
Wie Netanyahu Trump zur Vernunft bombte
Was am Wochenende zwischen Washington und Teheran Gestalt annahm, ist kein Friedensvertrag, kein neuer JCPOA, nicht einmal ein Waffenstillstand im klassischen Sinne. Es ist ein Memorandum of Understanding zur Deeskalation — ein Dokument, das alles Substanzielle in die Zukunft verschiebt.
Was ist das Abkommen nun wirklich? Alles Wichtige ist verschoben. Die Atomfrage? Vertagt. Die Sanktionen? Vertagt. Die eigentlichen Konflikte? Vertagt. 60 Tage Atempause, mehr nicht. Und doch ist dieses Papier, das am Freitag unterzeichnet werden soll — sofern bis dahin niemand die Sache wieder in die Luft jagt —, bedeutsamer, als sein bescheidener Name vermuten lässt. Denn es markiert einen Rubikon, den Donald Trump überschritten hat: Erstmals in seiner Präsidentschaft hat er sich offen gegen Netanyahu gestellt und amerikanische Interessen über israelische gestellt.
Zu diesem Schluss kommt Alastair Crooke in einem Interview mit Judge Andrew Napolitano. Crooke ist ehemaliger britischer Diplomat, Mi6-Mitarbeiter und Gründer und Direktor des Conflicts Forum in Beirut.
Der Mord, der alles veränderte
Die Chronologie ist laut Crooke entscheidend. Bis Sonntagmittag sah es düster aus für Trumps Deal. Der Oberste Führer im Iran und das Verhandlungskomitee zeigten keinerlei Neigung, das Abkommen zu akzeptieren. Dann schlug Israel zu.
In Dahiya, dem südlichen Vorort Beiruts, wurde ein Hisbollah-Funktionär gezielt getötet. Vier Menschen starben bei dem Angriff. Bei dem Opfer handelte es sich um Ali Dakduk, eine prominente Figur innerhalb der Hisbollah — verantwortlich für die Ausbildung irakischer Widerstandskämpfer, von den USA gesucht wegen eines Anschlags in Karbala mit fünf toten Amerikanern, sieben Jahre in irakischer Haft, von Obama für Guantanamo vorgesehen.
Die Israelis kalkulierten: Ein Mann mit amerikanischem Blut an den Händen — das würde Applaus aus Washington geben. Vielleicht half sogar die CIA bei der Identifikation. Stattdessen geschah das Gegenteil.
Trump rastete aus. Er rief Netanyahu an und brüllte ihn an — Sie sabotieren meine ganze Sache, das ist furchtbar, Sie machen alles kaputt. Und dann, in dieser Wut, tat Trump etwas, das niemand erwartet hatte: Er kontaktierte Teheran über omanische Vermittler und machte massive Zugeständnisse.
Milliarden abgelehnt — Prinzipien verteidigt
Der erste Reflex des Trump-Lagers war bezeichnend: Geld. Man bot dem Iran Milliarden Dollar in bar an — freigegebene eingefrorene Vermögenswerte —, wenn Teheran auf Vergeltung für den Beirut-Anschlag verzichte. Eine klassische Kushner-Logik: Jeder hat seinen Preis.
Die iranische Antwort war ein kategorisches Nein.
„Die Bewahrung des Libanon ist uns wichtiger als ein paar zusätzliche Milliarden, die ohnehin uns gehören“, so sinngemäß die Botschaft aus Teheran. Die Vergeltung war vorbereitet, die Raketen standen bereit. Erst als das Geldangebot scheiterte, gab Trump an den entscheidenden Punkten nach.
Das ist der eigentliche Erkenntnis dieser Episode: Die Islamische Republik ist nicht käuflich. Im Gegensatz zu praktisch jedem anderen Akteur im Nahen Osten, den Washington mit Schecks und Waffenlieferungen lenkt, stellte Teheran Bündnistreue über Bargeld.
Die drei entscheidenden Zugeständnisse
Was Trump schließlich einräumte, liest sich wie eine Kapitulation vor der Realität:
- Israelischer Rückzug aus dem Libanon — vollständiger Abzug und umfassende Waffenruhe. Ein Punkt, den israelische Minister wie Ben-Gvir und Katz umgehend für null und nichtig erklärten: „Dieses Abkommen gilt nicht für Israel. Wir werden uns nicht zurückziehen, und wir werden die Hisbollah weiter bekämpfen.“
- Sofortige Aufhebung der Blockade der Straße von Hormuz — die amerikanische Seeblockade wird aufgehoben, die Durchfahrt für 60 Tage gebührenfrei. Danach, so der explizite Text, „wird das Management der maritimen Dienstleistungen in der Straße von Hormuz durch Iran und Oman bestimmt“. Iran wird nach Ablauf der 60 Tage Gebühren für Sicherheit, Navigation, Umwelt- und Versicherungsdienste erheben — ein Mautsystem, wie es die Türkei am Bosporus betreibt.
- Aufhebung der Sanktionen auf iranisches Öl — nach 60 Tagen fallen alle US-Sanktionen, die den Verkauf iranischen Öls auf dem internationalen Markt behindern. Ein Zugeständnis von enormer wirtschaftlicher Tragweite.
JD Vance versuchte bereits, die Realität umzudeuten: „Die Straße von Hormuz wird langfristig Maut-frei offen sein.“ Was technisch korrekt ist, wenn man das Wort „Maut“ durch „Dienstleistungsgebühr“ ersetzt.
Das Problem: Israel
Die entscheidende Frage, die Judge Napolitano im Gespräch mit Alastair Crooke stellte, ist die, an der das ganze Konstrukt zerbrechen wird: Kann Trump Netanyahu tatsächlich zurückhalten?
Die Antwort lautet: Nein.
Aus mehreren Gründen. Erstens, Netanyahus Umfragewerte sind von 64 Prozent im März auf 32 Prozent abgestürzt. Er braucht den Krieg im Libanon für sein politisches Überleben. Ein Rückzug, ein Nachgeben gegenüber Trump — das würde ihn die Wahl kosten, ob sie nun bald oder erst im Oktober stattfindet.
Zweitens hat sich in Israel seit dem 7. Oktober eine neue Sicherheitsdoktrin verfestigt: Keine Einschränkungen der militärischen Handlungsfreiheit, nirgendwo im Nahen Osten, präventiv und ohne Vorwarnung. Diese Doktrin wird nicht nur von Netanyahus Lager vertreten, sondern auch von der Opposition. Naftali Bennett, sein wahrscheinlichster Herausforderer, steht für exakt dieselbe Linie.
Drittens, und das ist der tiefere Punkt, hat Israel noch nicht verdaut, dass Amerika den Krieg gegen den Iran verloren hat. Die dreimonatige Militäroperation, die im März 2026 begann, endete nicht mit Regime Change in Teheran. Sie endete mit der Erkenntnis, dass das Projekt der Zerstörung Irans ohne aktive amerikanische Unterstützung nicht durchführbar ist. Und Trump hat sich aus diesem Projekt verabschiedet – so zumindest Crooke. Israel ist allein — und kann es nicht akzeptieren.
Dauerhafter Frieden? Eine Frage von Tagen, nicht Jahren
Die Chancen auf dauerhaften Frieden in der Region, speziell im Libanon, sind praktisch nicht existent. Alastair Crooke, der selbst mehrfach an solchen Deeskalationsversuchen beteiligt war, bringt es auf den Punkt:
„Der einfache Teil ist, den Deeskalationsrahmen zu vereinbaren. Der schwierige Teil ist, ihn intakt zu halten, bevor er von den Parteien auseinandergerissen wird. Und das geschieht normalerweise ziemlich schnell.“
Die Lebenserwartung dieses Abkommens bemisst sich in Tagen, maximal Wochen. Die beiden Flashpoints — Hormuz und Libanon — sind jederzeit bereit, die Situation wieder eskalieren zu lassen. Ein Missverständnis, eine Provokation, ein israelischer Angriff, den Trump nicht kontrollieren kann — und die Raketen fliegen wieder.
Die Iraner selbst glauben nicht an eine lange Haltbarkeit. Sie haben das Abkommen aus zwei Gründen akzeptiert: Erstens, um zu demonstrieren, dass sie verhandlungsbereit sind und eine Entspannung im Energiesektor ermöglichen wollen. Zweitens, um Trump die politische Bühne zu geben, die er braucht — wohlwissend, dass er sie sich selbst mit falschen Darstellungen dekorieren wird.
Das größere Bild: Das Ende einer Ära
Was hier geschieht, geht über den Nahen Osten hinaus. Trump hat seine Prioritäten verschoben. Er braucht einen außenpolitischen Erfolg — innenpolitisch, für sein Narrativ, für sein Vermächtnis. Und er war bereit, dafür Netanyahu fallen zu lassen. Nicht aus Prinzip, sondern aus Kalkül. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Amerika hat die Kontrolle über seinen engsten Verbündeten verloren, und der Verbündete hat die Kontrolle über Amerika verloren.
Die Sanktionen, die bleiben — viele davon sind per Kongressbeschluss festgeschrieben und können ohne den Kongress nicht aufgehoben werden. Die Islamische Republik weiß das. Sie erwartet nicht, dass der US-Kongress plötzlich zum Freund wird. Sie bereitet sich auf beide Szenarien vor: begrenzte Konfrontation oder ernsthafte militärische Eskalation.
Der JCPOA, das ursprüngliche Atomabkommen von 2015, war in vielerlei Hinsicht vorteilhafter für die USA. Aber er war nie nachhaltig, weil das eigentliche Ziel — die Zerstörung Irans als regionaler Macht — nie aufgegeben wurde. Eine Belagerungspolitik, die seit über 40 Jahren läuft, hält man nicht ewig durch. Wie Gaza gezeigt hat: Irgendwann schlägt das unterdrückte Volk zurück, und es wird blutig.
Das Fazit von Alastair Crooke
Das Memorandum of Understanding vom Juni 2026 ist kein Friedensabkommen. Es ist eine Atempause, die Netanyahu unfreiwillig ermöglicht hat, indem er Trump gegen sich aufbrachte. Die strukturellen Widersprüche — Israels Weigerung, sich zurückzuziehen, Trumps Neigung zur Selbsttäuschung, Irans klare rote Linien — garantieren, dass diese Pause kurz sein wird.
Für den Libanon bedeutet das: Die Kämpfe werden weitergehen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen. Aber Netanyahus politisches Überleben hängt daran, und die israelische Sicherheitsdoktrin lässt keinen Raum für eine Hisbollah nördlich der Grenze. Die Bewohner der nordisraelischen Grenzorte sind geflohen, die Städte halb leer — ein Zustand, den keine israelische Regierung dauerhaft akzeptieren kann.
Das Video ist nach der Analyse von Krainer.
Die Einschätzung von Alex Krainer
Krainer beschreibt in einem aktuellen TrendCompass Artikel die 14 Punkt – auch empfehlenswert nachzulesen – und darunter eine ebenso skeptische und realistische Einschätzung der Aussichten auf Frieden wie Crooke:
Sie werden niemals aufgeben
Langfristig fällt es mir jedoch nach wie vor schwer, optimistisch zu sein, was eine mögliche Einigung zwischen den USA und dem Iran angeht. Bei dem Konflikt zwischen beiden Ländern geht es nicht um die Straße von Hormus, um das iranische Atomprogramm, ihre ballistischen Raketen oder um die Rechte von „Frauen und Mädchen“ im Iran. Bei dem Konflikt geht es darum, die politische Kontrolle über den Iran, seine Unabhängigkeit und seinen auf 35 Billionen Dollar geschätzten Reichtum an Bodenschätzen zu erlangen.
Den Iranern wird es niemals gestattet sein, ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten unabhängig zu regeln, ihre eigenen Handelsbedingungen festzulegen oder ihr eigenes Währungssystem zu gestalten. Das westliche Regierungssystem verlangt koloniale Unterwerfung unter westliche Finanzzentren. Stellen Sie sich vor, wie es wirken würde, wenn eine unabhängige Nation plötzlich verlangen würde, für ihren Exporthandel in Gold oder Silber bezahlt zu werden. Was würden andere Nationen mit großen Beständen an Papiergeld denken? Dass sie einfach nach einem anderen Abrechnungsmechanismus fragen können? Das darf nicht zugelassen werden.
Sie können unabhängig denkende Nationen NIEMALS in Ruhe lassen, damit diese ihre Angelegenheiten ungestört regeln können. Sie könnten sich zurückziehen, neu formieren und den Boden für einen weiteren Versuch bereiten, den Iran zu destabilisieren und seine Regierung zu stürzen. Dasselbe gilt für Russland, Weißrussland, Kuba, Bolivien, Burkina Faso, Niger, Mali und jede andere Nation, die dreist genug ist, Souveränität und Unabhängigkeit einzufordern. Präsident Trump möchte vielleicht seine Verluste im Iran begrenzen und seine Aufmerksamkeit auf grünere Weiden richten, wie etwa Kuba.
Dieses Problem geht jedoch über die Trump-Präsidentschaft hinaus; es ist systemisch; mit oder ohne Trump wird das System nicht nachgeben und sich nicht ändern, bis es endgültig besiegt ist, und heute verfügt niemand in den USA über das politische Kapital, um auch nur ansatzweise damit zu beginnen, das System zu besiegen. Selbst mächtige Gegner wie Russland, China und der Iran können es lediglich in die Flucht schlagen. Aber es zu besiegen, ist noch ein langer Weg.
Hier das Video mit Alastair Crook, darunter eine deutsch Übersetzung des Transkriptes:
Transkript: Alastair Crooke bei Judge Andrew Napolitano
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
.) 35 Billionen Dollar geschätzten Reichtum an Bodenschätzen
.) Sie können unabhängig denkende Nationen NIEMALS in Ruhe lassen
.) Das westliche Regierungssystem verlangt koloniale Unterwerfung
Die westlichen Werte $$$ sind zum Kotzen!
Die einzelnen Episoden des Affentheaters, welches die beiden Kriegsverbrecher Trump und Netanjahu aufführen, werden überinterpretiert.