
Die seltsame Partnerschaft zwischen EU und Türkei fliegt auf
Die Beziehung zwischen der EU und der Türkei ändert sich. Die heutige Partnerschaft war eine künstliche, hauptsächlich durch US-Strategien zustande gekommen. Nun könnten EU und „Beitrittskandidat“ Türkei wieder mehr und mehr auf Konfrontation gehen.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat Ende April mit einer Aussage gegenüber den Medien für einen Skandal in den EU-türkischen Beziehungen gesorgt. Sie sagte: „Wir müssen es schaffen, den europäischen Kontinent zu vervollständigen, damit er nicht von Russland, der Türkei oder China beeinflusst wird.“ Die Gleichsetzung der Türkei – eines NATO-Partners und EU-Beitrittskandidaten – mit dem russischen Rivalen der EU und dem zunehmend als solchem wahrgenommenen China deutet darauf hin, dass Brüssel sie auf dieselbe Weise sieht. Ihre Bemerkung hat die Künstlichkeit der jahrzehntelangen Partnerschaft offenbart.
Obwohl die Türkei gelegentlich opportunistische, temporäre Bündnisse mit den europäischen Großmächten einging, war ihr Vorgängerstaat, das Osmanische Reich, historisch gesehen der Hauptgegner Europas – mehr noch als das Russische Reich, das von den Briten fälschlicherweise so dargestellt wurde. Die Osmanen waren zivilisatorisch grundlegend anders und eroberten den Balkan bis nach Wien. Über mehr als ein halbes Jahrtausend hinweg beherrschten sie Teile Europas. Die Partnerschaft der Türkei mit dem, was später zur EU wurde, kam ausschließlich durch US-amerikanische Strategien nach dem Zweiten Weltkrieg zustande.
Das empfundene Bedürfnis, die UdSSR einzudämmen, führte 1949 zur Gründung der NATO. Drei Jahre später traten Griechenland und die Türkei bei, um Griechenland und Europa insgesamt zu helfen, ihre historische Rivalität mit der Türkei zu überwinden – unter anderem durch die Förderung einer allgemeinen europäisch-türkischen Partnerschaft. Eine Ausprägung davon war die massive Anwerbung türkischer Gastarbeiter durch das damalige Westdeutschland, das zusammen mit Frankreich den doppelten Kern der Vorgängerorganisation der EU, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, bildete.
Migration, wirtschaftliche Verflechtungen und militärische Zusammenarbeit setzten sich in den folgenden Jahrzehnten fort, doch es wurde schnell deutlich, dass die zivilisatorischen Unterschiede zwischen Europa und der Türkei es vorprogrammierten, dass der Beitrittsantrag der Türkei zur späteren EU auf verschiedene Vorwände hin auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Engere Handels- und Militärbeziehungen sind in Ordnung, aber der Türkei Stimmrechte in europäischen Angelegenheiten zu geben, kommt nicht infrage – ebenso wenig wie visafreier Reiseverkehr für ihre inzwischen fast 90 Millionen Einwohner (etwas mehr als Deutschland selbst).
Diese Einschätzung galt bereits in der liberal-globalistischen Hochphase der 1990er und 2000er Jahre, bis die Migrationskrise 2015 und vor allem die Wahl Trumps 2016 zu einer Wiederbelebung konservativ-nationalistischer Stimmungen in ganz Europa führten. Diese Stimmungen haben sich seitdem weiter verstärkt, insbesondere durch die jüngste Phase des Ukraine-Konflikts. Trumps Rückkehr an die Macht in Kombination mit den schweren sozioökonomischen Folgen dieses anhaltenden Konflikts für den Durchschnittseuropäer haben diese Entwicklung weiter beschleunigt und den Beginn des Zeitalters der Zivilisationsstaaten eingeläutet.
Damit sind jene politischen Gebilde gemeint, die über Jahrhunderte hinweg nachhaltige soziopolitische Spuren in anderen hinterlassen haben. Europa als Ganzes ist hierfür ein Paradebeispiel, auch wenn es darin mehrere unterschiedliche Zivilisationen gibt. Das Zeitalter der Zivilisationsstaaten führt daher zur Neuverfestigung dieser Sphären – wie von der Leyen mit ihrem erklärten Ziel anvisiert, „den europäischen Kontinent zu vervollständigen“ – und zu ihrem Wachstum, etwa durch den neu beschleunigten Einflussgewinn des „Neo-Osmanischen“ Türkeis in Zentralasien.
Das bedeutet nicht, dass Zivilisationen zwangsläufig aufeinanderprallen müssen, aber ebenso wenig, dass sie sich zwangsläufig angleichen, wie manche bei der Beitrittsbewerbung der Türkei zur EU-Vorgängerorganisation angenommen hatten. Vielmehr dämmert allen Beteiligten allmählich die Realität der zivilisatorischen Unterschiedlichkeit – doch diese beiden werden aufgrund geografischer und historischer Gründe sowie ihrer jeweiligen Rolle bei der aktiven Eindämmung ihres gemeinsamen historischen russischen Rivalen im Auftrag ihres gemeinsamen amerikanischen Senior-Partners immer eine besondere Beziehung zueinander haben.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.
Russlands nutzbare Gebiete mit einem Klima wie etwa Hamburg haben eine Größenordnung wie 1,5× Frankreich. Russland ist durch Gebirge und weite Distanzen abgeschnitten von Asien und klar ein europäischer Staat – bei einem Beitritt zur EU wäre es mit 145 Mio Einwohnern aber der größte. Mit 1/3 der EU-Einwohner und etwas über 1/3 der US-Einwohner ist Russland aber auch kein eigener Block.
Im Prinzip trifft Gleiches auch für die Türkei zu, sie ist mit 87 Mio aber nur knapp größer als der Dominanzstaat der EU. Wenn sich die 15 Mio Kurden emanzipierten, wäre die Türkei für Brüssel sicher besser handhabbar.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Türken in die Arme der Iraner treiben möchte. Ich vermute, man will sie gegen Israelis und Kurden aufreiben und dann in die EU integrieren. Langfristig vermute ich das auch als Ziel für Russland.
Und durch die Leyensche Schwächung passen die Volkswirtschaften dann Bombe zusammen.
„Die Partnerschaft der Türkei mit dem, was später zur EU wurde, kam ausschließlich durch US-amerikanische Strategien nach dem Zweiten Weltkrieg zustande.“
Diese Behauptung (wie auch weitere Aussagen danach) negiert die Annäherung, die schon seit dem 19 Jh. erfolgte und u.a. dazu führte, dass die Türkei in WK 1 auf Seiten der Achse war; und dass v.a. der Vater der Türken, Atatürk, die neue Republik deutlich nach europäischen Werten und Vorbildern ausrichtete.
Dass diese Entwicklung nicht alle Bevölkerungsteile gleichermaßen umfasste und dass sie nicht vollständig ihr Ziel erreichte, heißt nicht, dass sie nicht breite Wirkung entfaltet hat.
Die Türkei ist weder ein kultureller, noch ein zivilisatorischer Feind Europas. Der Newspeak von vdL ist Ausdruck ihrer Ignoranz und ihrer Verfangenheit in einer Denke, die auf politische Macht und deren Erhalt ausgerichtet ist. Dazu müssen Feindbilder geschaffen werden, die von den Mechnismen der dunklen Macht ablenken. 1984 lässt grüßen.
Nettes Symbolbildchen übrigens.
Was ich davon halten soll, kann ich ehrlich nicht so recht sagen.
Vielleicht hat es hinter der Fassade etwas mit dieser Aufspaltung der Welt in die 5-6 Regionen zu tun, was sich die Besitzenden ja ua. erdacht haben, schon vor Jahrzehnten.
Aber eine interessante Aussage von v.d.L. mit dieser Dreifaltigkeitshaltung.
Aus Insiderkreisen hört man, dass sich die Türkei von der NATO lösen will und sich bald den BRICS-Staaten anschließen wird!