
Ist das Gitarrenspielen der Grund, warum Roger Waters schneller begreift?
Angesichts der Sorge, dass Algorithmen unsere Aufmerksamkeitsspanne kapern, könnte das Erlernen eines Musikinstruments eine wirksame Gegenstrategie sein. Eine neue Studie ließ 268 Musikerinnen und Musiker sowie Nicht-Musiker im Alter von 8 bis 34 Jahren computerbasierte Aufgaben absolvieren, die ihre Konzentrationsfähigkeit auf die Probe stellten. Menschen mit formaler Musikausbildung reagierten schneller und mit weniger Aufmerksamkeitslücken. Was steckt dahinter?
„Menschen mit Musikausbildung werden möglicherweise eher bereit, Anstrengungen zu unternehmen, und gehen an anspruchsvolle Aufgaben mit einem anderen Motivationszustand heran„, so die Studie, die vom Mind, Brain, and Behaviour Research Centre in Spanien geleitet wurde.
Ist das der Grund, warum Roger Waters sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt?
Nun, es gibt eine Reihe von Untersuchungen, welche die o.g. Studie bestätigen. Musikausbildung wurde wiederholt mit verbesserter kognitiver Kontrolle in Verbindung gebracht — also der Fähigkeit, irrelevante Informationen zu unterdrücken und sich auf Ziele zu konzentrieren.
Eine Studie vom November 2024 in Psychological Research zeigte, dass junge Erwachsene mit ADHS, die langfristig Klavier oder Gitarre gespielt hatten, bessere Leistungen bei Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen erzielten als Nicht-Musiker mit ADHS.
Eine 2025 in PLOS Biology veröffentlichte Studie ergab außerdem, dass langjährige Musikausbildung altersbedingte kognitive Abbauprozesse abfedern kann — also nicht nur kurzfristig wirkt, sondern langfristigen Schutz bietet.
Ein wichtiger Vorbehalt: Die meisten dieser Studien sind korrelativ, d.h. sie vergleichen Menschen, die schon Musik machen, mit solchen, die es nicht tun. Es bleibt die Frage, ob Musik die Kognition verbessert — oder ob Menschen mit ohnehin besserer Kognition eher Musik lernen. Kausale Langzeitstudien sind schwieriger durchzuführen.
Was sagt die Geschichte über große Komponisten?
Bach und Mathematik sind eng miteinander verknüpft — aber eher strukturell als biographisch. Bach dachte offensichtlich wie ein Mathematiker: Er nutzte geometrische Operationen wie Transposition, Inversion und Retrogradierung, die direkte Entsprechungen in der klassischen Geometrie haben. Sein „Krebskanon“ aus dem Musikalischen Opfer ist eine einzige Melodie, die ihren eigenen Kontrapunkt bildet, wenn sie rückwärts gespielt wird. Das sagt aber mehr über sein Kompositionsdenken aus als über generelle außermusikalische Fähigkeiten.
Mozart hatte nachweislich mathematische Neigungen. Mozarts Schwester Nannerl berichtete, er habe ständig mit Zahlen experimentiert und sogar mathematische Gleichungen für unwahrscheinliche Kombinationen in Notizbücher gekritzelt. Mathematiker vermuten zudem, dass er den Goldenen Schnitt unbewusst zur Strukturierung seiner Sonaten verwendete.
Ein Artikel im Electrum Magazine nimmt eine nuanciertere Haltung ein: Er erkennt die enge Verbindung zwischen Mozarts Musik und mathematischen Strukturen an, warnt aber davor, Musik auf bloße Zahlen zu reduzieren — und stellt fest, dass viele Mathematiker und Physiker Mozarts Strukturen faszinierend finden, ohne dass sich das vollständig erklären lässt.
Leonardo da Vinci ist der extremste Fall — aber er ist eigentlich kein Komponist, sondern ein Polymath, der auch Musik beherrschte. Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als außergewöhnlichen Musiker, der Laute spielte, improvisierte und sang — und sein Kollege Michelangelo verspottete ihn spöttisch als „diesen Lautenspieler aus Mailand“. Bei ihm war Musik eine von vielen Fähigkeiten, nicht die Quelle der anderen.
Wo das Argument schwächer wird
Hier muss man ehrlich sein: Die historischen Belege sind anekdotisch und selektiv. Wir erinnern uns an die außergewöhnlichen Fähigkeiten der großen Komponisten, weil sie berühmt wurden — aber es gab Tausende von Musikern, die intensiv übten und keine besonderen Leistungen außerhalb der Musik zeigten. Das ist ein klassischer Überlebensirrtum (survivorship bias): Wir sehen nur die Spitze.
Außerdem dreht sich die Kausalität möglicherweise um: Beethoven und Bach waren vielleicht schon kognitiv außergewöhnlich veranlagt — und haben deshalb sowohl die Musik als auch andere Bereiche gemeistert. Musik wäre dann eher ein Symptom als eine Ursache des Talents.
Das wahrscheinlichste Bild
Die Forschung legt nahe, dass Musik und mathematisch-strukturelles Denken dieselben kognitiven Netzwerke beanspruchen — Mustererkennung, Arbeitsgedächtnis, zeitliche Strukturierung. Große Komponisten, die mathematisch dachten, nutzten also dieselbe mentale „Infrastruktur“ für beides. Ob das Musiklernen diese Infrastruktur aufgebaut hat, oder ob sie schon da war — das lässt sich bei historischen Figuren schlicht nicht mehr sauber trennen.
Genaues weiß man also doch nicht. Aber im Freundeskreis des Autors findet sich ein ehemaliger Berufsmusiker, der allerdings auch als Softwareentwickler gearbeitet und viel Geld verdient hat. Während er selbst zwar in der Jugend Klavierspielen gelernt hatte, aber mit Mathematik auf Kriegsfuß stand. Aber sicher ist: Musikspielen oder auch „nur“ Singen hat eine positive Wirkung auf die Psyche.
MusikMACHEN beeinflusst Psyche positiv
Selbstberichte von Chorsängern zeigen positive psychische, körperliche und soziale Wirkungen — und das gilt auch für Menschen, die in prekären Lebenssituationen leben. Das gemeinsame Singen geht mit gestärktem Wohlbefinden, verringerter Stressbelastung und einem positiveren Selbstbild einher. Nicht selten berichten Menschen sogar von Flow-Zuständen und starken Glücksempfindungen.
Besonders bemerkenswert: Gesangsaktivitäten müssen weder als professionelle Proben gestaltet sein noch von einer musiktherapeutisch ausgebildeten Person geleitet werden. Einfache Mitsingangebote reichen oft völlig aus.
Was biochemisch passiert
Aktives Singen verbessert die Stimmung stärker als passives Musikhören — und sogar stärker als Gespräche über positive Lebensereignisse. Das liegt vermutlich an der Freisetzung von β-Endorphinen, Dopamin und Serotonin. Die Befriedigung des gemeinsamen Auftretens aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, einschließlich des Dopaminwegs.
Speichelproben von Chorsängern nach einer Probe zeigten reduzierte Cortisolspiegel sowie veränderte Werte von Oxytocin und β-Endorphin — beides Botenstoffe, die bei sozialer Einbindung und Glücksgefühlen eine zentrale Rolle spielen. Zudem stiegen Zytokine im Speichel, also Botenstoffe des Immunsystems.
Der Einwand, dass das GEMEINSAME Musizieren ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeuge und dies der Hauptgrund für die positive Beurteilung sei, mag nicht einfach von der Hand zu weisen sein. Allerdings haben Studien mit Solo-Musikern ähnliche Effekte, wenn auch schwächer, nachgewiesen.
Fazit: AKTIV musizieren schlägt passives Hören
Mehrere Studien belegen, dass Musikhören den Cortisolspiegel senken kann — aber aktive Teilnahme, also Singen, Tanzen oder Musizieren, ist dabei deutlich effektiver als bloßes Zuhören. Deshalb singen Sie ruhig laut im Auto mit, wenn ihr Lieblingssong im Radio kommt, oder spielen Sie bewusst Lieder, bei denen Sie mitsingen können. Am besten natürlich gemeinsam mit den anderen Insassen.
Bild: Screenshot aus Erklärvideo
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Ich denke dass bei derartigen künstlerischen Tätigkeiten die beiden Gehirnhälften besser und mehr zusammenarbeiten.
In unserer die Ratio bevorzugenden Gesellschaft wir das Gehirn ja ziemlich einseitig beansprucht.
Das ist schon lange bekannt, dass zB Klavierspielen intelligenzfördernd sein kann. Ich spiele seit meinem 6. Lebensjahr Klavier. Ich habe es klass. mit Klavierlehrerin gelernt, die übrigens sehr nett war und uns nur gefällige Stücke aufgab, selten Etüden oder Sonatinen…Naja, so mit 12 konnte ichs dann allein und hab mir die Sachen in Zukunft selbst beigebracht. Auch heute lerne ich immer mal wieder was Neues, zB Beatles oder Leo Sayer, Sinatra, Elvis… auch Waltzer etc. Ich spiel zwar nicht regelm., aber ich muss fast nichts mehr üben, die Finger erinnern sich rasch.
Natürlich fördert das die Aufmerksamkeit bzw. die Intelligenz, denn da werden Gehirnregionen gebraucht, die sonst brachliegen…man muss sich konzentrieren, schnell sein usw., und es sich merken. Wobei zu sagen ist, dass der ganze Körper mitmacht. So muss ich, um etwas auswendig zu spielen, die Haltung einnehmen, als läge das Notenblatt vor mir am Pult. Ich muss es neu einprägen, wenn ich ohne Noten spielen möchte. Die Finger erinnern sich tatsächlich. Geht es auf den ersten Takten rostig, plötzlich ist es da und läuft von selbst…
Roger Waters liegt jedenfalls immer richtig. Mir fiel das damals schon auf, als er die Weißhelme im Irak-Krieg kritisierte für die False Flag OPs. Und natürlich habe ich „The Wall“ oft tuschen lassen…ich spiel sie aber nicht am Klavier :-)
Ob er durch das Gitarrespielen so gescheit ist, denke ich nicht. Waters ist mutig, er hat Courage. Knopfler zB hats ja nicht so geschnallt und die Baez bewundert Schneelenski…aber Nena zB ist sehr gescheit, auch McCartney…zwar schon alt, aber im Hirn sehr frisch. Ich singe immer mit, besonders beim Autofshren. Ich glaub schon, dass Musizieren, ein Instrument spielen oder Singen, gut fürs Hirn ist…sieht man ja an mir ;-)