
Die vier Klassen der KI-Gesellschaft: Eine dysto-utopische Skizze
Wohin steuert die Gesellschaft, wenn sich die KI wirklich so durchsetze, wie es viele prognostizieren? Was passiert, wenn ein relevanter Teil der Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird?
Der Ökonom Branko Milanovic hat in seinem Essay „Sketching the new dysto-utopian world“ eine nüchterne, aber alarmierende Vision einer Gesellschaft entworfen, die vom massiven Einsatz Künstlicher Intelligenz geprägt wird. Er spricht von einer „dysto-utopischen“ Welt: utopisch in der Hoffnung auf mehr Freizeit und Produktivität, dystopisch in der Realität wachsender Ungleichheit und politischer Instabilität. Statt konkreter Prognosen stellt er grundlegende Fragen zur Wirkung der neuen Technologie.
Milanovic argumentiert, dass KI weder nur Arbeit ersetzt noch automatisch mehr Güter produziert. Am Beispiel seines eigenen Schreibens illustriert er: „Ich habe den Großteil dieses Essays diktiert; ich habe ihn nicht wie üblich in Word geschrieben, noch habe ich ihn handschriftlich verfasst wie vor zwanzig Jahren. Aber in diesem Beispiel haben weder die Textverarbeitungstechnologie noch die maschinelle Diktatfunktion dazu geführt, dass ich mehr Essays produziere. Es gab wahrscheinlich eine Verbesserung der Produktivität, in dem Sinne, dass ein lesbarer Essay in weniger Zeit entstand, aber wenig anderes. Doch die Allzwecktechnologie der Informationsrevolution hat diesen Essay für viele Menschen viel zugänglicher gemacht.“
Sicherer sei hingegen, dass die Produktivität pro Arbeitskraft steige. Dramatisch sogar. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob eine große „Surplus Population“ entsteht – also Menschen, deren Fähigkeiten durch KI dauerhaft überflüssig werden. Entsprechende Prognosen (und Wünsche?) liefert das WEF und seine Denker seit Jahren. Daran würden sich Fragen nach Eugenik und Bevölkerungskontrolle folgen. Oder schlicht: Was tun mit den unnützen Essern?
Bei 15 bis 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung entstünden ernste politische Probleme. Verlängerte Arbeitslosengelder oder ein bedingungsloses Grundeinkommen wären denkbar, überlegt der Ökonom reformistisch und gelassen, doch er erkennt die Grenzen:
„Geldtransfers beseitigen jedoch nicht das politische Problem einer großen Surplus-Population. Es wäre naiv zu glauben, dass allein das Überleben durch Geld die Menschen glücklich macht. Eine Surplus-Population könnte einen permanenten Pool von Unzufriedenen schaffen, die politisch schwer zu handhaben sind, eine formbare Masse, die von politischen Akteuren ausgenutzt und instrumentalisiert werden kann. Die bloße Präsenz einer großen Gruppe von Menschen, die nichts zu tun haben und viel Freizeit haben, um Rebellionen zu planen, wäre an sich politisch destabilisierend.“
Gewinne insgesamt würden steigen, die Profitrate jedoch könnte durch massiven Kapitaleinsatz in KI sogar sinken – oder durch „kreative Zerstörung“(Joseph Schumpeter) wieder steigen, was aber viele bisherige Kapitalbesitzer verarmen ließe – und die Monopolisierungstendenz weiter antreibe. Die Ungleichheit nimmt zu. Aus diesen Entwicklungen skizziert Milanovic eine Tetra-Gesellschaft – eine Gesellschaft mit vier klaren Klassen:
„Was erhalten wir, wenn wir all dies zusammenfassen? Es würde fast sicher zu einer Erhöhung des Anteils des Nationaleinkommens kommen, der an Kapitalbesitzer geht, weil die eingesetzte Kapitalmenge gestiegen wäre und die durchschnittliche Profitrate mehr oder weniger gleich geblieben wäre. Der Anteil der Arbeit würde sinken. […] Schließlich kommen wir zur Schlüsselfrage, die in Wahrheit eine soziale Frage ist: Wie würde die neue Einkommensverteilung aussehen? Dies wäre eine Tetra-Gesellschaft, also eine Gesellschaft, die aus vier Klassen besteht.
Am unteren Ende steht die Surplus-Population, das Lumpenproletariat oder die untätigen Heloten ohne Jobs und ohne etwas zu tun. Sie müssten ruhig und fügsam gehalten werden durch die Verteilung von Brot und Spielen. Brot und Spiele im modernen Fall bedeuten offensichtlich eine Art Mindestarbeitslosengeld auf Lebenszeit und das Streaming von kostengünstiger Unterhaltung rund um die Uhr.
Dann gäbe es eine relativ große Arbeiterklasse im Dienstleistungssektor, die in Bereichen beschäftigt ist, die (noch) nicht durch KI ersetzt werden können. Sie würden von niedrigen bis moderaten Löhnen leben und ständig unter der Bedrohung stehen, durch die KI ersetzt zu werden und damit in das Lumpenproletariat abzusinken.
Die dritte Klasse sind Menschen, die wie heute hohe Kapitaleinkommen und hohe Arbeitseinkommen kombinieren. Das ist, was ich die homoploutische Klasse genannt habe, die derzeit etwa 3 % der US-Bevölkerung ausmacht: Menschen, die sowohl zu den obersten 10 Prozent der Kapitalisten als auch zu den obersten 10 Prozent der Lohnempfänger gehören. Diese Gruppe könnte an Größe zunehmen. […] Schließlich an der Spitze der Einkommenspyramide stünden außerordentlich reiche Menschen, die wir bereits heute sehen. Das könnten nicht nur fünf oder sechs oder zehn extreme Plutokraten sein, sondern möglicherweise Tausende von Menschen mit außergewöhnlichem Reichtum.“
Die Gesellschaft würde dann aussehen wie in vorindustriellen Zeiten (mit einer voraufklärerischen Ideologie): steil ansteigende Einkommen nach oben, flach am Boden, ohne breite Mittelschicht. Fortgeschrittene, KI-intensive Gesellschaften könnten allerding politisch turbulenter werden als weniger entwickelte Länder. Die alte Überzeugung, dass höheres Einkommen und Bildung automatisch Stabilität bringen, müsste allerdings verworfen werden.
Die utopische Vision von Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen und Freizeit schenken, bleibt eine Utopie, die viel eher in eine Dystopie abkippen kann. Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, in der ein großer Teil der Menschen dauerhaft überflüssig wird, während wenige extrem reich werden? Die Elite denkt wohl eher an Bevölkerungsreduktion als an sozialen Ausgleich.
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Die Arbeitsplatzeffekte sind das geringere Problem. Wichtiger erscheint mir eine beschleunigte Verblödung der Gesellschaft als Konsequenz der Nutzung von KI, der so genannte „Taschenrechnereffekt“.
Aus meiner persönlichen Sicht kann ich sagen, dass ich (die Google) AI sehr nützlich finde, denn man bekommt Denkanstöße und Informationen, nach denen man vorher lange suchen musste.
Das gilt besonders für den großen Bereich Softwareentwicklung, da es dort viele etablierte Techniken, Technologien, Vorgehensweisen, Standards etc. gibt.
Wenn man nicht in einem Team von vielen Leuten unterwegs ist, wo man eben schnell jemand fragen kann, kann man mit AI kann man sehr schnell vorankommen kann, wenn man etwas sucht, aber man muss höllisch aufpassen und absolut alles checken und testen.
The Fat Cat Report stellt in dem YT-Video „Am I The Only One Who Hates AI??“ noch einmal klar, dass die LLM-Technologie nichts kann außer Mustererkennung und nicht selbst denkt bzw. denken kann.
Ich habe letztens einen ehemaligen Arbeitskollegen gesucht und der AI den Namen, drei Firmennamen, wo wir zusammenarbeitet haben, und den Schwerpunkt genannt.
Was sie ausspukte, sah auf den ersten Blick überzeugend aus. Aber es waren einige Kleinigkeiten dabei, die mich skeptisch machten. Also fragte ich nach den Quellen für das Gesagte, und AI gab zu, dass sie sich alles – alles! – aus meinen paar Angaben zusammengereimt hatte. Sie gab zu, dass sie halliziniert hatte. Also: trau, schau, wem.
„….LLM-Technologie nichts kann außer Mustererkennung und nicht selbst denkt bzw. denken kann.“
Denken geht eben über das bloße Abarbeiten von Befehlen hinaus. Denken verlangt Selbstreflexion, also die Fähigkeit, den eigenen Zustand, die eigenen Ziele und die Bedeutung des eigenen Handelns zu modellieren. Daher wird eine KI auf Basis von Turingmaschinen niemals denken könnten. Das K geht an den Computer, das I bleibt beim Menschen. Er bringt Bedeutung in die Wortfolgen.
„Sicherer sei hingegen, dass die Produktivität pro Arbeitskraft steige. Dramatisch sogar.“
Auch wenn KI keine eigenen Ziele hat, kann ihr Einsatz soziale Verschiebungen erzeugen. KI ist technisch ein statistisches Werkzeug ohne Intentionalität, das nur Muster aus Trainingsdaten reproduziert und ausschließlich das tut, was Menschen ihm vorgeben. Wenn durch KI neue Ungleichheiten entstehen, dann weil Menschen KI so einsetzen, dass bestimmte Gruppen profitieren und andere verlieren. Landgrebes empirische Befunde (Achgut Artikel https://www.achgut.com/artikel/neuer_wunderglaube_ki_ki_bullshit_berichterstattung) zeigen jedoch, dass KI realistisch nur 5 % Effizienzsteigerung in klar abgegrenzten Bereichen liefert. Eine Technologie, die Abläufe um wenige Prozent optimiert, kann keine neue Gesellschaftsordnung hervorbringen. Der TKP Artikel überhöht diese begrenzten Prozessverbesserungen zu makrosozialen Umwälzungen.
Hinzu kommt, dass die Welt sich nicht wie ein Schachbrett behandeln lässt. Selbst dort versteht KI nicht die Regeln, sondern nur statistische Regelmäßigkeiten: AlphaGo weiß, dass in Millionen Partien der Läufer immer diagonal zog, aber es „weiß“ nicht, dass er niemals vertikal ziehen darf. KI erkennt Muster, aber sie begreift keine Welt. Die behauptete „Vier Klassen KI Gesellschaft“ ist daher keine Folge von KI selbst, sondern eine dramatisierte Erzählung über menschliche Entscheidungen im Umgang mit KI.
Ich zitiere Landgrebe (s.o.): „Da Maschinen Sprache nicht verstehen, sind echte Dialoge über längere Abschnitte nicht verlässlich möglich, weshalb in Call-Centern nur ganz einfache Anliegen maschinell bearbeitet werden können. Über längere Dialogstrecken sind Maschinen, die keine Pragmatik beherrschen, nicht konfigurierbar. So kann man ein Beispiel an das andere reihen, am Ende kommt heraus, dass KI Anwendungen in den nächsten fünf bis zehn Jahren maximal fünf Prozent menschlicher Arbeit übernehmen können.“
Dilemma! Ist der Mensch Mittel zum Zweck oder ist er Selbstzweck? Eine Frage, die man wohl für sich selbst zunächst beantworten muss … Wie diese Frage von den selbst askribierten „Eliten“ beantwortet wird zeigen sie schon seit vielen Jahrhunderten und sagen es in den letzten Jahrzehnten in überraschender Offenheit.