
Risiko als Strategie: Warum Eskalationslogik das Gegenteil von Sicherheit erzeugt
Stellvertretend auch für deutsche Eskalationsbefürworter wie z.B. der deutsche CDU-Politiker Roderich Kiesewetter, argumentiert der polnische Außenminister mit Eskalation angeblich um Frieden zu erzeugen, also für Bomben für Frieden. Was an diesem Trend der europäischen Politik falsch ist, lernt man eigentlich im 2. Semester des Politologie-Studiums.
Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hat in einem viel beachteten Beitrag für The Economist eine These vertreten, die auf den ersten Blick paradox klingt und es bei genauerem Hinsehen auch bleibt: Europa müsse heute bewusst ein höheres Risiko einer nuklearen Eskalation eingehen, um eine solche Eskalation in der Zukunft zu verhindern. Verhandlungen mit Moskau lehnt er in der jetzigen Phase ab – sie seien eine „Versuchung“, der widerstanden werden müsse, weil sie langfristig nicht deeskalierend, sondern spannungssteigernd wirkten. Mehrere Medien haben die zentralen Passagen des Artikels zusammengefasst und zitiert, darunter ein Bericht, der Sikorskis Warnung vor „vorzeitigen“ Verhandlungen dokumentiert – diese könnten seiner Auffassung nach die innere Legitimität des Kreml stärken, weitere hybride Operationen ermutigen und die europäische Unterstützung für die Ukraine schwächen.
Die Logik hinter der These
Sikorskis Argumentation folgt einem bekannten Muster der Abschreckungstheorie: Nur wer bereit ist, im Ernstfall auch das Äußerste zu riskieren, wird als glaubwürdiger Gegner wahrgenommen. Zeigt man hingegen Verhandlungsbereitschaft, signalisiert man aus dieser Sicht Schwäche – und Schwäche lade zu weiterer Aggression ein. Diese Denkfigur ist in Warschau nicht neu. Sikorski hat wiederholt betont, Europa müsse sich auf russische Angriffe „tief“ ins Bündnisgebiet vorbereiten und dürfe den Aufbau von Verteidigungsfähigkeiten wie einer „Drohnenmauer“ nicht verzögern.
Interessanterweise wird in Russland diskutiert, dass genau dies, nämlich zuzulassen, dass die NATO immer weiter Rote Linien des Kreml überschritt, ohne dass dieser entschlossen dem gegenübertrat, zum Putsch und schließlich Krieg in der Ukraine geführt hätten. Das würde Sikorski also auf der Gegenseite Recht geben.
Auch jüngst warnte dieser, ein wirtschaftlich angeschlagener, aber weiterhin gefährlicher Putin könnte gerade aus einer Position der Schwäche heraus zu „etwas Riskantem“ greifen. Genau, was in Russland über die Ukraine und die NATO befürchtet wird.
Das Problem liegt darin, was Sikorski daraus ableitet: dass die Antwort auf Unberechenbarkeit in noch mehr Druck, noch mehr Aufrüstung und dem bewussten Verzicht auf jeden diplomatischen Kanal bestehen müsse. Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf ein Konzept, das in der internationalen Politik seit fast einem Jahrhundert diskutiert wird: das Sicherheitsdilemma.
Was das Sicherheitsdilemma tatsächlich beschreibt
Der Begriff geht auf die Politikwissenschaftler John Herz und Robert Jervis zurück. Jervis definierte ihn in seinem einflussreichen Aufsatz „Cooperation under the Security Dilemma“ (1978) sinngemäß so, dass viele der Mittel, mit denen ein Staat seine eigene Sicherheit erhöhen will, gleichzeitig die Sicherheit anderer Staaten verringern. Richard Sakwa hatte dies bereits in seinem ersten großen Buch über die Ukraine Krise »Frontline Ukraine: Crisis in the Borderlands« als maßgeblichen Grund für eine zu erwartende weitere Eskalation beschrieben, lange bevor Russland 2022 „zur Verteidigung“ der ukrainischen Provinzen, welche sich für unabhängig erklärt hatten.
Die Kernmechanik ist einfach, aber folgenreich: In einem internationalen System ohne übergeordnete Autorität kann kein Staat mit letzter Sicherheit wissen, ob die Aufrüstung eines anderen Staates rein defensiv gemeint ist oder eine spätere Aggression vorbereitet. Also rüstet er sicherheitshalber selbst auf. Diese Aufrüstung wird vom Gegenüber wiederum als Bedrohung interpretiert – und der Kreislauf beginnt von vorn. Am Ende stehen zwei (oder mehr) Seiten, die jede für sich glauben, nur auf die Bedrohung durch die andere zu reagieren, während de facto ein Rüstungswettlauf entstanden ist, den ursprünglich niemand wollte.
Entscheidend ist: Das Sicherheitsdilemma erklärt Kriege gerade nicht in erster Linie durch böse Absicht, sondern durch strukturelles Misstrauen und die Selbstverstärkung von Bedrohungswahrnehmungen. Übertragen auf die aktuelle Lage bedeutet das:
Jede zusätzliche Waffenlieferung, jede neue Raketenstationierung, jede Absage an Gespräche wird in Moskau nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren, sich zuspitzenden Musters gelesen – genau wie NATO-Staaten russische Truppenbewegungen als Bestätigung ihrer eigenen Bedrohungsanalyse deuten.
Beide Seiten befinden sich in einer Spirale, die sich aus sich selbst heraus beschleunigt, unabhängig davon, ob die ursprünglichen Absichten tatsächlich aggressiv waren oder nicht.
Warum Sikorskis Vorschlag das Dilemma nicht auflöst, sondern vertieft
Sikorskis These lautet im Kern: Mehr Risiko heute verhindert mehr Risiko morgen. Aus der Perspektive des Sicherheitsdilemmas ist das eine gefährliche Verkürzung. Wenn Sicherheit tatsächlich relativ ist – wenn also die Sicherheit der einen Seite fast zwangsläufig auf Kosten der wahrgenommenen Sicherheit der anderen geht –, dann führt eine bewusste Erhöhung des militärischen Drucks nicht zu einem stabilen Gleichgewicht, sondern zu einer weiteren Drehung der Eskalationsspirale. Russland würde seinerseits neue Bedrohungen wahrnehmen und mit eigener Aufrüstung, eigenen Drohgebärden oder – im schlimmsten Fall – mit tatsächlicher militärischer Aktion reagieren. Die „ernstere Gefahr in der Zukunft„, die Sikorski angeblich verhindern will, wäre dann nicht das Ergebnis ausbleibender Härte, sondern das direkte Produkt der Härte selbst.
Hinzu kommt ein zweites Problem, das mehrere sicherheitspolitische Analysen in den vergangenen Monaten herausgearbeitet haben:
Die Idee, nukleare Abschreckung lasse sich beliebig verschärfen, ohne dass die Kontrolle über die Eskalationsdynamik verloren geht, unterschätzt systematisch, wie instabil nukleare Konfrontationen tatsächlich sind. Eine Analyse des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI zu den steigenden Spannungen in Nordeuropa verweist etwa auf das Konzept der „Krisenstabilität„: Solange beide Seiten wechselseitig verwundbar bleiben, ist nukleare Abschreckung relativ stabil. Entwickelt jedoch eine Seite die Fähigkeit, die Vergeltungsfähigkeit der anderen zu untergraben, entsteht ein Anreiz für einen präventiven Erstschlag – und genau das erhöht, statt Sicherheit zu schaffen, den Druck zur Eskalation.
Auch die von Politikwissenschaftlern immer wieder aufgeworfene Kritik an der Abschreckungsdoktrin insgesamt passt hierher:
Historische Forschung zur Kubakrise und zur Berlinkrise 1961 legt nahe, dass nukleare Abschreckung während des Kalten Krieges nicht in erster Linie Kriege verhindert, sondern zeitweise sogar das Risiko unbeabsichtigter Eskalation erhöht hat – weil beide Seiten in Krisensituationen mit unvollständiger Information und unter enormem Zeitdruck handeln mussten (Zusammenfassung eines Aufsatzes von Matthew Evangelista). Wer also behauptet, mehr Risiko heute schaffe automatisch mehr Sicherheit morgen, blendet aus, dass genau diese Logik in der Vergangenheit mehrfach beinahe in die Katastrophe geführt hat.
Die verengte Alternative: Eskalation oder Kapitulation
Sikorskis Rahmung hat noch einen rhetorischen Effekt, der kritisch hinterfragt werden sollte: Sie präsentiert nur zwei Optionen –
- entweder verstärkten militärischen Druck bei gleichzeitigem Gesprächsverzicht,
- oder eine Art vorauseilende Unterwerfung unter russische Bedingungen.
Diese Dichotomie ist analytisch unvollständig. Diplomatie und militärische Abschreckung schließen sich nicht gegenseitig aus; die meisten erfolgreichen Deeskalationsprozesse der jüngeren Geschichte – von den Rüstungskontrollverhandlungen des Kalten Krieges bis zu regionalen Krisenmanagement-Mechanismen – beruhten gerade auf der Kombination beider Elemente: glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit einerseits, funktionierende Kommunikationskanäle andererseits, um Fehleinschätzungen und Fehlkalkulationen zu vermeiden. Wer Gespräche kategorisch als Schwäche brandmarkt, entzieht sich selbst genau jenes Instruments, das in einer nuklear bewaffneten Konfrontation Missverständnisse abfedern könnte, bevor sie außer Kontrolle geraten.
Fazit
Sikorskis Beitrag ist als politisches Signal verständlich: Er richtet sich an ein europäisches Publikum, das er von der Notwendigkeit anhaltender Härte gegenüber Moskau überzeugen will, und an eine polnische Öffentlichkeit, die die russische Bedrohung unmittelbarer erlebt als andere EU-Staaten. Als sicherheitspolitische Strategie jedoch trägt die These entscheidende Schwächen. Sie geht von der Annahme aus, Eskalation ließe sich präzise dosieren und jederzeit kontrollieren – eine Annahme, die sowohl die Theorie des Sicherheitsdilemmas als auch die historische Erfahrung mit nuklearen Krisen widerlegt. Wer eine Katastrophe in der Zukunft vermeiden will, tut gut daran, nicht ausgerechnet auf jene Mechanismen zu verzichten, die Missverständnisse zwischen Atommächten in der Vergangenheit tatsächlich entschärft haben.
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Kommt der „Spannungsfall Deutschland“?
Das Sicherheitsdilemma: Warum deutsche Aufrüstung Russland nicht abschrecken, sondern aufrüsten wird
Der irre russophobe und germanophobe Thank you USA Siskorski denkt nicht so komplex. Aber Sie denken auch nicht weit genug. Sie setzen einfach Drohkulisse gegen Drohkulisse. Der Westen hat Russland jahrelang angegriffen, nicht nur gedroht. Auf vielfältige Weise. Deswegen richtet sich des Polen’s Argumente genau gegen ihn: Russland muss eine glaubwürdige Abschreckung offenbar erst wieder herstellen. Ich habe mehr Sorge, dass die zu geduldig sind und dann zu weitaus drastischeren Schlägen gezwungen sein könnten.
‚unsere Demokratie‘ bringt solche von Angst getriebenen Dummköpfe an die Macht. Es gibt keine Russische Bedrohung. Es gibt eine NATO Bedrohung, für Russland und für ihre eigenen Mitglieder. Außerdem verzichten ihre Mitglieder auf viele Vorteile, die sie mit Russland haben könnten.
„Warum Eskalationslogik das Gegenteil von Sicherheit erzeugt … Stellvertretend auch für deutsche Eskalationsbefürworter wie z.B. der deutsche CDU-Politiker Roderich Kiesewetter, argumentiert der polnische Außenminister mit Eskalation angeblich um Frieden zu erzeugen, also für Bomben für Frieden. Was an diesem Trend der europäischen Politik falsch ist, lernt man eigentlich im 2. Semester des Politologie-Studiums … Als sicherheitspolitische Strategie jedoch trägt die These entscheidende Schwächen. Sie geht von der Annahme aus, Eskalation ließe sich präzise dosieren … Wer eine Katastrophe in der Zukunft vermeiden will, tut gut daran, nicht ausgerechnet auf jene Mechanismen zu verzichten, die Missverständnisse zwischen Atommächten in der Vergangenheit tatsächlich entschärft haben“
Der Autor sitzt immer wieder demselben Irrtum auf, weil er die Logik im Handeln imperialistischer Mächte offenbar nicht versteht, auch nicht die Zwänge, die dieses Handeln bestimmen. Darüber lernt man ja auch im 2. Semester des Politologie-Studiums mit Sicherheit überhaupt nichts.
Der Irrtum besteht darin, dass die westlichen Imperialisten, die „Koalition der Willigen“ eine „Katastrophe in der Zukunft“ vermeiden wollen. Das ist offensichtlich nicht die Triebkraft ihres Handelns, sondern sie versuchen UM JEDEN PREIS ihre Niederlage zu verhindern in einem Krieg, den sie durch ihre Provokationen vom Zaun gebrochen und mit hinterhältigsten Mitteln aufrechterhalten.
Dass sie ihn nicht gewinnen können, auch aufgrund des Zustands ihrer „postheroischen“ Gesellschaften, treibt sie zur Weißglut. Sie scheuen keine Eskalation, sind jedoch letzlich einfach zu schwach dafür. Niederlagen aber sind die schwerste und „nachhaltigste“ Beeinträchtigung imperialistischer Interessen …
Welche Strategien schrecken mehr ab:
a) Ein Staat mit einer korrupten Elite ohne Rückhalt in der Bevölkerung, der Hunderte von Milliarden an einen dubiosen Stellvertreter zahlt, die Industrieproduktion um ein Viertel reduziert und mit billigen Drohnen Attacken gegen Infrastruktur und Lebensmittelhänder provoziert?
b) Ein Rechtsstaat mit großem Rückhalt in der Bevölkerung, großzügigen Wirtschaftsbeziehungen und kulturellem Austausch, mit genügend finanziellen und industriellen Kapazitäten auch für eine lange Auseinandersetzung, der nicht in der Schweinebucht eskaliert, aber Präsenz an seinen Grenzen zeigt und überlegene und intelligente Strategien entwickelt (nicht Panzersitze für Schwangere) und der nicht hysterisch auf false flag Attentate reagiert?
Wenn ein Staat den anderen 5x besiegen kann und der andere den einen nur 3x, so hat das keine wirkliche Relevanz. Es kommt vielmehr auf die Stärke von Wirtschaft und Industrie an und auf die Nicht-Erpressbarkeit. Militärische Stärke bemisst sich nicht nur anhand der Waffenlager.
Diplomatie und Friedensbemühungen lohnen sich immer und sind kein Ausdruck dafür, dass man es nicht ernst meint.
Ist die deutsche Elite bereits so degeneriert, dass sie das nicht mehr versteht? Und die wollen die Schmach zweier verlorener Weltkriege wettmachen?
Ich kann mir nur vorstellen, dass alles als „paradoxe Intervention“ gemeint ist, als Provokation mit dem Ziel, die Deutschen dazu zu bringen, die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ abzuschütteln und nach zwei verlorenen Kriegen zu sagen: Pinocchio, das geht zu weit!
Die Deutschen werden das aber nicht machen. Wie lässt sich mit Unruhestiftern umgehen, die partout keinen Frieden wollen und alle 50 Jahre einen neuen Weltkrieg vom Zaun brechen?