Ist Israels nächster Kriegsgegner die Türkei?

7. Juli 2026von 6,4 Minuten Lesezeit

Im Internet kursieren Thesen, dass nach den neuesten Beschuldigungen und Angriffen des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu gegen die Türkei, Israel als neues Ziel eines Angriffskriegs die Türkei ausersehen habe. Droht ein neuer Krieg? Wir gehen dem nach.

Ein kursierender Text behauptet, Israel konzentriere sich „hyperfokussiert” darauf, die Türkei anzugreifen – um einen neuen Feind nach dem Iran zu schaffen, Syrien und den Libanon zu dominieren und die NATO zu zerstören, damit die USA von Israel abhängig werden. Die These trifft einen wunden Punkt: Zwischen Ankara und Tel Aviv verhärten sich tatsächlich die Fronten. Doch wer die Belege durchgeht, findet ein deutlich komplizierteres Bild als das eines geplanten israelischen Angriffskriegs gegen die Türkei. Einiges am Text ist durch Aussagen türkischer Regierungsvertreter selbst gedeckt. Anderes – vor allem die Behauptung, Israel wolle gezielt die NATO zerstören – findet in den verfügbaren Quellen keine Stütze und gehört eher in den Bereich politischer Zuspitzung als belegter Analyse.

Was die Meldung nicht sagt

Es findet derzeit (!) kein israelischer Angriff auf die Türkei statt, auch keine unmittelbar bevorstehende militärische Konfrontation. Was tatsächlich existiert, ist eine sich verschärfende politische und geostrategische Rivalität – ausgetragen über Stellvertreter, Rhetorik und konkurrierende Einflusszonen in Syrien, nicht über direkte Kampfhandlungen zwischen den Streitkräften beider Staaten.

Sucht Israel einen neuen Feind?

Die Behauptung, Israel wolle „einen neuen Feind schaffen, der den Iran ersetzt”, ist keine Erfindung des Textes – sie stammt von türkischer Regierungsseite selbst. Außenminister Hakan Fidan sagte laut Anadolu Ajansı, Israel könne „nach dem Iran nicht ohne einen Feind existieren” und versuche, „die Türkei zu seinem neuen Feind zu erklären”, um von international kritisiertem eigenem Handeln abzulenken. Auch die jemenitische Nachrichtenagentur Saba berichtete über diese Einschätzung. Es handelt sich damit um eine politische Bewertung Ankaras, keine „unabhängig verifizierte Absicht“ Israels.

Auch der Vorwurf, Israel wolle Syrien und den Libanon „dominieren”, hat einen realen Kern. Regionale Analysen beschreiben, wie sich in Syrien nach dem Sturz Assads informelle Einflusszonen herausgebildet haben: Die Türkei konzentriert sich auf Nord- und Nordostsyrien, um kurdische Autonomiestrukturen einzuhegen, Israel auf den Süden und strategische Korridore im Landesinneren. Die Region gilt als das eigentliche Schlachtfeld der türkisch-israelischen Rivalität – nicht ein direkter bilateraler Krieg (MENA Research Center). Die oft verwendete Formulierung eines „Großisrael” als Ziel ist in den vorliegenden Quellen jedoch nicht belegt – sie ist eine Zuspitzung, Die nach westlicher Lesart „keine dokumentierte israelische Staatsdoktrin“ sei. Dagegen sprechen eindeutige Aussagen von Regierungsmitgliedern Israels.

Großisrael

Die Idee eines „Großisrael“ (Eretz Israel) umfasst historisch und ideologisch Gebiete, die über die heutigen Grenzen hinausgehen. Verschiedene Minister der israelischen Regierungen haben sich im Laufe der Zeit zu diesem Konzept bekannt oder territoriale Ansprüche erhoben. Hier einige Beispiele:

  • Bezalel Smotrich (Finanzminister): Trat im März 2023 bei einer Veranstaltung in Paris hinter einem Rednerpult auf, das mit einer Karte von „Großisrael“ beklebt war, welche das Nachbarland Jordanien mit einschloss. Er ist ein bekennender Befürworter der Annexion des gesamten Westjordanlandes.
  • Benjamin Netanjahu (Premierminister): Erklärte sich im August 2025 in einem Interview mit dem Sender i24NEWS persönlich eng mit der Vision eines „Großisrael“ verbunden und bezeichnete sie als eine „historische und spirituelle Mission„. Zudem präsentierte er 2024 Pläne, die eine Annexion des Westjordanlandes vorsahen.
  • Yitzhak Shamir (ehemaliger Premierminister): War ein engagierter Befürworter von Großisrael und förderte als Regierungschef aktiv die israelische Siedlungsbewegung.
  • Israel Katz (Verteidigungsminister): Äußerte sich bei Besuchen im Westjordanland dahingehend, dass der israelische Staat auf diesem Boden errichtet werde.

Israel will NATO zerstören

Das ist tatsächlich der schwächste Teil der Behauptung: Für die These, Israel wolle „die NATO zerstören” und die US-Bündnisse untergraben, damit Washington von Israel abhängig werde, gibt es in den verfügbaren Quellen keinen Beleg. Das Gegenteil lässt sich beobachten: Der NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 fand in Ankara statt – von türkischer Seite als größter Gipfel in der Geschichte des Bündnisses beworben, ergänzt um ein erstmals eingerichtetes Rüstungsindustrie-Forum. Die Türkei positioniert sich damit als unverzichtbarer NATO-Partner, nicht als Akteur, der das Bündnis sprengen könnte – und Israel hat auf diese Positionierung keinen erkennbaren Einfluss.

Was man fragen sollte

Wem nützt die gegenseitige Eskalationsrhetorik innenpolitisch? Erdoğans scharfe Sprache bedient eine türkische Öffentlichkeit, die mehrheitlich pro-palästinensisch eingestellt ist – „Last der Menschheit” ist eine Formulierung, die im eigenen Land Zustimmung sichert, während Ankara gleichzeitig auf dem NATO-Gipfel als Vermittler und Rüstungspartner auftritt. Auf israelischer Seite dient die Warnung vor einer „neo-osmanischen” Bedrohung dazu, die Notwendigkeit fortgesetzter Aufrüstung und regionaler Kontrolle zu begründen, nachdem der Iran als unmittelbare Bedrohung geschwächt ist.

Ist die Rivalität Doktrin oder Verhandlungsmasse? Beide Regierungen halten trotz scharfer Rhetorik wirtschaftliche und sicherheitspolitische Kanäle offen. Handelsbeziehungen und Geheimdienstkoordination über NATO-Kanäle laufen auch dann weiter, wenn öffentlich von „Feindschaft” die Rede ist – ein Hinweis darauf, dass die Auseinandersetzung eher als Verhandlungsposition um Einfluss in der Levante fungiert denn als Kriegsvorbereitung.

Wer bestimmt eigentlich über Syrien und den Libanon? Bemerkenswert am gesamten Streit ist, wessen Interessen dabei nicht verhandelt werden: die der syrischen und libanesischen Bevölkerung selbst. Sowohl türkische als auch israelische Einflusszonen werden über die Köpfe der Übergangsregierungen hinweg abgesteckt – ein Muster, das sich durch die gesamte Nachkriegsordnung in der Levante seit dem Sturz Assads zieht.

Der blinde Fleck

Der virale Text stellt Israel als alleinigen Aggressor und Regisseur einer neuen Krise dar. Das verdeckt, dass beide Regierungen – trotz ihrer gegenseitigen Feindmarkierung – strukturell in dieselbe US-geführte Sicherheitsarchitektur eingebunden bleiben und dort um Einfluss konkurrieren, nicht außerhalb von ihr. Die Türkei bleibt NATO-Mitglied mit der größten Landstreitmacht des Bündnisses und wichtigster Rüstungspartner Washingtons in der Region, Israel bleibt engster US-Verbündeter im Nahen Osten. Keine der beiden Seiten hat ein Interesse daran, diese Einbindung tatsächlich zu zerstören – im Gegenteil, beide nutzen sie, um die eigene Position gegenüber der anderen zu stärken.

Aus dieser Perspektive wirkt die Erzählung vom „nächsten großen Krieg”, den Israel angeblich plant, weniger wie eine Analyse der tatsächlichen Machtverhältnisse als wie eine Zuspitzung, die reale Konfliktlinien – Syrien, Libanon, östliches Mittelmeer, Gaza-Wiederaufbau – zu einem einzigen, monokausalen israelischen Masterplan verdichtet. Die dokumentierte Realität ist unübersichtlicher: zwei Regionalmächte, die einander misstrauen, beide mit eigenen expansiven Interessen in Syrien und dem östlichen Mittelmeer, beide rhetorisch radikalisiert durch den Gaza-Krieg – und keine von beiden bereit, die Bevölkerungen der betroffenen Länder in die Entscheidungen einzubeziehen.

Zusammenfassung

Der Kern der viralen Behauptung – wachsende Rivalität, ein Kampf um Einfluss in Syrien und dem Libanon, die türkische Warnung, zum „neuen Feind” erklärt zu werden – ist durch Aussagen und Analysen aus der Region gedeckt. Die daraus konstruierte These eines gezielten israelischen Plans zur Zerstörung der NATO und zur Erschaffung eines „Großisraels” ist durch markante Aussagen von Regierungsmitgliedern gedeckt. Wer die Lage verstehen will, kommt nicht um die nüchterne, aber unbequemere Version herum: die Eliten zweier Regionalmächte ringen um Vorherrschaft in einer fragmentierten Ordnung – mit realen Risiken einer unbeabsichtigten Eskalation, aber ohne die Meinung der eigenen Bevölkerung (Türkei), oder die Interessen anderer Völker zu berücksichtigen.

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11 Kommentare

  1. Varus 8. Juli 2026 um 3:27 Uhr - Antworten

    Die Türkei positioniert sich damit als unverzichtbarer NATO-Partner

    Was das Land nicht hindern kann, paralell an einem muslimischen Bündnis mit Iran, Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten zu basteln, um den Nahen Osten ohne die USA zu ordnen. Über die „islamische NATO“ hat auch schon mal TKP geschrieben.

  2. therMOnukular 7. Juli 2026 um 13:52 Uhr - Antworten

    Der Plan, die Nato zu entzweien ist schon viel älter und existiert genau genommen seit der Schöpfung.

    Es ist der Bau-Plan der Natur des Menschen, sich einerseits sozial zu vernetzen und gleichzeitig andererseits sich zur Identifikation des Selbst von anderen abzugrenzen.
    Wenn man dann auch noch die Geisteskranken ins Cockpit der Gesellschaft setzt, kann es nur irgendwann Zwist um die Destination geben und man fliegt solange Zickzack, bis der Sprit alle ist und man an der Gravitation im Nirgendwo zerschellt.

    Es ist leider das „Default-Setting“ dieser Geisteskranken, alles zu vernichten, um sich als Gestalter zu fühlen.
    Kreativität, Schöpfung, Politik,…..ALLES beginnt für diese „Menschen“ mit Destruktion, denn da kennen sie sich aus, es ist ihre DNA. Ihre gesamte. Ihr dadurch erlangter Reichtum ist für sie dann Beweis ihrer „gestalterischen Fähigkeiten“.

    Und wie schon oft erwähnt: keine Gruppe bleibt lange homogen, auch nicht die „Eliten“. Auch in ihren eigenen Kreisen können sie ihre DNA nicht ablegen.

    Ich glaube daher weniger an einen konstruierten Plan, die Nato zu zerstören, sondern eher an die DNA dieser Spinner. Es folgt wieder einmal jenem Prinzip, das auch unsere Politik 2022 vorexerziert hat:
    zunächst einmal die Standard-Reaktion der Zerstörung im März 22 „Wir werden nie wieder Gas vom bösen Putin kaufen“ und anschließend im April 22 darauf gleich die Unfähigkeit des Gestaltens „Hilfe, der böse Putin will uns kein Gas mehr geben“…..und nach ein paar „Spenden“ aus der Energiewirtschaft hält man das Problem für gelöst.
    So gesehen könnte man auch sagen, jeder Einzelne dieser „Elite“ hat seinen eigenen „Plan“ und es gibt ergo 100e Bemühungen, die Nato zu sprengen. Mein Bier ist eingekühlt – aber erst noch ein bisschen Tee…

    • Andreas_Sch. 7. Juli 2026 um 16:48 Uhr - Antworten

      Zusammengefasst: „Wer nur einen Hammer hat – für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.“
      In etwa so? 🤔

      • therMOnukular 8. Juli 2026 um 1:52 Uhr

        So könnt‘ man’s auch sagen….;))

        Man darf nicht vergessen, dass es für diese Kreise des Westens derzeit gar nicht rund läuft. Sie mögen lokale „Siege“ feiern (gegen die eigene Bevölkerung), aber global schmieren sie ab und kein Plan will wirklich aufgehen. Da muss es zu unterschiedlichen Fronten kommen, wie man dem begegnen will. Und früher oder später werden dann auch die „Bremser“ in den eigenen Reihen entsorgt. Ich glaube wir steuern auf diese Phase des Niedergangs zu. Ich hoffe es jedenfalls.

  3. Jan 7. Juli 2026 um 13:27 Uhr - Antworten

    Es geht darum, eine muslimische 1,5-Mrd-Union zu verhindern. Dazu muss die Türkei in die EU (dass die Chinesen den Bosporus beherrschen will auch niemand), was bei aktueller Größe nicht möglich ist. Man braucht also Kurdistan. Das führt zur Logik eines Zweifrontenkrieges.

    Wenn Nahost aufgeteilt wird, müssen die Quellen „im Raum“ Irak, Kuweit und teilweise Saudi-Arabien über Pipelines in Mittelmeer geführt werden, um Hormus zu vermeiden. Das geht aber nicht im Partikularismus. Wer könnte dort einen einheitlichen Rechtsraum schaffen und die iranischen Proxis vertreiben? Israelis und Kurden.

    Israel ist in der Lage, muslimische Bürger zu integrieren.

    Hinter Großisrael steckt militärische Logik. Die Küchenpsychologie können wir uns sparen.

    Das ist eine Analyse, kein Wunschzettel!

    • Andreas_Sch. 7. Juli 2026 um 16:52 Uhr - Antworten

      Sind „muslimische Bürgen, pardon Bürger“ denn willens und in der Lage sich von Israel integrieren zu lassen?

  4. VerarmterAdel 7. Juli 2026 um 12:59 Uhr - Antworten

    Greater ISrahell inklusive Cordon Sanitaire und dann die Welt und dann das Universum. Und Gott? Wird bereits augmentiert.

    Natürlich verteidigt sich das kleine Drecksland stets nur, weil die ganze Welt sie völlig grundlos hasst, obwohl sie doch die besten Massenmörder sind und die ganze Welt beherrschen wollen, äh, müssen, Gott will es ja.

    Hahaha, die Schwachsinnigkeit der Welt erkennt man daran, dass sie diesen Hirnriss genauso glauben wie dem Klima-Bs und den Impf-BS.

    „Sie (zionistische [Redacted]) glauben, es sei ihr Geburtsrecht, Massenmord zu begehen, zu stehlen, zu töten und zu vergewaltigen, Menschen auszubeuten, ihr kulturelles Erbe zu zerstören und sich dann mit all dem gestohlenen Reichtum in anderen Gesellschaften wieder einzunisten. Ich denke, die Menschen müssen begreifen, dass sie auch uns das antun werden, was sie den Palästinensern und den Libanesen antun.“

    — Candice Owens

    • Andreas_Sch. 7. Juli 2026 um 16:57 Uhr - Antworten

      „Sie“ (also die, die man nicht kritisieren darf) berufen sich immer auf ihre „Schriften®“ … scheinen sie aber nur selektiv zu lesen. Wie war das mit der Diaspora?

      • Andreas_Sch. 7. Juli 2026 um 17:14 Uhr

        Transparenzinformation: Der Verfasser kann sich selbst auf einen gewissen Jichus berufen. 😉

  5. 1150 7. Juli 2026 um 12:32 Uhr - Antworten

    das wäre spannend, ein nato mitglied gegen israel
    dann würden zwei °°auserwählte°° aufeinander treffen ……

    • Andreas_Sch. 7. Juli 2026 um 19:56 Uhr - Antworten

      Erinnert mich an den Film „Alien vs. Predator“.
      Spoiler: Am Ende stellt sich heraus, dass Alien speziell als Gegner bzw. Jagdobjekt gezüchtet wurde.

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