Auf dem jüngsten Omniwar-Symposium wurde analysiert und beklagt, wie sich der digital-finanzielle Komplex sich des akademischen Lebens bemächtigte. Die treffende Zustandsbeschreibung übersieht allerdings, dass Fakten in der abendländischen Wissenschaft selten einen Stellenwert hatten. Die aktuelle Übernahme der Universitäten ist nur eine der stetigen Kehrtwenden zurück zu den Anfängen.
Universitätskollegien sind bis heute erkennbar eine Fortschreibung von Klöstern. In Oxford und Cambridge umsäumen die Gebäude einen großen Innenhof („Tom Quad“) und heißen „Christ Church“, „St. Johns“ oder „Trinity“. Die Studieninternate übernahmen mit ihren Anfängen im 12. Jahrhundert die Normierung des Alltags mit festen Studienplänen, Essenszeiten und Einheitsbekleidung von den Mönchsorden. Es waren anfänglich die Dominikaner und Franziskaner, die über die Miet- und Preispolitik sowie ein weitreichendes Pfründenwesen den Lehrbetrieb an den Universitätsorten steuerten.
Obwohl der Begriff „Universität“ im Jahr 1221 erstmals von der Gemeinschaft der Pariser Magister gebraucht worden sein soll, liegen die Anfänge der ersten Universitäten im Dämmerlicht. Für die drei ältesten europäischen Universitäten in Bologna, Paris und Oxford gibt es weder Gründungsdokumente, noch gesicherte Entstehungsdaten. Wer eine Universität einrichten wollte, musste eine Bittschrift an den Papst richten. Insgesamt entstanden zwischen Anfang des 13. Jahrhunderts und dem Ende des 15. Jahrhunderts in Europa 75 Universitäten. Die letzte päpstliche Errichtungsbulle wurde in Deutschland der Universität Münster/Westfalen 1773 ausgestellt.
Der Kirchenkonzern prüfte Lehrinhalte und Lehrbücher auf nicht-christliche Elemente und zensierte alle Wissenschaften. Die Lehrinhalte beschränkten sich zunächst auf lateinische Sprachstudien und Bibelauslegung. Von einer breit gefächerten Geistestätigkeit konnte keine Rede sein. In der Scholastik drehte sich das akademische Denken um Gottesbeweise und eine Ablösung des Naturrechts durch ein von der Herrschaft gesetztes Recht, das Besitz und Verfügungsgewalt von Kirchenkonzern und Adel legitimierte.
Seither bestimmten Dogmen die universitären Inhalte. Ergebnisoffene Analysen, Experimente und Logik waren wenig gefragt. Naturwissenschaften wurden erst allmählich ab dem 17. Jahrhundert Teil des Fächerkanons. Im „Humanismus“ änderten sich nur die Lehrinhalte mit zunehmender fachwissenschaftlicher Differenzierung. Strukturelle Reformen blieben aus. Mittelalterliche Lehr- und Unterrichtsformen bestanden fort. Latein blieb noch das ganze 19. Jahrhundert die Gelehrtensprache. Die Festlegung der Geschichtsepochen mit ihren Helden und Bösewichten, Genies und Versagern nahmen Universitätsprofessoren gemäß der Weltsicht des Kirchenkonzerns vor. Deren Talare blieben bis in die 1960er sichtbares Zeichen, wer immer noch das Zepter für die Geistesinhalte führte.
Ganz im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung konnten sich selbst die Naturwissenschaften nie völlig aus dem kirchlichen Korsett befreien. Die Theorie der Weltentstehung durch einen Urknall geht auf eine Publikation des belgischen Jesuiten George Lemaitre aus dem Jahr 1927 zurück. Die kirchlich lange bekämpfte Evolutionstheorie von Alfred Russell Wallace und Charles Darwin wurde vom Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin zur gleichen Zeit in die christliche Heilslehre eingepasst. Teilhard schreckte dabei nicht davor zurück, einen gefälschten Skelettfund (sogenannter Piltdown-Mensch) als Missing Link zwischen Affen und Menschen in die Wissenschaft einzuführen. (Gould SJ: Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt: Essays zur Naturgeschichte. S. 207; Suhrkamp; 1991)
Fazit
Selbst wenn Talare heute nur noch in wenigen Teilen der Welt zur Berufskleidung von Professoren gehören, hat sich an der propagandistischen Funktion von Lehrstühlen nichts geändert. Für wissenschaftliche Lorbeeren und finanzielle Zuwendungen liefern Fakultäten weltweit alles, was die Mächtigen wünschen. Von einer Klimaerwärmung über Killerviren bis hin zur genetischen Zerstörung unserer Biologie. In akademischen Kreisen hat man sich nicht einmal von der Fiktion verabschiedet, dass fantasierte griechisch-römische Philosophenschulen die Vorläufer der Universitäten gewesen wären.
Die inzwischen in nahezu allen Themenfeldern der Evidenz und Logik entgegen gerichteten akademischen Aktivitäten sind also eine Rückkehr zur eigentlichen Bestimmung der Universitäten als Kaderschmiede von Wasserträgern der Mächtigen. Gehorsam hatte immer Vorrang vor Geist. Angepasstes Denken befördert die Karriere; Querdenken führt ins Abseits. Das ist die wahre Natur des europäischen Geisteslebens über weite Strecken geblieben. Jetzt werden wieder einmal die Nischen der Geistesfreiheit geschlossen.
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Bild: : Freie Universität Berlin (FU Berlin): Ausstellung im Henry-Ford-Bau – Vitrine mit Talaren (die Farbgebung entspricht der Zuordnung zu den einzelnen Fakultäten).
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder.
Dr. med. habil. Gerd Reuther ist Arzt, Medizinaufklärer und Historiker. Dr. phil. Renate Reuther ist Historikerin. Gemeinsam haben sie 5 Bücher zur Korrektur der Geschichte veröffentlicht.
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8 Kommentare
Diese Darstellung halte ich für sehr einseitig und verfälschend. Die mittelalterlichen Klöster und die Kirche haben immer die Wissenschaft auch gestützt und gefördert und hielten insb die griechische Philosophie in großer Achtung und nannten Aristoteles einfach nur den „Philosophen“. Daher kommt auch der Spruch „Wir sind Zwerge auf den Schultern von Giganten“. 1310 findet der Dominikaner-Mönch Dietrich von Freiberg die richtige Erklärung für den Regenbogen. Galilei war befreundet mit Kardinälen und wurde von ihnen hoch gelobt. Giordano Bruno war selbst ein Dominikaner-Mönch.
Weiter gab es eine intensive intellektuelle Debatte, die sich notwendigerweise aus den verschiedenen historischen Entwicklungen und Herausforderungen ergibt, (Handel, Islam, Judentum, Entwicklung neuer Techniken, Städtewerdung, Übersetzungen der griechischen Texte etc.). Ich empfehle zB Kurt Flasch, „Philosophie im Mittelalter“ (Reclam), der obiges sehr gut aufgezeigt hat . Siehe auch Jacques Le Goff Intellektuellen im Mittelalter (Klett-Cotta, 1986). Auch die „mystischen“ Franziskaner hatten die Wissenschaft explizit gefördert, mit dem Argument, dass sie es ermöglicht, das Werk Gottes zu studieren.
Die Universitäten dienten sicher der Ausbildung von Beamten und Juristen der Zentralgewalt, zB Salamanca, als Kastilien und Léon durch die Reconquista die Zentralgewalt stärken mussten. Legitimität kam von der Kirche, die ja die Schulbildung kontrollierte, aber auch durch den Rückgriff auf Autoritäten, denen sich der Papst beugen musste. Der Sanctus des Papstes führte zu einer „universiellen“ Anerkennung, so dass Absolventen an anderen Hochschulen lehren konnten. Maria Theresia nutzte später die Zentralgewalt, um den Adel zu entmachten, und entzog mit der Schulpflicht dem Klerus das Bildungsmonopol und ersetzte religiöse Mythen durch Volkskultur. Machtangelegenheiten sind komplex! Was mich immer schockiert, ist, wenn die Ergebnisse strategischer Machtüberlegungen zur Identität werden: Wir sind eben so! Dass oft in der Naturwissenschaft Fakten keine Rolle spielen, ist richtig! Allerdings ist nicht alles Machtkalkül, sondern vieles schlicht Unvermögen. Wenn wie jetzt Studien zeigen für eine Verhinderung eines „schweren Verlaufs“ fast 300 schwere Behinderungen und zwei Tote in Kauf genommen werden, dann handelt es sich allerdings um die Herrschaft des Unrechts!
Sorry, aber dazu passt mein Artikel über Devotionalethik. … https://mitschka.blogspot.com/p/gekaufte-ethik-25112021.html
Die Innenhöfe englischer Universtitätskollegien heißen allgemein „court“, – „Tom Quad“ ist der spezielle Name des Hofes von „Christ Church“. Nur zur Info. Und dass die antiken Philosophenschulen „fantasiert“ seien, halte ich, nach wie vor, für eine bestenfalls gewagte These. Und ja: Ich habe ihre Bücher gelesen, wertes Ehepaar Reuther! 😊
Perfekt – danke. Schöln das es andere auch merken.
Man nennt das den „Irrtum des Irrtumkorrigierens“, der angeblich halt sein muss, wenn man „forscht“.
Der Westen war eigentlich in diesem Sinne schon in den 1980ern am Ende. Aber da durften die „Querdenker“ wenigstens noch den Mund aufmachen, ohne sofort verfolgt zu werden. Die Zeit, wo man „geheime“ Listen der homöopathischen Ärzte und Naturheiler noch unter dem Ladentisch in Apotheken und Reformhäusern bekam. Aber man durfte sie wenigstens kennen…eine kurze Zeit lang dann der „Aufschwung“ der Naturheilkunde, bis das Internet alles zerlegt hat – mit keinem guten Ende, wie wir sehen. Die meisten Ärzte hatten auch noch Ehre und Gewissen. Heute muss man solche bald mit der Lupe suchen.
@„Angepasstes Denken befördert die Karriere; Querdenken führt ins Abseits. Das ist die wahre Natur des europäischen Geisteslebens über weite Strecken geblieben.“
Die Ungeschnittenen brachten gestern ein Interview mit Dugin, der grundsätzliche Fehler im westlichen System sieht. Er sprach vor allem über „liberale“ Demokratie mit strikt vorgefilterten Kandidaten, doch die „Die Wissenschaft (TM)“ mit vorgefilterten Erkenntnissen gehört wohl auch dazu.
Ansonsten hat das lange Interview in sich – schonungsloses Bild des totalitären wahnsinnig gewordenen Westens aus nichtwestlicher Perspektive.
Übrigens – der Ami Paul Craig Roberts zitiert zuletzt öfter Dugin und stimmt vielen Ansichten zu. Auch er sieht den Westen am Ende – damit gibt es hier bald eine andere Zivilisation mit anderer Wissenschaft.
Lässt sich bereits am Wording festmachen: „unsere Demokratie“, „unsere Wissenschaft“, „unsere Justiz“. Da spürt man gleich, dass es sich um eine ungesunde Variante handelt!
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