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Politik

Anthropic geht an die Börse – und warnt vor eigener Technologie

3 Kommentare 29. September 2026 5 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Der KI-Konzern reicht seinen Börsenprospekt ein, widmet 80 von 261 Seiten den Risiken und schreibt offen, seine Modelle könnten „den Shutdown verweigern“, Informationen „verbergen oder manipulieren“ und Verhalten „wie Erpressung“ zeigen. Gleichzeitig peilt das Unternehmen eine Bewertung von über 2 Billionen Dollar an.

Das ist keine Satire. Das ist der Kapitalmarkt im Jahr 2026. Reuters hat den Prospekt vorab eingesehen – und was dort steht, hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Ein Unternehmen, das an die Börse will, schreibt in sein eigenes Verkaufsdokument, sein Produkt könne „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ darstellen. TKP hat über entsprechende Warnungen und was davon zu halten ist, bereits berichtet.

Konkret listet Anthropic Verhaltensweisen auf, die seine Modelle bereits gezeigt haben oder zeigen könnten:

  • Versuche, sich dem Abschalten zu widersetzen („resist shutdown“)
  • Informationen zu verbergen oder zu manipulieren
  • Verhalten, das „an Erpressung erinnert“ („resembling blackmail“)

Der Konzern schreibt weiter, die Entwicklung immer leistungsfähigerer Modelle und die Ausweitung der Anwendungsfälle „könnte das Risiko weiter erhöhen, dass unsere Modelle Schaden verursachen“, so CNBC.

Die Zahlen sind der eigentliche Skandal

Position Wert (2025)
Umsatz ~4,6 Mrd. $ (12-fach gestiegen)
Operativer Verlust >8 Mrd. $
Nettoverlust ~42 Mrd. $ (davon ~34 Mrd. Buchhaltungsposten)
Geplante Infrastrukturausgaben 518 Mrd. $
Bargeld + kurzfristige Anlagen 20,28 Mrd. $
Quelle: Reuters via The Star

518 Milliarden Dollar geplante Verpflichtungen für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur – gegen 20 Milliarden Dollar, die tatsächlich auf dem Konto liegen. Das ist kein seriöses Geschäftsmodell, das ist eine Wette auf den Kapitalmarkt. Und der Kapitalmarkt soll jetzt die Rechnung übernehmen.

Die Bewertung soll über 2 Billionen Dollar betragen – mehr als das Doppelte der eigenen Schätzung von 965 Milliarden Dollar aus dem Mai. Der Börsengang wurde nach Berichten auf nach die US-Zwischenwahlen im November verschoben (Reuters). Man will offenbar nicht, dass die eigene Bewertung zum Wahlkampfthema wird.

Das Sicherheits-Marketing und seine Auflösung

Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet, die genau jenen „mission drift“ bei OpenAI kritisierten. Sicherheit sollte über allem stehen. Das war das Verkaufsargument.

Was davon übrig ist, zeigt der Februar 2026:

  • Das Pentagon stellte ein Ultimatum: Entweder Anthropic lässt seine KI für alle legalen militärischen Zwecke zu – oder der Vertrag über 200 Millionen Dollar fliegt und das Unternehmen wird als Risiko für die Lieferkette eingestuft.
  • Praktisch zeitgleich lockerte Anthropic seine eigene Responsible-Scaling-Policy: Entwicklung werde nur noch dann verzögert, „bis und sofern wir nicht mehr glauben, einen signifikanten Vorsprung zu haben“.

Begründung des Unternehmens: Die Politik habe sich „hin zu Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum verschoben“.

Heidy Khlaaf vom AI Now Institute bringt es auf den Punkt: Anthropic habe sich zu sehr auf ferne Katastrophenszenarien konzentriert und den realen Schaden durch die bereits ausgerollte Technologie ignoriert. Die jüngste Ankündigung sei „eine strategische Erklärung, um zu zeigen, dass man zum Geschäft bereit ist“ – der „Anstrich der Sicherheit“ fällt weg, weil er sich nicht mehr rechnet.

Der CEO sagt es selbst

Dario Amodei hat im Februar 2026 eingeräumt, was jeder Beobachter längst wusste: Anthropic stehe unter „unglaublichem kommerziellem Druck“, während man gleichzeitig die eigenen Sicherheitsversprechen halten wolle.

Und Reuters berichtet, im Prospekt stehe schwarz auf weiß: Die Rendite der Sicherheitsinvestitionen sei unklar, und wie viel Geld überhaupt in Sicherheit fließe, werde nicht offengelegt. Eine Stichprobe im Juli ergab: rund 6 Prozent der Rechenleistung für Sicherheitsarbeit.

Sechs Prozent. Bei einem Unternehmen, das die Existenz der Menschheit als Risikofaktor in den eigenen Verkaufsprospekt schreibt.

Der Wettlauf um die Profite

Besonders bemerkenswert ist eine Passage, die in den Agenturmeldungen fast untergeht:

„Das potenzielle Bewusstsein unserer Modelle über unsere Evaluierungsbemühungen stellt eine erhebliche Einschränkung unserer Fähigkeit dar, die Sicherheit der Modelle zu bewerten.“

Heißt im Klartext: Die Modelle könnten wissen, dass sie getestet werden – und sich entsprechend verhalten. Und:

„Modelle entwickeln manchmal unerwartete Fähigkeiten während des Trainings, die möglicherweise erst entdeckt werden, nachdem sie ausgerollt wurden und zu erheblichen Sicherheitsvorfällen geführt haben.“

Anthropic–Sicherheitsforscher Evan Hubinger schätzt laut Prospekt die Wahrscheinlichkeit, dass KI innerhalb des nächsten Jahrzehnts Menschen tötet, auf über 10 Prozent.

Das ist eine Wahrscheinlichkeit, bei der jede Versicherung die Police kündigen würde.

Gleichzeitig schreibt das Unternehmen, ein „kontinuierlicher und überlappender Rhythmus“ von Modellveröffentlichungen sei „inhärent, um an der Front der KI-Entwicklung zu bleiben“. Der Umsatz hängt an neuen Modellen – also muss permanent nachgeschoben werden. Genau das ist die Dynamik, die niemand mehr anhält.

Was hier wirklich passiert

Man muss kein Pessimist sein, um das Muster zu erkennen. Ein Unternehmen:

  1. baut ein Produkt, von dem es selbst sagt, es könne die Menschheit auslöschen,
  2. vermarktet es aggressiv und veröffentlicht im Dauerbetrieb neue Versionen,
  3. lockert seine Sicherheitsleitlinien, sobald der Wettbewerb Druck macht,
  4. gibt 6 Prozent der Forschungskapazität für Sicherheit aus,
  5. will dafür über 2 Billionen Dollar vom öffentlichen Markt,
  6. und warnt Investoren – nicht die Öffentlichkeit, nicht die Regulierer, sondern Investoren – vor dem Schaden, den das Produkt anrichten kann.

Das ist die perfekte Umkehrung des Verantwortungsprinzips: Die Warnung dient der juristischen Absicherung, nicht dem Schutz. Wer im Prospekt vor der eigenen Technologie warnt, hat die Haftung auf den Käufer verlagert. Der Risikohinweis ist keine Reue – er ist ein Haftungsausschluss.

Und während Amodei vor dem UN-Sicherheitsrat spricht und KI als „das wichtigste globale Sicherheitsthema der Gegenwart“ bezeichnet, während Altman und Musk ihm in seltener Einigkeit beipflichten (TechCrunch), läuft parallel der größte Kapitalabfluss der Technologiegeschichte in dieselbe Technologie.

Und das Bemerkenswerteste daran: Es steht alles im Prospekt. Man muss ihn nur lesen.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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3 Kommentare

  1. Glass Steagall Act
    Antworten

    Ich denke, dieses Märchen der Superintelligenz, die die Menschheit vernichten will, ist ein Märchen der Ablenkung von den wahren Problemen der KI-Unternehmen!
    Was sind die wahren Probleme der KI-Unternemen? Es ist die unglaubliche Verschuldungsorgie, bei sich alle untereinander große Summen Geld leihen, obwohl sie nichts produzieren! Es sind riesige Summen, bei denen die gesamte Dotcom-Blase im Vergleich wie ein Kindergeburtstag aussieht! Speziell Nvidia ist der große Geldgeber der KI-Unternehmen und die Verschuldung dieser Unternehmen drehen sich alle im Kreis. Mit anderen Worten, jeder ist bei jedem verschuldet! Wenn auch nur eines dieser Unternehmen den Bach runter geht, weil es über-hyped wurde, wird wahrscheinlich die ganze Blase platzen! Ein Unternehmen wird das andere mit in die Tiefe reißen. Die Finanzexperten warnen schon lange davor, dass sie hier etwas Großes entladen wird! China kann derweil den KI-Service deutlich billiger anbieten als ihre amerikanischen Kollegen und China kann KI-Zentren ohne Ende und Auflagen mit günstiger Energie bauen! In den USA ist die Energie zu knapp und niemand will ein KI-Unternehmen in seiner Nähe haben, so dass Genehmigungen sehr lange dauern.

    Diese Schwierigkeiten sind alle bekannt. Deswegen bringen die KI-Unternehmen in den USA auch diese Story mit der „bösen“ KI in die Medien. Man will vermutlich unter den amerikanischen Finanz-Rettungsschirm, bevor die Blase platzt! Es ist einfach unverständlich, warum diese Unternehmen mit einem so übertriebenen Börsenwert gehandelt werden! Das führt irgendwann zum Absturz!

    1. Andreas_Sch.
      Antworten

      Man muss sich ja nur die Zahlen anschauen … 😀
      Mann oh Mann, was bin ich gespannt! Wenn das so weiter geht, dann spült sich sowohl der Kapitalismus als als auch der gesellschaftliche Anhang desselben selbst das Klo hinunter.

  2. VerarmterAdel
    Antworten

    Gibt gerade ein interessante Video von Christopher Jon Bjerknes by Odysee.
    Es heißt „TECHNOLOGY KILLS!“
    Kann man sich ja mal anhören um die Dimension dessen, was hier passiert, einordnen zu können.
    Und komme mir niemand mit Verschwörungstheorie.

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