In Berlin beginnt die automatisierte Überwachung

2. September 2026von 2,4 Minuten Lesezeit

Am Kottbusser Tor in Berlin läuft seit Ende August 2026 die Kalibrierung eines Systems, das die Straßen erstmals dauerhaft, automatisiert und algorithmisch beobachtet. Das System markiert einen qualitativen Sprung innerhalb der digitalen Kontrollgesellschaft.

Rund 30 Kameras der Modelle Axis Q1809-LE und Axis Q3839-PVE sollen das Areal erfassen und Videostreams an eine Analyse-Software von Adesso weitergeben. Die Dortmunder IT-Holding tritt als Generalunternehmer auf und arbeitet mit der Video-KI-Firma Staige zusammen. Damit hebt sich auch das Konzept „privat-öffentliche Partnerschaft“ auf ein neues Niveau: erstmals betreibt in Deutschland ein privates Unternehmen eine solche Infrastruktur im öffentlichen Raum.

Bislang filmte die Polizei in Berlin außerhalb von Bussen, Bahnen und Bahnhöfen den Straßenraum nicht dauerhaft. Das änderte sich mit dem neuen Paragrafen im Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz, den das Abgeordnetenhaus Ende 2025 beschlossen hat. Damit wurde Videoüberwachung und automatisierte Verhaltenserkennung an sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten erlaubt.

Die linksliberale Stadtregierung setzt dies nun um auch wenn die SPD relativiert. Innensenatorin Iris Spranger (SPD) meint, es gehe nicht um Gesichter und nicht um biometrische Identifizierung. Die KI analysiere Bewegungsabläufe; angezeigt würden „Strichmännchen“. Schläge, Tritte oder andere ungewöhnliche Muster sollen Alarm auslösen, die Entscheidung über den Einsatz bleibe beim Menschen. Trotzdem markiert das neue System einen qualitativen Sprung innerhalb der digitalen Kontrollgesellschaft. Noch sind solche Systeme die Ausnahme und Pilotprojekte, doch sie sollen die Zukunft der Überwachung werden.

Aus vergleichbaren Projekten ist bekannt, dass solche Systeme auch Kategorien wie „Tanzen“, „Umarmen“ oder „Liegen“ unterscheiden. Offiziell dient Letzteres der schnellen Hilfe in Notlagen. Kritiker sehen darin vor allem einen Fokus auf obdachlose Menschen. Unklar bleibt, wie präzise Regeln wie „langes Verharren“ oder „Umhergehen ohne Anlass“ definiert sind.

Nach der Kalibrierung soll der Produktivbetrieb folgen, danach weitere Orte. Für die Technik stehen laut Ausschreibung rund vier Millionen Euro bereit; für 2026 bis 2030 werden Investitions- und Betriebskosten in Millionenhöhe veranschlagt.

Berlin ist nach Mannheim und Hamburg die dritte deutsche Stadt mit Verhaltensanalyse im Straßenraum. In mehreren Ländern steht die Rechtsgrundlage bereits, der Bundestag soll den Einsatz durch die Bundespolizei an Bahnhöfen nachziehen. Baden-Württemberg diskutiert sogar eine Ausweitung um Gesichtserkennung.

Was fehlt, ist eine unabhängige Wirkungsevaluation. In Mannheim läuft das Modell seit 2018; eine belastbare Prüfung, ob das System Straftaten verhindert oder aufklärt, steht aus. Netzpolitik.org berichtet, die Polizei könne nach Jahren keinen solchen Fall benennen. In Hamburg lag nach kritischer Nachrechnung nur ein kleiner Teil der Alarme bei tatsächlich relevanten Situationen – der Rest waren Fehlmeldungen. Der Chaos Computer Club nennt die Technik „teuren, aber gefährlichen Mumpitz“ und warnt vor einer Gewöhnung an Dauerbeobachtung.


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5 Kommentare

  1. Daisy 2. September 2026 um 18:12 Uhr - Antworten

    War grad mit dem Rad unterwegs…an einer alten Wehranlage, wo wir u.a. auch öfter mal baden waren als Kinder. Oh, da standen lauter Warntafeln, das war früher auch, aber nur eine, aber alles war abgeriegelt. Schon überlegte ich, wie ich trotzdem reinkônnte, dann sah ich die Kameras. Was für Arschlöcher! Och, und grad da drinnen waren jede Menge Forellen, auch große…gut, über den Fluss würde man irgendwo reinkonnen, aber das Ufer in dem Bereich ist zugewachsen…schade. Aber unsere Wehranlage mit dem hohen Felsen ist ja noch offen….dennoch, Kameras da, wo ich einst mit den Buben herum äh schäkerte…traurig.

  2. VerarmterAdel 2. September 2026 um 14:06 Uhr - Antworten

    Flock heißt hier offenbar Axis.

  3. Thomas Moser 2. September 2026 um 14:02 Uhr - Antworten

    So kann man Arbeit schaffen.
    Automatisierte Überwachung erzeugt so viele Fehlklassifikationen, dass am Ende wieder Menschen sie prüfen müssen. Die KI markiert Bewegungen nur statistisch, ohne Kontext oder Bedeutung, und produziert dadurch eine Flut an „verdächtigen“ Ereignissen. Jede dieser Fehlklassifikationen landet bei menschlichen Operatoren, die entscheiden sollen, ob es sich um einen echten Vorfall oder nur um eine harmlose Bewegung handelt.

    Die Systeme haben Probleme mit Menschenmengen, ungewöhnlichen Blickwinkeln, Gegenständen (Regenschirme, Taschen, Jacken), schnellen Bewegungen, langsamen Bewegungen, Lichtwechsel, Schatten, etc. Dazu noch Fehldeutungen wie tanzen als Kampf klassifiziert, Menschen, die warten als „verdächtiges Verharren“ , Menschen, die sich umarmen als Übergriff klassifiziert. Alles dank der pauschalen Dummheit der probabalistischen KI.

    So entsteht paradoxerweise genau das, was man angeblich durch Automatisierung vermeiden wollte: zusätzliche menschliche Arbeit. Die KI liefert Rohalarme, und Menschen müssen sie sortieren, bewerten und korrigieren. Automatisierte Überwachung schafft damit nicht weniger, sondern mehr menschliche Tätigkeiten – nur eben im Kontrollraum statt auf der Straße.

    • Hello 2. September 2026 um 15:52 Uhr - Antworten

      „Die KI liefert Rohalarme, und Menschen müssen sie sortieren, bewerten und korrigieren. Automatisierte Überwachung schafft damit nicht weniger, sondern mehr menschliche Tätigkeiten – nur eben im Kontrollraum statt auf der Straße.“

      Ist nur noch die Frage, ob Menschen die Rohalarme sortieren und überprüfen wollen oder dürfen: nach dem Motto, die „objektive“ Maschine hat immer recht. Wer weiß, ob und wann schließllich auch die Justiz zu dieser Ansicht neigt.

      Wenn auf diesem Blog mit KI gearbeitet werden sollte, ist sie schlecht gefüttert. Je nach Glückstreffer bekomm ich manchmal eine K-Funktion oder (wie diesmal) nicht.

      • Thomas Moser 2. September 2026 um 16:21 Uhr

        KI kann nicht objektiv sein, wenn sie probabilistisch arbeitet. Sie presst mathematisch jede unklare Bewegung in ein bekanntes, im Training häufig vorkommendes Muster. Die Ausnahme wird dadurch als Standardfall klassifiziert und damit oft fehlklassifiziert. Wenn solche Fehlklassifikationen dann automatisch Entscheidungen auslösen, entsteht ein vollständiger Automatismus, der zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten führt – und zwar in einem nicht unerheblichen Ausmaß, weil Fehlalarme systembedingt sind. Wenn Bürger merken, dass harmlose Bewegungen ständig zu automatischen Eingriffen führen, sehe ich einen Sturm auf die Kameras kommen.

        Wenn aber Menschen den Datenkram auswerten, dann kann man die Fehler ausmerzen. Aber das kostet dann Personal. Das wäre doch was: KI schafft mehr menschliche Arbeit ! Genau anders herum als es sonst kolportiert wird. Ist halt stinglangweilige Arbeit

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

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