
Deutschland unter 1 Kilometer Eis: Was die Landschaft über Klimageschichte verrät
Vor nicht einmal 150.000 Jahren lagen über Norddeutschland bis zu 1.000 Meter Eis. Also ein Kilometer Eis über dem heutigen Berlin, über Hannover, über Bremen. Schwer vorstellbar bei so angenehm warmen Sommerwetter wie derzeit, aber trotzdem wahr.
Wer heute durch Brandenburg, Mecklenburg oder die Lüneburger Heide fährt, sieht sanfte Hügel, weite Ebenen, Seenplatten und Findlinge — eine liebliche, fast beschauliche Landschaft. Doch was wie eine idyllische Naturidylle wirkt, ist in Wahrheit das Schlachtfeld einer biblischen Katastrophe. In der Die Saale-Eiszeit war Deutschland unter dem Eis begraben. Kaum vorstellbar bei den derzeit herrschenden Sommertemperaturen.
Die Zahlen, die der Scinexx-Dossierartikel zur Saale-Eiszeit präsentiert, sind atemberaubend. In den letzten 2,4 Millionen Jahren — dem Quartär — gab es auf der Erde ein ständiges Auf und Ab der Temperaturen. Mehr als 20 Mal wechselten die Klimabedingungen zwischen Warm- und Kaltzeiten, mit Temperaturunterschieden von 10 bis 15 Grad Celsius.
Die vorletzte Kälteperiode, die Saale-Eiszeit, begann vor etwa 330.000 Jahren und dauerte mehr als 200.000 Jahre. Zum Höhepunkt, vor etwa 135.000 Jahren, reichten die Gletschermassen bis südlich von Berlin, Hannover und Bremen. Die Eisdicke in Norddeutschland: bis zu 1.000 Meter.
Man stelle sich das vor: Wo heute der Reichstag steht, türmte sich eine Eiswand. Wo heute Schiffe auf der Elbe fahren, schoben sich Gletscher mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 230 Metern pro Jahr nach Süden — gewaltige Planierraupen aus Eis und Schnee, die alles unter sich begruben.
Nach dem erstaunlich raschen Abschmelzen folgte die Eem-Warmzeit — 12.000 Jahre angenehmes, gemäßigtes Klima mit ausgedehnten Wäldern, durchaus vergleichbar mit heute. Dann kündigte sich bereits die nächste Eiszeit an: die Weichsel-Vereisung, deren Höhepunkt vor etwa 20.000 Jahren lag. Damals bedeckten Eismassen weltweit eine dreimal so große Fläche wie heute, über Skandinavien lag ein 2.500 Meter mächtiger Eisschild.
Was blieb: Endmoränen als stumme Zeugen
Wer mit offenen Augen durch Norddeutschland fährt, sieht sie überall — die Relikte dieser gewaltigen Eispanzer. Die Wikipedia zur Endmoräne beschreibt jene markanten Landschaftsformen, die entstanden, als die Gletscherfronten zum Stillstand kamen und das mitgeführte Geröll zu Hügelketten auftürmten.
Einige der markantesten Beispiele:
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Die Endmoränenlandschaft bei Chorin in Brandenburg — Relikt der Weichsel-Kaltzeit, heute ein Naturparadies mit Buchenwäldern und Klosterruine
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Die Osthannoversche Endmoräne — sie erstreckt sich zwischen Drawehn in der Lüneburger Heide und Göhrde im Wendland, Zeugnis der Saale-Kaltzeit
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Die Ankumer Höhe im Landkreis Osnabrück — ebenfalls Saale-zeitlich, von den Geologen der sogenannten Rehburger Phase zugeordnet
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In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern: Ahrensbök, Kiel und Strasburg in der Uckermark
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In Flensburg ragen die Endmoränen um die Förde fast 70 Meter auf
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Die Brohmer Berge und der Hornheimer Riegel komplettieren das Bild
Diese Hügel, Findlinge und Sanderflächen sind kein Zufall. Sie sind die Narben des Klimawandels, der sich völlig ohne menschliches Zutun abspielte — lange bevor es SUVs, Kohlekraftwerke oder Flugreisen gab.
Die Kleine Eiszeit: Als die Kanäle Europas zufroren
Doch die Klimageschichte hat noch eine viel nähere, viel greifbarere Episode zu bieten: die Kleine Eiszeit, die etwa vom 15. bis ins 19. Jahrhundert weite Teile Europas in einen Kälteschlaf versetzte.
Die Welt dokumentiert in ihrer Bildergalerie, wie tief sich diese Erfahrung in die Kunst eingrub — vor allem bei den niederländischen Malern. Pieter Brueghel der Ältere schuf mit der Heimkehr der Jäger (1565) das erste dezidierte Winterbild der Kunstgeschichte. Es dokumentiert den Winter 1564/65, der als der kälteste seit Menschengedenken galt. Bemerkenswert: Obwohl Brueghel im flachen Flandern lebte, verlegte er die Szene in eine bergige Landschaft — ein künstlerischer Kniff, der die Dramatik der Kälte unterstrich.
Hendrick Avercamp (1585–1634) wurde zum berühmtesten Wintermaler der Niederlande. Seine Bilder zeigen zugefrorene Kanäle, auf denen sich breite Bevölkerungsschichten beim Schlittschuhlaufen vergnügten. In Amsterdam entstand sogar eine eigene Gilde für die Herstellung von Schlittschuhen. Doch die Idylle täuscht: Die Menschen kauften Avercamps Bilder auch, um die wenigen angenehmen Seiten des ansonsten tödlichen Winters im Sommer betrachten zu können — eine Flucht vor der Erinnerung an Hunger, Erfrierungen und Katastrophen.
Auch Jan van Goyens Wintervergnügen auf der Merwede (1596–1656) blendete die düsteren Folgen der heftigen Winter aus. Die Kunst war selektiv — sie zeigte, was erträglich war, und verschwieg, was unerträglich blieb.
Das große Auf und Ab: Was uns die Klimageschichte lehrt
Zwei Dinge stechen bei der Betrachtung dieser erdgeschichtlichen und historischen Fakten hervor:
Erstens: Das Klima war noch nie stabil. Es hat mehr als 20 Warm- und Kaltzeit-Zyklen allein im Quartär gegeben — lange bevor der Mensch auch nur daran denken konnte, Kohle, Erdöl und Erdgas zu verbrennen. Die Vorstellung eines „natürlichen Gleichgewichts“, das der Mensch nun zerstört, ist geologisch schlicht falsch. Das Klima ist ein chaotisches, nichtlineares System, das aus Gründen schwankt, die wir erst in Ansätzen verstehen.
Zweitens: Die Kaltzeiten waren für den Menschen — und alle anderen Lebewesen — ungleich katastrophaler als Warmzeiten. Die Eem-Warmzeit brachte ausgedehnte Wälder und gemäßigtes Klima nach Mitteleuropa. Die Saale-Eiszeit begrub dasselbe Gebiet unter einem Kilometer Eis. Die Kleine Eiszeit brachte Missernten, Hungersnöte und Tod. Die Frage, ob zwei Grad Erwärmung wirklich das größte Problem der Menschheit wären, stellt sich angesichts dieser Perspektive ganz neu.
Die Endmoränen Norddeutschlands, die Winterbilder der niederländischen Meister, die kilometerdicken Eisschilde der Saale-Eiszeit — sie alle erzählen eine Geschichte, die in der gegenwärtigen Klimadebatte kaum vorkommt: Das Klima ändert sich ständig, aus natürlichen Gründen, mit dramatischen Folgen, völlig ohne den Menschen. Wer das ignoriert, hat nicht nur die Geologie, sondern auch die Kunstgeschichte gegen sich.
Die Frage ist nicht, ob sich das Klima ändert. Die Frage ist, warum wir so tun, als hätten wir es im Griff.
Genießen Sie jedenfalls die angenehme Wärme des Sommers.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
im februar 2012 fror der canale grande in venedig beinahe komplett zu und in der lagune bildete
sich stellenweise eine begehbare eisschicht.
in vivaldi’s vier jahreszeiten,
wird thematisch auch das schlittschuhlaufen in der lagune um 1725 behandelt.