Lügen für Afrika: Exzentrischer Eurozentrismus

Die europäische Impfdebatte entfesselt einen Eurozentrismus alter Tage. Die Panikpropaganda des Westens dürfte in Afrika weitgehend gescheitert sein.

Von Gastautor Waldo Holz

Dieser Artikel erschien zuerst in „MagMa – Magazin der Masse“ (netzwerk-linker-widerstand.ru) und erscheint mit freundlicher Genehmigung nun auf tkp.at.

„Zu wenig Impfstoff, zu wenig Impfstoff, Afrika, der ganze globale Süden hat zu wenig Impfstoff“, ähnliche Schlagzeilen oder Kommentare konnte man in den letzten Monaten gar nicht überlesen. Ob rechter Boulevard oder linksliberale Presse, die neoliberale Medienwelt ist sich gänzlich einig: Die Impfquoten in Afrika seien deshalb noch niedrig, weil die Länder dort keinen Impfstoff hätten. Diese Ansicht strotzt vor Eurozentrismus und kommt noch dazu gerne von jenen Links-(Neo)liberalen, die seit Jahrzehnten die Seminare zu Eurozentrismus auf den Universitäten besetzen.

„Alles gleich beschissen wie immer“

„I am so happy that I was deported in time”, sagte ein Nigerianer kürzlich zu seiner Wiener Freundin, die mit MagMa gesprochen hat. 16 Jahre lebte er in Wien, bis er tief in der Nacht im April 2020 abgeschoben wurden. Zuletzt habe er sie wieder einmal aus Lagos angerufen, er saß gerade beim gesellschaftlichen Fußballschauen. Was kein Thema in Lagos ist? Impfung, Maske, Corona, „alles gleich beschissen wie immer“. Aber wenn man so höre, welcher Wahn in Europa und Wien um sich gegriffen habe: „I am so happy that i was deported in time“.

Ein anderer Österreicher, der in den Slums von Accra im Alleingang in den letzten 10 Jahren eine Schule aufgebaut hat, war im April und Mai zuletzt in Ghana. Er schildert MagMa das Meinungsbild auf den Straßen von Accra: „Der Großteil der Bevölkerung ist jung und der Alltag ist meistens in der frischen Luft. Die gebildeten Afrikaner wissen, dass eine Impfung für die generelle Bevölkerung nicht notwendig ist.“ So einfach ist das.

Im Juli erschien ein Artikel in der staatlich subventionierten Tageszeitung „Ghanaian Times“ mit dem Titel „Transhumanism: Dark Secrets you need to know“. Darin wird etwa die Impfforschung, finanziert von der Bill & Melinda Gates Stiftung in Afrika und ihre dramatischen Folgen oder auch der Zugriff auf Daten thematisiert. Schlusssatz: „The sole purpose of creating a vaccine is permanent control over our lives.Sätze und Inhalte, die man in europäischen Leitmedien nie so lesen wird. Ghana konnte laut „Johns Hopkins University“ seine Impfquote seit Mai aber immerhin verdoppeln, man hält nun bei 2,6 Prozent.

Afrika hat andere Probleme

Uganda erhielt im Frühjahr 900.000 Astra-Dosen. Nach 240.000 Stichen kam die Kampagne aber zum Erliegen. Ähnliches geschah in Malawi. In Sierra Leone ergatterte die Regierung knapp 100.000 Dosen, ein Drittel kam bis zum Ablaufdatum in keine Oberarme. „Die Menschen fürchten, dass sie Teil eines öffentlichen Experiments werden“, kommentierte der Gesundheitsminister von Sierra Leona damals. Vielleicht haben sie da ja gar nicht so unrecht…

In Uganda waren Ende Oktober 0,8 Prozent der Bevölkerung geimpft. Und dabei schrieb die „Welt“ Ende Juni gar: „Delta-Variante überrollt Afrika“. Der „Stern“ war sich nicht zu dumm, Ende September zu schreiben: Eine Corona-Impfung in Uganda bleibe ein Privileg. Ein Eurozentrismus beherrscht die Debatte: Die europäische Medienwelt will es nicht glauben: Doch Afrika mangelt es nicht an Impfstoff. Der „Spiegel“ schrieb kürzlich dann vom „Wunder“ in Afrika. Niedrige Impfquote, aber keine Apokalypse, trotz „Delta“. Das transatlantische Leitmagazin steht vor einem Rätsel.

Die Menschen, sowohl nördlich als auch südlich der Sahara haben ganz andere Probleme: Die totalitäre und verheerende Schließungspolitik des Westens traf vor allem den globalen Süden, die kapitalistischen Peripherien. Bis 2020 sollen – nach UN-Schätzungen – weltweit 400 Millionen Menschen gehungert haben, jetzt sind es über 800 Millionen. Über 40 Millionen Menschen werden, meist Kinder, in diesem Jahr verhungern. Der gebildete, liberale Europäer, der an der Uni Seminare zu Eurozentrismus besucht hatte, glaubt währenddessen: Das Einzige, was den Menschen auf der ganzen Welt interessieren würde, wäre die Impfung. Auch die hungernden Kinder.

Es ist ein exzentrischer Eurozentrismus, der gerade jene befallen hat, die zuletzt alle universalistischen Ansprüche aufgrund von „Eurozentrismus“ aufzulösen versucht hatten. Sie predigen nun einen neuen Universalismus: Corona wäre das größte Problem, die einzige Lösung die Impfung. Stimmen aus dem globalen Süden, die nicht ins Narrativ passen, werden ignoriert.



Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

Waldo Holz ist ein Pseudonym, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.



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15 Kommentare zu „Lügen für Afrika: Exzentrischer Eurozentrismus

  1. Man hätte gern etwas vor der Kamera mit „Guckt nach Afrika, dort ist es so schlimm.“

    Es bliebe die Frage, wer besser mit dem einen Leben umginge.

    Mich überzeugt das Argument „unter freiem Himmel an der frischen Luft“.

    Die kapitalistische These müsse aufrecht erhalten werden, dass unser Einigeln in geschlossenen Gesellschaften des Betons uns tatsächlich nur allergischer machte.

    Mir ist in den „Höhlen“ und Einkaufswagen zu viel drin, was in der Natur keinen Platz hätte.

    Unserem technischen Fortschritt auf dem digitalen 3D-„Reissbrett“ fehlen einige zu bedenkende Dimensionen.

    Da bauen wir Umluft- und Abluftsysteme ein, und vergessen dabei Oberflächen, Kanten und Ecken, an denen etwas sehr sehr lange hängen bliebe. Wobei das Hängengebliebene ständig mit konstant hohen Temperaturen und konstanten Konsistenzen beseelt würde.

    Wo geht die Um- und Abluft hin?

    Wir stehen damit nicht nur in digitalen Wolken (clouds)! Manchmal drückt das Wetter etwas nach unten.

    Also immer tief ein- und durchatmen und das Ausatmen vergessen!?

    Wir hätten bei der technischen suboptimalen Simulation der Natur als humane Variabilität recht viel Nachholebedarf.

    Reinigungszyklen scheitern am Fachkräftemangel der „Betriebswirtschaftsleere“. Wir kennen alle die zynischen Antworten auf unsere Ideen mit „Es ist zu teuer.“

    The nature one machte unser technisch fortgeschrittenes Leben gerade richtig teurer. Wir haben dazu nur den flapsigen Begriff der Inflation übrig.

    Wie ich gestern sah, könnte man auch noch mit 105 Jahren 100-Meter-Läufe unter freiem Himmel absolvieren.

  2. Schön zu sehen auf der Grafik von Corona- in-zahlen-de.
    Der Kontinent, der am meisten impft ist tief rot eingefärbt + Israel. Hat also die höchsten Infektionszahlen. Afrika und Indien hingegen sind grün. Und das nicht erst seit gestern.
    Ein Blick auf diese Grafik müsste eigentlich genügen um ins Grübeln zu kommen….
    https://www.corona-in-zahlen.de/weltweit/

  3. „Die Menschen fürchten, dass sie Teil eines öffentlichen Experiments werden“. — Die Menschen fürchten vor allem, von den Impfungen unfruchtbar zu werden. Das war schon Anfang des Jahres zu lesen. Afrikaner brauchen keine Impfung, es handelt sich um eine junge, gesunde Population. Anders als im wohlstandsverseuchten Westen, allen voran die fettleibigen US-Amerikaner, die folgerichtig auch die meisten Opfer zu beklagen haben.

  4. vor ein paar Monaten mit jemand aus dem Kongo gesprochen.
    Er erzählte das im Landesinneren kein Problem mit Corona gibt. Kommt auch kaum jemand.
    Anders in der 11 mio Haupstadt kinshasa. Da wohnen auch reiche Leute die verrreisen, und dann wohl
    was mitschleppen können.

    Andererseits denke ich mir. In Kinshasa wird es auch riesige Slums geben.
    Massen von Corona-Ausbrüchen scheint es aber nicht gegeben zu haben.

  5. An eine globale Impfung denkt keine Regierung und sind im eigenen Reich beschäftigt mit Massenimpfung und Wirtschaft ankurbeln sodass es nur zu lauter Fehler kommt. Es nützt nichts im eigenen Land zu Impfen, wenn Weltweit vergessen wird. So kann man keine Pandemie besiegen.Ganz zu schweigen vom schwachen Impfstoff der in vielen Armen landet. Die Politiker haben andere Probleme die sie nicht in ihrem Hirn reinbekommen die wir bereits kennen und miterleben.

  6. Ich war oft in Afrika. Habe dort intelligentere Leute kennen gelernt als jemals in Europa. Die trauen der Impfindustrie weitgehend nicht. Europäische NGO’s machen derweil fleissig Werbung um im Interesse der Pharma-Superreichen Afrika ein weiteres Mal, diesmal „medizinisch“ zu kolonialisieren. Vor allem, aber nicht nur Amnesty International wandelt sich plötzlich von der Organisation, die politisch Verfolgten half, zu einer Organisation, denen das weltweite Impfen oberste Priorität ist seit 2020. Ich habe mich daher von Amnesty abgemeldet, da mein Protest nichts gebracht hat. Hoffe, Afrika bleibt weiter impffrei. Meine Freunde dort jedenfalls glauben den Impf-Werbestrategen gar nichts. Europa kann von denen lernen, v. a. Österreich.

    1. Wenn man das Beispiel Afrika oder Indien bringt, wird mir oft entgegengebracht, dass die tiefen Zahlen an den wenigen Tests liegt und die Toten fehlen, weil das Durchschnittsalter in Afrika viel jünger ist. Weiss da jemand was dazu?

  7. eine Sache zu Israel , die ich mich gefragt habe.
    Könnte ein Effekt sein, dass Israel ein reiches Land ist, und wenn es heiß ist, viele Menschen in Häusern mit Klimaanlagen sind, im Gegensatz zu den Nachbarländern?

    Könnte mir vorstellen dass Klimaanlagen coronafördernd sind.

  8. Afrikaner haben bereits in der Vergangenheit wertvolle Erfahrungen gesammelt. Durch auf ihrem Rücken ausgetragene Impfkampagnen mit experimentellen bzw. kriminellen, weil bewusst tötenden oder unfuchtbar machenden Impfstoffen. Sie haben uns diese Erfahrungen mit gesundheitsgefährdenden bzw. -zerstörenden medizinischen Behandlungen voraus. Diese müssen wir erst durchlaufen. Sie haben bereits vor Corona bezahlt, aber eben aufgrund des bezahlten Lehrgeldes gelernt, d.h. ihr Denken auf eigene Füße gestellt. Ihre Erfahrung erweist sich in der Corona-Pandemie als Goldschatz.

    Die „erste Welt“ ist zu stolz und zu hochmütig, aus den leidvollen Erfahrungen von Afrikanern zu lernen. Wir sind immer noch eingenebelt im religiösen Glauben an unsere nur Gutes wollenden Nanny-Regierungen, an Impfstoffe als „Königswege“ und an die uneingeschränkt positiv ausgerichtete Gesundheitspolitik unserer Regierungen.

  9. vielen dank! das mit eurozentrismus bzw. neokolonialismus bzw. teils eigentlich bereits rassismus (nach dem motto „wir müssen ganz afrika durchimpfen, weil nur WIR wissen, was das beste für die dort unten ist“) geht auch mir schon seit monaten durch den kopf. dieses denken erinnert irgendwie an alte kolonialzeiten.

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