
Pfizergate: Was ist der wirkliche Skandal?
Ein Beitrag über die „skandalöse“ Korruption in der EU ist ein Beispiel, wie von den wahren Skandalen abgelenkt werden soll.
Ein viraler Social-Media-Post behauptet, Ursula von der Leyens Ehemann sei über die Firma Orgenesis mit Pfizer verbandelt und habe vom größten Impfstoff-Deal der Geschichte profitiert. Der Kern dieser Behauptung ist falsch belegt – doch genau das lenkt vom eigentlichen, gerichtlich bestätigten Skandal ab: Wie von der Leyen den 35-Milliarden-Euro-Pfizer-Vertrag per privater SMS aushandelte, warum diese Nachrichten bis heute verschwunden sind und weshalb ein EU-Gericht die Kommission deswegen für rechtswidrig erklärt hat.
Der kroatische Europaabgeordnete Mislav Kolakušić hat in einer vielfach geteilten Wortmeldung behauptet, von der Leyen habe einen Kauf von rund 70 Milliarden Dollar für 4,5 Milliarden Dosen Covid-Impfstoff bei Pfizer genehmigt, angeblich mit einem Preisaufschlag von 25 Prozent. In derselben Erzählung taucht die Behauptung auf, ihr Ehemann Heiko von der Leyen sei über das Biotech-Unternehmen Orgenesis direkt mit Pfizer verbunden und habe von der Vertragsvergabe finanziell profitiert.
🚨💥Parlamentario croata 🇭🇷 Mislav Kolakušić DESTAPA el brutal ESCÁNDALO más grande de la historia:
„Von der Leyen AUTORIZÓ la compra por 70 MIL MILLONES de dólares de 4,500 MILLONES de dosis de vacunas Covid a Pfizer con un sobreprecio del 25%“
🔴Descubre el mayor caso de… pic.twitter.com/M0ddmngLTj
— dejanira (@dejanirasilveir) August 22, 2026
Der Impfstoff-Deal, die verschwundenen SMS und die Frage, wer für die EU-Kommission eigentlich verhandelt
Solche Zahlen und Verknüpfungen verbreiten sich schnell, weil sie einen einfachen Täter-Opfer-Mechanismus anbieten: eine Kommissionspräsidentin, die im eigenen Haushalt profitiert. Das macht die Geschichte griffig – und genau deshalb lohnt sich der genaue Blick.
Mehrere unabhängige Prüfungen kommen hier zum gleichen Schluss: Heiko von der Leyen ist seit September 2020 medizinischer Direktor bei Orgenesis, einem börsennotierten Biotech-Unternehmen für Zell- und Gentherapien. Eine Prüfung der US-Börsenaufsicht ergab jedoch keine Hinweise auf eine Beteiligung von Pfizer an Orgenesis. Es teilten beide Unternehmen mit, keine Geschäftsbeziehung zu unterhalten. Auch die genannten Beträge – 70 Milliarden Dollar, 4,5 Milliarden Dosen, 25 Prozent Aufschlag – lassen sich in keiner der vorliegenden Vertragsunterlagen oder parlamentarischen Anfragen in dieser Form wiederfinden.
Soll das vom wahren Skandal ablenken?
Wer hier stoppt und die ganze Geschichte für eine Erfindung hält, macht es sich allerdings zu einfach. Denn dieselben Rechercheure, die die Pfizer-Orgenesis-Verbindung verwerfen, weisen gleichzeitig auf einen tatsächlichen Interessenkonflikt hin, den acht EU-Abgeordnete bereits 2022 in einer parlamentarischen Anfrage dokumentierten: Ein italienischer Orgenesis-Ableger erhielt EU-Fördermittel aus dem Wiederaufbaufonds für ein Gentherapie-Projekt, dem Heiko von der Leyen zeitweise im Aufsichtsgremium vorstand – bis er nach medialer Berichterstattung zurücktrat. Auch eine weitere Orgenesis-Tochter, MIDA Biotech, erhielt EU-Fördergelder. Das ist kein Beweis für den kolportierten Milliardenbetrug – aber auch keine reine Erfindung von Fantasten, sondern ein von der Kommissionspräsidentin nie öffentlich aufgeklärter Nebenschauplatz.
Was die eigentliche Frage sein sollte
Die eigentlich brisante, gerichtlich belegte Geschichte liegt woanders – und braucht keine erfundenen Zahlen. Im Frühjahr 2021 verhandelte von der Leyen persönlich per Textnachricht mit Pfizer-Chef Albert Bourla über einen Vertrag im Umfang von bis zu 1,8 Milliarden zusätzlichen Impfdosen, geschätzter Wert rund 35 Milliarden Euro. Die New York Times deckte diesen informellen Kommunikationskanal 2021 auf und verlangte 2023 Einsicht in die Nachrichten. Die Kommission behauptete, die SMS nicht mehr zu besitzen.
Am 14. Mai 2025 erklärte das Gericht der Europäischen Union (EuG) diese Weigerung für rechtswidrig: Die Kommission habe, so die Richter der Großen Kammer, keine plausible Erklärung dafür geliefert, warum sie nicht im Besitz der Nachrichten sei. Die Kläger hätten hinreichend belegt, dass der Austausch stattgefunden hat und existiert. Damit wurde erstmals gerichtlich festgestellt, dass die Kommission gegen ihre eigenen Transparenzregeln verstoßen hat, als sie den Zugang zu einem der teuersten Beschaffungsvorgänge der EU-Geschichte verweigerte.
Zu klären bliebe seither Grundlegendes, das ein EU-Parlamentsmitglied im August 2025 in einer förmlichen Anfrage formulierte: Wurden die Diensthandys formatiert oder ersetzt, gab es Backups, und wenn ja, wann und von wem wurden sie gelöscht? Eine Antwort darauf, wie ausgerechnet die Kommunikation über den größten Impfstoffvertrag der Union spurlos verschwinden konnte, steht bis heute aus.
Das Verwirrspiel
Der blinde Fleck der öffentlichen Debatte liegt genau in dieser Verdopplung: Wo eine unbelegte Zahlenbehauptung zirkuliert, wird sie widerlegt – und mit ihr, im Kopf vieler Leser, gleich der ganze Fall. (Dies ähnelt dem Vorgehen, mit dem versucht wird, alle Nachrichten zu einem unangenehmen Thema durch gezielt gestreute FakeNews zu diskreditieren, einer Art Informations-FalseFlag). Dabei hat Transparency International das Urteil ausdrücklich als Frage der institutionellen Rechenschaftspflicht bezeichnet, nicht als Randnotiz. Es ist bereits die zweite Transparenz-Niederlage der Kommission zu den Impfstoffverträgen: Schon 2021 hatte sie in einem separaten Verfahren nur massiv geschwärzte Vertragsdokumente veröffentlicht, was der EuGH ebenfalls beanstandete.
Im Juli 2025 brachten rechtsgerichtete Abgeordnete im Europaparlament sogar einen Misstrauensantrag gegen von der Leyen ein, der unter anderem auf die ungeklärten Pfizer-SMS gestützt war – das Verfahren scheiterte an der erforderlichen Mehrheit, änderte aber nichts an der zugrunde liegenden Feststellung des Gerichts. Auch die Europäische Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen zu Unregelmäßigkeiten bei der Impfstoffbeschaffung der Kommission, wie mehrere Quellen unabhängig bestätigen.
Das eigentliche Problem ist damit nicht ein angeblicher Familienclan im Hintergrund, sondern eine Kommissionspräsidentin, die einen der größten Beschaffungsverträge der EU-Geschichte am offiziellen Verwaltungsapparat vorbei per privatem Mobiltelefon aushandelte – und deren Behörde bis heute nicht plausibel erklären kann, wohin die Beweise dafür verschwunden sind. Wer sich an erfundenen Milliardensummen abarbeitet, braucht sich über diese Frage nicht mehr zu wundern.
Bild: Screenshot von einem der vielen Erklärvideos zu dem Thema
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
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Faucis Handy gefunden und ausgewertet – von der Leyens SMS bleiben verschwunden
Neue Chat-Affäre um von der Leyen
„Die COVID-19-Pandemie war eine Verschwörung“
Warum gibt es keine Beweislastumkehr bei der Politik? Bürger müssen oft nachweisen, dass sie sich richtig verhalten haben. Gilt dies für Politiker nicht.
Eigentlich müsste die Aussage lauten, vdL wird als korrupt angenommen, ausser sie belegt ihre Unschuld.
Die gesamte Diskussion lenkt von diesem Prinzip ab