Hormus: Der Poker geht weiter – während Teheran trauert, wird in Doha gefeilscht

5. Juli 2026von 7,2 Minuten Lesezeit

Während Millionen Iraner in Teheran vom getöteten Revolutionsführer Ali Khamenei Abschied nehmen, geht der Machtkampf um die Straße von Hormus in eine neue Runde. Washington bietet Geld, Europa akzeptiert Gebühren als unvermeidlich, und Vizepräsident JD Vance hat öffentlich eingeräumt, wofür implizit die aktuelle Gefechtspause tatsächlich genutzt wird, nämlich die Neuaufrüstung für den nächsten Angriffskrieg gegen den Iran.

Ausgangspunkt dieser Einordnung ist ein Substack-Beitrag des „pro-russischen“ Bloggers Simplicius76, dessen Kernbehauptungen hier anhand der Originalquellen überprüft werden. Pro russisch, so die Einschränkung einer im Westen als negative Konnotierung verstandenen Aussage, soll hier auch als pro globaler Süden verstanden werden.

Was gesichert ist: Das US-Angebot und Irans Ablehnung

Laut Wall Street Journal versuchen die USA und Oman gemeinsam, Irans Beharren auf Durchfahrtsgebühren für die Straße von Hormuz aufzuweichen. Ihr wichtigstes Druckmittel in den indirekten Gesprächen: das Versprechen, einen Teil der rund 100 Milliarden US-Dollar an eingefrorenen iranischen Geldern freizugeben. Die Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner reisten dafür nach Doha, um mit katarischen Vermittlern über die Umsetzung der im Juni geschlossenen Vereinbarung zu sprechen.

Teheran zeigt sich davon unbeeindruckt. Irans Vize-Außenminister Kazem Gharibabadi bestand nach seiner Rückkehr aus Doha darauf, dass Hormuz „unter iranischem Kommando“ stehe – nicht unter US-amerikanischem. Das iranische Militär legte nach und warnte, jedes Schiff, das nicht die von Iran vorgegebene Route nutze, müsse mit einer „sofortigen und mächtigen“ Reaktion rechnen. Als Alternative wird nun ein omanischer Vorschlag geprüft: ein Fonds, finanziert durch freiwillige Beiträge von Reedereien statt fester Gebühren – ein Modell, das Iran bislang ablehnt, weil es keine garantierten Einnahmen sichert. Zum Grund für die Weigerung mehr weiter unten.

Die Zahlen unterstreichen den wirtschaftlichen Druck: Der Schiffsdatendienstleister Kpler registrierte laut WSJ einen Rückgang des Tagesverkehrs durch die Meerenge von 75 auf 43 Schiffe innerhalb einer Woche – vor dem Krieg waren es über 100 pro Tag. Der von Simplicius76 zitierte OSINT-Bericht, wonach nur ein einziges Handelsschiff die von den USA unterstützte südliche (omanische) Route durchquert habe, während der Großteil des Verkehrs auf die nördliche, iranische Route ausweiche, deckt sich mit dieser Größenordnung und ist durch unabhängige Marine-Traffic-Auswertungen plausibel, wenngleich als Einzelmessung über 24 Stunden nicht offiziell verifizierbar.

Europa knickt ein – Gebühren gelten als „gegeben“

Auch der zweite zentrale Beleg des Substack-Beitrags hält einer Überprüfung stand: Bloomberg berichtete am 2. Juli unter Berufung auf mit den Beratungen vertraute Personen, dass führende europäische Mächte mittlerweile akzeptierten, dass Schiffe auf der Durchfahrt Gebühren an Iran und Oman zahlen müssen. Zwei der Gesprächspartner bezeichneten dies als „gegeben“; auch einige Golfstaaten sollen diese Einschätzung inoffiziell teilen, ohne dass es die offizielle Position ihrer Regierungen wäre.

Der Vance-Satz: kein Leak, sondern ein öffentliches Interview

Der von Simplicius76 als „schockierende Offenheit“ präsentierte Ausspruch von Vizepräsident JD Vance ist tatsächlich dokumentiert – stammt nicht aus einer heimlich mitgeschnittenen Äußerung, sondern aus einem regulären Interview in der „Michael Knowles Show“ von Daily Wire, das am 30. Juni veröffentlicht wurde. Vance sagte wörtlich:

„Ich glaube, was uns der Präsident aufgetragen hat, ist, dieses Memorandum zu nutzen, um die weltweite Ölwirtschaft wieder aufzufüllen, die Lagerbestände aufzustocken – und dann zu sehen, wie die Karten liegen.“

Er ergänzte, sollte der Iran die geforderten Zugeständnisse nicht mit überprüfbaren Zwischenschritten untermauern, ändere sich an der grundsätzlichen Lage nichts – die USA hätten dann „das, was wir aus der militärischen Kampagne bereits erreicht haben“. Trita Parsi vom Quincy Institute wertete die Aussage als Beleg dafür, dass Teheran nun noch stärker davon ausgehe, der Krieg könne trotz der bestehenden Vereinbarung wieder aufflammen – ein Punkt, den auch der Substack-Text aufgreift und der sachlich gedeckt ist. Zur Einordnung: Das Waffenstillstands-Memorandum vom 17. Juni sieht laut übereinstimmenden Berichten unter anderem eine Beendigung der Kampfhandlungen (einschließlich Libanon und der Widerherstellung der Souveränität des Lands – implizit durch Abzug Israels!), die Aufhebung von Sanktionen und das Einfrieren-Lösen iranischer Gelder, eine erneuerte iranische Zusage zum Verzicht auf Atomwaffen sowie einen 60-tägigen (nicht dauerhaften!) Verzicht Irans auf Hormus-Gebühren vor.

Korrektur: Der angebliche „Putsch“ in der Grünen Zone von Bagdad

Hier weicht die vorliegende Einordnung von der Darstellung des Substack-Beitrags ab. Dieser übernimmt Spekulationen einzelner X-Accounts, wonach die Razzien in Bagdads Grüner Zone am 28. Juni eine „groß angelegte, von den USA geführte antiiranische Operation“ gewesen seien, die eine Bodeninvasion vorbereite. Diese Deutung findet in westlicher Berichterstattung keine Stütze, jedoch hatten wir bei TKP bereits darüber berichtetet, und versucht Fakten und Mythen zu trennen.

Nach übereinstimmenden Berichten von Times of Israel, Jerusalem Post und The Media Line, also alles pro-zionistische Medien, handelte es sich um eine von der irakischen Regierung selbst angeordnete Antikorruptions- und Entwaffnungsoperation gegen Politiker, Abgeordnete und Amtsträger – darunter auch, aber nicht ausschließlich, Personen mit Verbindungen zu iranisch unterstützten Milizen. Dass vorwiegend iranischfreundliche Politiker betroffen waren, und die USA kurz darauf Sanktionen teilweise aufgehoben hatte, könnte natürlich Zufall sein. Festgenommen wurden nach Angaben irakischer Sicherheitskreise 30 bis über 40 Personen. Die Aktion fiel zeitlich mit dem angekündigten Washington-Besuch von Premierminister Ali al-Zaidi (der eigentlich gewählte Premierminister war auf Druck der USA zurückgetreten) zusammen, der gegenüber der US-Regierung Entschlossenheit im Kampf gegen Korruption und bewaffnete Gruppen außerhalb staatlicher Kontrolle demonstrieren wollte. Selbst im Westen weisen Analysten aber darauf hin, dass die Kampagne auch der politischen Kaltstellung von Rivalen dienen könnte, gehen aber nicht so weit, dies als US-Invasionsvorbereitung darzustellen.

Anscheinend gab es aber auch einen hochrangingen Besuch aus dem Iran in diesem Zusammenhang, demzufolge keine Stellungnahmen verlautete, welche ein „Zerwürfnis“ zwischen der iranischen und der iranischen Regierung andeuten.

Einordnung: Die Ablösung von General Donahue

Ähnliches gilt für den im Substack-Beitrag angedeuteten Zusammenhang zwischen der Ablösung von US-General Christopher Donahue und angeblichen Kriegsvorbereitungen. Laut US-Mainstream-Medien CBS News, The Hill und weiteren US-Medien reiht sich Donahues Abgang in eine seit Monaten laufende Serie von Ablösungen ranghoher Militärs unter Verteidigungsminister Pete Hegseth ein, der unter dem Motto „weniger Generäle, mehr Soldaten“ die Zahl der Führungsposten reduzieren will – betroffen waren bereits der Generalstabschef des Heeres, mehrere Vier-Sterne-Kommandos und Admirale von Marine und Küstenwache. Ein persönliches Zerwürfnis zwischen Hegseth und Donahue wird von mehreren Quellen als Faktor genannt, ein Zusammenhang mit konkreten Invasionsplänen ist aber „unabhängig nicht bewiesen„. Diese Verknüpfung bleibt damit Spekulation.

Das Zerwürfnis zwischen Trump und Netanjahu

Belastbarer ist der Abschnitt zu den Spannungen zwischen Washington und Jerusalem. Axios berichtete am 4. Juli unter Berufung auf einen US-Regierungsvertreter, viele engste Berater Trumps hielten Netanjahu inzwischen für „in praktisch allem falsch“ gelegen. Trump selbst habe den israelischen Regierungschef in einem Telefonat wegen der Eskalation im Libanon als „verrückt“ bezeichnet und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. Gleichzeitig bestätigte Trump, dass Netanjahu um ein Treffen im Weißen Haus gebeten habe – möglich als Zeichen politischer Rückendeckung vor den israelischen Wahlen im Oktober, bei denen Netanjahu in Umfragen zurückliegt. Trump äußerte sich in demselben Interview auch zur Trauerfeier für Khamenei, der laut Axios am ersten Kriegstag bei einem gemeinsamen israelisch-amerikanischen Angriff getötet wurde.

Tatsächlich muss man aber auch die Meinung verschiedener Analysten teilen, dass Israel von vornherein gewusst habe, dass der Angriffskrieg nicht so einfach mit der Enthauptung der Führung des Iran beendet sein würde, dass man aber damit versuchte, die USA in diesen Krieg mit dem Iran zu involvieren, um ihn dann immer weiter fortsetzen zu lassen.

Was Analysten diskutieren

Warum lehnt Iran den omanischen Fondsvorschlag ab, obwohl er ökonomisch ähnliche Einnahmen verspricht? Die Antwort liegt vermutlich auch in der symbolischen Kontrolle: feste, direkt von Iran erhobene Gebühren wären eine dauerhafte Anerkennung iranischer Hoheit über die Meerenge, ein „freiwilliger Fonds“ ließe diese Frage bewusst offen. Außerdem könnte der eigentliche Zweck der Maut verwässert werden. Nämlich die niemals eintreibbaren Reparationszahlungen durch die Angreifer in diesem Krieg zu kassieren. Denn selbst wenn sie, wie die USA im Fall von Nicaragua, verurteilt würden, wäre das Eintreiben der Forderung praktisch unmöglich. Aber mit der Maut bietet sich ein Umweg an.

Warum spricht Vance öffentlich über eine Strategie, die eigentlich diskret bleiben müsste? Eine mögliche Lesart: Innenpolitisch signalisiert die Regierung ihrer eigenen Basis, dass der Militärschlag „gewonnen“ wurde und die Diplomatie kein Zeichen von Schwäche ist – nach außen nimmt sie dafür in Kauf, dass Teheran verständlicherweise genau daraus mangelndes Vertrauen in die Dauerhaftigkeit der Vereinbarung ableitet.

 

Ein Kommentar

  1. alter Mann 5. Juli 2026 um 14:44 Uhr - Antworten

    Zur Zeit fast ein Findungsprozess nach dem Aua. Jeder meiner Kollegen in der Region hat eine Version einschl. Varianten. Einig ist man sich, Israel stellt sich neu auf, wenn man dies so formulieren kann. Iran will jetzt eigene Kernwaffen zum Überleben, Eigenentwicklung oder angebliches Hilfsangebot – schauen wir. Als Kernwaffe habe sie ja eigentlich die Straße von Hormus. Einig ist man sich auch, der Traum eines internen Zersplitterungsprozesses im Iran ging nach hinten los. Mal abwarten, wie sich die regionalen Nacbarn entscheiden unter dem Aspekt des amerikanischen Traumes OPEC Kopf zu werden. Sehr viel unterschiedliches Entwicklungspotenzial im Augenblick. Da die USA ziemlich viel (relativ) abgezogen haben, gehe ich von keinen großen militärischen Aktionen im Moment aus. Israel ist da allerdis ein unberechenbares Thema.

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