Luiz Inácio Lula da Silva hat die Stichwahl in Brasilien gewonnen. Mit rund 51,8 Prozent gegen 48,2 Prozent für Flávio Bolsonaro, den Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, sichert sich der 80-Jährige eine historische vierte Amtszeit.
Der Vorsprung beträgt etwa 4,4 Millionen Stimmen. Es ist das erste Mal seit der Rückkehr zur Demokratie 1989, dass ein Kandidat nach einer Niederlage im ersten Wahlgang die Stichwahl noch dreht. Doch der Jubel der Lula-Anhänger und der internationalen Presse übertönt die Umstände, unter denen dieser Sieg zustande kam. Minuten vor dem geplanten Ende der Abstimmung ordnete der Richter am Obersten Gerichtshof, Cristiano Zanin, eine bundesweite Verlängerung um zwei Stunden an. Begründet wurde das mit Problemen im öffentlichen Nahverkehr und Regen. Zanin war zuvor Lulas persönlicher Strafverteidiger im Lava-Jato-Korruptionsskandal und wurde von Lula selbst an den Gerichtshof berufen.
Genau dieser Richter griff in den laufenden Wahlprozess ein. Einige Wahllokale hatten bereits geschlossen, Maschinen waren abgeschaltet und konnten nicht mehr gestartet werden. Die Auszählung wurde pausiert. Als sie wieder aufgenommen wurde, lag angeblich Bolsonaro kurz vorne – bevor sich das Bild drehte.
Wahlrechtsexperten sprechen von einer beispiellosen Situation und halten eine Annullierung der Wahl für möglich, falls sich herausstellt, dass die Verlängerung systematisch in Lula-Hochburgen stärker wirkte.
Beide Lager hatten um mehr Zeit gebeten. Doch der Zeitpunkt und die Person des Richters nähren den Verdacht, dass hier nicht nur organisatorische Probleme behoben wurden. Vor der Verlängerung lag Flávio Bolsonaro bei den Wettmärkten bei rund 80 Prozent Gewinnwahrscheinlichkeit. Danach brach der „Bolsonaro-Trade“ zusammen. Analysten warnten vor Circuit Breakern an der Börse, einem starken Anstieg der Zinsen und einem Absturz des Real.
Flávio Bolsonaro erkennt das Ergebnis nicht an und verlangt die Annullierung der Stichwahl. Er spricht von einer illegalen Regeländerung mitten im Wahlgang durch einen Richter, der eng mit dem Gegner verbunden ist. Die Reaktion erinnert an die Haltung seines Vaters nach der Niederlage 2022 – nur dass die Margen diesmal größer sind und die institutionellen Mehrheiten anders liegen.
Die internationalen Medien feiern den „historischen Comeback“ und den „Sieg der Demokratie“. Erfreut zeigte sich auch Alexander Soros.
Brasilien bleibt tief gespalten. Lula regiert künftig mit einem Kongress, in dem die gegnerische Parteien stark vertreten ist. Der Marktschock zeigt, dass Investoren und große Teile der Bevölkerung den Kurswechsel mit Sorge sehen. Ob die Verlängerung den Ausschlag gegeben hat, wird juristisch geprüft werden müssen.
In einer früheren Analyse hat TKP darauf hingewiesen, dass zwischen den beiden Kandidaten keine grundlegenden Unterschiede bestehen. Ein Sieg Flávios hätte vorübergehend wie bei Argentinien eine engere Anbindung an die USA und Israel bedeuten, ein Lula-Sieg eine stärkere Orientierung an Europa und die US-Demokraten – solange die jeweiligen Partner an der Macht sind. Eine substanzielle Neuausrichtung Richtung BRICS und echte Autonomie sei von keinem der beiden Kandidaten zu erwarten. Die eigentliche Auseinandersetzung finde im Innern statt: um Institutionen, Justizmacht und die Tragfähigkeit des politischen Systems der Sechsten Republik.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Brasilien nach dem ersten Wahlgang: keine echte Alternative
2 Kommentare
Entweder ein Typ, der schon mal eine Klima-Weltregierung forderte (TKP berichtete) oder einer, der einer USrael/Trump-Weltregierung huldigen würde. Richtig gute Alternative gab es nicht, aber die hatten auch die Amis vor zwei Jahren ebensowenig.
Und solche Situationen sind brandgefährlich!
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.