Frankfurter Buchmesse 2022 – linientreu, woke und…friedlich?

29. Oktober 2022von 7,8 Minuten Lesezeit

Das stets mit großen Erwartungen behaftete Spektakel der Frankfurter Buchmesse konnte heuer wieder vollumfänglich seine Tore öffnen. Wie erwartet wurde die Veranstaltung medial gelobt und nur von einigen „verschwörungsnahen Beobachtern“ auch kritisiert.

Von Haltung und allen nur möglichen „drängenden Problemen“ war diesmal viel die Rede. Qualitätsliteratur scheint allerdings zunehmend mit einem Ablaufdatum versehen zu sein. Im Mittelpunkt dieser „Buchmesse“ standen zu einem auffallend großen Teil weniger die Bücher an sich, sondern vermehrt Autoren und „Künstler“, die sich als treue Follower des zeitgeistigen Meinungskartells outen.

Einigermaßen wohltuend macht sich die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2022 an die Französin Annie Ernaux aus. Ihr literarisches Werk ist im Wesentlichen autobiografisch geprägt, häufig thematisierte sie darin ihren Lebensweg vom Arbeiterkind zur Autorin.

Ihre Bücher „Die Jahre“, „Die Scham“ oder „Erinnerung eines Mädchens“ handeln von weiblicher Ohnmacht, Unterwerfung oder nie verheilten Wunden. Teilweise wohl auch von fraulicher Torheit und Naivität. „Annie Ernaux zu lesen ist ein Schock, eine Erfahrung, vor allem ist es wichtig.“ (Zitat „Der Spiegel“). Wichtig scheint es derzeit zu sein, dass alles, was man liest, einen „Schock“ auslöst und natürlich kann man auch über die Bücher dieser Autorin geteilter Meinung sein. „Die Zeit“ jubelte, Annie Ernaux sei „die Königin der neuen autobiographischen Literatur.“ Wer da so sicher ist, hat nie Tove Ditlevsen gelesen…oder auch nur den österreichischen Autor Franz Innerhofer. Ihn nannte man nach seinem Selbstmord 2002 aber bloß noch eine „tragische Existenz“.

Ein Preis für den Frieden?

Dass der „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ heuer nur hoch politisch motiviert sein konnte, war zu erwarten. Der ukrainische Germanist Serhij Zhadan, der angeblich als „prägende Figur der jungen Literaturszene“ wahrgenommen wird, erhielt die Auszeichnung für sein protokollarisches Buch „Himmel über Charkiv“. Einiges, was man darin liest, müsste politisch und gesellschaftlich korrekt eigentlich als Hassrede gelten. Ein ansonsten treu kontrollierender Mob würde aufschreien – nicht so hier – man darf ja kein Putinversteher sein. Wenn aber in diesem Werk „die“ Russen generell als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“ oder „Unrat“ bezeichnet werden oder es heißt: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“,… was sagt uns das über den Zustand der Welt und der Literatur?

Literaten dürfen viele geschmackliche Grenzen ignorieren. Fragwürdig ist aber dennoch, dass Herr Zhadan etwa dem Rest der Welt den Unterschied zwischen „richtigem und falschem“ Pazifismus erklären will. Dass sich verbales Spucken auf den Feind im Sinne „friedlicher Nachhaltigkeit“ auswirkt, darf bezweifelt werden. Ist es sentimental oder moralisierend zu sagen: Auch der ärgste Feind hat ziemlich sicher eine Mutter, die ihn liebt und um sein Leben bangt? Vielleicht sollten sich in diesem Krieg MÜTTER und (Ehe)frauen endlich stärker zu Wort melden.

Und was ist mit den völlig unschuldigen Menschen, zuvorderst den Kindern Russlands? Hat SIE jemand gefragt, ob sie Krieg wollen? Wenn die mentale Entwicklung so weitergeht, wird sogar der Begriff „Frieden“ in Zukunft bloß noch ein hohler Terminus ohne Bedeutung sein, dafür gespickt mit tendenziösen Zuschreibungen und Irritationen.

Ähnlich wie es gerade mit dem Begriff Neutralität passiert. Bemerkenswert ist ja doch, dass die schlimmsten Kriegstreiber meist weder Familie noch Kinder haben, offenbar auch keine Eltern (oder nur solche, die sie verachten?). Und man darf hier ruhig gendern – Frauen sind um nichts besser! Empathie? Fehlanzeige.

Zum Vergleich würde ich an dieser Stelle auf einen Literaturnobelpreis verweisen, den die in Weißrussland lebende Ukrainerin Swetlana Alexijewitsch 2015 erhielt. Schon 2013 war der Journalistin auch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen worden. Ihr dokumentarisches Buch „Zinkjungen – Afghanistan und die Folgen“ arbeitet ebenfalls ein „russisches Problem“ auf. Damals schrieb die Zeit-Journalistin Carmen Eller: „Alexijewitsch zeichnet Alpträume auf. … Sie erinnert daran, dass zur Wahrheit auch Widersprüche gehören.“

„Zinkjungen“ protokolliert schonungslos die Kriegsgräuel, speziell aber das Leid von Frauen und Müttern, die ihre toten Ehemänner und Söhne in verschweißten Zinksärgen aus dem Afghanistan-Krieg zurückbekamen. Auch hier geht es um „die“ Russen, Soldaten nämlich, doch sie werden, ganz gleich ob sie den Krieg nun gut fanden oder nicht, als Menschen wahrgenommen und nicht im Tod noch verhöhnt. Man erhält hier außerdem die Ursachen von Imperialismus, Gehirnwäsche und nationaler Überheblichkeit deutlich vor Augen geführt – von diesen „Krankheiten“ ist wohl niemand frei, auch nicht die Ukraine.

Herrn Zhadan, der seine Opferrolle zum Pflichtheroismus ausweitet, könnte man abseits aller berechtigten Wut ein zeitloses Meisterwerk ans Herz legen: „Trotzdem ja zum Leben sagen“ von Viktor Frankl. Diese Lektüre könnte ein wenig dabei helfen, eigenen Hass und eigene Feindseligkeit zu begrenzen, um Platz für wahre Menschlichkeit zu schaffen, denn sie allein ist die Basis für jeden Neuanfang.

Schauen wir überdies permanent und genau hin, WER offenbar gar keinen Frieden will, es sei denn, man könnte sich selbst als großer, narzisstisch befriedigter Sieger – als „besserer Mensch“ – fühlen. Ich sehe derzeit auf allen Seiten keine andere Motivation als diese. An „nachhaltige“ Folgen für ALLE denken die Eiferer nie – weder Sieger noch Besiegte. Misstrauen und wechselseitiger Hass werden nämlich lange bleiben. Ob es für hunderte, angeblich entführte ukrainische Waisenkinder „besser“ ist, von russischen Familien adoptiert zu werden, als elend und verlassen vor Ort zugrunde zu gehen, wage ich nicht zu beurteilen (Entführung ist natürlich niemals legitim). Aber dass man noch solchen Spaß daran findet, am Heldenplatz der „Leistungsschau“ unseres maroden Heeres samt lächerlicher Tanzeinlage einer Ministerin beizuwohnen, verursacht mir leichte Übelkeit.

Eine Runde auf dem woken Karussell…

Bekannte „Stars“, die sich gern lautstark in Szene setzen, etwa die Autorin und „Person of Colour“ Jasmina Kuhnke oder die klimaaktivistische Greta-Kopie Luisa Neubauer, gaben sich heuer wieder dem Gefühl hin, auf der Buchmesse „nicht sicher genug“ zu sein. Chronische Selbstüberschätzung? Die vermeintliche eigene Wichtigkeit wird in stratosphärische Höhen gehoben. Gehorsamsmedien kritisierten auch die gefahrvolle Präsenz „rechter“ Verlage.

Einen besonderen Vogel scheint aber die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Herrn/Frau (?) Kim de L’Horizon abgeschossen zu haben. Sein „Blutbuch“ glänzt nicht zuletzt durch verbale Entgleisungen samt der Ausbreitung vulgärer Sexualpraktiken und pseudomoralistischer Selbstzerfleischung. Beschrieben wird es u. a. als „eine Lektüre, die an der Körperwahrnehmung und an den eigenen Gewissheiten rüttelt“, dergestalt wird es pressemäßig hofiert. Man muss zweifellos über das passende Mindset verfügen, um so etwas zu mögen.

Buchrückseite:

„Die Erzählfigur in ›Blutbuch‹ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, lebt sie mittlerweile in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl.(…) Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.“

Dass sogar einige, sich selbst als binär wahrnehmende Leser das Machwerk in diversen Kommentaren als verbale Zumutung anprangern, lässt für den geistigen Zustand zumindest eines Teiles der Leserschaft hoffen. Herr Reich-Ranicki rotiert schon im Grab. Man möchte ja niemandem persönlich erfahrenes Leid absprechen. Wenn es aber „literarische“ Folgen dieser Art zeitigt, sollte die Frage erlaubt sein, ob daraus wirklich eine subtile Befried(ig)ung oder doch nur banale Eigen- und Fremdverhöhnung erwächst.

„Schön“ war gestern

Zeiten, in denen man gute Literatur vereinzelt noch als „schön“, geistig erhebend oder gar humoristisch empfinden durfte, scheinen endgültig vorbei. Man erinnere sich nur, welche Proteststürme Peter Handke mit seiner geradezu harmlosen „Publikumsbeschimpfung“ entfachte…das war völlig neu. Mittlerweile wird bereits jede Torheit zwischen Buchdeckeln als revolutionär bejubelt, Verleger reiben sich die Hände über erhoffte Verkäufe (gute Autoren dank magerer Anteile in aller Regel weniger) und die viel beklatschte Diversität bedeutet heute zuvorderst: Auffallen um jeden Preis. Wer jetzt vor dem Spiegel laut und deutlich „Muh“ brüllen kann, gilt nicht etwa als Ochse, sondern mitunter als aufgehender Stern am Literaturhimmel. Soll sein. Es gibt hier eine wirksame Lösung: Ignorieren.

Simpel gesprochen darf man als blutiger Laie aber anmerken: Früher suchte man mit diversen „Problemen“ einen Arzt bzw. Psychiater auf bzw. vertraute seine verbalen Ergüsse dem geheimen Tagebuch an. Heute gewinnt man damit Literaturpreise. Möge daraus jeder sein eigenes (Sitten)bild ableiten.

Der eben erschienene, 500 Seiten starke Klimawälzer in Buchform, natürlich pures „Fakten- und Expertenwissen“, verfasst von Greta Thunberg (wer’s glaubt, wird selig) wird übrigens schon jetzt als Pflichtlektüre für Schulen und absolut jeden Haushalt empfohlen. Eine nächste Nobelpreisträgerin steht wohl schon fest und wer ganz bestimmt nicht hungern und frieren muss, ebenfalls…


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder.

© Dr. Gabriele Feyerer, Juristin, freie Autorin / Journalistin


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6 Kommentare

  1. Taktgefühl 30. Oktober 2022 at 19:08Antworten

    Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei – wer hätte das gedacht? Die Umkehr aller Wert hat schon vor 2700 Jahren im Königreich Israel funktioniert und war der Grund für seinen Untergang. Es hat übrigens auch nur wenige Jahrzehnte gehalten, das tolle Reich König Davids.

    Das sind die Unheilsworte des Propheten Jesaja über das Köngreich Israel:

    „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!
    Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug!
    Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und Krieger in Völlerei;
    die den Gottlosen gerechtsprechen um Geschenke willen und das Recht der Gerechten von ihnen wenden!“

    Praktisch sind alle Textstellen universell und lassen sich genauso auf unsere politischen Verhältnisse anwenden.

    Zum Beispiel:

    „Weh denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum andern bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das Land besitzen!“

  2. baltiMOre ravens 29. Oktober 2022 at 13:19Antworten

    In einem Stadium, in dem „fremder“ Hass nicht nur heuchlerisch bekämpft (und sehr subjektiv definiert) wird, sondern eigener Hass gutgeheissen und moralisiert wird, kann man nicht mehr von kognitiver Dissonanz sprechen, das ist dann schon soziopathische Schizophrenie.

    Und dieses Stadium gibt jedem Recht der meint, Faschismus käme nicht nur „von oben herab auf die Menschen nieder“, sondern werde von den Menschen mitgetragen und verlangt, sogar in vorauseilendem Gehorsam „weiterentwickelt“. Daraus ergibt sich dann jene verhängnisvolle Spirale der Gewalt, wie sie hier auch von vermeintlich Intellektuellen in Schwung gebracht wird.

    Und quasi als psychologischer Beweis (Projektion) werden diejenigen, die diesen Mechanismus beschreiben und mahnen „wehret den Anfängen“, ins rechte Eck gestellt und delegitimiert („Volksverräter“ – man bedient sich dabei sogar noch rechtem Sprachgebrauch, was allzu logisch ist, da man die kognitive Dissonanz ja bereits „hinter sich gelassen“ hat…;)))).

    Aber trotz der hämischen Smileys ist das zum Heulen. Mit Kunst und vor allem Kultur hat das nichts mehr gemein, auch nicht mit Intellekt, es ist das genaue Gegenteil. Es ist zur Schau gestellte, unzivilisierte Dummheit.

  3. I.B. 29. Oktober 2022 at 10:46Antworten

    „Wenn aber in diesem Werk „die“ Russen generell als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“ oder „Unrat“ bezeichnet werden oder es heißt: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“,… was sagt uns das über den Zustand der Welt und der Literatur?„

    Dazu aus einer Satire von „Frieden und Wohlstand waren schreckliche Irrtümer“
    „Zum Glück haben wir eine Bundesregierung, die jetzt wichtige Zeichen setzt: Der Kampf für Kriegsbeteiligung und Verarmung muss jetzt endlich wieder Priorität haben. Sonst wird Wasser auf die Mühlen Putins geleitet. Wir haben unsere Werte, wir können uns nicht einfach wegducken.“ (Tobias Riegel)
    Quelle : Nach Denk Seiten vom 27. Oktober

    • Fritz Madersbacher 29. Oktober 2022 at 14:03Antworten

      @I.B.
      29. Oktober 2022 at 10:46
      „Wenn aber in diesem Werk „die“ Russen generell als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“ oder „Unrat“ bezeichnet werden oder es heißt: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“,… was sagt uns das über den Zustand der Welt und der Literatur?“
      Es sagt uns jedenfalls sehr viel über jene Barbaren, die den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ verleihen und sich in ihrer Primitivität und Abartigkeit wahrscheinlich selbst als Leuchtturm des Weltgeistes empfinden – nur mehr abstoßend, diese faschistisch gebürstete Meute im Dienste einer imperialistischen Kollaborateursklasse …

  4. Andreas I. 29. Oktober 2022 at 10:06Antworten

    Hallo,
    seitdem das letzte Mal deutsche Intellektülle es toleriert oder sogar dabei mitgemacht hatten, dass ein Feindbild von den bööösen Russen konstruiert wurde, seitdem hat es einen Beigeschmack Bücher zu verbrennen, selbst wenn die Bücher wegen absoluter Sinnfreiheit wirklich zu entsorgen sind.
    Bücher zu verbrennen ist faschistisch, das hat sich so eingegraben, man fühlt sich nicht gut, das macht man nicht.
    Aber es gibt Leute die applaudieren, wenn (wieder) gegen Russen gehetzt wird, das macht man (wieder) so und fühlt sich gut dabei.
    Tja – was will man bei solchem Niveau noch erwarten?!

  5. Slobodan Covjek 29. Oktober 2022 at 8:53Antworten

    Wie armselig oder auch nicht vorhanden war das Auftreten der ach so kritischen Literaten in der Corona-Krise und im Ukrainekrieg. Diese Leute, die voll auf Pharma- und Nato-Linie sind, haben jede Glaubwürdigkeit verloren.
    Man kann ja wirklich wieder einmal Innerhofer, ein Opfer der Cancel-Culture als es diesen Ausdruck noch gar nicht gab, lesen. Als er begann, den Kulturbetrieb der sich für etwas Besseres Haltenden zu kritisieren, war ganz schnell Schluss mit lustig.

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