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Politik

Erdogan: EU-Mitgliedschaft ist für die Türkei keine Priorität mehr

5 Kommentare 17. August 2026 3 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Der türkische Präsident erklärt den jahrzehntelangen Beitrittsprozess für nachrangig. Gleichzeitig baut Ankara alternative Bündnisse auf, denn „Europa wird der Verlierer sein“.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in einem Interview mit Al Jazeera klargestellt, was längst Realität ist: Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat für Ankara keine Priorität mehr. „Die Europäische Union ist für uns keine Priorität“, sagte er. Die Tür bleibe zwar offen – „Wenn sie uns aufnehmen, umso besser, wenn nicht, ist das auch in Ordnung“ –, doch Europa habe die Türkei 53 Jahre lang nicht aufgenommen und werde es auch künftig nicht tun. Verlierer sei die EU, nicht die Türkei.

Die Aussagen markieren eine deutliche Abkehr von früheren Appellen, den Beitrittsprozess neu zu beleben. Noch im Juli 2026 hatte Erdoğan am Rande des NATO-Gipfels in Ankara EU-Vertreter aufgefordert, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und die „Ungerechtigkeit“ von 53 Jahren Wartezeit zu beenden. Nun dominiert Pragmatismus: Die Türkei orientiert sich stärker auf alternative Partnerschaften, darunter das jüngst in Mekka unterzeichnete Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien und Pakistan.

Der Beitrittsprozess ist seit Jahren tot

Die Türkei ist seit 1999 offizieller EU-Kandidat. Die Beitrittsverhandlungen wurden 2005 eröffnet, liegen aber seit 2018 praktisch brach. Von 35 Verhandlungskapiteln wurden nur 16 eröffnet und eines vorläufig geschlossen. Die EU begründet den Stillstand mit Rückschritten bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten – insbesondere mit dem Vorgehen gegen die Opposition, zuletzt dem Prozess gegen den früheren Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu.

Erdogan dreht den Spieß nun um: Nicht Ankara, sondern Brüssel sei unwillig.

Alternative Bündnisse statt EU-Warten

Gleichzeitig baut die Türkei ihre eigenen sicherheitspolitischen Strukturen aus. Am 7. August unterzeichneten Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsabkommen, das einem kollektiven Beistand ähnelt. Erdogan bezeichnete es als wichtiges Signal und ließ offen, dass auch Ägypten beitreten könnte.

Zur Straße von Hormuz erklärte er, die Wiederöffnung habe Priorität – eine Schließung diene niemandem. Bei den F-35-Kampfflugzeugen erwarte er, dass US-Präsident Donald Trump sein Versprechen einlöse, die Türkei wieder in das Programm aufzunehmen (Ankara war 2019 nach dem Kauf des russischen S-400-Systems ausgeschlossen worden).

Strategische Neuausrichtung

Erdogans Aussagen markieren einen deutlichen Kurswechsel. Jahrelang hatte Ankara den EU-Beitritt als strategisches Ziel betont und regelmäßig die „Ungerechtigkeit“ des Wartens kritisiert. Nun signalisiert die Führung, dass sie sich nicht länger von Brüssel abhängig macht und alternative Partner (Golfstaaten, Pakistan, potenziell weitere) bevorzugt.

Für die EU ist das eine Bestätigung: Der jahrzehntelange Prozess, der nie ernsthaft zu einem Beitritt führen sollte, hat die Türkei weder „europäisiert“ noch an den Westen gebunden. Stattdessen verfolgt Ankara eine multipolare Politik und baut eigene Machtstrukturen auf.

Ob die Türkei den formellen Kandidatenstatus jemals aufgibt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Zeit, in der Ankara auf Einladung aus Brüssel wartete, ist vorbei. Europa, so Erdogan, werde das zu spüren bekommen.

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5 Kommentare

  1. Varus
    Antworten

    doch Europa habe die Türkei 53 Jahre lang nicht aufgenommen und werde es auch künftig nicht tun

    Ich hoffe, die EUdSSR existiert keine weiteren 53 Jahre. Gerne weniger als 53 Monate oder gar Wochen.

  2. Hello
    Antworten

    „Die EU begründet den Stillstand mit Rückschritten bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten – insbesondere mit dem Vorgehen gegen die Opposition, …“

    Somit hat sich die EU eigentlich mit ihren eigenen Ansprüchen von selbst abgeschafft.

  3. Jan
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    Die Türkei hat 86 Mio Bürger, mehr als Deutschland und auf jedenfall mehr als Frankreich. Die EU wird die Türkei erst aufnehmen, nachdem sich die Kurden abgetrennt haben Das erkennen auch Türken.

    Den Beitritt zum Bündnis mit Pakistan und Saudi-Arabien sehe ich allerdings als Vorwand, dass sich EU und Nato in Nahost einmischen dürfen: Die Türkei wird im Rahmen ihrer Mitgliedschaft in der islamischen Nato angegriffen und löst den Bündnisfall der atlantischen Nato aus. Eine Konstruktion wie vor WK1.

  4. 1150
    Antworten

    die türkei ist schon in der nato, da sind die korruptis vom balkan wichtiger

  5. VerarmterAdel
    Antworten

    Politiker, die ihr Land dem EU-Dreckhaufen zum Fraß vorwerfen, sollten sofort ihres Amtes enthoben und verhaftet werden.

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