Pläne der amerikanischen und israelischen Investoren vorgelegt. Sie versprach ein Investitionsvolumen von 1,9 Billionen $ in Venezuela. Wen wundert es da, dass just ein Fonds (Lara Fund) von dem ehemaligen Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank, dem Lobbyisten Mauricio Claver-Carone (heute Mitglied im Team Donald Trump), gegründet wurde? Dieser Hedgefonds hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese 1,9 Billionen US-Dollar aufzutreiben und den Ausverkauf Venezuelas zu beschleunigen.
Was es sonst noch zu privatisieren gibt!
Volkseigentum hat für einen Kapitalisten keinen Wert – erst wenn es in seinen Besitz übergegangen ist, bekommt es einen Mehrwert und produziert regelmäßige Gewinne. Investoren im Bereich Wohnungswirtschaft werden versuchen, die Wohnanlagen der GMVV für ein paar Dollar zu erwerben, um Mieteinnahmen zu erzielen. Auch die staatlichen Krankenhäuser könnten Investoreninteresse wecken. 22 Millionen Hektar (24 % der Gesamtfläche Venezuelas) landwirtschaftliche Nutzfläche, von denen derzeit rund 3,3 Millionen genutzt werden, stehen zur Disposition. George Soros könnte an Venezuela seinen Landhunger stillen, und internationale Konzerne könnten gute Geschäfte machen und die venezolanischen Bauern durch den Verkauf von genverändertem Saatgut und reichlich Glyphosat in die Abhängigkeit zwingen. Das von Chávez 2001 eingeführte Fischereigesetz verbietet industrielle Schleppnetzfischerei und ermöglicht den Küstenfischern an den 2.800 km langen Küsten Venezuelas ein regelmäßiges Einkommen. Die ausschließlich von Venezuela genutzte Wirtschaftszone umfasst 472.000 km² fischreiche Gewässer und steht sicher ebenfalls auf der Wunschliste der Finanzinvestoren.
Wie wird sich der venezolanische Arbeitsmarkt entwickeln?
Über 50 % der erwerbstätigen Bevölkerung in Venezuela arbeiten im informellen Sektor, d. h. ohne soziale Absicherung und ohne Steuern zu entrichten. Die staatlichen Institutionen und Betriebe beschäftigen rund 5 Millionen Menschen, im privaten Sektor sind es noch einmal rund 2,5 Millionen. Hinzu kommen ca. 5,8 Millionen Rentner und Pensionäre. Das bedeutet, dass auf einen Mitarbeiter im privaten Sektor über vier im staatlichen Sektor (inkl. Rentner/Pensionäre) kommen, die von staatlicher Seite finanziert werden müssen. An diesem Verhältnis von 1:4,3 lässt sich die wirtschaftliche Schieflage leicht erkennen, die es zu beseitigen gilt. Da der private Sektor nur begrenzte Wachstumsmöglichkeiten hat und keine weiteren Millionen Arbeitskräfte benötigt, wird mittelfristig die Arbeitslosigkeit wieder kräftig zulegen. Die ersten von Entlassungen Betroffenen werden Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen, staatlicher Betriebe sowie Polizei- und Militärangehörige sein.
Wegfall von Subventionen und Preisentwicklung!
Die Streichung von Subventionen und deren Folgen kann man aktuell an den Beispielen Argentinien, Ecuador, Bolivien, Chile … sehr gut auf Venezuela übertragen. Überall, wo sogenannte „wirtschaftsliberale“ Rechtsregierungen mithilfe der USA an die Macht gehievt wurden, ergibt sich ein ähnliches Szenario: Streichung von Subventionen, die nur die Armen und die Mittelschicht treffen. Benzin, Strom und Wasser braucht jeder Mensch zum Leben. Daher kann man mit diesen öffentlichen Gütern in privater Hand richtig viel Geld verdienen. Was passiert also in Venezuela, wenn die Benzinsubventionen wegfallen (120 Liter monatlich für 4 $) und der Benzinpreis bald auf 1 $ pro Liter steigt, der Strompreis auf lateinamerikanisches Niveau oder die 10-kg-Gasflasche wie im Nachbarland kosten soll? Das forciert gesellschaftlichen Unmut, Widerstand und Schlimmeres (siehe Caracazo 1989).
Viele fragen sich: Wo bleibt das Geld für das durch die USA verkaufte venezolanische Öl und Gold? Mr. Trump höchstpersönlich gab zu, dass aus den ersten 10 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) venezolanischen Öls der geenterten Tanker sein glorreicher Kampf gegen den Iran finanziert wurde – kein Dollar floss davon an Venezuela! Seit Januar und besonders seit dem US-israelischen Krieg gegen das islamische Land stieg der Ölpreis zeitweise auf das Doppelte, aber Venezuela hat davon nichts gemerkt, weil die Gelder auf ein US-Konto fließen und auf Antrag der Regierung in Caracas unter strengen Auflagen von Washington zugeteilt werden. Transparenz? Fehlanzeige! Einige wenige Male seit März wurden monatlich zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden an die venezolanische Zentralbank (BCV) zur Stabilisierung des Wechselkurses freigegeben. Dennoch klafft immer noch eine tiefe Lücke zwischen dem offiziellen und dem Schwarzmarktkurs (560 zu 700 Bolívares).
Neben Gold im Wert von 100 Millionen $ wurden vor Kurzem auch angereichertes Uran aus dem einzigen venezolanischen Forschungsreaktor in die USA verbracht – oder sollte man besser sagen: von ihnen gestohlen … Das Einzige, was den Venezolanern mit Sicherheit noch einige Zeit bleibt, sind die über 1.000 US-Sanktionen. Nur aus eigenem Interesse haben die USA einige Ausnahmeregelungen davon geschaffen, die in Form von sogenannten „Lizenzen“ an ausländische Firmen vergeben wurden, um sich den Zugriff auf Venezuelas Rohstoffe und die Verkaufserlöse daraus zu sichern.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
René Venezuela ist Deutscher, lebt in Venezuela, beobachtet das politische Weltgeschehen und betreibt den Kanal „Venezuela Info Channel“ – für alle, die Interesse für Land und Leute zeigen, für Sonnenanbeter, für Langzeiturlauber zum Überwintern oder als Auswanderungsziel.
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Venezuela: Warum gab es keinen Widerstand?
Was ist Trumps Gambit in Venezuela?
Ein großer, wenn nicht der größte Teil der venezolanischen Schulden besteht gegenüber China. Die werden jetzt erstmal nicht bedient.
Man lässt sich solange ausbeuten, bis man sich dagegen wehrt! Venezuelaner gibt es viele in BRDien, um hier in Euro zu verdienen. Guter Plan bei der Inflation daheim, aber zu kurzsichtig, weil es auch in EU rasch weiter inflationiert.
Deutsche Markenbutter scheint auch nicht mehr von der Kuh zu kommen, sondern nur Kuhgeschmack hinzugefügt zu einer Chemiepampe, die nicht an Butter herankommt…
USSA raus aus Venezuela! Sofort! Raus!!! Auf Nimmerwiedersehen!!!
Literaturhinweis: Klaus Brinkbäumer, „Der Amerikanische Alptraum: Faschismus made in USA“. – 2026 : Fischer-Verlag
Ich fürchte, im Grandiosen Westeuropa haben Viele keinerlei Gewissensbisse, dass die Amis ein weiteres Land ausplündern. Manche jubeln gar, wenn Westeuropa ausgeplündert wird – Stockholm-Syndrom pur.